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«Entscheidend war, klügere Köpfe ins Boot zu holen»

Mathias Morgenthaler am Samstag den 9. Juli 2016
Nicola Forster, Gründer des Think-Tanks Foraus.

Nicola Forster, Gründer des Think-Tanks Foraus.

Nicola Forster hätte nach seinem Jus-Studium in einer Anwaltskanzlei 8500 Franken pro Monat verdienen können. Stattdessen nahm er ein Darlehen auf und gründete das Forum Aussenpolitik (Foraus). Im ersten Teil des Interviews schildert der 31-Jährige sein «Erweckungserlebnis» und erzählt, wie es ihm gelang, den Think-Tank rasch wachsen zu lassen und von ihm unabhängig zu machen.

Interview: Mathias Morgenthaler

Herr Forster, Sie haben Rechtswissenschaften studiert und hätten nach Studienabschluss in einer renommierten Kanzlei einsteigen können. Warum haben Sie stattdessen den Think-TankForum Aussenpolitik (Foraus) gegründet?

NICOLA FORSTER: Aus ökonomischer Sicht war das unsinnig, aber ich befand mich damals in einer Art Ausnahmezustand.

Wegen des Studienabschlusses?

Nein, wegen eines Abstimmungskampfes. Ich durfte 2008 die nationale Kampagnenleitung der Jungparteien für die Abstimmung über die Osterweiterung der Personenfreizügigkeit übernehmen. Am Anfang hatten wir nichts ausser dem Willen, uns für die weitere Öffnung der Schweiz einzusetzen – kein Team, keine Ressourcen, keine Erfahrung, keinen Plan. Dann konnten wir innerhalb von vier Monaten eine enorme Energie freisetzen, weil es uns gelang, sehr viel junge Menschen ins Boot zu holen und ihnen klar zu machen, dass da gerade ihre Zukunft verhandelt wurde. Für mich war das eine Art Erweckungserlebnis. Ich war euphorisiert von unserer Kampagne und vom Gefühl, mit vielen anderen etwas zu bewegen.

Und da konnten Sie sich nicht mehr vorstellen, künftig in einer Anwaltskanzlei fremde Vorgaben umzusetzen?

Zunächst hatte ich ein anderes Problem: nur wenige Wochen nach der Abstimmung musste ich zur Uni-Abschlussprüfung antreten – und fiel hochkant durch. Im zweiten Anlauf habe ich zum Glück bestanden. Ich hätte dann wirklich bei dieser Kanzlei anfangen sollen, der Vertrag war unterzeichnet, mein monatlicher Praktikumslohn auf 8500 Franken festgelegt. Das war alles sehr attraktiv und vernünftig, aber meine Energie war ganz woanders. Ich wollte etwas von dem weiterführen, was in den Monaten zuvor auf wundersame Weise entstanden war. So entwarf ich ein Konzept für einen Think Tank, verschickte das Dokument an möglichst viele Leute und erhielt eines Tages einen Anruf von Pablo Padrutt, eines Primarschulfreundes. Er sagte nur: «Deine Idee gefällt mir, lass uns das zusammen umsetzen.» So gründeten wir den Verein Foraus, ich sagte der Anwaltskanzlei ab und nahm von meinen Eltern ein Darlehen auf, ummich voll dem Aufbau des Think-Tanks widmen zu können.

Geld war für Sie kein Antrieb?

Ich lebte damals in einer Wohngemeinschaft, meine Fixkosten lagen nahe bei Null. Ich hätte schon Lust gehabt, Karriere zu machen, aber die Motivation, mit Freunden etwas Eigenes aufzubauen, war deutlich grösser. Es war der perfekte Moment, Unternehmer zu werden. Ich hatte meinen Abschluss in der Tasche und wusste, dass ich im Notfall immer als Jurist würde arbeiten können. Zudem war ich elektrisiert vom Gedanken der Co-Kreation. In vielen Unternehmen kommt es darauf an, so zu tun, als sei man der hellste Kopf. Bei uns war es entscheidend, klügere Köpfe ins Boot zu holen. So erfanden wir das Konzept eines Crowdsourcing-Think-Tanks, der auf die Weisheit und die Ideen von hunderten klugen Köpfen setzt. Du musst nicht selber Experte sein, sondern den Startimpuls geben, dich mit voller Kraft ins Zeug legen und fantastische Mitstreiter finden.

