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„Wir drehten an der Erdkugel und suchten unbereiste Gegenden“

Mathias Morgenthaler am Samstag den 16. Oktober 2010

Hansjörg Hinrichs

Hansjörg Hinrichs

Nach sieben Jahren im Lehrerberuf entschied sich Hansjörg Hinrichs, das Weite zu suchen. Er bereiste die Welt und lernte dabei vor allem sich selber kennen. Seit 25 Jahren bietet Hinrichs, Gründer und Inhaber der Pacific Society, Reisen in die Südsee an. Wer mit ihm auf den Spuren von James Cook unterwegs sein will, braucht viel Geld, Geduld und Neugier. PDF-Datei herunterladen

Herr Hinrichs, Sie haben die Ferien gewissermassen zum Beruf gemacht. Wann dachten Sie zum ersten Mal daran, vom Reisen zu leben?
HANSJÖRG HINRICHS: Ich bin da hineingerutscht – zunächst wusste ich nur, was ich nicht mehr machen wollte. Ich liebte den Lehrerberuf, aber nach sieben Jahren sehnte ich mich nach mehr Selbstbestimmung. Es war für mich unvorstellbar, im Lehrerberuf alt zu werden. Als ich im Alter von 27 Jahren hätte Land erwerben und ein Haus bauen können, merkte ich: Ich bin nicht bereit für eine solche Verwurzelung, ich brauche Bewegung, muss die Weite suchen.

Kein sehr klares Programm für eine berufliche Neuorientierung…
Ich sprach damals lange mit einem älteren Mann, einem erfahrenen Gärtner und Fotografen. Er sagte zu mir: „Wenn du willst, dass etwas Neues in dein Leben tritt, dann befreie dich konsequent vom Alten und schaffe Raum.“ So entschied ich mich für eine Auszeit von unbestimmter Dauer – ich wusste einzig, dass mein Erspartes bei bescheidenem Lebenswandel für ungefähr zwei Jahre ausreichen würde. Allein dieser Entschluss, aus dem bisherigen Alltag auszusteigen, gab mir einen grossen Adrenalin-Schub. Nach neun Monaten erhielt ich vom Trekking-Spezialisten Intertreck die Chance, eine Reise nach Borneo zu leiten.

Konnten Sie das denn?
Ich war überrascht, ich hatte bis zu diesem Zeitpunkt noch nie ein Flugzeug bestiegen und wusste folglich nicht, was „Einchecken“ bedeutet. Aber ich hatte mich intensiv mit dem Reisen und dem Fotografieren auseinandergesetzt, insofern war es kein Zufall, dass ich diese Chance erhielt. Ich überstand die Reise, kehrte aber schwer krank zurück, gezeichnet von einem Niereninfekt, Gewichtsverlust, Haarausfall. Der Schulrat bot mir an, wieder zu unterrichten. Es war für mich kein leichter Entscheid, aber ich hörte auf mein Bauchgefühl und bewahrte mir das Gefühl der Freiheit. Bald darauf konnte ich für Intertreck neue Reiserouten nach Indonesien, Sibirien, China und in die Mongolei erschliessen. Ich lebte wie im Rausch: Wir drehten an der Erdkugel und suchten unbereiste Gegenden. Eines Morgens sagte ich zu meinem Chef: „Ich könnte die Südsee entdecken.“ Und er antwortete: „Mach das und bring ein Maximum zurück.“

War das ein Traumberuf?
Ja und nein. Ich konnte meine Leidenschaften und Talente leben, unterwegs sein, Fotografieren, ganz unterschiedliche Menschen kennenlernen. Aber der Preis, den ich bezahlte, war hoch. Ich erkrankte an Malaria und erfuhr am eigenen Körper, wie rasch man den Boden unter den Füssen verliert. Ohne Selbstdisziplin und harte Arbeit an sich macht man diesen Job nicht lange. Als ich in Sibirien etwas aufzubauen begann, konnte ich kaum glauben, wie korrupt die Menschen dort waren und wie ungesund sie lebten. Es wurde dort so brachial gesoffen – und als Geschäftspartner konnte ich mich dem nicht entziehen – dass ich mir meine wichtigsten Ziele jeweils in grossen Buchstaben auf einen Zettel schreiben musste, um sie nicht aus den Augen zu verlieren. In Papua Neuguinea habe ich mit steinzeitlich lebenden Menschen über Produkte und Dienstleistungen für europäische Geschäftsleute verhandelt. Manchmal zogen sich die Häuptlinge zu Beratungen zurück und liessen mich tagelang im Dschungel warten, um mich zu zermürben. Da fühlt man sich ziemlich jämmerlich.

