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Wenn die Ökonomin in der Garage Duschseife herstellt

Mathias Morgenthaler am Samstag den 20. Dezember 2014
Nicola Casanova - von der Konzerneinkäuferin zur Ein-Frau-Unternehmerin.

Nicola Casanova – von der Konzerneinkäuferin zur Ein-Frau-Unternehmerin.

Viele Berufsjahre lang hat Nicola Casanova ihr betriebswirtschaftliches Wissen in den Dienst von Unternehmen gestellt. Konflikte mit ihrem letzten Chef führten dazu, dass sie kündigte und ihre Garage in eine Produktionsstätte für hochwertige Duschseifen umfunktionierte. Obwohl der Aufbau der eigenen Firma viel Kraft und Geld kostet, hat sie den Schritt noch keine Sekunde bereut.

Interview:
Mathias Morgenthaler

Frau Casanova, Sie haben Betriebswirtschaft studiert und später in Industrieunternehmen im technischen Einkauf und in der Prozessanalyse gearbeitet. Wie kommt es, dass Sie heute als Ein-Frau-Unternehmerin selbst gefertigte Duschseife verkaufen?

NICOLA CASANOVA: In grossen Unternehmen sitzt man die meiste Zeit in Sitzungen und achtet primär darauf, die einflussreichen Leute nicht zu verärgern. Es geht fast nie um die Sache, sondern um Taktik und Politik. Mir fällt das auf Dauer schwer. Immer, wenn der Anteil der Machtspiele zu gross wurde, hielt ich es nicht mehr aus. Bei meiner letzten Tätigkeit waren die Spannungen zwischen meinen Vorgesetzten und mir am Ende so gross, dass ich eines Tages kündigte – ohne zu wissen, was danach kommt.

War die Selbstständigkeit schon früher eine Option gewesen?

Ja, ich hatte schon immer davon geträumt, mein eigenes Unternehmen zu haben – es fehlte aber an der zündenden Idee. In den letzten zwei Jahren meiner Angestelltenzeit hatte ich schon ein wenig mit Seife experimentiert. Meine Schwägerin, eine Japanerin, hatte mich auf die Idee gebracht. Sie mixte sich immer in einer einfachen PET-Flasche aus Lauge und Olivenöl ihre eigene Duschseife. So reifte die Idee, in eigener Manufaktur «Dusch-Mödeli» herzustellen und zu verkaufen. Meine Garage wurde zur Werkstatt, ich suchte Einkaufs- und Vertriebskanäle und probierte verschiedene Rezepte aus.

Wer braucht heute noch Seife?

Die Seife hat ein Imageproblem, das stimmt. Wenn du Schokolade oder Socken verkaufst, musst du niemanden dafür überzeugen, dass wir Schokolade oder Socken brauchen. Bei der Seife ist das anders, da muss ich zunächst ein wenig für die Seife an sich missionieren und im zweiten Schritt für meine Produkte werben. Wenn die Leute das Wort Seife hören, denken sie an die industrielle Version von Nivea, die man für 1.20 Franken bekommt. Oder an die Seifen der vielen Hobby-Siederinnen, die via Ebay für drei, vier Franken vertrieben werden. Beide haben wenig gemeinsam mit meinen Seifen, für die ich Naturprodukte wenn immer möglich aus fairem Handel verwende.

Können Sie fünf Jahre nach dem Start von der Selbstständigkeit leben?

Nein, ich lebe noch vom Ersparten, aber meine Kundenbasis ist im letzten Jahr um 50 Prozent gewachsen, die Richtung stimmt also. Es gibt viele Menschen, die eine empfindliche Haut haben und denen ökologische Überlegungen wichtig sind – mein Kundenpotenzial ist deshalb gross, nur braucht die Mundpropaganda halt viel Zeit.

Warum sollte ich eine Seife benutzen statt des praktischen Duschgels aus der Tube?

