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«Die Angst zu verdrängen, wäre die dümmste Strategie»

Mathias Morgenthaler am Samstag den 14. Dezember 2013
Die Angst ist immer dabei: Alexander Huber an der Grossen Zinne. Foto: Heinz Zak

Die Angst ist immer dabei: Alexander Huber an der Grossen Zinne. Foto: Heinz Zak

In der Kletterszene ist Alexander Huber ein Held. Keine Wand war zu steil, kein Abenteuer zu kühn für den bayrischen Extremkletterer. Nun legt der 45-Jährige ein bemerkenswertes Buch über die Angst vor. Er schreibt darin nicht nur über eigene Versagens- und Todesängste, sondern auch darüber, warum es sich lohnt, der Angst ins Auge zu sehen und sie zum Freund zu machen.

Interview: Mathias Morgenthaler

Herr Huber, wenn man Sie ungesichert an einer Hand 500 Meter über dem Boden am Fels hängen sieht, denkt man unweigerlich: Einer wie Sie hat offenbar keine Angst.

ALEXANDER HUBER: Ja, das ist ein weit verbreiteter Eindruck. Weil wir keine Nerven zeigen, sagt man von uns Extrembergsteigern, wir hätten keine Angst. Das Gegenteil ist richtig: Wir pflegen einen sehr intensiven Umgang mit der Angst. Wir verdrängen sie nicht, sondern wir machen sie zu unserem besten Freund. Wäre ich frei von Angst, könnten wir uns heute nicht mehr unterhalten. Dann wäre ich schon längst abgestürzt oder in einer Lawinen umgekommen. Die Angst mahnt uns zur Vorsicht und garantiert so unsere Sicherheit. Das gilt nicht nur für den Berg, sondern auch für den Strassenverkehr. Kinder sind zunächst angstfrei unterwegs, weil sie keine Vorstellung von den Gefahren haben. Deshalb müssen wir sie schützen.

Der Schweizer Arzt und Bergsteiger Oswald Oelz sagte einmal, jeder Zweite, der schwierige Achttausender besteige, sterbe frühzeitig. Sie haben vermutlich schon einige Freunde am Berg verloren?

Nein, ich habe noch keinen einzigen Freund durch einen klassischen Bergunfall verloren. Einer ist beim Überqueren eines Bachbetts ausgerutscht, mit dem Kopf auf einem Stein aufgeschlagen und dann ertrunken. Es war keine angsteinflößende Situation, aber ein Zwischenfall mit tödlichem Ausgang. Ich glaube, dass nur wenige Extrembergsteiger wirklich leichtfertig mit ihrem Leben spielen. Aber eins ist klar: Bergsteigen ist nicht Golfspielen. Selbst bei einer an sich harmlosen Skitour in den Alpen kann man unter ungünstigen Bedingungen unter einer Lawine begraben werden. Die Lawine fragt nicht nach der Erfahrung oder dem Schwierigkeitsgrad, den man klettern kann.

Dennoch stellt sich die Frage: Sind Sie lebensmüde oder besonders lebenshungrig, dass Sie immer wieder ans Limit gehen?

Ich bin sicher nicht lebensmüde. Durch besondere Aktionen am Berg schaffe ich mir unvergessliche Erinnerungen. Wenn ich «free solo» klettere, also alleine und ohne jede Sicherung, dann hängt mein Leben ja tatsächlich an den Fingerspitzen. Gleichzeitig hänge ich in diesen Momenten enorm an meinem Leben. Ich gehe ein maximales Risiko ein, weiss um die Allgegenwart der Gefahr und bin deshalb extrem konzentriert. Es gibt in diesem Moment keine Vergangenheit, keine Zukunft, keine Gedanken, keine Aussenwelt. Nur mich und den Fels und die nächste Bewegung. Das ist eine sehr ehrliche, archaische Angelegenheit.

Schätzt man das Leben mehr, wenn man es von Zeit zu Zeit aufs Spiel setzt?

Es ist tatsächlich so: Die komplette Reduktion auf mich selbst und die totale Unmittelbarkeit des Todes offerieren mir ein ungetrübtes Bild auf die Bedeutung des Lebens. Es kommt doch nicht nur darauf an, wie viele Jahre wir leben. Viel wichtiger ist, wie wir die gelebten Jahre erlebt haben, wie viele bunte Seiten es am Ende gibt im Buch unseres Lebens. Manche werden 80-jährig und haben kaum bleibende Erinnerungen. Wenn ich mein Leben als Einsatz ins Spiel bringe, wird das Erleben so tief und intensiv wie nur irgendwie möglich. Dann bin ich ganz im Jetzt, ganz im Leben.

Diese Momente sind vergleichbar mit einem Drogenrausch und haben Suchtpotenzial. Wie schützen Sie sich vor einer Überdosis?

