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In der früheren Cardinal-Brauerei entsteht das Auto der Zukunft

Mathias Morgenthaler am Samstag den 28. Mai 2016
Die drei Softcar-Gründer François Vuille, Marc Frehner und Jean-Luc Thuliez.

Die drei Softcar-Gründer François Vuille, Marc Frehner und Jean-Luc Thuliez.

25 Jahre nach Nicolas Hayeks erstem Anlauf könnte die Vision vom leichten, günstigen Elektroauto Realität werden. Jean-Luc Thuliez, Initiant und Chef von Softcar, war schon im Swatch-Mobil-Team dabei. Er sagt, in China entstehe ein gigantischer Markt für emissionsfreie Autos. Der Schweizer Softcar, der in der Freiburger Blue Factory am Standort der Cardinal-Brauerei entwickelt wurde, soll nur 480 Kilo wiegen und weniger als 14000 Franken kosten.

Interview: Mathias Morgenthaler

Herr Thuliez, Sie haben diese Woche am Start-up Summit den Preis für das Cleantech-Projekt gewonnen. Haben Sie wirklich ein essbares Auto gebaut, wie in der Medienmitteilung zu lesen war?

JEAN-LUC THULIEZ: Das wurde etwas stark zugespitzt – wir empfehlen niemandem, unser Auto zu essen. Wir setzen aber tatsächlich auf natürliche und wiederverwendbare Bauteile. Die Karosserie des Softcars besteht aus aufgeschäumten Biopolymeren, die aus Randen und Rhizinusöl gewonnen und synthetisiert werden – daher der Vergleich mit dem Nahrungsmittel.

Wie kamen Sie auf die Idee, ein neues Auto mit Elektroantrieb zu bauen?

Unser Antrieb war, ein ultraleichtes und durch und durch sauberes Auto zu bauen. Bekanntlich wächst der weltweite CO2-Ausstoss, was unser Ökosystem aus der Balance bringt. Ein Viertel der gesamten CO2-Emissionen entfällt auf den Transportsektor. Die Autoindustrie belastet die Umwelt stark. Schon die Jahresproduktion von 70 Millionen Autos führt zu einer gewaltigen Umweltverschmutzung. In den letzten Jahren wurden die Autos immer schwerer, bei der Produktion der Stahlkarosserien und der Isolationselemente werden schädliche Stoffe wie Polyurethan verwendet, die nicht abgebaut oder wiederverwertet werden können. Unser Anspruch war von Anfang an: Wir bauen leichte Autos aus wenigen Komponenten, die alle wiederverwertbar sind.

Was heisst das konkret?

Die Vorzüge des Softcars: 1800 statt 40'000 Komponenten, 480 Kilo statt mehrere Tonnen.

Die Vorzüge des Softcars: 1800 statt 40’000 Komponenten, 480 Kilo statt mehrere Tonnen.

Ein konventionelles Auto besteht aus rund 40 000 Komponenten und es wiegt mindestens 1,3 Tonnen. Bei Softcar sind es nur 1800 Teile und rund 480 Kilo Gewicht inklusive der Akkus für den Elektroantrieb. Die Karosserie kann in 30 Minuten ausgewechselt werden. Während traditionell produzierte Autos verschrottet und viele Komponenten verbrannt werden müssen, können bei uns alle Materialien für den Bau neuer Autos wiederverwertet werden – sogar die Pneus. Dieser Ansatz entspricht dem Prinzip der Kreislaufwirtschaft, dem sich weltweit erst drei Staaten verpflichtet haben: die Schweiz, Deutschland und China. Auch im Unterhalt wird der Softcar sehr günstig und umweltverträglich sein. Mit einer Batterieladung fahren Sie je nach Modell 120 oder 240 Kilometer weit. Ein sechs Quadratmeter grosses Solarpanel liefert Ihnen genug Strom für 12 000 Fahrkilometer pro Jahr mit dem Softcar. Sie können den Strom also selber auf dem Dach produzieren und sind unabhängig von Atom- oder Braunkohlestrom. Wenn 100 000 herkömmlich angetriebene Fahrzeuge durch Softcars ersetzt werden, können 300 000 Tonnen CO2-Emissionen pro Jahr eingespart werden.

Auf dem Automarkt gibt es schon zahlreiche Modelle mit Elektroantrieb. Der Marktanteil liegt aber noch unter 1 Prozent. Wie wollen Sie in diesem Markt Geld verdienen?

