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Rüdiger Böhms teure Lektion in Demut und Dankbarkeit

Mathias Morgenthaler am Samstag den 2. Juli 2016
Rüdiger Böhm hat beide Beine verloren, aber einen klareren Blick aufs Leben. Simon Toplak

Rüdiger Böhm hat beide Beine verloren, aber einen klareren Blick aufs Leben gewonnen. Simon Toplak

Mit 27 Jahren war er überzeugt, er könne alles und brauche niemanden – dann hatte Rüdiger Böhm ein «Rendezvous mit einem LKW», kämpfte um sein Leben und verlor beide Beine. Heute unterstützt der 46-Jährige andere darin, ihre Grenzen zu verschieben und ein Maximum aus ihren Möglichkeiten herauszuholen. «Wer sich nicht coachen lässt, ist selber schuld», findet die Frohnatur.

Interview: Mathias Morgenthaler

Herr Böhm, wie kam es dazu, dass Sie heute nicht mehr auf Ihren eigenen Füssen stehen, sondern auf Prothesen aus Karbon und Plastik?

RÜDIGER BÖHM: Der Unfall passierte einen Tag vor meinem 27. Geburtstag. Ich war zum ersten Mal mit meinem neuen Rennrad unterwegs, konnte kaum glauben, wie gut dieses Wunderding rollte. Leider dauerte der Spass nur 45 Minuten, dann hatte ich mein Rendezvous mit einem LKW. Wir waren an einer unübersichtlichen Kreuzung beide in die gleiche Richtung losgefahren, er fuhr mich von hinten um und rollte mit dem Vorderrad über mein Rennrad und über meine Beine. Ich sass danach auf dem Bordstein, der linke Unterschenkel lag abgewinkelt da, aus dem rechten Oberschenkel floss pausenlos Blut.

Sie beschreiben das wie ein Notfallarzt und nicht wie ein Betroffener.

Ich war seltsamerweise bei vollem Bewusstsein und spürte auch keine Schmerzen. Ich nannte der Ärztin, die zufällig zur Unfallstelle kam, noch meinen Namen und die Telefonnummern zur Information meiner Familie. Erst dann bin ich allmählich weggedämmert – und drei Wochen lang nicht mehr aufgewacht.

War bald klar, dass Ihre Beine nicht mehr zu retten sind?

Rüdiger Böhm übt mit seinen Beinprothesen unzählige Sportarten aus.

Rüdiger Böhm übt mit seinen Beinprothesen unzählige Sportarten aus.

Zunächst stand die Frage im Vordergrund, ob ich überlebe. Allein am ersten OP-Tag auf der Intensivstation in Darmstadt sind 130 Blutkonserven durch mich hindurchgeflossen. Dass der rechte Oberschenkel amputiert werden muss, war rasch klar. Mein Hämoglobin-Wert war durch den enormen Blutverlust auf 2 gesunken, normal wären 14 bis 18 Gramm pro Deziliter Blut. 10 Stunden nach dem Unfall sagten die Ärzte meinen Eltern, die Überlebenschancen lägen bei 2 Prozent. Ich lag intubiert im künstlichen Koma, vollgepumpt mit einem Cocktail an Halluzinogenen, mit denen man unter anderen Umständen eine tolle Party hätte feiern können. Glücklicherweise versagte kein einziges Organ seinen Dienst. Ein Glück war weiter, dass sonst fast nichts los war in diesem städtischen Klinikum, das nicht für solch schwere Fälle eingerichtet war. So konnten sich alle Ärzte um mich kümmern.

Wann war klar, dass Sie auch den linken Unterschenkel verlieren?

Das Problem war, dass in der Kniekehle die Arterie gerissen war. So wurde mein Fuss immer kälter, dicker und fahler, ich hatte permanent über 41,5 Grad Fieber, mein  Körper vergiftete sich selber, die Nieren- und Leberwerte waren im Keller. Nach drei Wochen wurde mir der linke Unterschenkel amputiert. Zwei Tage später erwachte ich und realisierte rasch: Das Leben hat sich grundlegend geändert für mich.

