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«Hat man wenig Geld und viel Zeit, ist schon viel gewonnen»

Mathias Morgenthaler am, Samstag 23. Februar 2013
Hans Adelmann, Glückssucher.

Hans Adelmann, Glückssucher.


Er war der erste Mitarbeiter seines Halbbruders Frank Stronach, der es später zu Reichtum und Ruhm brachte, doch Hans Adelmann spürte bald, dass er nicht Erfolg anstrebte, sondern stilles Glück. 50 Jahre später hat Adelmann ein Loblied auf das einfache Leben und die vielen Wunder am Wegrand verfasst. Sein Bruder kämpft derweil mit 25 Millionen Euro um die Wählergunst in Österreich. PDF-Datei zum Download


Herr Adelmann, Sie haben ein Buch geschrieben über das einfache Leben und das Glück in der Stille. Nun eilen Sie seit drei Wochen von Medientermin zu Medientermin. Fühlen Sie sich nicht im falschen Film?
HANS ADELMANN: Für einen Laien im Umgang mit Medien ist das eine sehr interessante Erfahrung, in kurzer Zeit mit über 40 Print-, Radio- und Fernsehjournalisten zu tun zu haben. Erstaunlicherweise war ich sogar vor den TV-Auftritten ganz ruhig, mein Puls lag 10 Schläge tiefer als im Normalfall.

Wie wäre das Echo ausgefallen, wenn Sie nicht der Halbbruder des Unternehmers und Multimilliardärs Frank Stronach wären, der gerade die österreichische Politik aufmischt?
Dann hätte kaum jemand von meinem Büchlein Notiz genommen. Ich werde immer das Anhängsel meines Bruders sein, dessen bin ich mir bewusst. Ohne ihn wäre ich nicht von Interesse für die Medien. Einmal hat mich eine Journalistin um 23 Uhr angerufen, um mich zu fragen, ob mein Bruder schon einmal fremd gegangen sei. Frank polarisiert, aber ich habe nicht die Absicht, Öl ins Feuer zu giessen. Ich war immer stolz auf Frank, der in seinem Leben 300 Firmen gegründet und mit Magna den grössten Autozulieferer aufgebaut hat. Und Frank war immer gut zu uns, hat uns unterstützt.

Gleichwohl könnten Sie und Ihr Halbbruder kaum gegensätzlicher sein. Hier der pensionierte Schulhausabwart mit einer Vorliebe für die Einsiedelei, dort der 80-jährige Milliardär, der 25 Millionen Euro in den Wahlkampf steckt und mit dem Privatjet durch die Welt jettet. Wie oft sehen Sie sich?
Wir haben uns mehr als 20 Jahre nicht mehr gesehen. Immer, wenn ich anrief, um etwas auszumachen, sagte seine Frau, Frank sei gerade in Tokio oder in Brasilien oder sonst wo in der weiten Welt. Selbst wenn er ans WEF nach Davos kommt, hat er so viele Termine mit wichtigen Leuten, dass er nicht einfach einen Abstecher nach St. Gallen machen kann. Wir telefonieren ein paar Mal pro Jahr und bleiben so in Kontakt.

Haben Sie gemeinsame Themen?
Wir reden über die Familie, über die Gesundheit. Über Geschäftliches oder Politik unterhalten wir uns kaum. Ausser einmal, da fragte ich ihn, warum er sich das noch antut in seinem Alter, dieses schmutzige Geschäft der Politik. Er sagte, er habe nichts zu verlieren ausser Geld, und davon habe er genug. Frank war zeitlebens extrem ehrgeizig, ein Workaholic, und jetzt ist er halt in politischer Mission unterwegs. Natürlich hat er auch die Erfahrung gemacht, dass man mit Geld viel verändern kann. Macht macht Geld und Geld verleiht Macht.

Sie waren Frank Stronachs erster Mitarbeiter, als er in Toronto seine Autozulieferfirma aufbaute. Warum haben Sie es dort nicht lange ausgehalten?
Wir waren einfach zu verschieden. Frank war ein Perfektionist, besessen davon, der Beste zu sein. Man konnte die Arbeit nie gut genug machen für ihn. Einmal fertigte ich an der Drehmaschine einen Bolzen, mit dem man Löcher in die Pleuelstangen schlagen konnte. Ich hatte den Bolzen schon poliert, aber Frank war unzufrieden, er verlangte eine zweite, dritte, vierte Version. In dieser Zeit überlegte ich, was ich vom Leben wollte, ob es wirklich mein Ziel war, mich hier abzurackern, um mir dann 3 TV-Geräte und ein Luxusauto leisten zu können. «Frank», sagte ich, «ich will nicht reich werden, ich will glücklich sein.» Er entgegnete: «Wie kannst du glücklich sein, wenn du faul bist?» «Ein Ochse ist auch fleissig», sagte ich. «Trotzdem ist er niemals glücklich. Er ist kastriert und der Bauer treibt ihn beim Pflügen mit einem Stachel an.» Frank sagte nur: «Ich habe nicht vor, ein Ochse zu sein. Einmal werde ich den besten Champagner trinken.»