Wie hat sich Foraus seit der Gründung 2009 entwickelt?

Am Anfang hatte ich ehrlich gesagt keine grosse Ahnung von Aussenpolitik. Da wir aber unbedingt die ganze Bandbreite der Aussenpolitik abdecken wollten, haben wir einfach in allen Themenbereichen des Eidgenössischen Departements für auswärtige Angelegenheiten (EDA) jeweils eine Arbeitsgruppe gegründet. Die Kernidee war, ein Forum zu schaffen für unsere Generation, welche die Globalisierung positiv gestalten und die Schweiz mit originellen Ideen und ihrem aussenpolitischen Wissen weiterbringen will. Unser Zielpublikum waren einerseits diese jungen Leute, die in der Politik bisher keine Stimme hatten. Und andererseits die Miliz-Politikerinnen und -Politiker, die oft stark auf Wahlen und Stimmungen ausgerichtet sind und teilweise vor lauter Problembewirtschaftung die Lösungen aus den Augen verlieren. Wir wollten mit unseren Ideen und Analysen in wichtigen Zukunfts-Themen politischen Einfluss ausüben, auch wenn wir selber keine Politiker sind.

Hat das nicht auch etwas Vermessenes, wenn Akademiker erfahrenen Politikern sagen wollen, was Sache ist?

Doch, natürlich, das war sehr ambitioniert und vielleicht ein wenig anmassend, aber so ticken Unternehmer nun einmal: Wenn es etwas, das sie wichtig finden, noch nicht gibt, dann gründen sie es halt. Zentral war, dass wir schon mit den ersten Diskussionspapieren zeigen konnten, dass wir ein ernstzunehmender Akteur sind und wissenschaftlich fundierte Politikempfehlungen anbieten können. Als Politiker hingegen hätten wir in unserem Alter wenig bewegen können, denn bevor man da in nationalen oder internationalen Fragen Einfluss nehmen kann, muss man sich jahrelang mit Fussgängerstreifen, Kreiselgestaltung und Abfallreglementen herumschlagen. Zudem wollten wir uns nicht mit Meinungen und Parolen um einen Nationalratssitz bewerben, sondern unabhängig von Parteipolitik jenen Ideen, welche die Schweiz weiterbringen, Sichtbarkeit und Kraft verleihen.

Was können Sie auf diese Art bewegen?

Die Wirkungsmessung ist schwierig in unserem Feld. Ich halte es aber für ein gutes Zeichen, dass unsere Analysen heute bei sämtlichen politischen Parteien auf Anklang stossen und wir beispielsweise auch von Bundesräten eingeladen werden, um unsere Ideen zu präsentieren. Das Schönste ist, wenn wir eine Idee einbringen, die breit debattiert und dann zu einer Lösung ausgearbeitet wird von den politischen Akteuren und der Verwaltung. So haben wir Ende April vorgeschlagen, den Verfassungstext der Masseneinwanderungsinitiative (MEI) durch einen Konkordanzartikel zu ersetzen. So könnte verhindert werden, dass sich ein Patt bildet zwischen den Anhängern der MEI und den Anhängern der Volksinitiative «Raus aus der Sackgasse». Durch diesen Kompromissvorschlag könnte die Zuwanderung gesteuert werden, ohne dass die bilateralen Verträge mit der EU samt Personenfreizügigkeit geopfert werden müsste.

Foraus ist zuletzt stark gewachsen und zu einem internationalen Projekt geworden.