Erstens Ihrer Haut zuliebe. Industriell produzierte Duschmittel sind voller Chemikalien. Diese gelangen über die Haut – unser grösstes Organ – in die Blutbahn und lagern sich in den Zellen ab. Ein weiterer Teil fliesst ins Abwasser. Dazu

Ein festes basisches Duschmittel mit natürlichen Inhaltsstoffen.

Ein festes basisches Duschmittel mit natürlichen Inhaltsstoffen.

kommt das Verpackungsproblem. Ich habe das einmal durchgerechnet für die Stadt Bern. Wenn sich alle Einwohner ein Jahr lang mit festen Duschmitteln statt mit flüssigem Duschgel aus der Tube waschen würden, könnten wir 41 Tonnen Kunststoff-Abfall einsparen. Nicht eingerechnet sind dabei die zusätzlichen 20 Tonnen Abfall der Behälter all der Feuchtigkeitscremen, die zum Einsatz kommen, weil die Duschgels die Haut austrocknen. Gut rezeptierte Seifen dagegen sind rückfettend, sie machen Bodylotions überflüssig.

Fünf Jahre lang weniger Geld verdienen, als Sie brauchen – macht Ihnen das Bauchweh?

Mir nicht, nein, das Bauchweh hatten die anderen, mein Partner, meine Familie. Viele Leute aus meinem Umfeld hatten wenig Verständnis für meinen Entschluss, es als Ein-Frau-Unternehmerin zu versuchen. Manche diagnostizierten bei mir ein spät auftretendes Hausfrauensyndrom, andere fanden schlicht, ich spinne. Aber wenn ich schaue, wie diese Menschen auf ihre Wochenenden und ihre fünf Wochen Ferien hinleben, wie sie sich mit Besitzmaximierung und Statussymbolen darüber hinwegtrösten, dass sie sich im Job verbiegen müssen, dann fühle ich mich sehr wohl in meiner Haut. Ich habe den Schritt in die Selbstständigkeit noch nie bereut, denn ich kann alles in meinen Beruf einbringen, was mir wichtig ist.

Zum Beispiel?

Gesundheit, soziales Engagement, Nähe zur Natur. Ich verwende für meine Seifen Bio-Olivenöl aus Apulien, Shea-Butter aus einem Frauenprojekt in Ghana, natürliche ätherische Öle von einem jungen Paar im Berner Jura, natürliche Farbpigmente, Ziegenmilch aus einem Pro-Specie-Rara-Projekt und so weiter. Jede Entscheidung für einen Rohstoff ist eine sehr persönliche Sache. So habe ich lange darauf verzichtet, eine Creme in mein Sortiment zu nehmen, weil man zur Herstellung Emulgatoren braucht, was dazu führt, dass die Talgdrüsen austrocknen, die Haut sich nicht mehr selber fettet und man abhängig wird von Cremen. Nun habe ich ein Serum entwickelt, das die Haut nährt und pflegt und die Talgdrüsen aktiviert – ganz ohne synthetische Inhaltsstoffe. Und ein Deo ohne Alkohol und Aluminium, das sich sehr grosser Nachfrage erfreut.

Ist die Kundschaft vorwiegend weiblich?

Nein, 40 Prozent sind Männer. Hätte ich endlich ein Rasier-Mödeli zum Einseifen vor der Rasur im Angebot, würde der Anteil nochmals steigen. Ich tüftle seit zwei Jahren daran. Mit Palmöl wäre es ein Kinderspiel, aber ich will kein Palmöl verwenden wegen der negativen Folgen für die Artenvielfalt im Regenwald. Bis jetzt hat mein Partner jedes Mal, wenn ich ihm eine neue Variante zum Testen gegeben habe, den Kopf geschüttelt. Dieses Pröbeln braucht Zeit und kostet Geld, aber es macht meine Arbeit sehr abwechslungsreich. Ich habe noch viele Ideen, möchte Duschmödeli für Kinder entwickeln, solche für Menschen mit Schuppenflechte – und neue Varianten von bestehenden Produkten. Wenn ich zu viele neue Dinge ausprobieren will, meldet sich allerdings die Betriebswirtschafterin in mir und mahnt zur Fokussierung.

