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«Die Millionen waren ein schöner Nebeneffekt»

Mathias Morgenthaler am Samstag den 7. Juni 2014
Alain Chuard, Berner Snowboarder und Unternehmer im Silicon Valley.

Alain Chuard, Berner Snowboarder und Unternehmer im Silicon Valley.

Der Berner Snowboarder Alain Chuard gründete im Silicon Valley die Softwarefirma Wildfire Interactive und verkaufte sie vier Jahre später für 450 Millionen Dollar an Google. Die wichtigsten Lektionen seines Lebens lernte er auf dem Brett: Fokus, Speed, guter Umgang mit Risiken und das Timing für die perfekte Welle. Der 40-Jährige will sich auch nach dem grossen Zahltag keinen Luxus gönnen.

Interview: Mathias Morgenthaler

 

Herr Chuard, wie war das, als Sie 2012 mit Ihrer Frau in einem Konferenzraum sassen und ein Google-Manager Ihnen 450 Millionen Dollar für Ihre Firma Wildfire anbot?

ALAIN CHUARD: Es war ein überwältigender Moment. Zu Beginn des Jahres 2012 merkten wir, dass im Social-Media-Marketing die Karten neu gemischt werden. Firmen wie Oracle und Salesforce tätigten grosse Akquisitionen, für uns stellte sich die Frage, ob wir selbständig bleiben und das weitere Wachstum über einen Börsengang finanzieren oder ob wir mit einem Konzern zusammengehen. Im Frühling 2012 erhielten wir zahlreiche Übernahmeangebote. Wir merkten rasch, dass wir gut zu Google passen, weil bei beiden Unternehmen grossartige Produkte und eine innovationsfreundliche Unternehmenskultur im Zentrum stehen.

Das klingt sehr abgeklärt. Wie reagierten Sie und Ihre Frau auf die 450-Millionen-Dollar-Offerte?

Wir hatten natürlich unsere Vorstellungen, was die Firma wert sein könnte. Die Offerte von Google übertraf all unsere Erwartungen deutlich. Wir mussten uns grosse Mühe geben, cool zu bleiben in diesem Konferenzraum. Als wir draussen im Auto sassen, schauten wir uns an, machten «High Five» und schrien unsere Freude raus. Aber das Geld war nicht der Haupttreiber für den Verkauf, es ging uns primär darum, die Firma in eine erfolgreiche Zukunft zu führen. Die Millionen waren ein schöner Nebeneffekt.

Was ändert sich, wenn man ein paar Hundert Millionen statt ein paar Tausend Dollar auf dem Konto hat?

Schauen Sie mich an, ich sitze hier nicht im Armani-Anzug, sondern in Freizeithose und Shirt vor Ihnen. Ok, ein paar Dinge haben wir verändert: Wir kauften uns ein Haus, aber ein sehr bescheidenes. Vorher fuhr ich Honda Civic, jetzt Nissan Leaf. Wir haben kleine Upgrades gemacht, aber wir hüten uns davor, alles auf den Kopf zu stellen und teure Sachen zu kaufen. Ist es aufregend, eine extrem teure Uhr zu besitzen? Vielleicht für ein paar Wochen, danach nicht mehr. Viel aufregender ist es, im Job etwas zu bewegen und Gutes zu tun mit dem Geld.

Sie setzen die Millionen für Spenden ein?

Wir engagieren uns für die United World Colleges und ermöglichen es Schweizer und Neuseeländische Studenten, sich an einer internationalen Schule weiterzubilden, die nicht nur Fachwissen, sondern auch Engagement und soziale Verantwortung lehrt. Aber natürlich brauchen wir das Geld auch für uns. Meine Frau und ich reisen sehr gerne. Vor kurzem waren wir in Bhutan unterwegs. Auch da haben wir gesehen, dass die Zufriedenheit nicht primär vom materiellen Besitz abhängt.

Auch wenn Sie wenig geändert haben, werden Sie nun anders wahrgenommen. Sie tauchen neu in der «Bilanz»-Liste der 300 reichsten Schweizer auf, referieren hier am Swiss Economic Forum über Ihren Weg vom Snowboarder zum 450-Millionen-Exit-Mann.

