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„Ich erhalte noch immer jeden Tag 30 Briefe und viele Anrufe“

Mathias Morgenthaler am Samstag den 18. September 2010

Adolf Ogi

Adolf Ogi

Er sei in den letzten zwei Jahren ein wenig zum Doktor und Seelsorger geworden, sagt Alt Bundesrat Adolf Ogi im zweiten Teil des Interviews. All seine Aktivitäten seien durch den Verlust seines Sohnes Mathias und seine eigene Erkrankung überschattet worden. Deswegen habe die Gesundheit nun oberste Priorität. Interview als PDF-Datei

Herr Ogi, Sie sagten, man sei nie so schlecht wie sein Ruf und nie so gut wie sein Nachruf. Was soll dereinst in Ihrem Nachruf stehen?
ADOLF OGI: Das ist eine gefährliche Frage. Ich brauche kein Denkmal für die Neat oder sonst etwas, ich darf mich zeigen auf der Strasse, werde immer noch sehr oft angesprochen, immer positiv. (Überlegt) Am Wichtigsten wäre mir, dass man einmal sagt: „Der Ogi ist nach seinem Rücktritt aus dem Bundesrat nicht einfach gut bezahlter Verwaltungsrat geworden, sondern er hat eine Stelle in der Uno angenommen, wo er sich für die Ärmsten der Welt eingesetzt hat.“ Ich habe so viel Hass, Leiden, Krankheit, Armut miterlebt, habe mit eigenen Augen Kinder sterben sehen, weil es am Nötigsten fehlte – das Wichtigste ist, dass wir möglichst vielen Kindern helfen, denn die Kinder von heute sind die Leader von morgen.

Hat sich für Sie persönlich durch die Arbeit als Uno-Sonderbeauftragter für Sport im Dienst für Entwicklung und Frieden ein Kreis geschlossen? Sie sind selber in sehr einfachen Verhältnissen aufgewachsen.
Mein Vater war Bergführer und Förster. Er hätte 70-mal für einen Bergführerlohn von 70 Franken auf die Blümlisalp steigen müssen, um mir ein Jahr Pension und Schule in der Ecole supérieure de commerce in La Neuveville zahlen zu können. Er war kein Intellektueller, aber als Förster und Bergführer sah er viel klarer, wie verantwortungslos wir mit der Natur umgehen. Früh sagte er: Naturkatastrophen werden die Welt zugrunde richten. Und heute sehen wir, dass wir nicht in der Lage sind, ein Ölleck zu stopfen, Waldbrände in Russland zu löschen, Überschwemmungen in Pakistan einzudämmen. Ich bin meinem Vater sehr dankbar. Er war ein einfacher und gleichzeitig sehr weltoffener Mann. Durch ihn kam ich sehr jung schon in Kontakt mit Belgiern, Franzosen, Engländern und Amerikanern, die mit ihm Ski fuhren oder Berge bestiegen.

Welches sind heute Ihre Haupttätigkeiten?
Ich erhalte jeden Tag rund 30 Briefe und sehr viele Telefonanrufe, das allein nimmt Zeit in Anspruch. Hauptsächlich bin ich bei Swisscor, Right to play, Scort und beim Swiss Economic Forum engagiert, sitze in einigen weiteren Stiftungen wie Stockalperturm Gondo und ein paar Verwaltungsräten und könnte – wenn ich alles annehmen würde – jeden Abend ein Referat halten. Zudem pflege ich weiterhin Kontakt mit Gerhard Schröder, Tony Blair, Kofi Annan oder Sepp Blatter, um nur ein paar zu nennen. Aber das alles wurde von meinen zwei Operationen und vom Tod meines Sohnes überschattet.

Menschen, die Sie gut kennen, sagen, sie hätten sich viel zu stark zurückgezogen.
Für einen Bergler gehört sich das so. Wenn der einzige Sohn stirbt, dann macht man nicht weiter wie bisher. Als Mathias krank wurde, gab ich mein Uno-Amt ab, nach seinem Tod zog ich mich für rund ein Jahr stark zurück. Nun ist es eineinhalb Jahre her, dass er gestorben ist, und ich weiss noch immer nicht, wie ich es verkraften soll. Das Leben wird nie mehr so sein, wie es war.