Verkaufen Sie ausschliesslich übers Internet oder auch auf dem Markt?

95 Prozent verkaufe ich über den Webshop. Das mit den Weihnachtsmärkten ist eine zwiespältige Sache. Ich mag den direkten Austausch mit den Kunden sehr. Aber wenn du dann einen Tag lang an einem Weihnachtsmarkt stehst und alle Leute gehen achtlos an deinem Stand vorbei, dann möchtest du am liebsten alles an den Nagel hängen und irgendwo einen Job antreten, der nichts mit dir zu tun hat. Das ist die Kehrseite: Weil alles eine sehr persönliche Angelegenheit ist, macht es dich sehr verletzlich. Andererseits weiss ich auch: Wenn alles ganz einfach ginge, wäre es nicht mein Weg.
Kontakt und Information:

nicola@duschmoedeli.ch oder www.duschmoedeli.ch

 

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16 Kommentare zu “Wenn die Ökonomin in der Garage Duschseife herstellt”

  1. Josef Marti sagt:

    Solange man noch jung ist und sich noch nicht mit familiären und finanziellen Verpflichtungen zubetoniert hat ist das jedem zu empfehlen. Ist schon eine ziemliche Horrorvorstellung: Wenn man mitten im Berufsleben steht und weiss, dass man sich die nächsten 30 Jahre als Renditesklave für Besitzmaximierung und Statussymbole prostituieren muss.

  2. Lima sagt:

    Tja, wenn mann jahrelang wahrscheinlich unverschämt gut verdient hat, kann man sich das leisten. Nur die wenigsten haben finanziell die Möglichkeit sich fünf Jahre über Wasser zu halten. Das schafft man nicht mal mit eisernem Sparen. Das Frau Casanonva als Ökonomin nach fünf Jahren immer noch nicht “auf den eigenen Beinen steht” lassen Zweife an ihrer Fachkompetenz oder an ihrer Idee Seife zu verkaufen zu.
    Trotzdem wünsche ich ihr weiterhin viel Erfolg

  3. Gerda sagt:

    Mutige Frau. Sich zu getrauen um dem Luxusleben den Rücken zu kehren. Bravo. Ich werde sofort versuchen per Internet Kundin bei ihr zu werden. Immerhin einen Anfang um vom unnötigen Überfluss ein wenig weg zu kommen.

  4. René B. sagt:

    Respekt vor dieser Entscheidung. Was mich stört, sind die stets durch die Medien noch kolportierten Klischees über die bösen Chefs. Man kann von Vorgesetzten und Firmen nicht eine Club med Atmosphäre erwarten, wenn die Unternehmen dieser Chefs und das Unternehmen auf einem massiv kompetitiven globalisierten Markt bekriegt werden. Und wie dieses Beispiel selbst beweist, ist ein Minimum an Profit eine Überlebensfrage.
    Und bei der Beziehung zum Vorgesetzten gibt es per Definition immer 2 Akteure.

  5. Vincent sagt:

    Interessant sind wieder einmal die Kommentare. Von Bewunderung und Ermunterung bis zu hämisch und respektlos.
    Dies ist genau die Situation in die sich ein 1 Frau Experiment in dieser Branche wagt. Müsste Sie das Experiment aufgeben werden es alle vorher schon gewusst haben. Ein Grund nicht auf zu geben.
    By the way. Ich mache ein ähnliches Experiment mit natürlichem Raumduft. Viellecht hätten wir Synergien im Vertrieb.
    So oder so viel Glück für Sie 🙂

  6. Mike Schramm sagt:

    Gibt’s eine Alternative zu Lubex?

  7. Albert Schafflützel sagt:

    Ob ich wohl der einzige bin, der zuerst Möödeli gelesen hat? Wir Ostschweizer haben Möödeli (Mode) und Mödeli (Butter). Was mich überzeugt sind die natürlichen Produkte und die vielen überflüssig werdenden Verpackungen. Die Idee verdient die Werbung, die sie mit diesem Artikel bekommt.