Die derzeit verfügbaren Elektroautos sind viel zu schwer und zu teuer. Viele haben eine zu geringe Reichweite und zu schlechte Batterien. Das liegt daran, dass sie wie klassische Benzin-Autos produziert und nachträglich elektrifiziert worden sind. Das führt dazu, dass sie zu wenig effizient und leistungsstark sind. Schauen Sie zum Beispiel den Smart mit Elektroantrieb an. Er wiegt fast eine Tonne, das ist eher ein kleiner Lastwagen als ein leichtes Elektroauto. Jedenfalls etwas ganz anderes, als Nicolas Hayek Anfang der 1990er-Jahre produzieren wollte.

Sie waren damals im Team, das ein leichtes Swatch-Mobil entwickeln sollte. Warum ist das Projekt gescheitert?

Ernst Thomke, der Chef der Swatch-Gruppe, die damals noch SMH hiess, hatte die Idee, ein eigenes Auto zu entwickeln. Das Unternehmen wollte expandieren, die Gewinne aus dem Uhrengeschäft für die Erschliessung neuer Geschäftsfelder wie Automobilindustrie, Telekommunikation oder Sport einsetzen. Swatch war 1990 Sponsor eines Solarauto-Teams, ihr Fahrer René Jeanneret gewann überraschend ein Rennen in Australien vor dem Team Honda, das viel mehr Mittel investiert hatte. Das ermutigte Thomke, ein buntes, kleines Auto für den Massenmarkt zu bauen. Ich erhielt den Auftrag, die Kunststoffkarosserie dafür zu entwickeln. Danach gab es mehrere Probleme: Thomke musste Swatch 1991 verlassen, Nicolas Hayek verfolgte das Projekt weiter, zunächst mit Volkswagen, dann mit Mercedes. Der Smart, der schliesslich im Daimler-Konzern produziert wurde, hatte nicht mehr viel gemeinsam mit der Ursprungsidee.

Sie haben das Projekt mit Thomke und dem Designer Marc Frehner weiterentwickelt und 1995 die Firma CREE gegründet, die leichte Elektroautos herstellt. Ein Erfolg wurde es nicht.

Wir hatten eine hervorragende Fabrik direkt neben der Rolex-Produktionsstätte, die Autos funktionierten einwandfrei – aber wir waren schlicht 15 Jahre zu früh dran, denn die potenziellen Kunden verstanden noch nicht, wozu Elektroautos gut sein sollen. Jetzt ist das anders, in den nächsten Jahren entsteht ein riesiger Markt. Wir werden mit Softcar 2018 in der Schweiz auf den Markt kommen. Mittelfristig sind die 80 Grossstädte mit über 10 Millionen Einwohnern unser Zielmarkt. China wird dabei eine Schlüsselrolle spielen, denn die chinesische Regierung hat das Ziel, die Autoproduktion bis im Jahr 2025 auf Elektroautos umzustellen. Sie wird mit Subventionen entsprechende Anreize setzen. In China ist der Leidensdruck aufgrund der Luftverschmutzung besonders gross.

Sie werden nicht der einzige Anbieter sein. Warum glauben Sie, in diesem Markt eine führende Position einnehmen zu können?

Dank Unternehmen wie Tesla ist der Markt etabliert – niemand zweifelt mehr daran, ob Elektroautos funktionieren. Uns sind ungefähr 30 Konkurrenten bekannt, aber keiner baut ein so leichtes, ökologisches Auto wie wir und erreicht einen so attraktiven Preis. Wir peilen einen Verkaufspreis von weniger als 14 000 Franken inklusive Batterie an. Die Gebrauchskosten werden maximal 2 Franken pro 100 Kilometer betragen. Wir stehen in Kontakt mit den grossen kalifornischen Autoentwicklern wie Uber, Tesla, Apple, Google X und Faraday Future. Ein grosser Vorteil der geringen Anzahl Komponenten ist, dass es keine gigantischen Produktionsstrassen braucht wie in der klassischen Autoindustrie. Die einzelnen Bestandteile können dezentral und nahe am Absatzmarkt zusammengefügt werden – wir sprechen in diesem Zusammenhang von «Cloud production». In der Schweiz haben wir schon entsprechende Verträge unterzeichnet, in China wählen wir demnächst aus vier Optionen den besten Produktionspartner aus. Auch aus Kalifornien, Indien und dem Nahen Osten gibt es viele Anfragen.

Die Firma Softcar existiert seit fünf Jahren, 2014 haben sie zusätzlich den Rennsport-Ableger Aventor gegründet zur Erforschung und Weiterentwicklung der Technologie. Wer zahlt das alles und ab wann werden Sie Geld verdienen damit?

