Beruf + Berufung ist umgezogen. Neu finden Sie die wöchentlich erscheinenden Interviews hier. Viel Lesevergnügen!
Logo

Wie ein Berner Weltenbummler Tansania mit Tokio ins Geschäft brachte

Mathias Morgenthaler am Samstag den 7. Mai 2016
Ueli Litscher, Mitgründer und Chef von Vikapu Bomba.

Ueli Litscher, Mitgründer und Chef von Vikapu Bomba.

Als Diplomatensohn hat sich Ueli Litscher früh an den Gedanken gewöhnt, dass die Schweiz nicht der Nabel der Welt ist. Seit zwei Jahren baut der 29-jährige Berner in Tansania das Unternehmen Vikapu Bomba («Fantastische Körbe») auf. 60 Flechterinnen produzieren in Handarbeit Körbe und Taschen, die auch in den USA, Australien oder Japan verkauft werden. Nun wagt Litscher den nächsten Schritt und plant ein Logistikzentrum in Deutschland.

Interview: Mathias Morgenthaler

Herr Litscher, Sie sind 29-jährig und haben schon in Kenia, Libanon, Mozambique, den USA, Grossbritannien und Tansania gelebt. Wie wurden Sie zum Weltenbummler?

UELI LITSCHER: Als Sohn eines Diplomaten lernte ich schon in jungen Jahren, die Zelte abzubrechen und mich an einem neuen Ort zurechtzufinden. Ich habe deshalb keine Angst vor Veränderungen, ich mag das Gefühl von Fremdheit sogar, das Eintauchen in neue Welten, deren Regeln und Codes ich zu Beginn nicht kenne.

Haben Sie das als Kind auch schon so empfunden?

An die ersten vier Jahre in Kenia habe ich praktisch keine Erinnerungen. Danach war mein Vater für 12 Jahre in Schliern bei Bern, ich konnte Wurzeln schlagen, ein stabiles Umfeld aufbauen. Als mir meine Eltern eines Tages mitteilten, dass wir von Schliern nach Beirut ziehen, war ich für einige Zeit der unglücklichste Teenager in ganz Bern. In Libanon wurde ich rasch politisiert. Es war die Zeit des Attentats auf Premierminister Rafiq al-Hariri, der Zedernrevolution und des Rückzugs der syrischen Besatzertruppen. Ich studierte danach Geografie und sattelte später auf Politikwissenschaften um und begann, mich in der Entwicklungszusammenarbeit zu engagieren.

Wie wurden Sie zum Unternehmer?

Während mein Vater im diplomatischen Dienst stand, nahm meine Mutter meistens eigene Projekte in Angriff. In Mozambique, einem der ärmsten Länder der Welt, realisierten wir ein selbsttragendes Hotelprojekt mit dem Ziel, durch private unternehmerische Initiative die Lebensverhältnisse der lokalen Bevölkerung zu verbessern. In unserer Eco-Lodge waren 40 lokale Mitarbeiter beschäftigt, wir halfen beim Bau einer Schule, führten Gesundheitsprojekte durch, unterstützten das lokale Töpfer-Gewerbe. Daneben führte ich Interviews, um die sozioökonomische Realität der Bevölkerung zu verstehen und Strategien zu entwickeln, wie die Situation nachhaltig verbessert werden könnte. Ein Problem der klassischen Entwicklungsarbeit ist ja, dass versucht wird, mit temporären finanziellen Anreizen das Verhalten zu verändern, ohne die lokalen Verhältnisse zu berücksichtigen.

Welche Alternativen gibt es dazu?

Sozial ausgerichtete privatwirtschaftliche Initiativen, die auf den bestehenden Fähigkeiten der lokalen Bevölkerung aufbauen und die Marktkräfte nutzen. Durch meine Erfahrungen in Tansania wurde ich immer kritischer gegenüber der

Jede Tasche trägt die Signatur der Flechterin.

Jede Tasche trägt die Signatur der Flechterin.

Entwicklungszusammenarbeit. Ich arbeitete dort in internationalen EZA-Projekten und sah mit Erstaunen, wie viel Geld und Energie da versickerte und wie desillusioniert die involvierten Mitarbeiter waren. Parallel dazu startete ich unternehmerische Projekte, exportierte zum Beispiel für lokale Kleinbauern über eine Tonne Kaffee, um sie aus der Abhängigkeit von lokalen Händlern zu befreien. In dieser Phase begegnete ich Catherine Shembilu, einer beeindruckenden jungen Tansanierin, die Gemeindeentwicklung studiert und danach mit sechs Frauen eine unternehmerische Initiative gestartet hatte. Ich schlug ihr vor, die geflochtenen Körbe und Taschen auf dem Markt in der 4,5-Millionen-Stadt Dar es Salaam zu verkaufen. Die ersten Reaktionen waren so ermutigend, dass wir rasch ein Unternehmen gründeten.

Wo stehen Sie heute, zwei Jahre später?

Inzwischen sind 60 Flechterinnen für unser Start-up Vikapu Bomba tätig. Die handgeflochtenen Produkte werden nicht nur in Tansania, sondern auch in Deutschland, England, den USA, Australien und Japan verkauft.