Was waren Sie für ein Mensch vor dem Unfall?

Kurz und schmerzlos gesagt: Ein selbstverliebtes arrogantes Arschloch. Ich war sehr auf Äusserlichkeiten fixiert, stolz auf meine Leistungen als Triathlet und Fussballtrainer, immer braun gebrannt, stets eine Tonne Gel in den Haaren – und ansonsten der Meinung, ich brauche niemanden und mir könne nichts passieren.

Wie rasch haben Sie sich mit Ihrer Versehrtheit abgefunden?

Als ein guter Freund mich im Krankenhaus besuchte, schauten wir gemeinsam eine Partie von Boris Becker in Wimbledon. Da wurde mir schlagartig bewusst: Tennis spielen, Ski fahren, Rad fahren – all das ist nicht mehr möglich. Ich fand das sehr ungerecht und fragte mich, womit ich das verdient hatte. Zum Glück realisierte ich bald, dass es auf solche Fragen keine Antwort gab; dass ich die Situation akzeptieren musste und den Fokus auf das richten, was möglich war. Wir alle haben die Wahl, wohin wir unsere Aufmerksamkeit lenken. Sehr hilfreich war für mich, dass mir meine Physiotherapeutin schon in der ersten Stunde sagte: «Rüdi, du wirst wieder gehen.» Das gab mir ein neues Ziel und weckte meinen Kampfgeist.

Das klingt vernünftig, aber ging es wirklich so leicht?

Nein, leicht war es nicht, natürlich kann man nicht einfach einen Schalter umkippen. Der Kopf versteht die neue Situation relativ rasch, aber die Emotionen brauchen Zeit. Ohne Trauer und Abschiedsschmerz ging es nicht. Es ist wichtig, dass man traurig sein darf. Wenn du das verdrängst oder überspielst, holt es dich in 10 oder 15 Jahren ein. Ebenso wichtig war für mich der Humor. Viele Freunde waren befangen, wussten nicht, wie sie mit der Situation umgehen sollten. Manchmal sagte ich dann: «Der Lastwagen ist mir über die Beine gefahren, nicht über den Kopf. Ich kann einfach nicht gehen im Moment, aber sonst ist alles in Ordnung.»

Wie schwierig war es, beruflich wieder Fuss zu fassen? Es gab bis dahin keine Fussballtrainer ohne Beine.

Der berufliche Einstieg wurde mir durch den Unfall sogar erleichtert. Ich hatte schon die B-Lizenz erworben als Trainer. In der Zentrale des Deutschen Fussball-Bundes (DFB), die keine 30 Kilometer von Darmstadt entfernt ist, sammelten sie nach dem Unfall für mich, und der Generalsekretär fragte mich, ob er etwas für mich tun könne. Drei Jahre nach dem Unfall war ich im Besitz der A-Lizenz, durfte später die C-Jugend in Karlsruhe übernehmen und gewann mit dem Team im ersten Anlauf die Süddeutsche Meisterschaft – unter anderem gegen Thomas Tuchel, den heutigen Dortmund-Trainer. Später war ich während zehn Jahren Nachwuchschef beim Karlsruher SC und danach drei Jahre lang für die U-21 des FC Thun verantwortlich, wo ich eng mit Andres Gerber und Murat Yakin zusammenarbeitete.

Es war also kein Handicap, dass Sie als Trainer nicht selber gegen den Ball treten konnten?

Ja und nein. Für meine Trainertätigkeit war das nicht relevant. Ein Trainer muss die Spieler stärker machen, sie dabei unterstützen, mehr Verantwortung zu übernehmen, mutige Entscheidungen zu fällen, sich menschlich und sportlich weiterzuentwickeln. Das ist mir gut gelungen. Der Schritt an die Spitze einer 1. Mannschaft blieb mir allerdings verwehrt. Mit Beinen hätte ich sicher die Chance bekommen, ich hatte ja viele spätere Profis trainiert und wurde immer wieder von Spielern ins Gespräch gebracht, wenn eine Chefstelle frei war. Offenbar ist der Profifussball noch nicht bereit dafür. Es gab schlicht den Präsidenten nicht, der mutig genug gewesen wäre, einen Trainer mit Prothesen zum Chef zu machen. Im Fussball darf es bekanntlich nur schöne, starke, dem Idealbild entsprechende Menschen geben. Homosexualität ist verpönt, Schwäche zeigen ist nicht erlaubt. Konnte ich das ändern? Konnte ich damit einverstanden sein? Nein! Deshalb hängte ich den Trainerjob an den Nagel und wurde Referent, Coach und Motivationstrainer.

