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„Damals war es einfacher, ein guter Bundesrat zu sein“

Mathias Morgenthaler am Samstag den 11. September 2010

Adolf OgiZehn Jahren nach seinem Rücktritt aus dem Bundesrat blickt Adolf Ogi noch einmal auf seine Wahl 1987 und seine wichtigsten Geschäfte zurück. Der 68-Jährige erläutert, warum er heute nicht mehr Bundesrats-Kandidat sein möchte, wie er mit der teils heftigen Kritik leben lernte und weshalb er seinem Rivalen Otto Stich zu Dank verpflichtet ist.

Herr Ogi, wie erleben Sie das, wenn wie jetzt Bundesratswahlen anstehen? Spüren Sie Wehmut oder sind Sie froh, dass das alles Sie nichts mehr angeht?
ADOLF OGI: Ehrlich gesagt bin ich glücklich, dass mich das nicht mehr betrifft. Ich staune immer wieder, was Journalisten und Politologen alles zu solchen Wahlen einfällt. Manchmal muss ich lachen, was diese Leute, die nie im Bundesrat waren, für abenteuerliche Geschichten erfinden. Nein, ich möchte nicht noch einmal Kandidat sein.

Mit welchen Gefühlen denken Sie zehn Jahre nach Ihrem Rücktritt an Ihre Amtszeit zurück?
Ich habe das Amt mit viel Einsatz und Freude ausgeübt. Es war in den Neunzigerjahren einfacher, ein guter Bundesrat zu sein, als heute. Es herrscht wirtschaftliche Prosperität, die Schweiz war ein neutrales Land mit guten Freunden – Kohl, Mitterand, Vranitzki, Clinton, Annan. Auch innerhalb des Bundesrats war es einfacher. Seit Frau Metzler und Herr Blocher nicht mehr gewählt worden sind, macht das parteipolitische Geplänkel auch vor dem Bundesrat nicht Halt.

Damals herrschte auch nicht immer eitel Sonnenschein. Otto Stich sagte kürzlich im Interview…
…Stich zwang mich, die Finanzierung der Neat immer wieder zu überdenken, das war sehr verdienstvoll. Etwas vom Wichtigsten, was ich als Bundesrat gelernt habe, ist folgendes: Es gibt Zeitfenster, die kurz aufgehen und sich dann rasch wieder schliessen. Diese Zeitfenster muss man nutzen. Ich darf sagen, dass ich das im Fall der Neat realisiert habe und mit voller Konsequenz gesagt habe: „Ich will!“ Damit so ein Wurf gelingt, braucht es ein gutes Zeitfenster und bedingungslosen Einsatz. Ich wurde im Dezember 1987 in den Bundesrat gewählt, genau 20 Jahre später wurde der Lötschberg-Tunnel eröffnet. Das Wallis ist dadurch viel näher gerückt, Visp zum achtgrössten Bahnhof der Schweiz geworden.

Was ich vorher sagen wollte: Otto Stich hat kürzlich im Interview mit der „Zeit“ auf die Frage, warum die Stimmung im Bundesrat schlechter geworden sei, lapidar geantwortet: „Der Ogi ist passiert.“
Das spricht ja für mich, wenn ich eine so grosse Bedeutung hatte. Ich will das nicht dramatisieren. Ich war immer ein Gestalter und klar der Meinung, dass Verkehrspolitik keine Frage von Franken und Rappen sein darf; auf meiner Agenda standen ganz oben die Fertigstellung der Projekte Bahn 2000 und Nationalstrassennetz sowie der Bau der Neat und der Ausbau des Agglomerationsverkehrs – dass das einiges kostete und der Finanzminister mir auf die Finger schauen wollte, war nichts als normal.

