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Wir brauchen mehr Schulversager

Mathias Morgenthaler am Samstag den 4. April 2015
Alles richtig ist auf Dauer vielleicht nicht gut genug. Foto: Colourbox

Alles richtig ist auf Dauer vielleicht nicht gut genug. Foto: Colourbox

Was wünschen sich Eltern für ihre Kinder? Gute Schulnoten, eine anerkannte Ausbildung, einen sicheren Job. Das sind Strategien für die Arbeitswelt von gestern. In Zukunft brauchen wir mehr Musterbrecher als Musterschüler, mehr unternehmerisch agierende Berufsleute als Manager und Funktionäre. Aber wo lernt man, seiner Berufung zu folgen?

Mathias Morgenthaler

Was haben Swatch-Miterfinder Elmar Mock, Milliardär und Mäzen Hansjörg Wyss, Bergsteiger-Legende Reinhold Messner, Microsoft-Gründer Bill Gates und Bestseller-Autor Paulo Coelho gemeinsam? Sie alle sind sehr erfolgreiche Unternehmer. Und sie sind alle Schulversager. Die Liste lässt sich fast beliebig verlängern: Switcher-Gründer und Nachhaltigkeits-Pionier Robin Cornelius? Fünf Mal von der Schule geflogen und danach auch im Internat kaum zu bändigen. Kommunikations-Professor Friedemann Schulz von Thun? Seine Modelle sind zum Schulstoff geworden, er selber musste eine Klasse wiederholen, erhielt schlechte Noten und empfand die Schule als eine einzige Qual. Fondation-Beyeler-Direktor Sam Keller? Ein Studienabbrecher, der auf dem Bau und in Bars gejobbt hat und lange als das schwarze Schaf in seiner Familie galt.

Tückischer Karrieresog

Ich habe in den letzten 18 Jahren mit rund tausend Menschen über ihre Berufsbiografie gesprochen. Sehr viele dieser Interviewpartner haben mir davon berichtet, dass sie Jahrzehnte brauchten, um sich von den Erwartungen des Elternhauses und der Schule zu emanzipieren und einen Beruf zu finden, in dem sie ihre individuellen Talente einbringen können. Oft haben sie sich diesen Beruf selber geschaffen, weil die besten Stellen niemals ausgeschrieben sind. Viele der Interviewpartner, speziell die Musterschüler, durchliefen davor einen Anpassungsprozess, was ihnen erst gute Noten und später gut dotierte Jobs und Beförderungen eingebracht hat.

Für die meisten war es allerdings auch ein Prozess der Entfremdung, der Selbstverleugnung. «Ich wusste alles über Marketing, aber nichts über mich selber», resümierte einer der Interviewpartner, der nach steiler Karriere in einem US-Konzern ausgestiegen war. Ein anderer Senkrechtstarter bilanzierte: «Ich war recht naiv in diesen Karrieresog geraten, stieg aufgrund meiner Leistungsbereitschaft und Anpassungsfähigkeit in die Wirtschaftselite auf und merkte, dass permanent gegen meine Werte verstiess.» Und ein Dritter kam zum Schluss: «Als ich ganz oben auf der Karriereleiter angekommen war, spürte ich zunächst eine grosse Leere. Dann beschlich mich der Verdacht, dass ich die Leiter ans falsche Haus gestellt hatte.»

Die Suche nach der Berufung

Was hat das zu bedeuten, wenn Schulversager als Unternehmer durchstarten und Musterschüler in einen Karrieresog geraten, der früher oder später in die Identitätskrise führt? Und wo lernen wir eigentlich, unsere Interessen und Talente mit der Realität auf dem Arbeitsmarkt in Einklang zu bringen und einen Beruf zu finden, in dem wir etwas bewegen können? Wo lernen wir, Unternehmer in eigener Sache zu werden, selbst gesteckte Ziele statt fremde Vorgaben zu verfolgen? Und wer bringt uns bei, worauf es bei beruflicher Neuorientierung ankommt, wie man in Kontakt kommt mit der viel zitierten inneren Stimme, wie man Veränderungen gestaltet statt erleidet?

Natürlich soll hier nicht zum Schulboykott und zur Lernverweigerung aufgerufen werden. Bildung wird mit Recht als wichtigster Rohstoff der Schweiz bezeichnet, viele Jobs sind nicht auszuüben ohne gut gefüllten Qualifikationsrucksack. Entscheidend scheint mir aber, dass wir ob all dem Kompetenz- und Fähigkeitserwerb die noch wichtigere Frage nicht aus den Augen verlieren, wo wir in unserem Element sind und was wir bewegen wollen, kurz: welches unsere Berufung ist.

Die Barrieren im Kopf

Wenn von zehn Berufstätigen nur zwei mit Herzblut am Werk sind, während die anderen Dienst nach Vorschrift leisten oder gar innerlich gekündigt haben, spricht das für ein weit verbreitetes Unbehagen in der auf Wachstum, Rationalisierung und Spezialisierung ausgerichteten Arbeitswelt. Viele Berufstätige empfinden sich als Rädchen in einem grossen Getriebe, sie sehen kein Resultat mehr ihres Tuns und finden keine Antwort auf die Frage, welchem übergeordneten Zweck ihre Arbeit eigentlich dient. Sie sind etwas geworden gegen ihren Willen, Resignation vermischt sich mit der bange Frage «War das jetzt alles?», die sich ab der Lebensmitte dringlicher stellt als zu Beginn der Karriere.

Das ist der Moment, in dem man sich entweder festklammern kann an der erklommenen Sprosse der Karriereleiter – oder sich noch einmal grundlegend fragt, mit welchen Träumen, Talenten und Ideen man einst angetreten ist und was da noch schlummert, das nach Verwirklichung ruft. Unsere Arbeitswelt ist durchlässiger geworden für Aus- und Umstiege, vieles ist möglich, wenn da nicht die eigenen Glaubenssätze wären und die Barrieren im Kopf, die dazu führen, dass wir lieber im bekannten Unglück verharren als uns auf den Weg machen zum unbekannten Glück.

Karriere ist keine Einbahnstrasse

Karriere zu machen bedeutet manchmal auch, etwas Gewohntes loszulassen, den Kompass neu auszurichten, Risiken einzugehen, Verwirrung in Kauf zu nehmen. Die meisten Aus- und Umsteiger berichten von Zweifeln und Rückschlägen, weil tiefgreifende Veränderungen nie linear ablaufen, sondern eher in Spiralen, die uns glauben machen, wir träten an Ort. Erschwerend kommt hinzu, dass sich die Veränderungsprozesse zu Beginn weder steuern noch planen lassen, dass sie deshalb keine Kopfsache sind, sondern in erster Linie Offenheit und Mut verlangen. Wer seiner Berufung näher kommen möchte, setzt deshalb am Anfang besser andere Prioritäten als Stellenanzeigen und Weiterbildungsangebote zu studieren. Wichtiger sind so rare Dinge wie unverplante Zeit, gute Gesprächspartner und Inspiration – sie erlauben uns, in Kontakt zu kommen mit jenen Kräften, die im Unterbewusstsein wirken und über unsere psychische und körperliche Gesundheit mitentscheiden.

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