Sie haben dann mit Ihrer Frau viele Reisen gemacht und ein einfaches Leben geführt. Haben Sie Reichtum und Glück als Gegensätze empfunden?
Wer immer der Beste sein will, verdient viel Geld, aber er bleibt unter Umständen der Gefangene dieses Bestrebens. Mir war klar: Um glücklich zu sein, muss ich frei sein. Das gelingt eher, wenn ich ein einfaches Leben führe. Der wahre Luxus ist doch, Zeit zu haben und bewusst unterwegs zu sein. Vor 20 Jahren fragte mich Frank, ob ich nicht in einem seiner Betriebe in den Rocky Mountains Hauswart werden möchte. Ich wusste sofort, dass ich – wie alle seine Mitarbeiter – sehr viel verdienen und sehr viel arbeiten würde. Ich hätte also keine Zeit mehr gehabt für alles, was mir wichtig ist, die Berge, die Tiere, die Natur. Ich sage nicht, dass mein Weg richtig ist und seiner falsch, aber ich glaube, jeder Mensch tut gut daran, intensiv darüber nachzudenken, was er braucht, um glücklich zu sein. Geld wird oft mit Freiheit in Verbindung gebracht. Ich habe die Erfahrung gemacht: Eigentum belastet. Ich besitze fast nichts und habe deshalb auch keine Verlustängste.

Hans Adelmann zu Hause.

Hans Adelmann zu Hause.

Deshalb macht ein einfaches Leben glücklicher?
Hat man wenig Geld und viel Zeit, ist schon viel gewonnen. Die Reisen, die ich als junger Mann praktisch ohne Geld mit Rucksack und Schlafsack unternommen habe, gehören zu meinen schönsten Erinnerungen. Die viele Zeit, die ich in der Natur verbringen durfte, hat mich sehr geerdet. Ich bin über 2000 Mal auf die Hundwiler Höhe gestiegen, habe den Berg und den Wald und das Firmament gesehen und gefühlt, dass ich nicht alleine bin. Das Glück liegt am Wegrand, man muss es nur sehen. Wer einfach lebt, hat einen besseren Blick für das Wesentliche.

Nach Ihrer Pensionierung gingen Sie als Pilger auf den Jakobsweg. So etwas machen inzwischen auch Manager ganz gerne.
Tatsächlich, ich war während dreier Tage mit einem deutschen Siemens-Manager unterwegs, der 5000 Leute unter sich hatte. Er sagte mir später, das sei die beste Erfahrung seines Lebens gewesen, unendlich viel wertvoller als Luxusferien auf den Malediven. Ich bin in zwei Tranchen 3400 Kilometer gewandert von St. Gallen bis ans Kap Finisterre. Die ersten drei Wochen waren zum Heulen, alles tat weh, man ist auf sich selber und seine Probleme zurückgeworfen. Irgendwann wird es unbeschreiblich schön. Auf der Messeta-Hochebene beobachtete ich längere Zeit eine Lerche. Schliesslich begleitete der Vogel mich über mehrere Kilometer. Es war ein sehr seltsames Erlebnis, weil ich das bestimmte Gefühl hatte, es könnte mein 1968 verstorbener Vater sein, der mir da zur Seite stand. So etwas ist in der Alltagshektik nicht möglich.

Sie sind nun 73-jährig und seit einem Hirnschlag 2005 auf Blutverdünner angewiesen. Was wünschen Sie sich noch für Ihr Leben?
Ich bin sehr dankbar für alles und habe keine Angst vor dem Tod. Es wäre schön, auf einer Wanderung zu sterben und dann auf der Hundwiler Höhe am Waldrand begraben zu werden. Ich brauche kein Monument. Mit dem Abschied eilt es mir aber nicht, denn ich würde zu gerne meine Enkelkinder noch aufwachsen sehen. Bis vor kurzem gab es in unserer Familie ausschliesslich Mädchen, jetzt hat meine Tochter im letzten Herbst einen Sohn zur Welt gebracht. Seither wünsche ich mir, meinen Enkel später zum Pilzsuchen mitzunehmen, ihm zu zeigen, wo man die schönsten Steinpilze findet, welche Blumen und Tiere es gibt. Wer weiss, vielleicht werde ich ja 95-jährig mit Blutverdünner. Dank meinem Buch wird in jedem Fall etwas von meinen Erfahrungen an die nächsten Generationen weitergegeben.

