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«Als würden sich Kühe freiwillig für Betonböden entscheiden»

Mathias Morgenthaler am Samstag den 3. Januar 2015
Martin Cordsmeier, Gründer der Stiftung millionways.

Martin Cordsmeier, Gründer der Stiftung millionways.

Menschen fahren am Morgen in Büros, mühen sich dort ab und kehren am Abend erschöpft nach Hause zurück. So sah Martin Cordsmeier als Kind die Arbeitswelt. Ihm war klar, dass er damit nichts zu tun haben wollte. Auf der Suche nach Alternativen entwickelte der Hamburger das Projekt «Millionways»: Menschen sollen sich nicht in Jobprofile einpassen, sondern gemäss ihren Talenten vernetzen.

Interview:
Mathias Morgenthaler

Herr Cordsmeier, wenn man Ihre Biografie studiert, hat man das Gefühl, Sie hätten sich gar nie für einen Beruf entschieden. Trifft das zu?

MARTIN CORDSMEIER: Ja, das hat was. Mir war das immer unverständlich, wie Menschen Tag für Tag in ein Büro fahren und sich dort ärgern. Meine Eltern haben beide als Beamte gearbeitet, ich verstand als Kind nicht, was sie bei der Arbeit machen. Spürbar war allerdings die Beklemmung, die von dieser Tätigkeit ausging. Ich fragte mich, warum sich die Menschen eine Gesellschaft gebaut haben, die ihnen nicht entspricht, die so wenig menschlich ist. Am Morgen in triste Büros fahren, abends wieder zurück. Das ist, als würden sich Kühe freiwillig für Betonböden entscheiden. Kühe leben aber auf saftigen Wiesen – ich fand, die hatten es besser als die Menschen in ihren Büros.

Ihr wichtigster Vorsatz war also, nie so ein Büro zu betreten?

So konkret war das nicht, ich hatte einfach dieses Fremdheitsgefühl, vielleicht hat es damit zu tun, dass ich adoptiert bin. Jedenfalls fühlte ich mich ein wenig wie ein Alien, in einer mir unverständlichen Welt. Soweit ich zurückdenken kann, hat mich immer nur Journalismus interessiert. Schon als Kind produzierte ich wöchentlich eine Zeitung – ich hatte viel Freude daran und sehr wenig Publikum.

Wie haben Sie später Ihren Lebensunterhalt verdient?

Weil ich nicht in ein Unternehmen wollte, begann ich mit Heimarbeit. Das war in meinen Augen eine wunderbare Alternative – mit netten Menschen zusammensitzen, Tee trinken, diskutieren und nebenher Kartons falten oder andere Dinge erledigen. Meine Freundin und ich waren ein gutes Team. Sie holte mit viel Charme die Aufträge herein, ich richtete eine Website ein und eine kostenlose Telefonnummer, die täglich 24 Stunden in Betrieb war. Rasch erhielten wir sehr viele Aufträge, vor allem von Druckereien, und konnten zusätzliche Leute beschäftigen, Alleinerziehende, Kranke, Obdachlose. Alle verdienten sie bei uns rund 10 Euro pro Stunde, was ganz gut ist für einen Nebenjob.

So wurden Sie zum Unternehmer?

Das war nie mein Ziel, aber ich wuchs da hinein, ja. Mein Hauptanliegen war immer, mit anderen Menschen zu reden, ihre Geschichten und ihre Beweggründe zu verstehen. Oft waren es Bedürftige und Randständige, die mir beim Arbeiten erzählten, wie sie aus dem System gefallen waren: Prostituierte, Obdachlose, psychisch Kranke und Menschen, welche die meiste Zeit im Gefängnis gelebt hatten. Ich verstand nicht, warum ihre Begabungen in der Arbeitswelt nicht gefragt waren; und warum das Heimarbeitgeschäft, das sie mit mir betrieben, immer besser lief. 2006 gewannen wir einen grossen Elektronikkonzern als Kunden. Ich erinnere mich noch gut, wie ich im T-Shirt beim Manager sass, der das Logistikgeschäft für ganz Europa unter sich hatte, und mich wunderte, wie weit ich mit meiner Naivität gekommen war.

