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«Wir werden zu Maschinen»

Mathias Morgenthaler am Samstag den 9. Mai 2015
Joel Luc Cachelin, Ökonom und Berater. Foto: Valérie Chételat

Joel Luc Cachelin, Ökonom und Berater. Foto: Valérie Chételat

«Wenn die messbare Leistung eines Mitarbeiters das einzige Kriterium bei der Verteilung der Arbeit ist, gefährdet dies das soziale Leben in den Unternehmen», sagt Joël Luc Cachelin. Der Berner Berater und Trendforscher untersucht in seinem neuen Buch «Offliner» die Auswirkungen der Digitalisierung auf die Arbeitswelt und Gesellschaft. Er warnt vor den Gefahren der Übereffizienz.

Interview: Mathias Morgenthaler

Herr Cachelin, Sie beschäftigen sich in Ihrem neuen Buch mit dem «Megatrend der Digitalisierung» und beschreiben die «Offliner» als eine Art Gegenkultur. Wer sind diese Offliner?

JOËL LUC CACHELIN: Ich meine mit Offliner nicht Menschen, die kein Internet nutzen – sondern die Opfer und Skeptiker der Digitalisierung, welche die digitale Zukunft mitgestalten wollen. Das Internet bringt ähnliche Umwälzungen mit sich wie die industrielle Revolution. Die Utopien und neuen Machtzentren aus dem Silicon Valley führen zu Unsicherheit und dem Wunsch nach Alternativen.

Sie beschreiben im Buch 16 Typen von Offlinern. Hat die Digitalisierung so viele Gegner?

Es gibt ein weit verbreitetes Unbehagen gegen jene Konzerne, welche die Digitalisierung aller Lebensbereiche vorantreiben. Manche Offliner bauen selber Gemüse an auf ihren Hausdächern und Balkonen, andere bezahlen wieder mit Bargeld statt Kreditkarte, manche verbannen das Smartphone beim Essen vom Tisch, andere kaufen Bücher in der lokalen Buchhandlung statt eBooks bei Amazon, wieder andere verschlüsseln ihre Mails und schützen sich davor, dass ihre Seitenbesuche im Internet aufgezeichnet werden. Und in der Arbeitswelt werden die Stimmen lauter, welche sich mehr persönliche Treffen statt Videokonferenzen wünschen und die Dauer­erreichbarkeit per Mail als Plage sehen. Das ist noch keine geeinte Gegenkultur, aber es sind zarte Pflänzchen, aus denen eine Gegenbewegung entstehen könnte.

Teilen Sie das Unbehagen dieser Offliner? Sie sitzen hier mit einem neuen MacBook und dem neusten iPhone.

Ja, ich teile das Unbehagen. Aber ich will auch an der digitalen Gesellschaft teilhaben und diese aktiv mitgestalten. Ein mächtiger Motor der Digitalisierung ist die Sehnsucht nach einem einfachen und intensiven Leben. Diesen Verführungen und Versprechen erliege auch ich. Noch habe ich einen Schlüsselbund, ein Portemonnaie und diverse Ausweise wie das GA in meiner Tasche. Da ich immer wieder etwas davon verliere, freue ich mich darauf, dass diese Dinge bald digitalisiert sein werden. Auch die digitale Vernetzung ist fantastisch. Wenn ich als Fremder in einer Stadt bin, informiert mich eine App darüber, wo es Menschen gibt, die meine Hobbys, Interessen oder sexuellen Präferenzen teilen. Und meine digitalen Assistenten wissen auch, in welcher Bar oder in welchem Hotel ich mich wohlfühle.

Das schaltet den Zufall aus und die Möglichkeit, etwas Überraschendes zu entdecken.

Eine digitale Gesellschaft hat nicht nur Vorteile, sie schafft auch Knappheiten – materielle und immaterielle. Zu den immateriellen Knappheiten gehören Dinge wie Privatsphäre, soziale Mobilität, Stille, Gemeinschaft und eben der Zufall. Je mehr ich auf die Privatsphäre verzichte und meine Daten zur Verfügung stelle, versorgt mich die datenbasierte Wirtschaft mit personalisierten Konsum-, Freizeit- und Job-Angeboten. Ich bleibe aber stärker als zuvor im meinem sozialen Milieu, wenn ich verreise, arbeite, ausgehe, flirte. Wir werden unsere Vergangenheit nicht mehr los, sie wird uns permanent als Zukunftsoption vorgeschlagen. Man ist gewissermassen in sich selbst gefangen.

Knapp dürfte auch die Arbeit werden. Die Digitalisierung macht den Menschen bei einfachen Tätigkeiten überflüssig.