Ich bin zum Glück weit weg, so bekomme ich nicht viel davon mit, was in der Schweiz gesagt und geschrieben wird. Dieser Tage stehe ich als Millionär in der Schweiz im Rampenlicht, aber in den USA ist das keine herausragende Geschichte.

Wie wurden Sie zum erfolgreichen Unternehmer?

Da haben mehrere günstige Faktoren mitgewirkt. Mein Vater leitete die eigene Unternehmensberatungsfirma und verkaufte diese später an einen amerikanischen Konzern. Mein Bruder entwickelte mit seiner Firma Livesystems eine Werbeplattform für den öffentlichen Verkehr und gewann vor zwei Jahren den Hauptpreis am Swiss Economic Forum. Es gibt also sicher ein Unternehmer-Gen in der Familie. Ebenfalls wichtig war mein Nachbar in Bolligen, der Berner Wirtschaftsprofessor Claudio Loderer. Er ermutigte mich, das College in den USA zu machen. Das kam meinem Entdecker- und Abenteurergeist entgegen. Aber der wichtigste Wendepunkt in meinem Leben war wohl, dass ich mit Snowboarden begann.

Was hat das mit Ihrer Unternehmerkarriere zu tun?

Als Teenager hatte ich alles Mögliche gemacht: Klavierunterricht, Kampfsport, Reiten. In allem war ich höchstens Mittelmass und entsprechend wenig motiviert. Dann stand ich zum ersten Mal auf ein Brett und liebte es sofort. Ich machte unglaublich schnell Fortschritte und dachte: «So fühlt es sich also an, wenn man in seinem Element ist.» Beim Freestyle-Snowboard lernte ich, zu fokussieren und Risiken richtig zu dosieren. Und damals reifte mein Entschluss, künftig Dinge zu tun, die mich begeistern.

Darum wurden Sie Finanzanalyst bei einer Investmentbank in den USA?

Ok, das war noch ein kleiner Umweg. Ich merkte bald, dass ich keine echte Passion für diesen Job hatte. Aber es hatte trotzdem sein Gutes, um die Jahrtausendwende zwei Jahre für eine Investmentbank zu arbeiten. 1999 entwickelte sich gerade der erste grosse Internet-Boom, viele Jungunternehmer präsentierten sich bei der Bank, weil sie an die Börse drängten. Meiner Mitgründerin, die ich am College kennengelernt hatte, und mir gingen zwei Dinge durch den Kopf. Erstens: Die Unternehmer wirken zufriedener als die Banker. Zweitens: Was die können, könnten wir eigentlich auch. So gaben wir den Bankjob auf und gründeten die Reiseagentur Access Trips, die Reisen in exotische Länder und sportliche Aktivitäten verknüpft.

Wie kam es zur Gründung von Wildfire vor sechs Jahren?

Ich machte zuvor in Stanford meinen MBA-Abschluss. In Palo Alto lernte ich den Spirit des Silicon Valleys kenne, aus dem Firmen wie Google, Apple oder Facebook hervorgegangen sind. Ich begriff, welch enormes Potenzial Softwareprodukte haben: Du brauchst nur ein paar smarte Programmierer und ein wenig Startkapital, und wenn du es gut machst, erreichst du innert Kürze Millionen von Menschen. Wir machten damals viel Online-Marketing für unsere Reiseagentur. Das war sehr aufwendig, weil man auf jeder Plattform wieder fast bei Null anfangen musste. So entschlossen wir uns, eine Software zu programmieren, die den Firmen erlaubt, ihr Publikum via Google+, Facebook, Twitter, LinkedIn etc. einfach und auf einen Schlag zu erreichen.

Und als es funktionierte, suchten Sie nach ersten Kunden?

Es war umgekehrt, schon sehr bald klopften grosse Marken wie Pepsi bei uns an und fragten, ob sie das Tool brauchen dürften. Timing und Speed sind alles bei Startups im Technologiesektor. Ich bin ein leidenschaftlicher Surfer und weiss: Manchmal muss man lange auf seinem Brett liegen und die Wellen beobachten. Wenn eine grosse Welle kommt, musst du paddeln und sie mit perfektem Timing erwischen. Dann kannst du weiter reiten, als du dir je hättest träumen lassen.

