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Von der Bieridee zur 24-Stunden-Konferenz

Mathias Morgenthaler am Dienstag den 27. August 2013
Animierte Diskussion über Entschleunigung in Unternehmen am 24thinkpark. Foto: event.nzz.ch

Animierte Diskussion über Entschleunigung in Unternehmen am 24thinkpark. Foto: event.nzz.ch

Wie wird die Berufswelt in fünf oder zehn Jahren aussehen? An einer Open-Space-Konferenz in Zürich näherten sich 100 Experten dieser Frage auf unkonventionelle Weise. Organisator Christoph Jordi bezahlte bei der ersten Durchführung Lehrgeld. Gleichwohl beschäftigt er sich gedanklich schon mit der nächsten Konferenz.

Eine Konferenz ohne Referenten, kann das gut gehen? Es war ein Experiment mit offenem Ausgang, das Christoph Jordi vor zwei Jahren in Angriff nahm. Der Zürcher Unternehmensberater trank in Berlin am Flughafen ein Bier, ernüchtert von der Teilnahme an einer konventionellen Konferenz, und sagte zu einem Kollegen: «Man müsste das anders organisieren. Mehr Austausch, weniger Frontalunterricht.» Nach beträchtlichem Organisationsaufwand und beschwerlicher Geldsuche eröffnete Jordi am vergangenen Freitagmorgen im Papiersaal Sihlcity Zürich seine eigene Konferenz: 24thinkpark. Das Motto dazu lautete: «24 Stunden, 100 Köpfe, 1000 Ideen».

Die Arbeitswelt verändere sich dramatisch, verkündete Jordi in seiner Begrüssungsrede, die Unternehmen seien aber schlecht dafür gerüstet, seien sie doch «nach mittelalterlichen Mustern aufgestellt»: zu viel Hierarchie, zu viel Prozessoptimierung, zu wenig Innovation und Sinnstiftung. «Die Probleme der heutigen Zeit müssen interdisziplinär gelöst werden», sagte Jordi weiter. Deshalb habe er als Veranstalter keine Referenten eingeladen, sondern bloss die Rahmenbedingungen geschaffen, damit sich die 100 Anwesenden hier optimal austauschen könnten.

Die Versuchsanordnung war nichts für Menschen, die geordnete Verhältnisse mögen. Zwar erläuterte ein Mitarbeiter kurz die Prinzipien der in den Achtzigerjahren lancierten Open-Space-Methode, wodurch immerhin klar wurde, dass die weitgehende Strukturlosigkeit der Konferenz gewollt war. Verwirrend war der Anfang gleichwohl, wobei die modernen Kommunikationsmittel, welche anstelle der Flipcharts eingesetzt wurden, die Konfusion noch steigerten. Da sassen die knapp 100 Anwesenden, allesamt mit einem Mini iPad ausgestattet, und sollten sich auf einer virtuellen Plattform einloggen, ihr Nutzerprofil erstellen, twittern und posten, Diskussionsthemen für die nächsten 24 Stunden lancieren und terminieren oder sich für solche, die andere lanciert hatten, als Teilnehmer eintragen. Wer sich angesichts solcher Überforderung auf die Kaffeepause oder das Mittagessen freute, freute sich vergeblich: Essen und trinken war jederzeit möglich, auch dafür gabs keinen Fahrplan.

Gegen Mittag legte sich das Chaos und die Inhalte rückten in den Vordergrund. In einer der Diskussionsrunden erörterte ein Dutzend Teilnehmer Möglichkeiten der «Entschleunigung in Unternehmen». Die radikalsten Ansätze liefen darauf hinaus, den Mailzugang zeitlich zu beschränken, die «Kopie an»-Funktion im Mail zu sperren oder die Anzahl Mails, die pro Tag verschickt werden dürfen, zu limitieren. Da die meisten Diskussionsrunden kaum moderiert wurden, verliefen die Gespräche wenig resultatorientiert, sondern mehr nach dem Motto «freies Assoziieren», was eine belesene Teilnehmerin aus Wien zur schnippischen Frage veranlasste: «Sammeln wir jetzt noch Eindrücke oder wollen wir uns in Richtung Lösungen bewegen?»

An Themen mangelte es nicht. Der Mann in der Krise wurde ebenso verhandelt wie Teilzeit- und Telework-Modelle; der HR-Verantwortliche eines Pharmaunternehmens hätte gerne erfahren, wie er die 130 000 Mitarbeiter in allen Herren Ländern zu Markenbotschaftern machen kann, andere Personalfachleute interessierten sich für die Frage, wie man die besten Talente frisch ab Universität gewinnt und wie weit die Personalsuche automatisiert werden kann. Mit Fortdauer der Konferenz zeigte sich, dass deren Schwäche gleichzeitig die grösste Stärke war. Weil der erfahrene Unternehmer, die routinierte Personalchefin, der belesene Wissenschaftler und die kaum mit dem Arbeitsmarkt vertraute Studentin gleichberechtigt mitredeten, konnte vieles nur angetippt, aber nicht vertieft werden. Gleichzeitig wurde so manche Expertise infrage gestellt oder um eine Perspektive erweitert, weil es kein Treffen von Fachleuten war, sondern die Talente, über die Wissenschaftler und HR-Leute so gerne fachsimpeln, physisch anwesend waren und sich zur Wehr setzen konnten, wenn sie pauschal mit dem Etikett «Generation Y» abgestempelt wurden.

Und vielleicht waren die Erkenntnisse aus den 50 Diskussionsrunden auch nebensächlich im Vergleich zu den Kontakten, welche die Teilnehmer während der 24 Stunden knüpfen konnten. Es wurde nämlich nicht nur fachmännisch diskutiert, sondern nach Einbruch der Dunkelheit auch jongliert, gejasst, getanzt, getrunken und geschlafen. Veranstalter Christoph Jordi jedenfalls zeigte sich am Tag danach entschlossen, in absehbarer Zeit eine zweite 24-Stunden-Konferenz durchzuführen – obwohl er bei der ersten Austragung draufgelegt hat, weil nur Axa Winterthur und KV Schweiz als Sponsoren mitgewirkt hatten und die Teilnahmegebühr von 600 Franken (Studenten 200) nicht kostendeckend war. Die Zukunft der Arbeitswelt konnte in diesen 24 Stunden nicht geklärt werden, das unkonventionelle Konferenzformat scheint aber eine Zukunft zu haben.

Mathias Morgenthaler

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