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„Ich bin wie ein Dichter, der sein Werk frei gestalten kann“

Mathias Morgenthaler am Samstag den 25. September 2010

Heinrich Villiger

Heinrich Villiger

Heinrich Villiger führt sein Tabakunternehmen Villiger Söhne auch im 81. Lebensjahr mit starker Hand. Mindestens zehn Jahre will er noch weitermachen und der Weltgesundheitsorganisation WHO die Stirn bieten. Auf die Banken ist der ältere Bruder des UBS-Präsidenten Kaspar Villiger gar nicht gut zu sprechen: „Hätte ich mein Geld einer Bank anvertraut, wäre ich heute ein armer Mann.“ Download als PDF-Datei

Andere Menschen in Ihrem Alter geniessen daheim den Lebensabend und legen die Füsse hoch. Was hält Sie mit 80 Jahren im Büro, Herr Villiger?
HEINRICH VILLIGER: Sobald man aufhört, geht es rasant bergab. Ich sehe das jeweils bei meinen Jahrgängern an der Klassenzusammenkunft. Lauter 80-Jährige, die sich in erster Linie über ihre echten oder künstlichen Hüft- und Kniegelenke unterhalten. Es ist gar nicht so einfach, das Gespräch mal auf etwas anderes als die Sorgen und Beschwerden zu lenken. So wollte ich nie werden. Da gehe ich viel lieber täglich zur Arbeit.

Haben Sie noch nie ernsthaft ans Aufhören gedacht?
Spätestens wenn man 65 wird, kann man sich dieser Frage nicht mehr entziehen. Damals sagte ich: Fünf Jahre mache ich noch. Mit siebzig entschied ich mich, nochmals eine Legislaturperiode anzuhängen. Jetzt bin ich achtzig und fühle mich sehr gut. Es ist ein Glücksfall: Ich bin der Alleininhaber und muss mich deshalb nicht lange mit Leuten herumschlagen, die andere Meinungen haben. Es gibt keine Machtspiele, ich kann selber über alles entscheiden, wie ein Dichter, der sein Werk frei gestaltet. Deswegen gehe ich auch gerne zur Arbeit. Ich erwache jeden Morgen ohne Wecker um Punkt 7 Uhr.

Manager, die etwas auf sich halten, kommen doch um 5 Uhr schon vom Joggen zurück.
So erzählen Sie es jedenfalls der Presse. Ich beginne spät, um 9 oder 10 Uhr. Dann arbeite ich bis 13 Uhr, mache Mittagspause, und arbeite noch einmal von 15 bis 22 Uhr. So viel Zeit brauche ich, um diese unglaubliche Papierflut zu bewältigen. Mein Handicap ist, dass ich nicht in der elektronischen Zeit aufgewachsen bin. Ich habe zwar einen Computer auf dem Pult, weil sich das für einen Manager heute so gehört, aber ich habe keine Ahnung, wie man ihn einschaltet. Deswegen lasse ich mir alles ausdrucken. Das hat auch Vorteile. Im Zusammenhang mit Bundesratswahlen ist ja immer viel von Dossierkenntnissen die Rede. Mir fällt auf, dass Manager, die immer alles online abrufen, darin nicht besonders stark sind. Einer meiner designierten Nachfolger wollte hier das papierlose Büro einführen – ich fand das keine so gute Idee.

Was Sie antreibt, täglich zehn Stunden und mehr zu arbeiten, ist mir immer noch nicht klar – es kann ja nicht nur die Furcht vor den Altersbeschwerden sein, die Sie im Büro hält.
Ich bin in der Tabakwelt gross geworden. Für meinen Vater gab es nur das Geschäft. Er sagte: das ist krisensicher, geraucht wird immer. Seit die Weltgesundheitsorganisation irgendwelche aus der Luft gegriffenen Zahlen in die Welt setzt und die Presse das fröhlich verbreitet, ist es schwierig geworden. Bis 2020 will die Weltgesundheitsorganisation die rauchfreie Gesellschaft installiert haben; jetzt weiss ich, dass ich mindestens so lange weitermachen und ein wenig Gegensteuer geben muss. Das ist ein überschaubarer Zeitrahmen.