Das Management ist an der Firma beteiligt, dazu kommen Risikokapitalgeber – über die Details möchte ich keine Auskunft geben. Aktuell sind rund 45 Personen involviert, viele arbeiten im Mandatsverhältnis. Geld verdienen werden wir bereits im Jahr 2020. Unser Verwaltungsratspräsident François Vuille, Direktor an der ETH-Lausanne, ist ein gefragter Energie-Experte. Ebenfalls involviert als Berater ist ETH-Professor Christophe Ballif, der für seinen Beitrag zur Erforschung und Industrialisierung diverser Solar-Technologien dieser Tage von der EU-Kommission mit dem Becquerel-Preis ausgezeichnet worden ist. Wir wollen eng mit der Photovoltaik- und Immobilienbranche zusammenarbeiten. Künftige Häuser werden viel ökologischer und smarter sein als die heutigen. Dazu gehört auch, dass sie Solarzellen auf dem Dach haben und ein Elektroauto in der Garage steht.

Welches werden die grössten Herausforderungen sein bis zum Markteintritt?

Ein Schlüsselelement sind die Zellen für die Batterien, die über die Leistungsfähigkeit und Reichweite entscheiden. Da müssen wir die Komponenten in Japan oder Südkorea einkaufen und sie in der Schweiz zusammenbauen. Überhaupt werden die Partnerschaften darüber entscheiden, wie schnell wir erfolgreich werden. Wie immer, wenn ein Wirtschaftszweig rasch wächst und auch Konzerne mitmischen, wird es ein Rennen gegen die Zeit werden. Unser Vorteil ist, dass wir seit über 25 Jahren an der Entwicklung leichter Elektroautos arbeiten. In der Autobranche kann man sich mit Geld praktisch alles kaufen, ausser Zeit. Diesen Vorsprung müssen wir nutzen. Hilfreich ist, dass wir den Energiekonzern Total in einem frühen Stadium als Entwicklungspartner und Lieferanten für die Biopolymere gewinnen konnten.

Und wenn das Geschäftsmodell funktioniert, verkaufen Sie die Firma in ein paar Jahren an einen grossen Autokonzern?

O nein, das wäre jammerschade. Wir haben keine solche Exit-Strategie im Businessplan. In der klassischen Autoindustrie war die Schweiz chancenlos, im neuen Feld der sauberen Elektroautos dagegen sind wir Weltspitze. Durch Partnerschaften mit grossen Städten und den Verkauf von Produktionslizenzen wollen wir eine führende Rolle einnehmen. Derzeit realisieren wir in der Freiburger Blue Factory, wo früher Cardinal-Bier gebraut wurde, die Pilotlinie der Softcars. Wir bauen da ein Business für die nächsten 40 Jahre auf. Ok, vielleicht werde ich selber nicht 40 Jahre dabei bleiben, ich bin ja schon 55-jährig – aber wie viele Unternehmer, die etwas Neues entwickeln, fühle ich mich deutlich jünger. Mein persönliches Ziel ist, dass die Benzin-Autos, die heute das Strassenbild prägen, schon bald das Schicksal der Dinosaurier erleiden.

Information und Kontakt: www.softcar.ch oder info@softcar.ch

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15 Kommentare zu “In der früheren Cardinal-Brauerei entsteht das Auto der Zukunft”

  1. Rolf Raess sagt:

    Und die Schweizer Batterie- & Akkufabrik Leclanché (Yverdon) ist eingeschlafen, seit sie dem Schweizer Militär keine überteuerten Spezialbatterien mehr liefern können?
    Darum müssen die Akkumulatoren aus Korea und Japan importiert werden…

  2. Max Müller sagt:

    Vielen Dank für das Interview. Ein sehr innovatives Konzept! Ich wünsche dem Entwicklungsteam viel Erfolg.

  3. MBoffo sagt:

    Super, ich wuensche einfach nur VIEL GLUECK. Hop Schwiiz!

  4. Karli sagt:

    Meine erste Frage bei einem Auto ist: Wie erginge es mir und meiner Familie, wenn wir mit dem Wagen in einen gröberen Unfall verwickelt würden. “Softcar” klingt da ja nicht unbedingt nach unbeschadetem Aussteigen. Wurden mit dem Gefährt denn auch schon Crashtests durchgeführt?

