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„Als ich begann, verabreichten wir nur zwei Medikamente gegen Krebs“

Mathias Morgenthaler am Samstag den 21. August 2010
Elisabeth Spichiger

Elisabeth Spichiger

Elisabeth Spichiger blickt auf über 30 Jahre Erfahrung in der Pflege zurück. Heute ist sie wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Direktion Pflege des Inselspitals und Dozentin am Institut für Pflegewissenschaften der Universität Basel. Spichiger erläutert, was es dem Patienten bringt, wenn Pflegende Pflege studieren.

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Frau Spichiger, warum haben Sie den Pflegeberuf ergriffen vor 33 Jahren?
ELISABETH SPICHIGER: Das ist schwierig, sich über 30 Jahre zurückzuerinnern und die wirklichen Gründe zu nennen. Erst wollte ich Lehrerin werden, alle in meinem Umfeld haben damit gerechnet; dann habe ich vermutlich etwas über die Pflege gelesen und mir gedacht: Das ist ein interessanter Beruf, da hat man sehr intensiv mit Menschen zu tun.

Welches sind die markantesten Unterschiede, wenn Sie die heutige Situation mit jener vor 30 Jahren vergleichen?
Mein Erfahrungshintergrund ist die Akutpflege im Spital. Da kann man klar sagen: die Patienten sind heute älter, kränker und gleichzeitig weniger lang im Spital. Pflegende haben es mit viel komplexeren Krankheitsverläufen zu tun, und das Wissen in der Medizin hat sich so rasant entwickelt, dass man heute Patienten behandeln kann, die früher relativ rasch gestorben wären. Als ich begann, verabreichten wir nur zwei Medikamente gegen Krebs, heute gibt es eine lange Liste von Medikamenten und entsprechend komplizierte Behandlungsanweisungen. Das macht die Arbeit anspruchsvoller. Erschwerend kommt hinzu, dass durch die kürzeren Spitalaufenthalte Pflegende viel mehr Fälle betreuen und die einzelnen Patienten weniger gut kennen. Ein Herzinfarktpatient blieb vor 30 Jahren rund 6 Wochen im Spital, heute tritt er nach einigen Tagen in der Regel wieder aus. Kurz gesagt, Patientensituationen und Umfeld sind anspruchsvoller geworden.

Kann man sagen, dass Pflegende heute viele Arbeiten machen, die vor einigen Jahren noch Ärzten vorbehalten waren?
Ja, bei vielen Tätigkeiten läuft es so wie beim Blutdruckmessen: zuerst war das eine heilige Handlung der Ärzte, später wurde es eine Routinehandlung in der Pflege. Etwas Weiteres ist grundlegend anders: Früher geschah vieles in der Pflege nach dem Prinzip von Versuch und Irrtum oder so, wie man es immer gemacht hatte. Ein Beispiel: Bei Patienten, die nicht schlucken konnten, haben wir jahrelang routinemässig mit bestimmten Lösungen den Mund befeuchtet. Später zeigte sich, dass diese Lösungen manchmal mehr schadeten als nützten. Heute müssen auch pflegerische Tätigkeiten auf einer wissenschaftlichen Grundlage erfolgen, sprich: nachweisbar wirksam, wirtschaftlich und zweckmässig sein.

Diese Akademisierung der Pflege wird von verschiedenen Seiten scharf kritisiert. Michael Agoras, Chef des Personalvermittlers Adecco, sagte im „Bund“-Interview: „In diesem Beruf braucht es Praktiker und nicht Theoretiker.“ Haben Sie Verständnis für solche Aussagen?
Erstens haben wir keine andere Wahl, als auch die Pflege auf wissenschaftliche Grundlagen zu stellen, das ist im Krankenversicherungsgesetz vorgeschrieben. Zweitens ist es wenig hilfreich, Praxis und Theorie gegeneinander auszuspielen. Evidenzbasierte Pflege bedeutet, dass man die wissenschaftlichen Grundlagen in einem Gebiet kennt, die eigene Erfahrung einbezieht, die vorhandenen Mittel prüft und dann mit dem Patienten zusammen die beste Lösung findet. Es geht nicht um sture Wissenschaftsgläubigkeit. Studien zeigen zum Beispiel, dass Spritzen in den Gesässmuskel am wenigsten schmerzhaft sind, wenn der Patient in Seitenlage ist. Wenn aber das auf die Seite Drehen einem Patienten Schmerzen verursacht, kann man durchaus die Spritze auch in Rückenlage verabreichen. Es ist nicht so, dass Akademiker im Elfenbeinturm ihre Forschung machen und die Praktiker auf gut Glück vor sich hinwerkeln. Wir suchen nach wissenschaftlich geprüften Antworten auf Fragen aus der Praxis, nach einer Kooperation von Praxis und Akademie.