Der Vergleich ist unpassend. Mag sein, dass im Gehirn ähnliche chemische Prozesse ablaufen, aber das Setting ist ein ganz anderes. Die intensiven Erlebnisse am Berg kommen nicht wie ein Drogenflash, sie haben eine lange Vorgeschichte. Man bereitet sich minutiös vor und durchlebt in den Tagen und Stunden vor einer schwierigen Besteigung ein Wechselbad der Gefühle.

In der Nacht vor Ihrer Direttissima an der Grossen Zinne in den Dolomiten sind Sie vor dem inneren Auge zu Tode gestürzt, wie Sie im Buch schreiben. Das klingt nicht nach einer idealen Vorbereitung.

Ja, das war eine qualvolle Nacht, geprägt von Versagens- und Todesängsten. Aber es war wichtig, der Angst ins Auge zu sehen, zu sehen, was sie mit mir macht. Wenn du mehrere hundert Meter ungesichert in einer schwierigen, an vielen Stellen überhängenden Wand klettern willst, kannst du unmöglich analytisch errechnen, ob du das schaffst oder nicht. Es ist dein Bauchgefühl, das dir sagt, ob du in die Wand einsteigen darfst oder nicht, ob du im oberen Drittel, wenn du müde bist und im 9. Schwierigkeitsgrad kletterst, noch alles im Griff haben wirst. Das Bauchgefühl muss erkennen, welches Gefühl die Oberhand hat: das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten oder die Angst. Die Angst zu verdrängen, wäre die dümmste Strategie. Ich brauche sie, sie ist meine zuverlässigste Beraterin.

Das mag im Vorfeld zutreffen. Wenn Sie aber hoch oben in der Wand hängen, wäre es fatal, Angst zu haben.

Die Angst ist vom ersten bis zum letzten Meter dabei, sie sorgt dafür, dass ich konzentriert und fokussiert bleibe. Fatal wären Nervosität oder Panik. Das wären Zeichen von Überforderung oder verdrängter Angst. Oft geht vergessen, dass Angst nicht per se eine destruktive Kraft ist. Sie ist ein enormer Gefühlsverstärker, im Guten wie im Schlechten. Es ist über elf Jahre her, dass ich die Grosse Zinne durchklettert habe, aber ich kann mich heute noch an jedes Detail erinnern: wie ich die Schuhe gebunden habe, in die Wand eingestiegen bin, mich hingesetzt und kehrt gemacht habe, ein zweites Mal eingestiegen bin und dann alle Schwierigkeiten gemeistert habe, Griff für Griff. Das ist alles abgespeichert, ich kann diesen Film jederzeit abspielen.

Wirkt da das alltägliche Leben nicht fad im Vergleich?

Ich zehre von diesen intensiven Erlebnissen, aber es käme mir nicht in den Sinn, so etwas zu wiederholen. Ich glaube vielmehr, dass mir diese Momente am Berg erlauben, auch in anderen Lebensbereichen mehr Emotionen zu empfinden. Ich bin kein Neurologe, aber ich vermute, wenn wir die Angst überwinden und Grenzen verschieben, verändert sich etwas in unserem Gehirn und unser Wahrnehmungsspektrum erweitert sich.

Sie sind viele Routen geklettert, bei denen dem Betrachter der Atem stockt. Gab es Momente unkontrollierter Angst?

Bei freien ungesicherten Touren nicht – sonst würden wir uns jetzt nicht unterhalten. Ich erinnere mich aber an eine Situation, die mir nachhaltig Angst machte. 1997, auf einer Expedition in Pakistan, mussten wir bei Steinschlag ein enges Couloir runtersteigen. Das waren drei Stunden voller Angst, weil wir offensichtlich keinen Einfluss darauf hatten, ob wir das überleben oder nicht.

Teil 2 des Interviews
erscheint in einer Woche an dieser Stelle.

Kontakt und Informationen:
www.huberbuam.de

Das Buch:
Alexander Huber: Die Angst, dein bester Freund. Ecowin Verlag 2013.

Alexander Huber, Jahrgang 1968, ist staatlich geprüfter Berg- und Skiführer, Kletterprofi und diplomierter Physiker. Er und sein älterer Bruder Thomas sind als die Huberbuam bekannt. Alexander Huber zählt zu den erfolgreichsten Allround-Bergsteigern der Welt und beherrscht auch den Free-Solo-Stil, das Klettern ohne Seil und Absicherung. 2008 bekam er den Bayerischen Sportpreis in der Kategorie «Botschafter des bayerischen Sports» verliehen. Für ihren Dokumentarfilm «Am Limit» erhielten die Huberbuam den Bayerischen Filmpreis. Alexander Huber lebt mit seiner Familie in Marktschellenberg.

