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«Wir wollen helfen, das Feuer sofort zu löschen»

Mathias Morgenthaler am Samstag den 27. Dezember 2014
Marie-Theres-Hofmann.

Marie-Theres Hofmann.

Ruedi Josuran.

Ruedi Josuran.

Ein Drittel der erwerbstätigen Bevölkerung leidet unter Stress, viele versuchen auf eigene Faust, dagegen anzukämpfen. Nun gibt es eine niederschwellige Alternative zum Arztbesuch: Marie-Theres Hofmann und Ruedi Josuran lancieren den «Notruf Burnout». Beide haben Erfahrung mit Burnout und sagen übereinstimmend: «Ein 15-minütiges Gespräch im richtigen Moment hätte uns vieles erspart.»

Interview:
Mathias Morgenthaler

Sie haben dieser Tage eine Burnout-Hotline lanciert. Warum braucht es dieses Angebot?

RUEDI JOSURAN: Ich und viele andere Menschen haben die Erfahrung gemacht: Wenn es brennt, braucht es eine rasche Klärung. Viele Betroffene erzählen, es wäre für sie enorm wichtig gewesen, in der kritischsten Phase unkompliziert 15 Minuten mit jemandem reden zu können. Man hat in diesem Moment nicht die Energie, einen Termin beim Arzt oder einem Therapeuten zu vereinbaren – zumal diese oft auf Wochen hinaus verplant sind. Zeit ist aber ein Schlüsselfaktor. Wir wollen helfen, das Feuer sofort zu löschen oder einzudämmen. Deshalb bin ich glücklich, dass unsere Hotline mit der 118 endet, der Nummer der Feuerwehr.

Wer soll auf die Burnout-Hotline anrufen? Der Begriff wird inflationär verwendet, eine anerkannte Krankheit ist Burnout nicht.

R. JOSURAN: Burnout ist die unscharfe Beschreibung eines Prozesses, der in eine Krankheit führen kann, etwa in die Erschöpfungsdepression. Wer wochenlang unter Schlafstörungen leidet, am Morgen wegen lähmender Müdigkeit kaum aus dem Bett kommt, trotz hohem Aufwand weniger leistungsfähig ist und generell Mühe hat, die rotierenden Gedanken zur Ruhe zu bringen, tut in jedem Fall gut daran, genauer hinzuschauen und zu klären, warum die Energie verpufft.

MARIE-THERES HOFMANN: Es gibt tatsächlich eine grosse Unsicherheit in der Frage, was Burnout ist und wann man etwas unternehmen sollte. Auch deswegen ist eine niederschwellige Anlaufstelle wichtig. Eine Gefahr ist, dass sich Betroffene zurückziehen aus Scham; oder dass sie die Probleme über lange Zeit herunterspielen, Durchhalteparolen bemühen oder die Symptome falsch deuten. Für erfahrene Berater ist es in der Regel gut möglich, in kurzer Zeit die Situation zu analysieren und die nächsten Schritte zu klären.

R. JOSURAN: Wichtig ist, dass sich auch Familienangehörige informieren. Wenn eine Mutter bis zur Erschöpfung arbeitet oder sich verkriecht, kann das ganze Gleichgewicht in der Familie aus der Balance geraten. Oft drehen sich die Betroffenen im Kreis, weil sie ihre Situation nicht einschätzen können. In den letzten Wochen kamen drei Klienten zu mir ins Coaching, alle mit der Selbstdiagnose Burnout. Nach jeweils einer Viertelstunde Gespräch stellte sich heraus: In einem Fall ging es um Existenzängste und ein Sinnmanko, im zweiten Fall um einen nicht verarbeiteten Konflikt, im dritten Fall um eine gesunde Trauer nach einem Verlust, die der betreffende pathologisiert hat. Das zeigt, wie wichtig es ist, genau hinzuschauen.

Ist es nicht etwas unseriös, eine Art Kurztherapie am Telefon in Aussicht zu stellen?

M.-T. HOFMANN: Wir vermitteln nicht den Eindruck, unsere Hotline löse alle Probleme der Anrufenden. Aber für Betroffene ist es eine grosse Erleichterung, wenn sie in einem kurzen Gespräch die Situation einordnen und die nächsten Schritte definieren können. Die Ratlosigkeit und die Ungewissheit sind sehr quälend. Wir haben beide Erfahrungen mit Burnout gemacht und sind bei der Konzeption der Hotline von der Frage ausgegangen: Was hätten wir gebraucht in diesem Moment?

R. JOSURAN: Es ist doch grausam, wenn jemand Suizidgedanken hegt und drei, vier Wochen keinen Arzttermin bekommt. Ich merkte damals, dass bei mir etwas aus dem Ruder läuft, aber ich verstand nicht, was passiert und was ich tun kann. Als die Psychiaterin mir schliesslich nach 10 Minuten sagte, was mit mir los ist und dass ich da wieder herauskomme, war das ein Aha-Erlebnis für mich. Zuvor hatte ich lange gedacht, ich bilde mir womöglich etwas ein und müsse einfach kämpfen.