Das Buch:
Hans Adelmann: Einfacher leben. Edition A, Wien 2013.

Kontakt:
adelmann@hispeed.ch

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17 Kommentare zu “«Hat man wenig Geld und viel Zeit, ist schon viel gewonnen»”

  1. Felix sagt:

    Wie recht er doch hat. Leider sind es aber Menschen wie sein Bruder, welche die Geschicke der Welt prägen.

  2. wunderbares interview… und die wahre art zu leben, weil das glück wirklich am wegrand liegt!!

  3. Peter Colberg sagt:

    “Das Glück liegt am Wegrand, man muss es nur sehen. Wer einfach lebt, hat einen besseren Blick für das Wesentliche.” Da ist etwas sehr wahres daran, vor allem da der wichtigste Reichtum des Lebens gute Gensundheit und die Zeit selbst sind. Tatsache ist das die meisten Ihr Leben damit verbringen sich für andere abzurackern um die mit dem alltäglichen Leben verbundenen Rechnungen und Steuern zu begleichen, aber auch um die relative Leere der Existenz selbst mit vielen materiellen Habseligkeiten zu verschönern, und in der Gesellschaft als “erfolgreich” zu gelten.

    Viele merken aber auch irgendwann das Menschliche Beziehungen wesentlich wichtiger sind als alle materiellen Gegenstände als Mittel gegen die Einsamkeit des Lebens. Zudem ist etwas zu geben oft ein grösserer Reichtum als etwas zu erhalten, und dies nicht unbedingt im materiellen Sinne. Das Leben verfliesst doch so schnell, und da ist es tatsächlich sehr wichtig den schönen Sonnenaufgang gesehen zu haben, das zwitschern der Vögel im Wald im Frühling gehört zu haben, oder den süssen Duft einer im Frühsommer blühenden Wiese genossen zu haben. Das ist letztlich doch der Sinn des Lebens, nicht diese künstliche, vom gierigen Menschen erschaffene Hülle des habens in der so viele doch sehr unglücklich sind.

  4. Joachim Adamek sagt:

    Grösser, und damit interessanter, können die Gegensätze wie im speziellen Fall nicht sein. Ich habe den Artikel sehr genossen, weil ich mich beim Lesen in beide Brüder hineinversetzen konnte und mir gleichzeitig bewußt wurde, welcher Raum dazwischen liegt.

  5. Oscar Miller sagt:

    Ein eindrücklicher Beweis, dass sich innere Zufriedenheit nicht kaufen lässt. Und eine Bestätigung für meine Theorie, dass der wahre Luxus weder Geld noch Platz ist, sondern Zeit. Ich wünsche Hans Adelmann noch ein langes, gesundes Leben mit vielen Pilzexpeditionen.

  6. Angela Nussbaumer sagt:

    Einfach schön, sowas zu lesen. Es wiegt doch die ganze Novartis/Vasella-Geschichte völlig auf. Recht hat er, der Hans Adelmann. Leben nach dem Motto: “Jedem sein Hut, und mir mein Kapperl.” Man kann ihn beneiden, besser aber danach streben, sein eigenes Glück am Wegrand des Lebens zu finden. Den Teil mit dem Vogel auf dem Jakobsweg kann ich nachvollziehen. Im Aufgehen in der Natur geschehen solche Dinge. Auch auf Spaziergängen in der näheren Umgebung. Antennen nach innen und aussen richten und… LEBEN.
    Merci, Herr Morgenthaler. Ich lese Ihre Beiträge/Interviews immer sehr gerne.

  7. Sonja Sempacher sagt:

    Lieber Herr Adelmann,
    Danke für Ihr Buch. Schön, dass Sie Ihren Enkel das Pilzlen lehren und den Wald zeigen wolllen. Enkelinnen möchten das aber sicher auch brennend gerne, mein Grolssvater hat mir dieses Wissen weitergegeben und ich denke fast jeden Tag beim Laufen an ihn und bin dankbar dafür. Er grüsst durcht die Pilze, Blumen,Tiere oder einem zarten Windhauch aus der anderen Welt. So lebt er in mir weiter.

  8. Eric Ralph sagt:

    Sieht man nur das Vordergründige, sind es vor allem Menschen mit ausgeprägtem EGO, die Lauf der Geschichte bestimmen. Die Frage stellt sich jedoch immer dringender – wie lange noch?!

  9. André Gerber sagt:

    Herr Adelmann hat gemerkt, worauf es im Leben wirklich ankommt! Gratulation! Und weise von ihm ist auch, nicht zu sagen, dass seine Ansicht für alle Gültigkeit haben muss. Meiner Ansicht nach sollte sie zwar!