Was war diese Welle?

Es war der grosse Paradigmenwechsel von digitalem Marketing zu Social-Media-Marketing. All die Social-Media-Dienste waren zuvor stark auf die Bedürfnisse des einzelnen Konsumenten ausgerichtet. Für Unternehmen war es mühsam, sie zu nutzen. Wir halfen den Unternehmen, mit geringerem Aufwand viel mehr zu erreichen.

Sie gründeten Wildfire 2008, 2010 hatten Sie sechs Angestellte, 2012 schon 400 Mitarbeiter. Wie verkraftet man ein solches Wachstum?

Wir haben wirklich nonstop gearbeitet, Mittagessen am Pult, später ein kurzes Nachtessen und wieder ins Büro bis tief in die Nacht hinein. Trotz starkem Wachstum hielten wir die Firma schlank. Wir bauten primär die Verkaufsabteilung stark aus, stellten junge, hungrige, risikoliebende Leute ein und zahlten nur kleine Basissaläre, aber hohe Provisionen, sobald der akquirierte Kunde gezahlt hatte. So trug jeder neue Mitarbeiter innert drei bis vier Monaten zur Rentabilität der Firma bei. Das alles hätte aber nicht funktioniert ohne eine starke Firmenkultur, für die wir Gründer und das Kernteam einstanden. Wichtige Werte waren: Hart arbeiten, rasch entscheiden, bescheiden bleiben.

Dachten Sie bei der Gründung schon daran, vier Jahre später die Firma zu verkaufen?

Nein, das war nie ein Thema. Gründer, die so denken, sind in meinen Augen keine richtigen Unternehmer.

Wäre Ihre Erfolgsgeschichte auch von der Schweiz aus möglich gewesen?

Warum nicht? Vor vier Jahren kaufte beispielsweise Adobe die Basler Firma Day Software. Innovative Leute gibt es überall. Es ist aber sicher einfacher, einen grossen Partner oder Käufer zu finden, wenn man im Silicon Valley angesiedelt ist. Wir entwickelten unsere Software auf einer Google-Plattform, die Leute von Facebook und Twitter sind alle praktisch um die Ecke. Es ist kein Zufall, dass die meisten Übernahmeofferten, die wir erhielten, von Firmen mit Sitz im Silicon Valley kamen. Auch in Sachen Mentalität gibt es einen grossen Unterschied zwischen dem Silicon Valley und dem Rest der Welt. Wenn du gründest und scheiterst, ist das hier kein Problem, sondern eine wertvolle Erfahrung. In der Schweiz sehen es viele eher als dunklen Fleck im Lebenslauf.

Seit 2012 führen Sie und Ihre Frau die Firma Wildfire innerhalb des Google-Konzerns. Kommt das gut, wenn Unternehmer zu Angestellten werden?

Ehrlich gesagt hat sich nicht viel geändert. Ok, ich habe nun einen Chef, der ab und zu wissen will, was ich mache und was ich mir dabei denke. Es sagt mir aber niemand, was ich tun soll. Das war schon immer die Philosophie von Larry Page, den ich für einen der grössten Visionäre halte. Google ist sehr flach organisiert, die Firma lebt stark von Ideen, die an der Basis entwickelt werden. Ich habe praktisch keine Freiheiten aufgegeben, muss mich nun aber nicht mehr um Personalfragen kümmern, was in der Wachstumsphase sehr viel Zeit in Anspruch nahm. Und zudem erhalte ich gratis hervorragendes Essen und gesponserte Massagen…

Hand aufs Herz: Ein 40-jähriger Unternehmer will doch nicht auf Dauer Konzernmanager bleiben.

Viele Gründer, die an Google verkauft haben, sind hier geblieben. Es hat ja auch handfeste Vorteile, einer grossen Organisation anzugehören. Ich arbeite derzeit mit einem internationalen Team an einem grossen Projekt, das ich alleine nicht stemmen könnte. Und manche unserer Mitarbeiter wechselten intern zu Google Glass oder ins Team, welches das automatisch gesteuerte Auto entwickelt. Oder denken Sie an Google Loon, dieses phantastische Projekt, das Ballons in die Stratosphäre schickt, um WLAN-Spots für die ganze Welt zu installieren. Aber ich gebe zu, im Herzen bleibe ich Unternehmer. Wenn das Timing noch einmal so perfekt sein sollte, dass ich eine grosse Welle reiten kann, dann würde ich vermutlich wieder ein eigenes Unternehmen lancieren.