Waren die Reisen auch eine Schulung in Demut?
Ja, sehr ausgeprägt sogar. Man kommt da als junger weisser Haudegen in eine ganz andere Welt und denkt, mit einem Bündel Geldscheinen könne man alles kaufen und steuern. Wer nicht lernt, die Menschen dort zu verstehen und ihr Vertrauen zu gewinnen, erlebt sein blaues Wunder.

Seit 25 Jahren bieten Sie nun mit einem eigenen Geschäft Reisen in die Südsee an. Was erwartet Ihre Kundschaft dort?
Ich könnte jetzt von der traumhaften Landschaft sprechen. Aber es geht uns gerade nicht darum, eine schöne Gegend für Abenteuertrips zu instrumentalisieren. Im Vordergrund stehen drei Themen: Das Weg- und In-die-Welt-Gehen, die Begegnung und Auseinandersetzung mit dem Fremden und dann die uralte Frage: Wer bin ich? Reisen bedeutet für mich, mit offenen Sinneskanälen Neues wahrzunehmen.

Vor 50 Jahren war eine Reise ans Mittelmeer für viele ein Abenteuer, heute reisen schon Jugendliche um die halbe Welt, weil die meisten Orte rasch und billig zu erreichen sind. Ist das Reisen banal geworden?
Die Reisebranche ist tendenziell durch ein horrendes Tempo und eine grosse Oberflächlichkeit geprägt. Ich kann auf der 3 Kilometer langen Reise von meinem Wohnort nach Appenzell mehr erleben als auf einem 2-wöchigen Malediven-Trip. Wir wollen unseren Kunden die Gelegenheit geben, an speziellen Orten langsam zu werden, sich auf eine neue Welt einzulassen und zu fragen: Was passiert da? Und was heisst das für mich? Das hat nichts mit einer Idealisierung anderer Kulturen zu tun. Aber manchmal kommt man näher zu sich selber, wenn man weit wegreist. Sich aus dem gewohnten Lebensrahmen herauszulösen und dem komplett Ungewohnten zu öffnen, kann neue Impulse geben.

Die Kosten für eine mehrwöchige Reise in die Südsee betragen bei Ihnen zwischen 40’000 und 65’000 Franken. Wer leistet sich solchen Luxus?
Vermögende Menschen in der zweiten Lebenshälfte, Anwälte, Unternehmer, Kreative. Wir haben noch nie Preisreklamationen erhalten. Wir reisen in kleinen Gruppen in eine der schönsten, aber auch teuersten Regionen der Welt. Und wir verbinden luxuriöse Unterkünfte und Transfers mit ganz einfachen, naturnahen Erlebnissen. Alle Reisen sind exklusive Einzelanfertigungen.

Sie halten im Rahmenprogramm der James-Cook-Ausstellung im Historischen Museum in Bern Referate zur Südsee. Wie sehen Sie den grossen Abenteurer?
Er war ein Genie in Bezug auf die Navigation und Kartografie und eine beeindruckende Persönlichkeit. Aber letztlich war er ein Instrument des britischen Kolonialismus. Er handelte im Interesse des englischen Königshauses, das nach dem Verlust von Kanada neues Land brauchte. In anderer Form gibt es die Kolonialisierung noch heute: ganze Völker werden ausgebeutet im Kampf um Ressourcen und Macht. Auch deswegen halte ich regelmässig Vorträge über die Südsee. Diese wunderbare Destination hat in der westlich-zivilisierten Welt nicht sehr viele Fürsprecher.

Kontakt und Information:
www.pacificsociety.ch

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