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«Es gibt keinen Grund, so viel Angst zu haben»

beruf am Samstag den 16. Juli 2016
Nicola Forster, Gründer des Think-Tanks Foraus.

Nicola Forster: «Kein anderes Land ist so gut aufgestellt wie wir.»

Nicola Forster, Gründer des Think-Tanks Foraus, wünscht sich eine mutigere Schweiz, die ihre Stärken vermehrt grenzüberschreitend in Projekte einbringt. Der 31-Jährige sagt, bei ihm sei die Neugier immer grösser gewesen als die Angst. Auch als Unternehmer mit der Firma Crstl beschreitet Forster gerne Neuland und bringt etwa die Diplomatie mit der Kunst- und Start-up- Welt zusammen.

Interview: Mathias Morgenthaler

Herr Forster, Sie sind Ende Juni von Ashoka, einer weltweit tätigen Organisation zur Förderung von sozialem Unternehmertum, ausgezeichnet worden. Wie sind Sie zum Unternehmer geworden?
NICOLA FORSTER: Nach meinem Studium war mein geregeltes Leben zu Ende: Ich setzte alles auf eine Karte und gründete mit ein paar Mitstreitern den Think-Tank Foraus, um die Schweizer Aussenpolitik mit frischen Ideen zu beleben. Das Risiko hat sich voll gelohnt! Meine Schwierigkeiten mit fixen Strukturen hatten sich aber schon in der Schulzeit abgezeichnet. Ich war schon als Kind nicht gut darin, brav das zu lernen, was uns vorgegeben wurde. Wenn ich keine Leidenschaft für ein Thema entwickeln konnte, kam ich nicht auf Touren – auch nicht durch Notendruck. So flog ich vom Gymnasium, weil ich in Latein die Note 2,5 im Zeugnis stehen hatte. Später schaffte ich die Matura dann glücklicherweise doch noch, nachdem ich mich auf moderne Sprachen fokussiert hatte.

Ihr Vater ist Schulpsychologe, ihre Mutter Lehrerin. Wie haben Ihre Eltern auf den schulischen Misserfolg reagiert?
Sie haben mich glücklicherweise nicht unter Druck gesetzt. Ich ging in die Sekundarschule und hätte genauso gut eine Lehre machen können. Neben der Schule waren aber schon immer auch andere Dinge wie Musik oder Politik wichtig in meiner Familie: Als kleines Kind sass ich zuhause jeweils unter dem Flügel und hörte zu, wenn meine Urgrossmutter musizierte. Sie war eine jüdische Konzertpianistin aus Ungarn, die im Ersten Weltkrieg einen Geiger und Dirigenten aus der Ukraine auf Tournee in der Schweiz kennengelernt hatte – meinen Urgrossvater. Als Migranten wurden sie gut aufgenommen und konnten der Schweiz danach viel zurückgeben; mein Urgrossvater gründete beispielsweise das Kammerorchester Zürich (KOZ). Diese Migrationserfahrung in der eigenen Familie, verbunden mit ausgedehnten Reisen, hat meinen Blick auf unser Land sicher geschärft und mein politisches Interesse geweckt.

Warum haben Sie nach der Matura ein Jus-Studium in Angriff genommen?
Da ich leider keine Ahnung hatte, was ich dereinst tun wollte, dachte ich, ein Jus-Studium sei eine gute Möglichkeit, etwas Zeit zu gewinnen bis zur grossen Entscheidung über meine Zukunft. Ich nutzte mein Jus-Studium für Studienjahre in Montpellier und Lausanne und lernte dabei gut Französisch. Zurück in der Schweiz entdeckte ich, dass Staats- und Verwaltungsrecht durchaus spannende Materie sein kann, da darin der Schlüssel zu den Spielregeln unserer Gesellschaft verborgen liegt. Auch das internationale Recht hatte es mir angetan, da es uns vor der Machtpolitik der grossen Länder schützt und unserer Wirtschaft Rechtssicherheit gibt. Mit dieser Ausgangslage kann die Schweiz die Chancen der Globalisierung selbstbewusst packen und international eine aktive Rolle spielen, wofür wir uns mit Foraus heute stark einsetzen.

Was heisst das konkret?
Die Schweiz steht aktuell vor enormen Herausforderungen. Welche Rolle wollen wir spielen in Europa? Wie reagieren wir auf die starke Migration oder den Klimawandel? Auf viele dieser Fragen gibt es keine nationalen, sondern nur grenzüberschreitende Antworten. Also kommt es darauf an, clevere Formen der Zusammenarbeit mit internationalen Partnern zu finden. Die Schweiz ist in einer Position der Stärke, aber ich vermisse manchmal die Lust zu gestalten, die Diskussion darüber, wo wir hinwollen. Warum sind wir so defensiv, fast in einem Rückzugsgefecht? Es gibt keinen Grund, so viel Angst zu haben. Kein anderes Land ist so gut aufgestellt wie wir; wir sollten mit Zuversicht in die Zukunft schauen und sie gemeinsam gestalten.