Dazu kamen die gesundheitlichen Probleme, eine Schulterverletzung, eine Thrombose und eine Verengung im Spinalkanal, die grössere Eingriffe erforderlich machten. Als Bewegungsmensch müssen Sie sehr darunter gelitten haben.
Ich bin jetzt 68-jährig und mir ist klar, dass ich mich schrittweise entlasten muss. Ich hatte nach den beiden Operationen viel Zeit zum Nachdenken, gönnte mir sogar 16 Tage Rehabilitation in Leukerbad – vor ein paar Jahren hätte ich das sicher nicht gemacht. Auch da kam mir das Wort meines Vaters in den Sinn, dass man weise sein sollte. Mir wurde klar, dass ich nichts erzwingen kann. Ich haderte nicht mit dem Schicksal, aber ich brauchte Zeit für mich. Bei dieser Gelegenheit merkte ich, wer wirklich hinter mir steht. Manchmal muss ich darüber lachen, dass ich ein wenig zum Doktor und Seelsorger geworden bin. Es kommt vor, dass mich Leute anrufen, um mit mir über ihre Rückenprobleme oder über psychische Belastungen zu reden. Das war nie mein Ziel, aber ich halte es für ein gutes Zeichen, wenn die Leute auch 10 Jahre nach meinem Rücktritt noch das Gefühl haben, der Ogi sei für sie da.

Sie waren bekannt dafür, dass Sie die Menschen mit Geschichten abholen und so dauerhafte Beziehungen aufbauen. Haben Sie diese Technik bewusst eingesetzt?
Das war aus der Not geboren. Ich merkte rasch, dass die meisten Briefe im Ausland nicht genau gelesen werden, ganz egal, ob da ein Bundesrat oder gar der Bundespräsident schrieb. So startete ich die Aktion „Chum und lueg“, führte die europäischen Verkehrsminister ins Birrfeld und nach Wassen, um ihnen zu zeigen, dass wir nicht überall Autobahnen bauen konnten. Diejenigen, die es nicht begriffen, flog ich direkt in die Eigernordwand. Jean-Luc Dehaene, damals Verkehrsminister und später Ministerpräsident von Belgien, stellte sich stur auf den Standpunkt: „Tu pourrais, mais tu ne veux pas.“ Als wir im Helikopter von Wassen nach Kandersteg flogen, sagte ich dem Piloten, er solle so nahe wie möglich an die Nordwand fliegen. Die Rotoren kamen dem Fels so nahe, dass ich selber Angst hatte. Auf 3700 Metern Höhe öffnete ich Dehaene den Gürtel und sagte: „Jean-Luc, ici on peut vraiment pas construire une autoroute.“ Von da an war er der beste Vertreter der Schweizer Verkehrspolitik und sagte mir immer, wen ich noch in die Nordwand fliegen sollte.

Reden wir noch von Ihren Schwächen. Welche berechtigte Kritik hat sie besonders geschmerzt?
Jede Kritik hatte eine gewisse Berechtigung. Am Anfang nahm ich das zu ernst, da wusste ich noch nicht, dass ungefähr ein Drittel meines Gehalts Schmerzensgeld ist. Und wenn einer viele Schwächen hat wie ich, dann hagelts halt Kritik.

Welche Schwächen haben Ihnen das Leben schwer gemacht?
Dass ich meine Worte manchmal zu wenig auf die Goldwaage legte, sagte ich schon. Gleichzeitig nahm ich es mir anfänglich zu stark zu Herzen, was andere über mich sagten, und verkrampfte mich dadurch teilweise. Und wahrscheinlich habe ich ein paar Mal zu oft Hand geboten für Boulevard-Geschichten. Durch meine Erfolge im Skiverband war ich ein wenig ein Medienprodukt, als Bundesrat hätte mehr Zurückhaltung manchmal nicht geschadet. Und als Sportler schlug ich gelegentlich ein zu forsches Tempo an.

Welche Ziele haben Sie für die nächsten Jahre?
Ich möchte möglichst bald ganz gesund werden, damit ich wieder Skifahren, Bergsteigen und Golf spielen kann.

Kontakt:

info@adolfogi.ch

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