Es ist zweifellos eindrücklich, wenn Menschen trotz einem schweren Schicksalsschlag viel erreichen und ein erfülltes Leben führen. Was bewirken Sie mit Ihren Reden bei jenen, die keine solche Erfahrung gemacht haben?

Aufs Radfahren verzichtet Rüdiger Böhm trotz dem folgenschweren Unfall nicht.

Aufs Radfahren verzichtet Rüdiger Böhm trotz dem folgenschweren Unfall nicht.

Die Kernfrage ist ja, ob wir einen solchen Einschnitt brauchen, um uns mehr auf das Wesentliche und unsere Stärken konzentrieren zu können. Vielleicht hätte ich das auch ohne Unfall geschafft, aber es hätte viel länger gedauert. Mein Anliegen ist, andere Menschen dafür zu sensibilisieren, wo sie sich selber behindern, wo sie die Grenzen zu eng ziehen. Viele schöpfen Mut aus meinem Beispiel. Ich dachte zuerst, ich sei nun für den Rest meines Lebens ein armer behinderter Krüppel, der ohne fremde Hilfe keinen Schritt machen könne. Dann erkämpfte ich mir eins nach dem anderen zurück: allein stehen, pinkeln im Stehen, alleine duschen, Zähneputzen, mit und ohne Krücken gehen, Autofahren, Skifahren, Freeriden, sitzend Wasserski fahren, klettern, schwimmen, golfen. Niemand soll das kopieren müssen, jeder kämpft mit seinen eigenen Grenzen. Ich möchte ein Beispiel dafür sein, was alles möglich ist, und im Coaching andere darin unterstützen, ihre Grenzen zu verschieben.

Was war für Sie der grösste Gewinn?

Ich bekomme nun immer einen Parkplatz in der ersten Reihe und habe nie mehr kalte Füsse. Im Ernst: Am stärksten fällt ins Gewicht, dass ich Demut und Dankbarkeit gelernt habe. Ich freue mich mehr über Kleinigkeiten, bin weniger mit Nabelschau beschäftigt und habe dadurch einen klareren Blick auf die Welt und andere Menschen. Und ich finde es fantastisch, was man mit Coaching bewirken kann. Salopp gesagt: Wer sich nicht coachen lässt, um mehr aus seinen Möglichkeiten zu machen, ist selber schuld!

Sie haben sich als junger Sportler viele Ziele gesetzt – wie sieht das heute aus?

Die Ziele sind mir nicht ausgegangen. Ich möchte gerne am Ironman-Triathlon in Hawaii teilnehmen, was verdammt schwierig ist, da es nur wenig Startplätze für Behinderte gibt. Weiter treibt mich die Idee an, als Erster mit einem Monoski von einem Berggipfel einen unbefahrenen Hang runterzufahren. Und als Speaker würde ich gerne eines Tages in der Westfalenhalle in Dortmund vor 16’500 Menschen einen Teil meiner Geschichte erzählen. In schriftlicher Form liegt sie ja nun vor. Ich habe lange gezögert, ein Buch zu schreiben, bin nun aber dankbar für diese Erfahrung. Man gewinnt viel Klarheit beim Schreiben. Nun hoffe ich, dass viele Leserinnen und Leser Kraft schöpfen aus meiner Geschichte.

Kontakt und Information:

www.ruedigerboehm.ch oder hallo@ruedigerboehm.ch

Das Buch: Rüdiger Böhm: No legs no limits! Goldegg-Verlag 2016.

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