Ja, wir beschäftigen nun 15 Festangestellte, unser Budget liegt bei über einer Million Franken, wir haben Büros in Zürich und Genf sowie einen Ableger in Berlin. Wir sind dank mehr als 1000 ehrenamtlichen Mitstreitern nicht nur in allen Universitätsstädten der Schweiz, sondern auch in Liechtenstein, Brüssel und bald Paris, London und New York aktiv. Zudem publizieren unsere Autoren ca. 10 Studien pro Jahr. Dieses steile Wachstum war nur möglich, weil ich als Gründer durch gute Manager abgelöst werden konnte. Nach mir hat Max Stern die Geschäftsführung übernommen – er hat wie ich zunächst gratis gearbeitet und dann wie ich auch längere Zeit für 3000 Franken pro Monat. Seit 1,5 Jahren liegt die Geschäftsführung in den Händen von Emilia Pasquier. Sie bringt Foraus auf die nächste Ebene und macht das viel besser, als ich es je gekonnt hätte.

Das klingt so vernünftig und selbstlos. Haben Sie keine Mühe mit Loslassen?

Mir fällt es eher schwer, zu lange am gleichen Ort zu bleiben. Ich baue etwas auf und tue alles dafür, dass die Organisation möglichst schnell auf ein gutes Level kommt und unabhängig wird von mir. Bei Foraus war es allerdings schon ein schmerzhafter Loslöseprozess. Ich beschloss, mit dem Mercator Kolleg ein Jahr ins Ausland zu gehen, um von internationalen Think-Tanks zu lernen. Wenn du dann in der Äthiopischen Hauptstadt Addis Ababa sitzt und im Institute for Peace and Security Studies arbeitest, kannst du gar nicht auf die Idee kommen, in der Schweiz gehe es nicht ohne dich. Als ich zurückkam, sah ich, dass es sogar besser gelaufen war ohne mich. Das halte ich für die höchste Befriedigung im Unternehmer-Leben: zu merken, dass die Organisation, die man mit aufgebaut hat, nicht mehr vom Gründer abhängig ist.

Kontakt und Information: nicola.forster@foraus.ch oder www.foraus.ch

Teil 2 des Interviews erscheint in einer Woche an dieser Stelle.

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9 Kommentare zu “«Entscheidend war, klügere Köpfe ins Boot zu holen»”

  1. Raoul Schaffhauser sagt:

    Dass 2008 mit der Osterweiterung (Ukraine und Georgien) über die Zukunft unserer Jugend verhandelt worden sei, diese Sichtweise kann nur jugendlichem Übermut entspringen. Die zugereisten Georgier z.B. sind vor allem für ihre Raubzüge bei uns und im grossen Kanton bekannt. Worin der Profit über die Osterweiterung bei unserer Bevölkerung liegen soll, hat Herr Forster aber noch nicht erklärt. Gegen das Plus an Weisheit der über 40jährigen Mitbürger kommt er jedenfalls nicht an. Mal sehen, was er in 10 oder 20 Jahren von seinem bisherigen Engagement hält.

  2. H.Trickler sagt:

    @Raoul Schaffhauser:

    Die Osterweiterung 2008 betraf nicht Ukraine und Georgien 😀
    Die Argumentation dass es um die Zukunft unserer Jugend gegangen sei, ist aber allemal krass übertrieben.

    Ich habe damals ja gestimmt, ohne zu ahnen dass uns später die Personenfreizügigkeit solche Probleme bereiten würde…

  3. Sacha Maier sagt:

    Ein interessanter Ansatz zur Etablierung einer wirksamen Lobbyorganisation – und im Interview kommt das auch gut zum Ausdruck. Nach eigenem Bekunden sind ja unsere gewählten Politiker intellektuell derart überfordert, dass sie die Amtsgeschäfte gar nicht mehr verstehen, über die sie befinden müssen. Think-Tanks, wie Foraus schaffen so die Grundlagen für permanente politische Einlussnahme, die nur durch die Höhe des finanziellen Budgets begrenzt ist. Das Volch glaubt dabei immer noch, dass sich die Politiker für seine Interessen einsetzen. Das gibt dem SVP-Plakatschaf eine völlig neue Semantik.