Sie haben es geschafft, die Globalisierung und Digitalisierung zu nutzen, um Müttern in Tansania ein Erwerbseinkommen zu verschaffen?

Es gibt weltweit einen interessanten Markt für hochwertiges Kunsthandwerk. Das Eintrittsticket zu diesem Markt ist ein Produkt von hoher Qualität. In unserem Fall verarbeiten die Flechterinnen ein lokales Schilfgras – jede Tasche und jeder Korb wird mit einer Etikette versehen, auf der der Name und die Lebensgeschichte der Produzentin nachzulesen ist. So bieten wir komplette Rückverfolgbarkeit. Dank Website, Suchmaschinenoptimierung und Facebook-Seite finden wir Kunden rund um den Globus. Einer unserer grössten Kunden ist eine Boutique in Tokio.

Eine Tasche kostet rund 65 Dollar. Wie viel davon bleibt bei den Produzentinnen? Der Transport nach Japan dürfte teuer sein.

Die Flechterinnen erhalten rund 30 Prozent des Verkaufspreises – und damit 2,5-mal mehr, als wenn sie die Produkte selber auf

30 Prozent des Verkaufspreises geht direkt an die Produzentinnen.

30 Prozent des Verkaufspreises geht direkt an die Produzentinnen.

lokalen Märkten absetzen würden. Durch diese Einnahmen verändert sich viel im Leben der Frauen. Normalerweise ist die Rollenteilung in Tansania ja so, dass die Frauen arbeiten und die Männer abends beim Trinken das Geld ausgeben. Die Mütter, die für uns arbeiten, gehen sehr verantwortungsvoll mit dem Geld um, legen es in lokalen Spargruppen an, bezahlen damit Schulgebühren für die Kinder, beschäftigen Hilfskräfte als Erntehelfer oder investieren es in eine eigene Hühnerfarm oder die Anschaffung von Milchkühen. So gelingt vielen der Schritt aus der Armut und Abhängigkeit.

Sie leiten das Unternehmen mit der Initiantin und beschäftigen eine lokale Mitarbeiterin. Können Sie sich angemessene Löhne zahlen?

Wir waren sehr schnell profitabel. Leben kann ich noch nicht davon, aber das ist unser Ziel – nur so kann unser Projekt längerfristig bestehen. Gegenwärtig bin ich hier auf die Unterstützung meiner Verlobten angewiesen, einer Amerikanerin, die im Bereich Public Health tätig ist. Für mich stand in diesen ersten zwei Jahren nicht das Einkommen im Vordergrund, sondern die Etablierung eines Geschäftsmodells, das das Potenzial hat, die Lebensumstände der Bevölkerung hier dauerhaft zu verbessern. Und ich habe unglaublich viel gelernt: In der Schweiz würde ich mich über verspätete Züge nerven oder meine Versicherungen optimieren, hier erlebe ich jeden Tag einen Kampf um Grundlegendes – alles ist extrem emotional, eine Achterbahnfahrt zwischen Frust und Freude, ein Ringen am Rand der Überforderung. Mal verhandle ich am Hafen mit korrupten Beamten um die Verfrachtung der Taschen, mal drehe ich Filme, bilde mich in Suchmaschinenoptimierung weiter oder tausche mich mit den Flechterinnen aus. Und Anfang dieser Woche haben wir das grösste Abenteuer in Angriff genommen.

Worin besteht dieses?

Eine Crowdfunding-Kampagne mit dem Ziel, einen eigenen Webshop aufzubauen und so unabhängig zu werden vom Zwischenhandel. Wir wollen innert Monatsfrist 32’000 Dollar aufnehmen, um das Geschäft selbsttragend und skalierbar zu machen. Mit dem Geld wollen wir 100 zusätzliche Flechterinnen rekrutieren und ausbilden, ihnen gute Arbeitsplätze anbieten, ein Logistikzentrum in Deutschland einrichten, wo die Produkte zentral gelagert und von wo aus sie nach Bestellungseingang automatisiert verschickt werden. Mit diesem Schritt werden wir den Wandel von einem Entwicklungsprojekt zu einem Unternehmen mit sozialer Ausrichtung vollziehen. Es geht um viel mehr als ein Geschäftsmodell. Vikapu Bomba heisst auf deutsch „Fantastische Körbe“. Was das Projekt so kraftvoll macht für mich und alle Beteiligten, ist der enorme Einfluss auf die Lebensqualität der Flechterinnen. Hier können unsere Kunden etwas bewegen, ohne als Wohltäter aufzutreten oder Abhängigkeiten zu erzeugen.

Kontakt und Information:

contact@vikapubomba.com oder www.vikapubomba.com

« Zur Übersicht

2 Kommentare zu “Wie ein Berner Weltenbummler Tansania mit Tokio ins Geschäft brachte”

  1. Mirko Babic sagt:

    Möge es so noch viele solche Projekte geben, super ich freue mich was Herr Litscher für diese Menschen tut! Auf viele Jahre noch.

  2. albert.kaelin@bluewin.ch sagt:

    wieder einmal etwas Handfestes, bravo weiter so !