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«Wir sollten das wahre Leben nicht auf später verschieben»

Mathias Morgenthaler am Samstag den 30. Juli 2016
Manfred Schneeberger, Mediator, Bewegungstrainer und ü60-Model.

Manfred Schneeberger, Mediator, Bewegungstrainer und ü60-Model.

40 Jahre lang arbeitete Manfred Schneeberger hauptsächlich in der Finanzbranche. Dann schlief der Kantonalbank-Filialleiter am Montag nach den Ferien über einem Dossier ein. Höchste Zeit für den damals 56-Jährigen, die Bankenwelt zu verlassen und sich auf die Suche nach seiner Berufung zu machen. Heute, vier Jahre später, ist Schneeberger als Mediator, Bewegungstrainer und Model tätig.

Interview: Mathias Morgenthaler

Herr Schneeberger, Sie haben kürzlich Ihren 60. Geburtstag gefeiert. Setzen Sie sich gedanklich schon mit der Pensionierung auseinander?

MANFRED SCHNEEBERGER: Für mich wird es keine Pensionierung geben – solange ich gesund bin, werde ich weiter arbeiten. Nichts liegt mir im Moment ferner als der Ruhestand, denn ich bin gerade so richtig am Durchstarten. Wenn ich meine Alterskollegen höre, welche die Pensionierung herbeisehnen und hoffen, dann beginne für sie endlich das richtige Leben, befremdet mich das. Ich glaube, wir sollten nicht das wahre Leben auf später verschieben, sondern alles daran setzen, unsere Berufung zu finden. Wenn wir einer Tätigkeit nachgehen, die nährend ist statt erschöpfend, fällt diese künstliche Trennung zwischen Arbeit und Freizeit weg. Dann sind wir dankbar, uns im Element zu fühlen und etwas bewegen zu können.

Wie haben Sie zu Ihrer Berufung gefunden?

Ich habe 40 Lehr- und Wanderjahre gebraucht, um die Essenz zu erkennen. Als Kind stand für mich Sport an erster Stelle, ich war ein talentierter Radfahrer, aber damals war es noch nicht üblich, ganz auf die Karte Sport zu setzen. Der Chef meines Vaters sagte, der Bub solle doch eine KV-Lehre machen, also startete ich beim damaligen Bankverein meine Berufslaufbahn. Meine Passion blieb das Radfahren, bis mein Lehrlingschef kategorisch entschied: entweder das Velo oder die Bank! So stieg ich bei der Bank auf, aber während diesen 18 ersten Berufsjahren beschlichen mich immer wieder Zweifel, weil ich den Eindruck hatte, dass wir oft stärker im Interesse der Bank als im Interesse der Kunden handelten. Zudem mochte ich die selbstherrliche, arrogante Art vieler Arbeitskollegen nicht.

Wie haben Sie auf die Zweifel reagiert?

Zunächst war erneut der Sport mein Ventil. Ich intensivierte mein Krafttraining, begann schliesslich mit Bodybuilding. Während ich mich im Business verbiegen musste, konnte ich im Sport akribisch mein Körpergefühl schulen und mich verbessern. Eines Tages war ich so weit, dass ich den Job kündigte und vollkommen naiv ein Fitnessstudio übernahm. Als dessen Geschäftsführer war ich jung, dynamisch und erfolglos. Ich bezahlte viel Lehrgeld, versuchte, den Betrieb zu reorganisieren, hatte aber nicht genügend finanzielle Mittel. Also beteiligte ich zwei Partner und arbeitete 70 bis 80 Stunden pro Woche. Dank diesem Effort überlebte das Fitnessstudio, aber meine Ehe ging in die Brüche und ich stand vor einem Scherbenhaufen. In dieser Krisensituation sprach mich jemand vom deutschen Finanzdienstleister AWD an und überzeugte mich, für AWD als Finanzplaner zu arbeiten.

War das ein Fortschritt – von der Bank via Fitnessclub zu AWD?

Ich lernte bei AWD eine Menge über Allfinanzdienstleistungen, aber bald kam es mir suspekt vor, dass ich immer die besten Resultate erzielte, aber dennoch fast nichts verdiente. Ich arbeitete danach ein Jahr lang in einer Behinderten-Wohngemeinschaft – eine Erfahrung fürs Leben, die mir geholfen hat, Berührungsängste und Vorurteile über Bord zu werfen und menschlich zu reifen. Danach gründete ich guter Dinge mit 3 Partnern eine Finanzplanungsfirma. Nach kurzer Zeit erkrankte eine Geschäftspartnerin an Magenkrebs, ein anderer Geschäftspartner an einem Hirntumor, und ich stellte mir die Grundsatzfrage, was ich im Alter von 50 Jahren noch anpacken wollte, was mir wirklich wichtig war. So ganz frei war ich allerdings nicht bei der Suche nach Antworten, denn die Existenzangst sass mir im Nacken. Ich musste infolge der schwierigen Scheidung Alimente bezahlen und suchte deshalb einen Job, der mir ein sicheres Überleben garantierte.

Klingt nach einem Job bei einer Bank.

Genau. Ich trat eine Stelle bei der Luzerner Kantonalbank an, mit neuem Elan und Lust auf Karriere. So wurde ich nach einigen Jahren Filialleiter der Schwyzer Kantonalbank, war finanziell abgesichert und hätte nicht sagen können, woran es mir fehlte. Bis ich vor vier Jahren, am ersten Montag nach meinen Ferien, an meinem Chefpult über einem Dossier eingeschlafen bin. Das hat mir sehr zu denken gegeben. Ich verschrieb mir eine Woche Tennisferien und wurde Anfang der Ferien krank. Da wurde mir klar: Ich muss über die Bücher, so kann es nicht weitergehen. Allmählich gestand ich mir ein, dass mir das Bankgeschäft zutiefst zuwider war und dass ich dies über all die Jahre mehr oder weniger erfolgreich verdrängt hatte. Am ehesten war es mir bewusst geworden während meiner berufsbegleitenden Ausbildung zum Mediator.