Das ist so. Immer mehr Arbeit wird an Maschinen delegiert. Roboter, Automaten und Drohnen sind schneller, leistungsfähiger und billiger als der Mensch. Algorithmen werden in Zukunft noch stärker die Wissensarbeit verändern. Bei repetitiven Tätigkeiten wird der Mensch mehr und mehr ersetzt, seltene kognitive, emotionale, künstlerische oder handwerkliche Kompetenzen dagegen sind weiterhin gefragt. Jobs mit mittlerem Anspruchsniveau, etwa Sachbearbeiter, geraten am meisten unter Druck. Und je weniger Arbeit es gibt, desto dringlicher wird die Frage der Verteilung. Wir müssen uns mit der Frage beschäftigen, wie eine Gesellschaft aussehen könnte, in der es nicht für alle bezahlte Arbeit gibt.

Ist das ein Plädoyer für ein bedingungsloses Grundeinkommens?

Ja. Langfristig ist das Grundeinkommen vielleicht die einzige Möglichkeit, um eine sichere Gesellschaft aufrecht zu erhalten, an der alle teilhaben können. Jedoch würde ich das Grundeinkommen nicht bedingungslos verteilen, sondern eine gesellschaftliche Aufgabe damit verknüpfen. Alle die ein Grundeinkommen beziehen, sollen einen Beitrag für die Gesellschaft erbringen. Dieser Beitrag kann durch Forstwirtschaft, Reinigung von öffentlichen Plätzen, Lawinenschutz, Alterspflege oder der Organisation von Spielen in der Nachbarschaft bestehen.

Schafft die Digitalisierung nicht auch viele neue Jobs?

Doch, zweifellos. In den Bereichen Recycling, digitale Sicherheit oder New Management zum Beispiel entstehen neue Berufsbilder und Profilierungschancen für den Standort Schweiz. Auch die Offliner schaffen viele neue Märkte, etwa im Bereich des Datenschutzes, der digitalen Nachhaltigkeit oder der Regeneration von der digitalen Gesellschaft.

Konkreter: Welche Berufsleute werden in 5 Jahren umworben sein?

In den Bereichen Robotik, Software, Gaming, Datenanalyse und -visualisierung wird die Nachfrage gross sein. Auch gutes Handwerk, Kunst und Wissenschaft werden wichtige Bereiche sein, dazu jener Teil des Gesundheits- und Wellnessmarkts, der nicht digitalisiert werden kann: Pflege, Betreuung und Therapie. Schliesslich dürfte auch der Coaching- und Beratungsmarkt weiter wachsen. Identität und Selbstreflexion sind zentrale Kompetenzen in der durch die Digitalisierung verstärkten Multioptionsgesellschaft.

Wie verändert die Digitalisierung die Arbeitswelt?

Die Arbeitswelt der Zukunft ist durch Mensch-Maschinen-Symbiosen, Hypervernetzung, eine veränderte Führungskultur und digitale Diversität geprägt. Unternehmen arbeiten für Projekte verstärkt mit global verteilten Talenten zusammen, anstatt langfristige Arbeitsverträge einzugehen. Wie bei der Online-Partnervermittlung wird ein massgeblicher Teil der Suche nach diesen Talenten an Computer delegiert.

Der Mensch wird zum Wirtschaftsfaktor degradiert.

Die Wirtschaft versucht noch effizienter zu werden. Innovative Geschäftsmodelle gefährden ganze Branchen – Facebook bedrängt die Zeitungen, Uber die Taxibranche, Airbnb die Hotellerie, Google und Facebook die Banken. Arbeit wird nach messbaren Kriterien vergeben. Angestellt und gefördert wird, wer den grössten Beitrag zur Wertschöpfung liefert und am besten vernetzt ist. Eine weitere Steigerung der Effizienz bringt aber die Gefahr der Übereffizienz mit sich.

Was verstehen Sie darunter?

Wenn die messbare Leistung eines Mitarbeiters das einzige Kriterium bei der Verteilung der Arbeit ist, gefährdet dies das soziale Leben, den Zusammenhalt, die informellen Netzwerke und die Vielfalt in den Unternehmen. Was für die Firmen gilt, trifft auch auf die ganze Gesellschaft zu. Ökonomisierung und Übereffizienz bergen sozialen Sprengstoff. Wir sind dann zwar hypereffizient, aber es herrscht ein starker Wettbewerb, in dem wir zu Maschinen werden, die sehr ähnlich funktionieren. Und es wird nicht mehr für alle Arbeit geben.

Sie entwerfen im Buch sogar das Szenario, dass die Offliner zu Cyberterroristen werden und die Infrastruktur der Digitalisierungstreiber lahmlegen.