M.-T. HOFMANN: Unser Ziel ist es, mit rund 40 erfahrenen Beratern einen 24-Stunden-Dienst anbieten zu können. Die Hotline ist nur für die erste Kontaktaufnahme und Klärung gedacht. Die Anrufer können Termine mit den Beratern vereinbaren für eine vertiefte Auseinandersetzung. Zudem sind wir gut vernetzt mit Fachleuten, die in akuten Notsituationen beigezogen werden können.

Gemäss Seco-Studie fühlt sich jede dritte erwerbstätige Person häufig oder sehr häufig gestresst bei der Arbeit. Was läuft schief in der Arbeitswelt?

M.-T. HOFMANN: Es wird viel über die Informationstechnologie gesprochen, die uns das Abschalten erschwert. Das mag ein Faktor sein. Gravierender ist in meinen Augen, dass viele Erwerbstätige keinen Sinn erkennen können in dem, was sie täglich tun. Sie werden unter Druck gesetzt von Führungskräften, die auf der Werte- und Beziehungsebene wenig anzubieten haben. Das oberste Gebot ist die Effizienz- und Gewinnsteigerung. Wer aber dauernd leisten muss, ohne Wertschätzung zu spüren und einen Sinn darin zu sehen, brennt aus – wie ein alter Gaul, den ein Reiter mit der Peitsche pausenlos im Kreis um die Rennbahn jagt.

R. JOSURAN: Wir möchten mit der Burnout-Hotline auch mithelfen, den Erwerbstätigen die Angst vor Veränderungen zu nehmen. Man muss nicht im Bisherigen verharren, wenn es einen krank macht. Manchmal haben die wichtigsten Fragen im Alltag keinen Platz, Fragen wie: Bist du in deiner Spur? Für was schlägt dein Herz? Wie möchtest du leben? Wir bieten hier ein offenes Ohr an, stellen klärende Fragen und zeigen Perspektiven auf.

 

Kontakt und Information:

mail@notruf-burnout.ch oder 0900 000 118 (3.40 Fr./Min.)

 

Täglich von 7 bis 23 Uhr

Die Burnout-Hotline ist ein neues Angebot von BGM Forum Schweiz, eines Unternehmens mit Sitz in Zug, das auf die Beratung von Individuen und Unternehmen in Gesundheitsfragen spezialisiert ist. Die Hotline ist vorläufig zwischen 7 und 23 Uhr offen, mittelfristig ist ein Ausbau auf einen 24-Stunden-Betrieb geplant. Wer auf die Hauptnummer anruft, wird automatisch mit einem freien Berater verbunden. Auf der Homepage www.notruf-burnout.ch sind alle verfügbaren Berater aufgeführt, es ist also – im Gegensatz etwa zur Dargebotenen Hand – auch möglich, eine Ansprechperson auszuwählen. Die Anrufenden können auf Wunsch anonym bleiben. Ein Anruf kostet 3.40 Franken pro Minute. Davon gehen laut Angaben der Betreiber rund 40 Prozent an den Telefon-Dienstleister, rund ein Drittel an den Berater und der Rest ans BGM Forum. Die Initianten möchten das Angebot später ins deutschsprachige Ausland ausweiten.

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4 Kommentare zu “«Wir wollen helfen, das Feuer sofort zu löschen»”

  1. Peter Frei sagt:

    Seltsam: warum erfahren wir nichts über den beruflichen und religiösen Hintergrund dieser Personen, und die berufliche Qualifikation mit psychisch erkrankten Menschen zu arbeiten? Vielleicht wäre eine Recherche interessant dazu. Haben diese Personen eine Bewilligung der Gesundheitsdirektion? Denn die beschriebenen Symptome sind Symptome einer psychischen Krankheit, und Burnout ist eine Erschöpfungsdepression. Und zudem: der Name Ruedi Josuran taucht im Zusammenhang mit Freikirchen auf… liegt da auch noch verstecktes Missionieren von psychisch angeschlagenen Menschen vor, die natürlich am leichteten Opfer einer religiösen Indoktrination werden können, weil abhängig… Warum hat der TA dazu nicht recherchiert. Ich hoffe Aerzte- und Psychologenverbände schalten die Gesundheitsdirektion ein.

  2. Tom sagt:

    Ich denke Ruedi Josuran ist von seinen TV und Radiosendungen genug bekannt und muss nicht hinterfragt werden. Abgesehen davon ist Burnout keine offizielle Krankheit und die betroffenen Personen müssen nicht zwingend psychisch angeschlagen sein. Da hat Peter Frei nicht genug recherchiert.

  3. Rütti-Petrer Daniela sagt:

    Kritisch sein, selber denken und entscheiden traue ich jedem Erwachsenen zu.
    Sicher gäbe es noch unzählige wirklich fragwürdige Angebote auf dem Gesundheits- und Esotherikwildwuchs zu überprüfen und kontrollieren. Extrem, was sich da alles auf dem Internet als seriös anbietet !
    An sich finde ich ein solches Angebot gut, unter der Bedingung, dass eine Zusammenarbeit mit dem kostenlosen Dienst der DARGEBOTENEN HAND stattfindet.

  4. Chris sagt:

    @Herr Frei, sind Sie von der Religionspolizei? Darf man jetzt nicht mehr engagieren, wenn man einen persönlichen Glauben hat? Muss man zuerst seine atheistische Grundhaltung nachweisen? Haben die Terroristen unsere Gesellschaft bereits derart paranoid werden lassen?