  4. Marka Dunken sagt:

    @ Schaffhauser: Sie bringen da wohl etwas leicht durcheinander – es ging um die Ausweitung der Personenfreizügigkeit der Schweiz auf Bulgarien und Rumänien. Die Ukraine und Georgien sind übrigens gar nicht in der EU.

    Schön haben Sie aber ihr Plus an Weisheit mit uns geteilt. Ist Ihr Kommentar der Versuch von Ironie?

  5. Zeno Sommer sagt:

    Nur wenige Wochen nach der Abstimmung schon Prüfungen? Also erstens: ich habe mein Recht Master innert einem Monat vorbereitet und alle Schlüssprüfungen auf einmal gemacht. Zweitens: selbst wenn man kaum was lernt, man war ja in den Vorlesungen etc.. Das Lernen dient grundsätzlich nur dazu, von genügend auf 5 oder 5-6 zu kommen. Zudem: in meinem Rechtspraktikum habe ich 400 Franken verdient. Und meine Fixkosten waren so, dass ich nebst 45 Stunden-Praktikum noch 3 Nächte in einem Hotel arbeiten musste (Nachtdienst, 20 bis 07 Uhr). Von 8500 konnte ich nur träumen.

  6. Peter Glauser sagt:

    Mich würde mal interessieren, ob foraus Kohäsionsgelder der EU oder von gewissen US-Stiftungen, die schon die Finanzierung einiger Regime-Changes im Palmarès haben, erhält. Die Politik könnte sich ruhig auch dafür interssieren.

    Über eine Mio. Jahresbudget, 15 Festangestellte und Präsenz in allen Universitätsstädten, internationale Aktivität über Liechtenstein, London, Paris, Brüssel und New York, und das alles mit Croudsourcing bei nur etwa 1000 Mitgliedern? Wers glaubt, wird seelig.
    Das Märchen, von der jungen, idealistischen, “unabhängigen” Gruppe könnte man schon langsam fallen…

  7. Kleist sagt:

    Leider sagt der Mann nichts darüber, warum er CHF8500 als Praktikumslohn hätte bekommen sollen: Ohne Beziehungen ist das mit Sicherheit nicht so gelaufen. Man sieht vor allem, dass diese Leute von sich sehr überzeugt sind. So trifft es nicht zu, dass diese eine Kompromissformel in der MEI erfungen hätten, aber sie nehmen diese in Anspruch. Ein bisschen Grössenwahn scheint hier dabei, mit der Bemühung sich als Altruist darzustellen.

  8. M.S sagt:

    Ich finde es toll, wie aus einer mutigen Entscheidung eines einzelnen Menschen ein so grossartiger Think-Thank entstehen konnte. Foraus bringt Studierende und Forschende verschiedener Fachrichtungen zusammen, welche sich in ihrer Freizeit damit beschäftigen, wie man unsere Gesellschaft und unser Staatsmodell verbessern könnte.
    Ich finde Nicolas Foster eine grosse Inspiration und wünschte mir mehr Menschen, inklusive mir selbst, hätten den Mut und die Leidenschaft eine solche Organisation von nichts aufzubauen. Vielen Dank für seinen Beitrag an die Gesellschaft!

  9. Thomas Maurer sagt:

    Ein Praktikumslohn von Fr. 8’500.-? Schlichtweg unmöglich bei der Riesenanzahl von Jus-Studienabgängern, die alle verzweifelt um einen Job betteln. Und “im Notfall immer als Jurist arbeiten können”? Träum weiter! Ohne Anwaltspatent UND LL.M. UND Berufserfahrung kriegt kein Jurist heute mehr einen Job.