Wenn es den Digitalisierungstreibern nicht gelingt, die Gegner und Skeptiker einzubinden, droht ein globales Chaos. Diese Gefahr verstärkt sich, wenn die Ressourcen knapp werden, die für das Weitertreiben der Digitalisierung, also für Infrastruktur, Server und Hardware benötigt werden. Die Schlüsselfrage ist, wie die Digitalisierung in den nächsten Jahren vorangetrieben wird. Ob wir alle am Design unserer Zukunft mitwirken oder ob einige Digitalisierungstreiber alleine die Spielregeln und die Zukunft bestimmen. Deswegen ist es wichtig, dass sich die verschiedenen Offliner mit ihren unterschiedlichen Motiven stärker zusammenschliessen und via Politik, aber auch mit unternehmerischen Initiativen auf die digitale Zukunft einwirken.

Das Buch: Joël Luc Cachelin: Offliner. Die Gegenkultur der Digitalisierung. Stämpfli Verlag, Bern 2015.

Kontakt: www.wissensfabrik.ch

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9 Kommentare zu “«Wir werden zu Maschinen»”

  1. Hans Hintermeier sagt:

    Sehr guter Artikel! Eine weitere Herausforderung wird sein, dass die Menschen in der Zukunft “Sinn aus sich selbst heraus” generieren müssen, wenn die Identität über die Arbeit wegfällt. Dann ist der Mensch auf sich selbst zurückgeworfen. Was macht man/frau mit so viel Zeit! Dies wird besonders für die CH eine grosse Herausforderung. Da nicht alle für sich selbst Sinn generieren können, werden wieder viele auf die soziale Gemeinschaft/Zusammenhalt angewiesen sein. Ich denke, dies wird dann auch zu einem humanen/sozialen Evolutionssprung führen müssen. Oder Worst Case, wie im Buch 1984 beschrieben, zu einem künstlichen Krieg zweier grosser Reiche führen, nur um das Erwirtschaftete immer wieder vernichten zu können, damit alle beschäftigt sind/und es auch bleiben (inkl. Mindmanipulation & Neusprech). Auch darf es mit dem Grundeinkommen keine neue Sklaverei geben, indem man Leistungen an Arbeit (wie z.B. Strassenwischen) knüpft. Dann hätten wir wirklich wieder eine 2 Klassengesellschaft: Die Habenden (oft über Generationen vererbt, also nicht erarbeitet) und ihr Dienstpersonal (Workfare). Deshalb darf das Grundeinkommen nicht von den Neoliberalen installiert werden, sondern es muss ein bedingungsloses sein.

  2. Geert Bernaerts sagt:

    Wenn das Grundeinkommen nicht bedingungslos ist, kann man es gleich bleiben lassen. Dann ist es normale Arbeit, und es ändert sich dabei rein gar nichts.

  3. Ronnie König sagt:

    Nun, da kommt etwas auf uns zu ohne, dass man wirklich vorbereitet ist! Die Ethik ist das eine für viele, aber das andere und veraltete ist doch, dass wir bei der Erziehung so etwas wie eine Arbeitsmoral und gesellschaftlichen Druck zur traditionellen Arbeit mit bekommen. Wir denken als gestern gesellschaftlich, aber entwickeln die Arbeit von morgen. Und, ob die Maschinen dazu noch ein gewisses Eigenleben programmiert bekommen, das wissen wir noch nicht, es ist jedoch möglich. Das könnte zu einem Konflikt zwischen Technik und Mensch führen. Weiter der Konflikt zwischen jenen die gestalten und denen die mitmachen (müssen). Um das Modell des Konsums, Produktion, Verteilung weiter zu pflegen, da brauchts ein Grundeinkommen. Und es braucht auch die bedingungslose Verteilung von Grundservice. Dies ist die kommende Welt der entwickelten reichen Staaten. Nun dürfen wir uns mit dem Gedanken befassen, was dies für den Rest bedeutet, der nicht über diese Resourcen verfügt. Da äussert sich keiner dieser Geister, hat null Vorstellung. Es sind aber 70% der Menschen auf diesem Planeten. Auch keiner sagt etwas zum Thema wem die Rohstoffe gehören, abbaut, die Gewinne daraus etc. und wie sich das Thema Migration entwickelt. Technik und Migration wachsen parallel, sowie Klimaveränderung, Verteilung der Güter. Ziemlich komplex, wenn man die Gedanken oben verfeinert und weiter spinnt.