 

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12 Kommentare zu “«Die Angst zu verdrängen, wäre die dümmste Strategie»”

  1. Irene feldmann sagt:

    Beeindruckend, und die Angst zu meinem Freund machen,bestätigt wieder mal mehr ihre Richtigkeit!

  2. Olaf sagt:

    Solche Kommentare kann nur jemand abgeben, der keine Probleme hat.
    Es gibt Menschen, die leben am Limit (gesundheitlich), aber ohne solchen Scheiss!

  3. Vinzenz Bieri sagt:

    Angst muss ein Mensch mental, wie beispielsweise Reinhold Messmer, verarbeiten können, sonst landet er in der Psychiatrie.

  4. Peter Mraz sagt:

    Man sollte solche Beiträge nicht veröffentlichen. Wenn man ein derart hohes Risiko eingeht, dann bitte um jemandem oder etwas zu helfen, nicht wegen blosser Selbstüberwindung. Das Leben ist dafür zu kurz und zu wertvoll. Wer bezahlt die jahrelangen Pflegekosten nach einem Unfall? Wahrscheinlich die anderen durch höhere Beiträge für Versicherungen ….

  5. edgar sagt:

    Es tut mir leid, aber ich sehe hier nichts Beeindruckendes. Dieses extreme “bis an die Grenze gehen”, diese Herausforderung des Schicksals, dieses perverse Streben nach Rekord und Beachtung, das alles ist nichts als Hybris. Wer dermassen die eigene Auslöschung sucht, verachtet die Schöpfung und, im Grunde genommen, auch sich selbst. Ich bin mir bewusst, dass mein Votum gegen den Mainstream geht, aber damit kann ich gut leben.

  6. stefan moser sagt:

    Alexander Huber zählt zu den fünf bis sechs ganz grossen Kletterern unserer Zeit – mit wenig Talent, sich zu vermarkten. Was ihn sehr sympathisch macht. Beeindruckend ehrliche Antworten – manchmal etwas gar erwartbare Fragen! Und an alle die, dies sinnlos finden: Niemand zwingt ihn dazu. Und niemand zwingt Euch dazu, dieses Interview zu lesen. Love it or leave it. Ich kletterte in meiner Jugendzeit auch free solos – niemals in denselben Schwierigkeitsgraden – und ich würds nie mehr machen. Aber ich bin froh, es getan zu haben. Das versteht nur, wer selbst klettert.

  7. Hobbysportler sagt:

    Beim Klettern habe ich erst einmal ein “free solo” gemacht.(in sehr moderater Schwierigkeit) Dies nachdem ich die Route bereits 2 mal am Seil geklettert bin. Tatsache ist aber das ich diese 3te Runde am konzentriertesten und sehr bewusst geklettert bin. eine sehr intensive Erinnerung.
    Im “Normalleben” machen wir sie doch aber dauernd unsere “free solo”; das Kind wenn es zum ersten mal auf die Rutschbahn oder den Kletterturm/den Baum klettert. Oder der Geschäftsman bei einer unvorbereiteten Präsentation.
    Schafft man es erfolgreich ist man zu recht stolz auf sich.

  8. Aschi sagt:

    Wer nicht selber klettert, versteht den Artikel wahrscheinlich nicht. Fieber, Schmerzen und Angst stufe ich als nützliche Warnsignale ein, die nicht verdrängt werden sollen. Wenn daraus die richtigen Schlüsse gezogen werden, sind sie sehr wertvoll, ja vital. Risiko = W x A. Bei Solos sind die Auswirkungen (A) eines Sturzes meist tödlich. Folglich muss die Wahrscheinlichkeit (W) sehr tief gehalten werden. Spitzenkönner wie Huber beherrschen das. Weniger Geübte, wie ich, stürzen auf der Kellertreppe (W gross), wo die Auswirkungen (A klein) nicht gross sind…

  9. Karin sagt:

    Selten habe ich so oft den Kopf schütteln müssen bei einem Interview.
    Ich bin auch der Ansicht, dass das Alltagsleben bereits mehr als genug Free Solo-Situationen bereit hält.
    Sich dermassen in Szene zu setzen und noch eine Plattform dafür zu bekommen ist bedauerlich.

  10. Novacek sagt:

    Gutes Training und eine genetisch gegebene Physis samt Verstand sind die Voraussetzungen für solche Leistungen, die ausserhalb der Reichweite des Normalverbrauchers liegen. Die Deutsche Bank leitet ja auch kein Normalverbraucher. Auch Astronauten werden nicht nach dem Zufallsprinzip eingestellt.

  11. Niki sagt:

    Wo genau ist der versprochene zweite Teil vom Interview?