  10. Jeff sagt:

    Gut, dass Herr Adelmann einen Milliardär zum Bruder hat, der nicht gerade mit bescheidenem Anspruch neuerdings die Oesterreichische Politik aufmischen will. So wird eine Lebensweise publik, die Hans Adelmann mit zehntausenden von anderen Zeitgenossen teilt. Eigenartigerweise war dies den Medien bisher derart egal, dass kaum je darüber ein Wort zu lesen war. Nachdem hinter allen medialen Bestrebungen eine offene oder verborgene Absicht steckt, vermute ich, dass Hans Adelmann jetzt etwas instrumentalisiert wird. Bisher hat sich Hans gegenüber seinem Bruder Frank sehr loyal gezeigt….aber ein falscher Satz…und vorbei ist das einfache, beschauliche Leben. Sei wachsam, lieber Hans.

  11. ruth virdi sagt:

    Interessant und lustig finde ich es, wie grossartig die Europäer es finden,und ihn bewundern, als ob er das Glück erfunden hätte. Dass in vielen Ländern in Asien, Afrika und Süd Amerika das Glück noch herrscht mit weniger Arbeit und mehr Freizeit, sieht man andererseits nicht gerne und nennt die Leute “faule Hunde”. Will ihnen beibringen wie sie mehr verdienen können. Wenn ein Mensch mit weniger glücklich ist, muss man ihm das Glück schenken. Um das zu begreifen braucht man nur Kinderfotos von den oben genannten Ländern anzuschauen, und sie mit Kinderfotos aus Europa zu vergleichen. Dort können die Kinder noch Kinder sein. Die Mutter hat Zeit und Geduld für sie, ohne ewiges Geschrei und Bestrafen

    Ich danke Gott, dass ich nicht bis zur Pensionieerung warten musste, um mich am Leben zu freuen und es zu geniessen. So braucht man weniger Geld, und hat deshalb immer genug.

    Eine Inderin sagte mir mal: um glücklich zu sein braucht man nur ein Dach über dem Kopf, ein Bett zum Schlafen und einen Topf um Essen zu kochen. Alles andere ist Luxus, das meistens nur unbenützt herumliegt.

  12. wir sind kaiser sagt:

    Dieses Interview hat mich irgendwie berührt. Kein Urteil, keine Vorwürfe. Was das ‘richtige’ Leben ist soll doch jeder für sich selbst entscheiden. Wunderbar! Wir sollten nur noch alle Religionen abschaffen und wieder tauschen, dann wäre doch alles in Ordnung. Falls jemand Lust am Laufen hat und die Natur liebt, dem sei das Buch von Bernd Heinrich ‘Laufen’ sehr empfohlen.

  13. Annemarie Richard sagt:

    PAPIER – bedruckt – neutral – edel – verkommen – brennbar – kennt Macher, Verkäufer auch seine Benutzer. Ehrgeizig – berührend – abgedroschen – neu – erfunden – schnellebig – nachhaltig – gebunden – lose – frei – nie Thema… . ZEIT – frech – extravertiert – unbetastbar – unehrlich. GELD – ehrlich – anschmiegsam – zurückhaltend – sauber – goldig – silberig – tresortauglich – dreckig. Beide könnten sie lernen. Von Papier. Menschen auch… .

  14. chris müller sagt:

    Wunderbares Interview! Wäre schön, wenn die darin vertretenen Werte vermehrt in die momentan hohe Wellen schlagende Debatte über die “Abzocker” einfliessen könnten. Wie wär’s mit einem Artikel darüber?

  15. Karen Chadwick sagt:

    I hope John Adelman’s brother Frank never does to John’s homeland what he is doing to mine in Florida. Frank is destroying thousands and thousands of acres of forest, dispalcing and/or killing the wildlife, threatening our rivers, springs, lakes and groundwater with pollution from manure, ferterlizer and pesticide contamination with the goal of raising and bringing to slaughter tens of thousands of cattle. Many people I know could relate to John’s way of thinking and living and that is why we live where we do. Unfortunately Frank seems to have no respect for that as he goes about destroying the countryside. Frank donated 1.5 million to a local college and over 26 thousand in money and land to a local school. We have begged, pleaded and demadned that our commissioners do something to stop the destruction and they ignore us.Perhaps they have been paid off too. We voted them into their jobs but they side with Frank. Unless they are on Frank’s payroll, Frank’s money is buying unhappiness for a lot of north cenral Florida residents.

  16. Klaus Edel sagt:

    lesenswert

  17. Martin Züllig sagt:

    Das einfache Leben steht entgegengesetzt zu einem aufwendigen, umtriebigen Leben, zu einem komplizierten, belasteten, überfüllten Leben. Es ist wirklich so, wie John Adelmann sagt, in einem einfachen Leben ist Zeit vorhanden. Und wie Hans Magnus Enzensberger sagte, Zeit, Raum und Ruhe sind die Luxusgüter der Zukunft.