  4. Gerd Fehlbaum...... sagt:

    Solange wir die Natur schädigen, Resourcen verschwenden, die zur Neige gehen, Hungersnöte haben und Kriege…, besteht noch Hoffnung! Nicht, dass all dies POSITIV wäre, aber die Hoffnung, dass man einen menschlicheren Weg findet, besteht noch. DER DRUCK IST DA!
    Hoffnungslos “verfahren” haben wir Menschen uns, wenn unsere sogenannte Moderne “ökologisch” wird, wenn wir eine Form von freier Energie finden, alle satt werden und keine Kriege mehr passieren. Wer sich eine derartige Moderne wünscht, denkt wahrlich nicht tief. Kulturen und freie Menschen wären ausgestorben. Die Erdbevölkerung würde in unerträgliche Grösse ansteigen. Freie Energie würde uns endgültig zu Maschinensklaven erniedrigen. Nur absoluter Totalitarismus kann Kriegen ein Ende setzen. Wollen wir das? Wir haben bereits die “freie Information”. Und werden zunehmend verwirrter dabei. Von Weisheit keine Spur!
    Wenn man die Probleme, die sich aus einem falschen Leben ergeben, löst, heisst das noch lange nicht, dass das Leben jetzt richtig ist!

  5. paul b. sagt:

    @Geert Bernaerts, einverstanden. Deshalb kann man den Versuch ‘bedingungsloses Grundeinkommen’ auch grad sein lassen. Wenn man sieht, wie der politische Mainstream heute den Sozialhilfebezügern (jedoch ohne Bauern und Hoteliers) in den Einkaufssack schaut, dann kann man sich vorstellen, wie ‘bedingungslos’ ein solches Grundeinkommen wäre…

  6. Hans Kohler sagt:

    Ich unterstütze die Idee der bedingungslosen Einkommens, sofern es wirklich bedingungslos bleibt. Damit bietet für viele Leute der Wechsel aus einer drögen Erwerbsarbeit an, um einen Einstieg in eine sinnvolle und angestrebte Tätigkeit zu vollziehen. Und deren Angebot und Nachfrage wird die Preisstrukturen und die Wertschätzung nachhaltig ändern.
    Als begleitende Massnahme würde aber auch der Wechsel von einer profitorientierten Gesellschaft in eine ressourcenbasierende Ökonomie angestrebt werden müssen.
    Dennoch wird der Apell an die Vernunft nur wenig Echo oder Begeisterung finden, denn das alte ‘erfolgreiche’ Businessmodell werden die eingesessenen Eliten kaum freiwillig abgeben. Solange, bis wir am endgültigen Ende unserer Möglichkeiten angelangt sind, und keine Alternativen ausser immer ausgedehnteren Ressourcen-Kriegen mehr übrig sind. Und daran werden sie wieder verdienen …

  7. Geert Bernaerts sagt:

    @paul b: Ja, das sehe ich leider genauso.

  8. kurt sagt:

    Alles voellig ueberbewertet. Wenn man sich rumhoert hat man den eindruck google und co. waeren bereits in der lage menschengleiche roboter zu liefern. Dabei braeuchte es eben gerade dafuer algorithmen die mit unschaerfe umgehen koennten – und noch vielem mehr. Neuronale netze etc. – alle konnten das versprechen nicht halten. Das einzige wofuer man das zeugs brauchen kann ist fuer hochstrukturierte ablaeufe. Sobald die unschaerfe zunimmt sind diese apparaturen nach wie vor vollends ueberfordert. Die sind schon froh, wenn mal ein wort erkannt wird wenn hintergrunggeraeusche da sind beim sprachsynthesizer. Da gaukeln sie uns vor schon morgen kommt der blecherne menschenersatz. Alles lug und betrug. Was der mensch so nebenher erledigt, da krepiert die maschine immer wieder. Nein, vergesst es. Diese vorgegaukelte welt kommt nicht. Nicht mit dem heutig verfuegbaren wissen. Nur wenn sich folgendes aendert besteht die chance: neue mathematik, erweiterung des binaersystems, komplett neue algorithmik, ganz neue art der parallelverarbeitung etc. Vergesst es, das werden wir in diesem, naechsten und uebernaechsten leben nicht erleben.

  9. will williamson sagt:

    “Der Mensch wird zum Wirtschaftsfaktor degradiert.”
    Dazu ist er schon vor langer Zeit degradiert worden. Eigentlich schon in der Bibel, wo Adam das Paradies verspielt hat und ihm gesagt wurde, er müsse das Brot in Zukunft im Schweisse seines Angesichts essen. Womit ja nicht gemeint war, dass man beim Essen schwitzen soll.

    Ein altgriechischer Philosoph (welcher ist mir entfallen) hat die Sklaverei als unmoralisch eingestuft und gemeint, es wäre gut, wenn man die Sklaven durch Maschinen ersetzen könnte. Was man dann mit den Sklaven macht und womit sich diese ernähren sollen, darüber hat er sich nicht mehr geäussert. Diese Frage stellt sich auch heute wieder. Es wird ja auch schon an Robotern für die Alten- und Behindertenpflege gearbeitet. Die für die Waldpflege werden vielleicht bald folgen. Also wird es auch für diese “gesellschaftlichen” Aufgaben weniger Leute brauchen. Da stellt sich dann die Frage: Bedingungsloses Grundeinkommen oder die Leute verhungern lassen?