Nach den Ferien nahmen Sie den nächsten Neuanfang in Angriff?

Ja, ich liess mir noch den Bonus auszahlen und reichte dann die Kündigung ein. Bereits am ersten Tag nach den Ferien hatte ich das Konzept für mein eigenes Unternehmen verfasst. Ich wollte Mediation und Finanzcoaching anbieten – das eine aus Überzeugung, das andere zur Absicherung, weil ich das nun einmal gelernt hatte. Die Mediation wurde tatsächlich zum wichtigsten Standbein. Statt mit Finanzcoaching ergänzte ich sie mit einem ganzheitlichen Bewegungstraining. Sport war ja meine erste Leidenschaft gewesen, nun hatte ich endlich die passende Form gefunden, diese zu einem Bestandteil meines Berufs zu machen.

Wie arbeiten Sie als freiberuflicher Mediator?

Bald kristallisierte sich heraus, dass meine Kerntätigkeit darin besteht, Paare bei der Trennung und Scheidung zu begleiten. Das macht rund zwei Drittel meiner Arbeit aus. Es begann mit einem ersten Auftrag aus meinem Umfeld, dann kamen weitere dazu, immer mehr, wie eine Lawine. Das Problem bei Trennungen ist, dass die Betroffenen emotional stark belastet sind und gleichzeitig viele finanzielle und organisatorische Dinge klären sollten. Da ist die Gefahr gross, dass Verletzungen den Weg zu fairen Lösungen verbauen. Beide Seiten misstrauen und bekämpfen sich, holen sich je einen Anwalt und bald gibt es zwei Verlierer. Als Mediator stelle ich die gemeinsamen Interessen in den Vordergrund, versuche beide Parteien für die Sicht der anderen Seite zu sensibilisieren und kann auch mit Rat zur Seite stehen, wenn es um heikle finanzielle Fragen geht. Zudem nutze ich den Humor als positive Kraft. Wenn man auch in schwierigen Momenten über etwas lachen kann, rückt man näher zusammen.

Ist es nicht trotzdem deprimierend, dauernd mit Kunden im emotionalen Ausnahmezustand zu tun zu haben?

Vielleicht wäre es schöner, die Menschen zu verheiraten, aber für mich ergibt das alles einen Sinn. Ich habe selber eine schwierige Scheidung nach altem Eherecht erlebt, musste mich als Beschuldigter verteidigen und zahlte nicht nur finanziell einen hohen Preis, sondern auch emotional, indem ich zwei Jahre lang keinen Kontakt zu meinen Kindern hatte. Wenn es mir gelingt, als Mediator dazu beizutragen, dass die trennungswilligen Partner im Gespräch bleiben und sich nicht vor Gericht bekämpfen, dann ist das eine sehr befriedigende Aufgabe. Es bringt ja nichts, so zu tun, als blieben die Menschen immer noch zusammen, bis dass der Tod sie scheidet. Das war vor 200 Jahren so, wegen des ökonomischen Drucks und der geringen Lebenserwartung, heute sind Trennungen und Scheidungen statistisch normal, individuell aber nach wie vor eine Katastrophe. Deshalb bin ich dankbar, dass ich rund 50 Paare auf diesem Weg begleiten durfte in den letzten vier Jahren.

Und welche Fertigkeiten vermitteln Sie ihren Kunden als Bewegungstrainer?

Manchmal steht das körperliche Training im Vordergrund, manchmal geht es eher um Mentaltraining – etwa bei älteren Kunden, welche die Stelle verloren haben und nun mit dem Gefühl leben, aufs Abstellgleis geschoben worden zu sein. Ich stelle in solchen Fällen eine einzige Frage ins Zentrum: «Was willst du wirklich?» Dann erzählen mir die Kunden, was alles nicht mehr möglich sei, wo sie nicht mehr gefragt seien, wofür es längst zu spät sei etc. Ich insistiere und sage: «Vergiss, wie alt du bist, was du gelernt hast, wer du bist, wie viel Geld du brauchst. Konzentrier dich ganz darauf, was dich ausmacht und zu was du dich hingezogen fühlst.» Es ist verrückt, was möglich wird, wenn die Einstellung stimmt. Ein guter Kollege von mir arbeitet mit 75 Jahren noch mit Freude im Aussendienst der Firma seines Sohnes mit. Und ich selber habe im höheren Alter noch meine Passion für die Schauspielerei entdeckt. Ich nahm Unterricht, wirkte bei Freilichtaufführungen mit, spielte bei «Lüthi und Blanc» und anderen TV-Produktionen und wurde auf meine alten Tage noch ein passables Model.

Ein Model?

Ja, man kann mich über zwei Agenturen buchen für Werbeshootings. Der Apfelsaft-Spot mit mir lief im Fernsehen und in den Kinos, und auch für Swisscom, Swiss Life, Credit Suisse, Migros und die Heilsarmee stand ich in letzter Zeit vor der Kamera. Ich darf sagen: Für 60-jährige männliche Models ist der Markt ziemlich gut.

Kontakt und Information:

mail@manfred-schneeberger.ch oder www.manfred-schneeberger.ch

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