  8. Paula sagt:

    An Mike Schramm:
    Gerade die Seifen von Nicola Casanova sind die Alternative zu Lubex. Ich verwende sie seit mehreren Jahren und habe seither keine Probleme mehr im Intimbereich (Mykose oder unangenehme Irritationen. Die Intimflora bleibt intakt.
    Ich kann die Produkte von Nicola Casanova nur empfehlen!

  9. Nella Müller sagt:

    Mir gefällt der Ton dieser Dame nicht: “… ‘Hobby-Siederinnen’ …, … ‘wenig gemeinsam mit meinen Seifen’ …” Und sie vergisst bei ihrer Rechnung wahrscheinlich, dass Viele auch Nachfüll-Packungen kaufen.
    Und: Respekt und Dank an alle Marktstand-BetreiberInnen, welche jahrelang bei Hitze und Kälte, bei mal mehr, mal weniger Kundschaft, nicht aufgeben.

  10. Karin Gut sagt:

    Die Sache mit der Öko/Energiebilanz ist sehr komplex. Im Internet bestellen ist ebenfalls mit hohem Aufwand verbunden, Paketverpackung und Transport, zudem muss man viel mehr Zeit aufwenden als nur den Griff ins Migros-Coop-Gestell.

  11. Mike Schramm sagt:

    Danke Paula, aber wie sieht’s mit der Portabilität aus? Ich will meine Duschseife mitnehmen können (ins Fitness, in die Sauna).

  12. Paula sagt:

    An Mike: Es gibt im Supermarkt kleine Seifenbehälter aus Plastik zu kaufen oder bei Duschnmödeli schöne langlebige Reiseköfferchen, die dem gleichen Zweck dienen 🙂

  13. Melanie sagt:

    Ich bin auch ein grosser Fan von den Duschmödelis. Seither benötige ich tatsächlich keine Bodylotion mehr!!!!
    Mich hat der Umweltgedanke überzeugt!!

  14. Elisabeth sagt:

    Seit ich bei Nicola einen Seifensiede-Kurs besucht habe dusche ich – trotz anfänglicher Zweifel – auch nur noch mit Duschmödelis. Dadurch dass das Mödeli in einem Säckchen ist wird die Haut immer noch leicht gepeelt. Eincremen muss ich mich seither kaum mehr und die Mödelis sind sehr sparsam. Allerdings siede ich keine Seife selber, das ist mir viel zu aufwändig. Ich poste die Mödelis bei Nicola, so kann ich immer wieder eine neue Sorte ausprobieren. Wirklich sehr zu empfehlen!

  15. Monique M. sagt:

    Herzliche Gratulation
    Sie werden viel arbeiten, wenig verdienen aber glücklich sein. Ich benutze seit ewig die Seifen von Pia Hess (pianaturkosmetik.ch) und bin glücklich diese gefunden zu haben. Nicht alle haben dieselben Qualitätskriterien und es liegt am Einzelnen herauszufinden was passt.

  16. Hans Kolpak sagt:

    Seit Jahren verwende ich die fein gemahlene Lavaerde von Logona zum Waschen für Haut und Haare. Dieses Naturprodukt enthält keinerlei Zusätze. Von Zeit zu Zeit rühre ich etwas Pulver in einem Honigglas mit reinem Wasser an. Das Pulver desinfiziert sich selbst.

    Es braucht einige Monate, bis sich die Körperchemie stabilisiert hat und das Milieu von Kopfhaut, Achselhöhlen und Intimbereich wieder “naturrein” ist. Weder stinke ich, noch wirke ich ungepflegt. Es geht oft genug ohne Chemie, auch in unserer modernen Zivilisation.

    Ich muss allerdings ergänzen, dass mein Essen und mein Trinken kaum Chemikalien aus der Lebensmitteltechnologie enthält und ich auch keine Pharmazeutika konsumiere. Auch beim Waschen meiner Wäsche verfahre ich nach gleichem Grundsatz. Es hat schon seinen Grund, warum einige Menschen unangenehm riechen und dann aus Unwissenheit Chemie mit Chemie behandeln.

    Hans Kolpak
    Goldige Zeiten