Sie klingen fast so, als wäre die Schädlichkeit des Rauchens eine reine Verschwörungstheorie.
Was mich ärgert, sind diese Unwahrheiten, die über das Passivrauchen verbreitet werden. Ich kenne nach 50 Jahren niemanden, der am Passivrauchen gestorben wäre. Beim Rauchen ist es etwas Anderes. Ich bin der Erste, der den jungen Leuten im Betrieb sagt, sie sollen aufhören, Zigaretten zu rauchen. Es ist klar, dass das ungesund ist.

Das Zigarren-Rauchen etwa nicht? Sie selber haben jahrelang 10 Zigarren pro Tag geraucht – und vor drei Jahren einen Herzinfarkt erlitten.
Zehn Zigarren und mehr pro Tag waren leichtsinnig. Ich war selber Schuld, ich weiss ja, dass Nikotin gefässverengend wirkt. Wer zu viel raucht, muss dafür die Verantwortung übernehmen; aber den Entscheid sollte jeder für sich fällen dürfen.

Wurmt es Sie eigentlich nicht, dass Sie mit 80 Jahren noch immer keine Zeit für Ferien finden?
Für den Durchschnittsmenschen sind Ferien sehr wichtig. Wenn man in der Agglomeration in einem Block wohnt und einen langweiligen Job hat, geht es nicht ohne Ferien. Ich wohne auf dem Land, habe einen grossen Garten, schneide die Bäume, bin mit dem Traktor oder dem Motorrad unterwegs und hin und wieder auf der Jagd – da brauche ich keine Ferien. Zudem bin ich beruflich sehr viel unterwegs. In Indonesien haben wir einen Betrieb mit über 500 Mitarbeitern, regelmässig fliege ich nach Kuba und Mexiko. Da bin ich glücklicher als wenn ich Ferien hätte.

Kommt dazu, dass Sie immer viel unternommen haben, kein Durchschnittsmensch zu sein. Wenn man über Sie liest, tauchen Dinge auf wie Motorräder, schnelle Autos, Jagdtrophäen, Zigarren natürlich… sind Sie ein Krieger und Eroberer?
Geschäftlich bin ich wohl wirklich ein Krieger, jedenfalls ein Draufgänger. Im Unternehmensalltag bin ich aber nicht unempfindlich: Wenn wir uns von Mitarbeitern trennen müssen, geht mir das nah. Privat war ich früher ein passionierter Autofahrer – ich bin mit einem frisierten Tourenwagen die Schweizer Meisterschaften gefahren. Und ich habe meine Geschäftsreisen nach Italien oder Deutschland in meinem Ferrari gemacht. Um 7 Uhr fuhr ich hier los, keine drei Stunden später war ich in Bonn, dazwischen flog ich mit 200 km/h durch die Landschaft. Ich konnte nie etwas mit Yachten oder Luxushotels anfangen, aber schnelle Autos mochte ich gerne. Als ich dann den 170 Hektaren grossen Hof von meinem Onkel übernahm, tauschte ich den Ferrari gegen einen Mercedes-Traktor ein.

Manchmal hat man Mühe zu glauben, dass Sie und Kaspar Villiger Brüder sind.
Mein Bruder war stets sehr auf den Ausgleich bedacht, suchte den Konsens – nur deshalb ging das gut mit uns. Ich war immer der aggressivere. Ich finde es mutig, dass er mitgeholfen hat, die UBS zu retten, das war keine leichte Aufgabe. Ich persönlich bin froh, mein Geld nie einem Banker gegeben zu haben – das sind in vielen Fällen keine Anlageberater, sondern Anlageverbrater. Hätte ich mein Geld einer Bank anvertraut statt ins Unternehmen gesteckt, wäre ich heute ein armer Mann.

Sprechen Sie darüber mit Ihrem Bruder?
Nein, unser Kontakt beschränkt sich auf zwei, drei Treffen pro Jahr an Familienanlässen.

Teil 2 dieses Interviews
erscheint in einer Woche.

Kontakt:
www.heinrichvilliger.ch

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