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Möchten Sie heute 100 Franken oder in einem Monat 110?

Mathias Morgenthaler am Samstag den 22. März 2014
Matthias Sutter, Ökonomie-Professor und Fürsprecher der Geduld.

Matthias Sutter, Ökonomie-Professor und Fürsprecher der Geduld.

Die Tugend Geduld hat in Zeiten des kreditfinanzierten Konsums nicht gerade Hochkonjunktur. Dabei ist Geduld ein entscheidender Erfolgsfaktor, wie Matthias Sutter, Ökonomie-Professor an den Universitäten Innsbruck und Florenz, in seinem Buch* beweist. Wer als Kind nicht der erstbesten Versuchung erliegt, hat gute Aussichten, später ein höheres Einkommen zu erzielen als die ungeduldigen Kameraden.

Interview: Mathias Morgenthaler

Herr Sutter, früher haben wir tagelang auf Briefe gewartet, heute werden wir nervös, wenn ein SMS eine Stunde ohne Antwort bleibt. Haben wir verlernt, geduldig zu sein?

MATTHIAS SUTTER: Gerade jungen Leuten fällt es in der Tat schwer, sich in Geduld zu üben. Das zeigt sich etwa im Konsum. Für unsere Generation war noch selbstverständlich, dass man auf etwas hinspart, bis man es sich leisten kann. Heute sehen wir 20-Jährige, die Sofas, Betten, Küchen, Autos und Elektrogeräte im grossen Stil einkaufen, alles kreditfinanziert. Studien zufolge halten es 40 Prozent der 18- bis 25-Jährigen heute für normal, Schulden zu haben. Jene, die in die Schuldenberatung gehen, stehen im Durchschnitt 30’000 Euro in der Kreide.

Man kann den Jungen schlecht verbieten, ebenso auf Pump zu leben wie viele Staaten das tun.

Das stimmt. Und ich bin auch weder Psychologe noch Pädagoge, sondern habe mich als Ökonom mit dem Thema Geduld auseinandergesetzt. Im Kern geht es dabei um das Abwägen von Gegenwart gegen Zukunft, welches unser Leben von Kindesbeinen an prägt. Wie entscheide ich mich, wenn ich heute etwas gewinnen kann und gleichzeitig weiss, dass ich den Gewinn durch momentanen Verzicht und Geduld noch erhöhen kann? Oder konkreter: Entscheiden sich Menschen eher dafür, heute 100 Franken zu bekommen oder in einem Monat 110 Franken? Und was sagt das über ihren späteren Wohlstand, ihre Gesundheit etc. aus?

Sie sind nicht nur als Experte, sondern auch persönlich mit der Materie vertraut. Wer eine Professur anstrebt, braucht eine Menge Geduld. Daher schlagen viele eher den Weg in die Privatwirtschaft ein.

Ich wusste schon in der Grundschule, dass ich Wissenschaftler werden wollte. Zunächst absolvierte ich während fünf Jahren ein Theologie-Studium, dann hängte ich noch Volkswirtschaft an. Richtig Geduld brauchte es, als zwei Mal über Nacht entschieden wurde, dass keine öffentlichen Stellen mehr besetzt werden – das erschwerte meine Suche nach einer Doktorandenstelle erheblich. Ich jobbte in der Privatwirtschaft, machte eine Vertretung an der Uni und hangelte mich dann von Jahresvertrag zu Jahresvertrag. Der Durchhaltewille hat sich aber gelohnt. Heute habe ich den schönsten Beruf, den ich mir vorstellen kann. Ich darf den Dingen auf den Grund gehen und das, was ich dabei lerne, an junge Menschen weitergeben. Dass ich dafür noch bezahlt werde, ist ein Luxus.

Warum haben Sie durchgehalten?

Weil mich die Materie gefesselt hat während des Studiums. Und vielleicht liegts auch an meiner Vorarlberger Herkunft. Wir sind bekannt für unsere Gründlichkeit und Sparsamkeit, manchmal bis hin zur Knausrigkeit. Meine Mutter sagte immer zu mir: «Wenn du was machst, dann mach es ordentlich.»

Sie schildern in Ihrem Buch, dass sich bereits bei Kindern im Kindergartenalter deutliche Muster ausprägen, ob sie geduldig auf eine in Aussicht gestellte grössere Belohnung warten oder sofort bei der kleinen Belohnung zugreifen. Und Sie zitieren Längsschnittstudien, die zeigen, dass ein Zusammenhang zwischen Geduld im Kindesalter und dem Gesundheitszustand sowie beruflichen Erfolg im Erwachsenenalter besteht.