Sie wurden 1987 überraschend und dank einer sehr günstigen Konstellation in den Bundesrat gewählt. Fühlten Sie sich in den ersten Wochen und Monaten manchmal überfordert?
Das ist jetzt eine Fangfrage. Ich war stets mein grösster Kritiker. Natürlich profitierte ich von glücklichen Umständen, aber ich erzielte 1987 das beste Resultat aller Nationalräte und ich war zuvor Parteipräsident der SVP. Wenn man dann Ja sagt zum Amt, darf man keine Schwäche mehr zeigen – Johann Schneider-Ammann und Simonetta Sommaruga betonen ja auch seit Wochen nur ihre Stärken. Ich fand das ganz gut, dass ich anfänglich nicht sehr viel Kredit hatte und mir den Respekt erarbeiten musste. Und ich darf sagen: Überfordert war ich nie – ich konnte immer innerhalb von einer Minute einschlafen und ich wurde nie ernsthaft krank. Aber ich hatte stets grossen Respekt vor diesem enormen Auftrag.

An welche Situation denken Sie gerade?
Ich weiss noch ganz genau, wie ich damals nach 22 Uhr allein im Büro sass inmitten von Papierbergen, mit denen man problemlos ein Schwimmbad hätte füllen können. Erst machte ich einen Strich zwischen Altdorf und Biasca, dann legte ich den Bleistift hin, nahm allen Mut zusammen und machte einen Strich aus dem Raum Frutigen in den Raum Gampel-Steg. In diesem Moment wusste ich: Jetzt gibt’s kein Zurück mehr. Jetzt darfst du keine Schwäche mehr zeigen. Jetzt beginnt die ganz grosse Arbeit, die deinen totalen Einsatz verlangt.

Warum sagten Sie vorhin, die Frage nach der Überforderung sei eine Fangfrage?
Es ist ja bekannt, dass ich Primarschüler bin, dass der NZZ-Inlandchef Kurt Müller mir fünf Tage vor meiner Wahl die intellektuelle Befähigung für dieses Amt absprach. Mein Vater fasste mich an diesem Abend um die Schulter und sagte zu mir: „Döfi, es ist wichtig, intelligent zu sein – aber viel wichtiger ist es, weise zu sein.“ Daran musste ich noch oft denken.

In einem Gespräch mit dem Rhetoriktrainer Harry Holzheu sagten Sie einmal, Sie hätten ungefähr zehn Jahre gebraucht, bis Sie sich als Bundesrat spontan ausdrücken konnten. Fühlten Sie sich besonders beobachtet?
Ich habe mich zu Beginn ein paar Mal ungeschickt geäussert. Als mir bewusst wurde, wie genau jedes Wort beachtet wird, trat ich auf die Bremse. Was ich sagte, wurde immer sehr kritisch beleuchtet. Wenn andere nach Worten suchten und umständliche Sätze von sich gaben, galt das als hoch intellektuell. Wenn ich einmal einen Akkusativfehler machte oder in einem nicht ganz Oxford-tauglichen Englisch redete, fanden die Journalisten das schlimm oder lächerlich.

Hat Sie das frustriert?
Manchmal hat es mich geärgert, aber gleichzeitig trugen solche Dinge ja zu meiner Popularität bei. Zudem wusste ich immer sehr genau, was ich kann und was ich nicht kann. Ich war ein guter Generalist, ein entschlossener Kämpfer, einer, der die wichtigen Akteure überzeugen und bewegen konnte. Aber mir war stets klar, dass ich fachlich sehr gute Leute um mich brauchte – einen Fritz Mühlemann, einen Oswald Sigg, einen Hans Peter Faganini, Max Friedli, Juan Gut und die treuen persönlichen Mitarbeiter. Ich habe die besten Leute geholt, ohne auf die Parteizugehörigkeit zu schauen. Jedes Jahr, wenn ich mit diesen Weggefährten im Gasterental wandern gehe, bin ich sehr stolz, was aus ihnen geworden ist. Überhaupt konnte ich im Moment meines Rücktritts allen in die Augen schauen – 94 Prozent der Bevölkerung hätten sich gewünscht, dass ich bleibe. Rückblickend muss ich sagen: Ich bin im idealen Moment gegangen. Und ich wusste damals, nach den vielen Lobeshymnen in der Presse: „Du warst nicht so schlecht wie dein Ruf und nicht so gut wie dein Nachruf.“

Fortsetzung des Interviews
in einer Woche an dieser Stelle

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