Machten Sie das alles weiterhin von zu Hause aus?

Nein, wir hatten inzwischen Lagerhallen in Hamburg und Bayern und 25 Mitarbeiter. Im Jahr 2007 verdienten wir eine schöne sechsstellige Summe. Dann kam der Einbruch 2008, die Unternehmen sparten und vergaben keine externen Aufträge mehr, wir sassen auf unserer Ware und auf Rechnungen, die nicht beglichen wurden. In kurzer Zeit flog mir mein Projekt um die Ohren, ich hatte plötzlich einen Haufen Schulden und lebte von 50 Euro im Monat, alles inklusive.

Wie haben Sie sich aufgefangen?

Das Schlimmste war, dass durch mein Scheitern andere ihren Job verloren hatten, den sie so dringend gebraucht hätten. Ich hatte das Gefühl, diese Menschen im Stich gelassen, mein Wort gebrochen zu haben. Und natürlich war es eine brutale Bauchlandung auch für mich, von der Euphorie direkt in die totale Niedergeschlagenheit. Ein paar Wochen lang war ich sehr apathisch, dann versuchte ich, mich aufzurappeln und aus den Fehlern zu lernen. In dieser Zeit tauchte erstmals der Begriff «Millionways» in meinem Kopf auf und mit ihm die Idee, dafür zu sorgen, dass Menschen gemäss ihren Talenten arbeiten können. Das ist der Vorteil an Krisen: Man hat viel Zeit zum Nachdenken und Träumen.

Wie haben Sie Ihren Lebensunterhalt verdient?

Mit neuen Heimarbeitaufträgen. 2009 probierte ich dann die Zeitarbeit bei einem Personalvermittler aus. Kurz gesagt: Es war schlimmer als befürchtet. Bei jedem Vorstellungsgespräch musste ich eine Kunstfigur spielen. Es ist doch absurd, wenn man in Bewerbungstrainings lernt, sich zu verleugnen und fremden Erwartungen zu entsprechen! Ehrlicherweise müsste man es nicht Vorstellungsgespräch nennen, sondern Verstellungsgespräch. Die Erfahrungen in der Temporärbranche bestärkten mich darin, das Projekt «Millionways» voranzutreiben. Ich wollte eine neutrale Organisation schaffen, die sehr viele Menschen vorurteilsfrei kennen lernt und dann jene miteinander vernetzt, die gemeinsam ein Projekt realisieren können.

Woher hatten Sie das Geld, um eine Stiftung und eine AG zu gründen?

Ich hatte schon in jungen Jahren Frank Otto kennen gelernt, den zweitältesten Sohn von Werner Otto, dem Gründer des Otto-Versands. Frank Otto hatte selber verschiedenste Ausbildungen und Berufe durchlaufen und war sofort Feuer und Flamme für meine Idee. Dank seiner Unterstützung wurde aus der Idee ein Projekt und dann ein Unternehmen. Die gemeinnützige Stiftung Millionways führt Interviews mit Menschen, ergründet ihre Leidenschaften und Fähigkeiten und vernetzt sie so gut wie möglich. Manch ein Künstler könnte gut von seinem Beruf leben, wenn er einen Betriebswirtschafter zur Seite hätte. Und manch ein Betriebswirtschafter würde gerne etwas anderes machen als ein Rädchen im Getriebe eines Konzerns sein, dessen Werte und Ziele er nicht kennt.

Wozu die Aktiengesellschaft?