Wir müssen hier präzise sein – nicht dass die Eltern ungeduldiger Kinder nun die Hände über dem Kopf zusammenschlagen. Richtig ist, dass die Geduld im Kindesalter – verstanden als Fähigkeit zur Selbstkontrolle – korreliert mit der Wahrscheinlichkeit einer besseren Bildung, eines höheren Einkommens, einer robusteren Gesundheit und eines stabileren Privatlebens. Die Wahrscheinlichkeitsunterschiede sind signifikant, aber sie betragen pro erwähnten Lebensbereich zwei bis drei Prozentpunkte. Es wäre also falsch zu folgern, dass geduldige Kinder später sicher besser verdienen. Aber es ist keine grosse Überraschung, wenn ausgesprochen ungeduldige Kinder später einmal Probleme mit einem der Themen Übergewicht, Drogenkonsum, Arbeitslosigkeit oder ungewollter Schwangerschaft haben.

Warum ist das so?

Ökonomen verstehen Ungeduld als das Vermeiden von kurzfristigen Kosten, die aber langfristig Nutzen stiften können. Wenn ich heute einen Job annehme, um sofort Geld zu verdienen, dafür aber auf eine Ausbildung verzichte, dann schwächt das mittelfristig meine Position auf dem Arbeitsmarkt. Wenn ich auf eine Finanzberatung verzichte, weil mich der Aufwand abschreckt, und später in die Schuldenfalle gerate, dann bezahle ich teuer für meine Ungeduld. Studien zeigen klar, dass ungeduldige Menschen bei Arbeitslosigkeit weniger schnell eine neue Stelle finden.

Wie kann man die Geduld stärken? Oder direkt gefragt: Wie haben Sie darauf hingewirkt, dass Ihre 14- und Ihre 9-jährige Tochter geduldig agieren?

Ich versuche ihnen vorzuleben, dass sich steter Einsatz, stetes Lernen auszahlt, so dass sie den Wert des Durchhaltens erkennen. Konsequenz im Handeln und Berechenbarkeit sind enorm wichtig. Es verlangt von uns eine Willensleistung, heute auf etwas zu verzichten, um morgen mehr zu bekommen. Dazu sind wir nur bereit, wenn wir uns darauf verlassen können, dass wir die Belohnung auch wirklich erhalten. Es gibt eindrückliche Studien, die zeigen: Wenn der Versuchsleiter einmal sein Versprechen bricht, kommen die Kinder rasch zum Schluss: Warten lohnt sich nicht, ich greife besser sofort zu.

Erstaunlich fand ich, dass es offenbar Zusammenhänge gibt zwischen der Sprache eines Menschen und dem Geduldslevel.

Dazu eine Vorbemerkung: In Experimenten hat sich gezeigt, dass sich viele Menschen zeitinkonsistent verhalten. Konkret: Wenn man einer Gruppe die Wahl gibt, heute 100 oder morgen 101 Euro zu bekommen, entscheiden sich rund 80 Prozent für die 100 Euro auf die Hand. Fragt man, ob sie in einem Jahr 100 Euro oder in einem Jahr und einem Tag 101 Euro erhalten möchten, wechseln 80 Prozent zur zweiten Variante. Wenn etwas sofort erhältlich ist, bekommt es also mehr Gewicht im Vergleich zu einer später verfügbaren Alternative; das Hier und Jetzt wirkt sich stark auf unsere Entscheidungen aus. Nun hat sich gezeigt, dass die Sprache die Zukunftsorientierung beeinflusst, dass es offenbar eine Rolle spielt, ob in einer Sprache in der Gegenwartsform über die Zukunft gesprochen werden kann oder nicht.

Können Sie das konkretisieren?

Im Deutschen können wir sagen: «Morgen bekomme ich 10 Euro.» In anderen Sprachen, etwa im Italienischen, braucht es in korrekter Grammatik das Futur, also: «Morgen werde ich 10 Euro bekommen.» Diese Formulierung schafft Distanz, einen Sprung in der Zeit. Die Belohnung erscheint dadurch weiter weg, sie wird weniger attraktiv, verliert an Wert. Das hat zur Folge, dass die Bereitschaft der Menschen geringer ist, Kosten in Kauf zu nehmen für einen späteren Gewinn. Natürlich ist die Sprache nur eine Kultur-Variable, man kann damit nicht alles erklären. Aber die 2013 publizierte Studie von Keith Chen umfasst 70 Sprachen. Es zeigt sich deutlich, dass etwa die Pensionskassenguthaben höher sind bei Angehörigen einer Sprachgruppe, die in der Gegenwartsform über die Zukunft sprechen können. Unsere eigenen Studien mit Schulkindern in Meran stützen Chens Hypothesen. Die deutschsprachigen Kinder legten durchgehend ein geduldigeres Verhalten an den Tag als die italienischsprachigen.