Wie wertvoll ist die Auszeichnung von Ashoka im Hinblick auf den weiteren Ausbau des Think-Tanks Foraus?
Es ist zunächst eine grosse Ehre, in den Kreis der rund 3200 Ashoka-Fellows in 81 Ländern aufgenommen zu werden. Dann erlaubt mir die finanzielle Unterstützung, mich als Sozialunternehmer verstärkt der Internationalisierung und Skalierung guter Ideen zu widmen. Und schliesslich erhalten wir Zugang zu einem fantastischen weltweiten Netzwerk: Wenn wir Foraus in London, Paris oder New York aufbauen wollen, geht das mit Ashoka im Rücken wesentlich einfacher.

Daneben haben Sie sich auch noch als Innovationsberater mit der Firma Crstl selbständig gemacht. Welche Projekte verfolgen Sie da?
Es ist absurd, dass unter dem Begriff der Innovation in unserem Land immer bloss technologischer Fortschritt verstanden wird und die gesellschaftliche Dimension gleichzeitig ein Mauerblümchendasein fristet. Die Gründung eines Schweizer Labors für soziale und politische Innovation ist dringend nötig! Mit Crstl bringen wir Regierungen und grossen Organisationen Methoden aus der Startup-Welt näher und unterstützen sie dabei, ihre Arbeitsweise agiler und dynamischer zu gestalten.

Was heisst das zum Beispiel?
Beispielsweise bringen wir für das deutsche Auswärtige Amt in sogenannten «Open Situation Rooms» Diplomaten zusammen mit kreativen Köpfen aus Kunst, Kultur oder der Startup-Branche, um gemeinsam über Lösungen für die Migrations- oder Syrienkrise nachzudenken. Dabei entstehen häufig Ideen, die in einer reinen Expertenrunde der Verwaltung nie entstanden wären. Auch das von mir mitgegründete Global Diplomacy Lab versucht, eine breiter abgestützte Diplomatie zu entwerfen. Daneben können aber auch Pionierprojekte in der Privatwirtschaft enorm spannend sein: Aktuell denken wir gemeinsam mit dem Förderfonds Engagement Migros über die Zukunft des Essens nach und holen für den Kickstart Accelerator vielversprechende Startups aus der ganzen Welt in die Schweiz. Langweilig wird es mir gerade nicht!

Sie sind bekannt dafür, dass Sie viele neue Projekte anreissen. War Ihre Neugier immer grösser als die Angst vor dem Scheitern?
Meine Neugier war immer immens, und ich empfinde es als Privileg, ihr folgen zu können. Es kommt nicht darauf an, keine Fehler zu machen, sondern darauf, trotz permanentem Scheitern im Kleinen den Erfolg im Grossen hartnäckig anzupeilen. Da zahlt es sich aus, wenn man bereit ist, viel Energie und Leidenschaft zu investieren. Es braucht viel, bis ich ein Ziel aufgebe, wenn ich es mir einmal in den Kopf gesetzt habe. Und wenn dann wie bei Foraus oder Operation Libero viele weitere motivierte Leute bei der Gründung und beim Aufbau eines neuen Start-ups gemeinsam anpacken, kommt all die investierte Energie doppelt und dreifach zurück.

Kontakt und Information: nicola.forster@foraus.ch oder www.foraus.ch oder www.crstl.io

Teil 1 des Interviews ist vor einer Woche erschienen.

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Ein Kommentar zu “«Es gibt keinen Grund, so viel Angst zu haben»”

  1. Ralph Knobloch sagt:

    Zum Glück ist Herr Forster noch unbeleckt von Geo-Politik und kann deshalb eine Klientel begeistern, die noch nichts über die tatsächlichen Machtverhältnisse und über die Vorsehungen der Mächtigen weiss. So kann er unterhalb des Machtgefüges eine Denkfabrik des guten Willens installieren, wofür er sich regelmässig applaudieren lässt. Dank grosser medialer Unterstützung liefert er uns damit ein extra Unterhaltungsprogramm, was einem den Gang etwa ins Kino oder in den Gottesdienst ersparen kann. Dass er glaubt, etwas Reales in der Politik beeinflussen zu können, empfinde ich algeradezu rührend.