Dann haben Sie keinerlei Verständnis für die Aussage von Herrn Agoras?

Natürlich gibt es Forschende im Elfenbeinturm, auch in der Pflege, ich will nichts beschönigen. Aber für einen grossen Teil der akademisch ausgebildeten Pflegefachleute steht klar das Ziel im Zentrum, die Pflege weiterzuentwickeln und für alle Patienten die bestmöglichen Ergebnisse zu erzielen, vom Frühgeborenen bis zum Sterbenden. Die Herausforderungen sind immens: Wir stehen unter Finanzdruck, die technologische Entwicklung ist rasant, es gibt immer mehr chronisch Kranke und wir werden mit einem Mangel an qualifiziertem Pflegepersonal zu kämpfen haben. Das alles ist mit dem aktuellen Gesundheitssystem gar nicht zu bewältigen. Deswegen gilt es, gemeinsam mit Ärzten und den anderen Berufsgruppen im Gesundheitswesen neue, effizientere Versorgungsmodelle zu entwickeln. Dazu braucht es Pflegefachleute, die auch wissenschaftlich arbeiten können.

Gibt es ein Beispiel, an dem Sie aufzeigen können, inwiefern die evidenzbasierte Pflege einem stärker auf Erfahrung und Intuition gestützten Vorgehen überlegen ist?
Wir erarbeiten laufend Leitlinien, die sich auf wissenschaftliche Grundlagen stützen. Eines der bedeutenden Probleme in der Pflege ist, dass Patienten, die längere Zeit liegen müssen, Druckgeschwüre entwickeln. Das ist schmerzhaft für den Betroffenen, aufwändig für die Pflege, zudem teuer, weil es den Aufenthalt verlängert. Aus diesen Gründen haben auf der Intensivstation des Berner Inselspitals zwei akademisch geschulte Pflegeexpertinnen den Auftrag erhalten, die wissenschaftliche Literatur auf wirkungsvolle vorbeugende Massnahmen zu durchforsten. Die ersten beiden Erkenntnisse lauteten: Weder präventive Risikoabschätzungen mittels Fragebögen noch Salben und Massagen zeigten einen positiven Effekt. Letzteres gehörte bis dahin zum Pflegealltag. Als wirksam erwies sich hingegen, Patienten auf Wechseldruckmatratzen liegen zu lassen und in Bauchlage spezielle Kissen zu verwenden. Die Anwendung dieser beiden Massnahmen senkte den Anteil der Patienten, die ein Druckgeschwür entwickelten, von 4 auf 2,3 Prozent.

Führt es nicht zu Spannungen, wenn in der Praxis Akademikerinnen und Pflegepersonal den richtigen Ansatz suchen?
Es geht auch hier nicht um den Gegensatz zwischen trockener Theorie und einem menschlichen Ansatz. Auf den Pflegeabteilungen des Inselspitals gibt es niemanden, der nur im Büro sitzt, auch Fachleute mit Master-Abschluss oder Doktorat arbeiten in der Praxis, insbesondere wenn schwierige Situationen zu bewältigen sind.

Müssen fortan alle, die in der Pflege arbeiten wollen, eine theorielastige Ausbildung durchlaufen?
Nein, es gibt neben dem Bachelor-Studium an der Fachhochschule auch die Diplomausbildung an der höheren Fachschule und die dreijährige Lehre mit Abschluss Fachangestellte Gesundheit. Wichtig ist: Jeder Ausbildungsweg vermittelt die für die Aufgabe notwendige Theorie und beinhaltet Praktika. Und für jede Ausbildung gibt es Anschlussmöglichkeiten, es gerät niemand mehr in eine Sackgasse.

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