Ihre Frau haben Sie im Gespräch immer nur Ihre Mitgründerin genannt. Was passiert in einer Beziehung, wenn sich alles ums Business dreht?

Es ging ja auch ums Business hier. Wir sind natürlich nicht nur Geschäftspartner, sondern auch Freunde und Ehepartner. Wir ergänzen uns sehr gut, beruflich und privat. Ich bin stark in Produktentwicklung, meine Frau ist die treibende Kraft in Verkauf und Finanzen. Wenn man gemeinsam eine Firma aufbaut, merkt man rasch, ob es harmoniert oder nicht. Uns verbindet nicht nur die Firmengeschichte, sondern auch die Passion fürs Surfen, Snowboarden und Reisen. Und wir haben noch viele Ideen für gemeinsame Projekte.

Sie bestanden darauf, dieses Interview in Englisch zu führen. Haben Sie Ihre Schweizer Wurzeln abgeschnitten?

Nein, aber ich lebe jetzt seit fast 20 Jahren in den USA und kann mich in Englisch präziser ausdrücken. Aber ich komme immer wieder gerne in die Schweiz zurück, um Leute zu treffen, aber auch wegen der Berge, der Bäckereien und der Schokolade. Ich warte immer noch darauf, dass Sprüngli endlich eine Filiale in Palo Alto eröffnet.

Kontakt und Information:

www.alainchuard.com

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3 Kommentare zu “«Die Millionen waren ein schöner Nebeneffekt»”

  1. Sacha Meier sagt:

    Herr Chuard hat es genau richtig gemacht. Nachdem es im real existierenen Neofeudalismus kaum mehr möglich ist, ein innovativ-produktives Geschäft mit Wissen, Können und Fleiss aufzubauen – Glücksfälle mit lotterieähnlichen Wahrscheinlichkeiten ausgenommen – sollte jeder unetrnehmerisch Begabte sich ein Geschäftsmodell mit einem Produkt überlegen, das entweder einer unserer führenden multinationalen Konzerne braucht; oder aber diesem Umsatzverluste bescheren könnte, wenn ein anderer konzern einsteigt und das Produkt kontrolliert. Marketing ist dabei alles. Im richtigen Moment verkauft man den Laden für ein paar dutzend oder hundert Millionen – und kann einen schönen Lebensabend geniessen. Natürlich ist das immer noch keine Garantie. Man muss schon ein paar Millionen übrig haben, um die Personalrektruktierungskosten, Löhne, Miete, Betriebseinrichtung, Marketingkosten, etc. bezahlen zu können. Wenn sich jemand selbstständig machen und von seiner eigenen Arbeit leben will, muss er irgendwie dem System-Geldadel zudienen. Als Arzt, Grosshändler, Importeur, Rechtsanwalt, Treuhänder, Bauhandwerker, etc. geht das (noch) beihnahe risikolos.

  2. Holger Wahl sagt:

    Und was, Herr Meier, wollen Sie der interessierten Menschheit jetzt eigentlich genau sagen?

  3. Thomas Maurer sagt:

    Ich frage mich, was an diesem Unternehmer so toll sein soll, dass der Tagesanzeiger diesen Typ mit einem Artikel würdigt. Zitat: “Wir zahlten unseren Angestellten nur kleine Basissaläre. (…)”. Genau, das unternehmerische Risiko wurde hier schön auf die Angestellten abgewälzt, während der Inhaber dann den grossen Profit einsackte. Manchester-Kapitalismus in Reinkultur! Und wie hoch waren die Provisionen an seine Arbeitnehmer jetzt nochmal ganz genau? Keine genaue Info darüber – alles klar! – Und ganz generell: Wie moralisch ist es überhaupt, mit einer sog. Geschäftsidee dafür zu sorgen, dass Google und die anderen Daten-Absaug-Konzerne noch mehr unsere Privatleben ausspionieren können?