Ist übertriebene Geduld nicht manchmal schädlich? Es gibt Menschen, die sparen ein Leben lang Geld und kommen nie dazu, es genussvoll auszugeben.

Ich will mit dem Buch nicht suggerieren, es sei gut, alles auf morgen zu verschieben. Aber manchmal lohnt es sich, einer Versuchung zu widerstehen, um morgen etwas Besseres zu bekommen. Nehmen Sie meinen Bereich, die Forschung. Ich weiss nach 20 Jahren genau, welche Projekte schnell und leicht publizierbar wären. Ich bin mir aber auch bewusst: Die wirklich guten Projekte brauchen mehr Fleiss und Zeit – da kann sich Geduld auszahlen. Es braucht einen gesunden Mix. Ich rate auch meinen Doktoranden, rasche Erfolge anzustreben, aber das Grosse nicht aus den Augen zu verlieren. Giuseppe Verdi hat über 50 Jahre an einer Opernfassung von Shakespeares King Lear gearbeitet; die Vollendung blieb ihm versagt. Nebenher sind aber Opern wie La Traviata, Aida und Nabucco entstanden – er ist also auf sehr hohem Niveau gescheitert.

Kontakt und Information:

http://homepage.uibk.ac.at/~c40421/

* Das Buch: Matthias Sutter: Die Entdeckung der Geduld – Ausdauer schlägt Talent. Ecowin Verlag, Salzburg 2014.

 

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5 Kommentare zu “Möchten Sie heute 100 Franken oder in einem Monat 110?”

  1. Stefan W. sagt:

    Die Frage ist, ob es überhaupt etwas bringt, den Kindern Geduld einzutrichtern. Diese Annahme impliziert eine Ursache-Wirkungs-Beziehung. Es könnte aber, und das halte ich für wahrscheinlicher, auch einfach eine Koinzidenz sein: Dieselben Persönlichkeitseigenschaften, die Kinder dazu bringen, Bedürfnisse aufschieben zu können, führen auch dazu, dass sie später in mancher Hinsicht eher erfolgreich sind. Wenn es so ist, dann nützt es genau nichts, ein ungeduldiges Kind zur Geduld zu mahnen, sondern man “verbiegt” es höchstens, indem man es zwingt, gegen sein Naturell zu leben. (Und verhindert so, dass es Erfolg vielleicht in einem anderen Bereich finden kann.)

  2. Marcel Senn sagt:

    Lieber subito Geld verdienen haben sich in den Jahren 2000 – 2007 ein paar hunderttausend junge Spanier auch gedacht, die Ausbildung abgebrochen und auf den Bau Siedlungen, Geisterflughäfen, Strassen nach Nirgendwo etc gebaut. Und seit der Spuk vorbei ist, stehen sie als oft Hilfsarbeiter ohne richtige Ausbildung auf der Strasse im Heer der Mio von Arbeitslosen. Wenn sie noch jung genug sind, dann packen sie es vielleicht noch mit einer Ausbildung — bedenktlich wird es aber für die verlorene Generation der arbeitslosen und ungelernten über 30-jährigen, teils noch mit Familie — da werden viele bis in alle Ewigkeit nicht mehr aus dem Sumpf kommen, vor allem weil sie damals dem Ruf des schnellen Geldes gefolgt sind!

  3. Armin B. sagt:

    Mit seinem sehr langen Studentenleben hätte er sich in Ländern, wo die Uni nicht vom Steuerzahler bezahlt wird, tatsächlich enorme Schulden angehäuft.

  4. Feng sagt:

    Es ist fasch zu behaupten
    “Die deutschsprachigen Kinder legten durchgehend ein geduldigeres Verhalten an den Tag als die italienischsprachigen.”
    Neben die Sprachen, gibt viele andere Faktoren.

  5. nikkilein sagt:

    tja herr schleife, denke es lässt sich in ihrem reichlich entlöhnten job, über so einiges unnützes und realitätsfremdes sinnieren.
    solche leute wie sie, sollten einen maximallohn von 1500 fr erhalten damit sie mal auf die welt-kommen.