Wenn durch die Vernetzung von Menschen Projekte entstehen und daraus Unternehmen, kann sich die Aktiengesellschaft Millionways beteiligen und mithelfen, dass die Ideen Hand und Fuss bekommen – nicht nur durch Geld, sondern auch durch Vermittlung eines starken Vertriebspartners. Die AG gehört zu 100 Prozent der Stiftung, alle Gewinne werden zur Finanzierung weiterer Interviews oder sozialer Projekte verwendet. Das Hauptziel ist, die Menschen zu inspirieren und zu ermutigen. Es kann ja nicht das Ziel sein, dass wir alle mit besonderen Gaben, Talenten und Leidenschaften zur Welt kommen und uns im Verlauf des Lebens so stark anpassen, dass wir zwar nirgends mehr anecken, aber auch nichts Persönliches in die Welt bringen.

Kontakt und Information:

www.millionways.org oder Tel. 0049 (0)40 20 93 222 0

Teil 2 des Interviews in einer Woche an dieser Stelle.

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6 Kommentare zu “«Als würden sich Kühe freiwillig für Betonböden entscheiden»”

  1. Kostyak sagt:

    Wieder jemand, der sehr realitätsfremd die Arbeitswelt betrachtet. Oder muss die Arbeit immer Spass machen? Falls nicht, sollte man alles hinschmeissen und flüchten? Nein ich glaube nicht; ein Beispiel, ein Tauchlehrer in der schönen idyllischen Südsee muss auch mal die schweren Gasflaschen schleppen.

    Ist es wieder ein Genreration – Y Kandidat? Berater und Vermittler zu sein ohne Erfahrung ist ziemlich unglaubwürdig oder? Nein, denn er berät Generation-Y Kandidaten, die wie er nicht wissen oder nicht wissen wollen was sie möchten. Jeder braucht heute einen Berater, in unserem Beispiel hier; Unproduktitivität durch Unproduktivität vermitteln. Bravo. Solang es unserer Wirtschaft so gut geht kann man sich solchen Luxus erlauben.

  2. marie sagt:

    sympathischer junger mann. also mir gefällt seine haltung und ich würde mir wünschen, dass mehr arbeitgeber diese übernehmen würden. …ich erlaube mir einfach zu träumen 😉
    trotzdem, viel glück martin! und ich freue mich auf teil II.

  3. Simon Graber sagt:

    Eine gute Idee, aber eben:
    Einfach ärgerlich wieder mal dieses “Talent”-Gequatsche.
    Aha, nur die paar auserwählten Talente sind im 21. Jahrhundert noch gefragt auf dieser Welt!
    Die andern, die dummerweise gerade kein besonderes Talent haben, die will niemand, die haben offenbar keine Daseinsberechtigung mehr.
    Würden die Talent-Scouts mal bitte präzisieren, was denn diese 95+ % nicht talentierten Normalos in unserer Gesellschaft sollen?
    Sind die einfach Kanonenfutter, Verschleissmaterial oder was?
    Habt ihr euch das überhaupt schon mal eine Sekunde lang überlegt?
    Dieses “Talent”-Gequatsche ist schlicht menschenverachtend, hört endlich auf damit.

  4. Sabine sagt:

    Ich finds großartig und eben endlich mal nicht so theoretisch wie so viele andere Projekte. Kann daher den anderen Kommentar auch nicht verstehen, denn hier geht es ja endlich mal NICHT um Beratung, sondern um eine echte Förderung von Anfang bis Ende. Toll!! 🙂

  5. Lukas sagt:

    Ich finde auch das klingt hervorragend. Unsere Gesellschaft heute hat genug Nischen, in denen sich jeder ein Auskommen erwirtschaften kann. Im Zweifelsfall muss man diese aber auch erst schaffen, und dabei ist dieser Ansatz sicher der erfolgversprechendere. Niemand hat keine Talente.

  6. alice.good sagt:

    Alles schön und gut, aber da fehlt etwas Grundsätzliches: der Bezug zur Schweiz.
    Warum dieses Interview in einer Schweizer Zeitung? Die Firma ist in Deutschland und es wäre sehr interessant zu wissen, ob es ein Netzwerk in der Schweiz gibt oder ob Bestrebungen im Gange sind, ein solches aufzubauen.