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«Das Bergsteigen ist völlig nutzlos, aber nicht sinnlos»

Mathias Morgenthaler am Samstag den 21. Dezember 2013
Alexander Huber, Profikletterer.

Alexander Huber, Profikletterer.

Alexander Huber hat nicht nur viele Rekorde am Berg gebrochen, sondern auch die Schattenseiten des Berufs kennengelernt. Versagens- und Existenzängste führten dazu, dass er zeitweise nicht mehr klettern konnte. Im zweiten Teil des Interviews erzählt er, wie er aus dem Loch herausfand, welche Ziele er sich als 45-Jähriger steckt und ob er seine Kinder gerne am Berg sähe.

Interview: Mathias Morgenthaler

Herr Huber, Sie haben immer wieder das Schicksal herausgefordert mit spektakulären ungesicherten Klettertouren. Sind Sie nie abgestürzt?

ALEXANDER HUBER: Bei den Dreharbeiten zum Film «Am Limit» im Yosemite Valley war ich mit Kameramännern in relativ steilem Gelände unterwegs. Einer von ihnen hatte sich in eine ungemütliche Situation begeben. Ich wollte ihn hochziehen. Als ich mich vorbeugte, brach der Griff aus, an dem ich mich festhielt – ich fiel 17 Meter in die Tiefe. Das war ein typischer Zwischenfall. Oft geschieht ein Unglück, wenn man abgelenkt ist und jemanden retten will. Man vergisst dann leicht, dass die eigene Sicherheit immer vorgeht. Ich hatte grosses Glück, dass nur das Fussgelenk verletzt wurde. Der dumme Sturz hätte mich auch das Leben kosten können.

Fürchten wir uns nicht nur am Fels, sondern auch im Alltag vor den falschen Dingen?

Das ist einer der Gründe, warum ich mein Buch über die Angst geschrieben habe. Wenn wir uns unseren Ängsten nicht stellen, sind wir immer mit angezogener Handbremse unterwegs. Die Angst vor der Angst kann sehr lähmend sein, ich habe das selber erlebt. Wer seine Ängste verdrängt, wird umso mehr von ihnen gesteuert. Da helfen dann keine Vorsicht und keine Versicherung. Wenn wir uns nicht vor unseren Problemen verstecken, sondern eine Lösung finden wollen, können wir keinen Bogen um die Angst machen. Der Weg ist meistens dort, wo die Angst ist.

Welches waren Ihre Ängste?

Alexander Huber auf der Route «Opportunist» im Wilden Kaiser.

Alexander Huber auf der Route «Opportunist» im Wilden Kaiser.

Ein schwieriger Moment war, als ich mich entschloss, das Klettern zu meinem Beruf zu machen. Bis dahin dachte ich: Ich bin Physiker und habe das schönste Hobby der Welt. Klettern war reine Freude. Als ich das Klettern zum Beruf machte, kam mir die Leichtigkeit abhanden. Ich wurde erfolgsabhängig und entsprechend unruhig, wenn der Erfolg einmal ausblieb. Die Rückschläge setzten mir zu, ich hatte Existenzängste und fühlte mich als Person des öffentlichen Lebens permanent unter Druck. Ich versuchte, selber damit klarzukommen, aber wenn man sich solchen Ängste nicht stellt, dann wirken sie im Hintergrund weiter und vermehren sich. Irgendwann wird dir klar, dass die Angst dich im Griff hat.

Wie spürten Sie das?

Das generelle Angstgefühl zog in meinem Fall viele weitere Ängste nach sich. Wenn ich in der Zeit meiner grössten Krise vor zehn Jahren bei einem öffentlichen Auftritt mit einer kritischen Frage konfrontiert wurde, war ich sofort gestresst und konnte nicht souverän reagieren. Ich litt unter Herzbeschwerden und Kopfschmerzen und fürchtete mich davor, einen Herzinfarkt zu erleiden oder an einem Hirntumor zu erkranken. Natürlich konnte mir kein Arzt helfen, denn es waren irrationale Ängste, Ableger meiner Versagens- und Existenzangst. Schliesslich war ich so verunsichert, dass ich eine Südamerika-Expedition abbrechen und nach Hause fliegen musste. Dort zog ich mich zurück. Ich mied das Training mit meinen Freunden aus Angst davor, dass sie mich fragen könnten, was los sei mit mir.

Wie fanden Sie aus dem Teufelskreis heraus?

Mit der Zeit brachte ich den Mut auf, zu meiner Angst zu stehen. Ein Freund empfahl mir einen Psychologen. So lernte ich, mit der Angst umzugehen und daran zu wachsen. Im Rückblick wünschte ich, ich wäre früher stark genug gewesen, mir Hilfe zu holen.

Sie sind jetzt 45-jährig. Haben Sie Angst, nicht mehr mithalten zu können mit den 25-Jährigen?