  5. Philipp sagt:

    Gutes Kozept, leider werden die Leute das Auto wenn es so aussieht trotzdem nicht kaufen, es sieht lustig aus aber die Leute wollen keine lustigen Autos sondern stehen auf ernsthaft und gut gestaltete Fahrzeuge. Und ja leider erst ein Konzept, Tesla ist mit Volldampf unterwegs und wird nicht so schnell schwarze Zahlen schreiben, da finde ich 2020 doch etwas zu optimistisch!

  6. Josef Mayer sagt:

    Danke für dieses Interview! Herr THULIEZ spricht mir aus der Seele – ich versuche seit Jahren allen möglichen Leuten zu erklären, daß eine funktionierende elektrisch betriebene Alternative zu unseren Verbrennern nicht einfach in der Elektrifizierung bestehender Autos liegen kann, sondern daß diese möglichst klein und leicht sein und aus wiederverwendbaren Komponenten bestehen sollten. Ganz generell müssen wir unser Mobilitätskonzept neu denken und weg von einer emotionalen, hin zu einer rein pragmatischen Sicht des Autos kommen. Mich können sie jedenfalls als potentiellen Kunden sehen.

  7. Lukas Wyss sagt:

    Ich bin SAM 1 Fahrer. Euer Fahrzeug von 2001. Heute noch unübertroffen. Ich freue mich auf das Ergebnis Eures neuen Projektes.

  8. Marius Lohri sagt:

    Begeisterung + Fokus + Erfinden = Erfolg ? Ich wünsche es der Softcar.

  9. Klaus Weber-Fink sagt:

    Das geht auch nur für und in China. Die EU mit ihren 28 Ländern hat einen Mega-Wust von Vorschriften für Autos, die sich niemals in 480 kg und für 14000 Franken verwirklichen lassen.

  10. Martin Bühler sagt:

    Es gibt zur Zeit wenig erfreuliche Nachrichten zu lesen – das Interview mit den Machern von Softcar ist (wie andere Interviews von Mathias Morgenthaler) eine grosse und erfreuliche Ausnahme. Danke Mathias, dass Sie immer wieder solche Lichtblicke für uns Leserinnen und Leser bereit halten. In mehr als fünf Jahren haben wir mit unserem Peugeot iON Fullelectric über 50’000km zurück gelegt, in der Toscana, auf Autobahnen, Superstrade, Provinz- und Naturstrassen. Und dies alles ohne jegliche Störung, das Auto läuft und läuft, mit selbst erzeugtem Strom – einfach genial!

  11. David Grühn sagt:

    Das Teil sieht aber nicht sehr Crash-Resistent aus. Seit 30 Jahren bauen kleine Schweizer Buden solche Plastik-Elektroautos, die einem wahrscheinlich beim ersten gröberen Unfall das Genick brechen. Ich werde wohl das Tesla Model 3 vorziehen.

  12. Don Matteo sagt:

    Ein weitsichtiges Konzept, hoffentlich ist es nicht zu früh, wie der Thomke Smart, der normale Konsument mag nicht zu viel Futurismus, aber die Zeichen stehe heute viel besser als damals beim Thomke Smart.

  13. Peter Freudig sagt:

    1. Kauf ich. 2.Bitte Wechselkarosse: PW/Pritsche (Truck-lein). 3. Nicht essbar, kompostierbar. 4. Gem. ADAC-Motorwelt 5/2016, Seite 9: Ende Neuzulassung von Verbrennern: NL=2025, Ö=2020, da ist China gar nicht überambitioniert..
    Also Volldampf bitte!

  14. Josef Mayer sagt:

    Zum Crash-Verhalten: wohin ein ewiger Wettlauf führt zeigen uns doch die Hausfrauenpanzer (SUV) in drastischer Weise – hier wird ein mehr an Sicherheit auf Kosten der Sicherheit anderer Verkehrsteilnehmer und der Umwelt erkauft. Die SUV stellen in meinen Augen eine totale Perversion der Idee motorisierter Fortbewegung dar und sollten eigentlich verboten sein – jedes Auto sollte auch für die anderen und nicht zuletzt auch für die Umwelt so unproblematisch wie möglich sein. Außerdem: wem Kleinwagen zu unsicher sind, der sollte sich mal überlegen wie es für einen (Motor-) Radfahrer aussieht.

  15. B. Folda sagt:

    Hoffentlich entspricht die Qualität des Autos nicht dem des Internetauftrittes der Firma. Bei einer solchen durchaus überzeugenden Idee sollte man schon deutlich mehr Sorgfalt in die zeitgemässe Verbreitung dieser mithilfe der modernen Medien investieren. Das haben die umtriebigen Gründer der Firma aber offensichtlich noch nicht gemerkt.