Das ist keine Angst, das ist eine Realität. Die Angst sagt mir klar und deutlich, was ich nicht mehr machen sollte. Es wäre dumm, als 45-Jähriger mit den 20-Jährigen zu wetteifern. Ich muss meine Aktivitäten laufend anpassen und akzeptieren, dass ich keine Spitzenleistungen als Sportkletterer mehr erbringen kann. Auch die Ausdauer nimmt ab, wenn auch weniger schnell als die Kraft. Heute kann ich vor allem die mentale Stärke und die Erfahrung in die Waagschale werfen. Das wird mir hoffentlich das eine oder andere Highlight als Höhenbergsteiger ermöglichen. Aber ich werde die nächsten 20 Jahre nicht mehr so rekordverdächtig unterwegs sein wie in den letzten 20 Jahren.

Das muss schwierig sein für einen, der immer die Rekorde gejagt hat.

Natürlich waren und sind mir Erstbegehungen wichtig. Die Aussicht, als Pionier neue Horizonte zu erobern, hat mich immer angetrieben. Ich glaube, dieses Bedürfnis, die Grenzen zu verschieben, ist in jedem Menschen angelegt. Da es heute kaum noch weisse Flecken auf der Weltkarte zu erkunden gibt wie zu den Zeiten der Pioniere Shackleton, Amundsen oder Hillary, richtet sich der Fokus mehr nach innen, auf das eigene Erleben. Es geht letztlich nie darum, den Berg zu bezwingen – man besiegt immer nur das eigene Ich und seine Angst. Bei Pioniertaten kommt die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit als schöne Belohnung dazu.

Man wirft Ihnen regelmässig vor, dass Ihre riskante Tätigkeit völlig nutzlos sei. Sind Sie anderer Meinung?

Nein, da stimme ich zu. Das Bergsteigen ist völlig nutzlos, aber nicht sinnlos. Wenn ich das Leuchten in den Augen meines Vaters sehe, dann weiss ich, dass dieser Mensch glücklich ist. Ich wünsche mir, dass jeder etwas tun kann, das ihn erfüllt. Wer seine Leidenschaft zu seinem Beruf machen kann, ist zufriedener und kann auch anderen mehr geben.

Hätten Sie Freude, wenn Ihre Kinder dereinst ähnliche Risiken eingingen am Berg wie Sie?

Es wäre schön, wenn meine Kinder Bergsteiger würden. Entscheidend ist aber nicht, was sie tun, sondern ob ihr inneres Feuer brennt und sie den Mut haben, ihrer Leidenschaft zu folgen. Dazu will ich sie ermutigen. Viele Eltern sind auch bei der Erziehung ihrer Kinder von Ängsten geleitet. Sie bestehen darauf, dass ihre Kinder etwas Vernünftiges und Sicheres tun – als wäre das Wichtigste im Leben, alle Risiken zu vermeiden. Mein Bruder und ich stammen aus einer Bergsteigerfamilie, unsere Eltern haben uns deshalb nie gebremst. Natürlich war meine Mutter ab und zu besorgt. Sie hatte aber selbst bei meinen gefährlichsten Klettertouren weniger Angst, als wenn ich mit meinem Vater im Auto unterwegs bin. Da müssen wir sie immer wissen lassen, dass wir sicher angekommen sind.

Kontakt und Information

www.huberbuam.de

 

Teil 1 des Interviews ist vor einer Woche an dieser Stelle erschienen. Bilder von Alexander Hubers schwierigsten Klettertouren auf www.beruf-berufung.ch

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2 Kommentare zu “«Das Bergsteigen ist völlig nutzlos, aber nicht sinnlos»”

  1. Müller sagt:

    Was für ein tolles Interviews, der hat den Sinn des Lebens erkannt. Ja genau: TUE etwas im Leben das Dich glücklich macht!
    Das kann man halt nicht kaufen, sondern man muss es Tun. Was immer es ist, es ist eigentlich bedeutungslos!

  2. Peter Grumbach sagt:

    Leute wie Alexander Huber habe ich immer bewundert und beneidet – denn so etwas wie Bergsteigen konnte ich leider nie machen: zu arm…nur Schule war mir (und vielen Anderen) im Deutschland der 50er erlaubt! Aus Trotz bin ich dann in die U.S.A.
    gezogen (aber nie die Staatsbürgerschaft gewechselt), getan, was mich glücklich machte – und prompt durchgesetzt..
    Daher muss ich Kommentator MUELLER vollkommen zustimmen – Glück kann man nicht kaufen!
    – Das mit den Bergen kann ich, mit 77, nun halt leider nicht mehr machen. Die ANGST aber, die habe ich schon lange besiegt – auch die Angst vor dem Sterben (was meine Freunde sehr unnatürlich finden).
    Der Alexander Huber aber – der hat’s erfasst…ich gratuliere!