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"Ich war Feuer und Flamme als ich sah, wie viel man verändern kann“

Mathias Morgenthaler am Freitag den 13. August 2010
 
 
 
 

Ariane Lüthi

Ariane Lüthi

Mit 26 Jahren hat Ariane Lüthi nicht nur einen Studienabschluss und ein Stipendium in der Tasche, sondern auch viel von der Welt gesehen. Nach einem Trainee-Aufenthalt in Shanghai will die Bernerin einen nächsten Karriereschritt machen und dafür sorgen, dass weltweit tätige Unternehmen ihre soziale Verantwortung noch besser wahrnehmen. Interview als PDF-Datei

Frau Lüthi, Sie haben mit 26 Jahren mehr von der Welt gesehen als andere im Rentenalter. Woher rührt Ihr Interesse an fremden Kulturen?
ARIANE LÜTHI: Ich war ab meinem vierten Lebensjahr viel unterwegs – in Mexiko, Kuba, Costa Rica, Ecuador, Peru, Bolivien, Chile und Argentinien, später für Sprachaufenthalte in den USA, Indien und Bolivien. Ich bin meinen Eltern sehr dankbar für all diese mehrmonatigen Reisen, die zu den prägendsten Eindrücken meiner Kindheit gehören. Ich denke nicht nur an all die Abenteuer, die wir dank den Reisen erlebt haben, sondern auch an meinen Blick auf die Schweizer Realität: Ich empfand es nie als selbstverständlich, wie wir hier leben können, sondern ich wusste, dass ich grosses Glück habe, in einer solchen Familie, einem solchen Umfeld zu leben und in Sachen Ausbildung freie Wahl zu haben. Ich verstand das als Verpflichtung, ein Maximum aus diesen Möglichkeiten herauszuholen.

Sie haben mit 25 Jahren den Master am Institut für internationale Beziehungen in Genf gemacht, arbeiten derzeit als Hochschulpraktikantin des eidgenössischen Departements für auswärtige Angelegenheiten in Shanghai und starten im Herbst ein Stipendienprogramm für eine internationale Karriere. Wo soll diese Blitzkarriere hinführen?
Ich habe eine sehr klare Vorstellung davon. Während meiner Sozialarbeit- und Sozialpolitikstudien arbeitete ich in Schweizer Flüchtlingsheimen. Diese Arbeit war sehr bereichernd, doch oft setzt man dabei Vorgaben um, die man selber nicht verändern kann, ist der verlängerte Arm eines Bundesamtes. Schon damals spürte ich den Wunsch, weiter oben mitzumischen, eine Position zu erreichen, aus der heraus ich die Strategie mitbestimmen kann.

Was schwebt Ihnen konkret vor?
Ich möchte den Hebel bei der sozialen Verantwortlichkeit von grossen Unternehmen ansetzen. Vor zwei Jahren realisierte ich im Auftrag des Staatssekretariats für Wirtschaft (Seco) mit dem Bolivianischen Institut für Aussenhandel ein Projekt. Die internationalen Konzerne sind mächtige Akteure, sie haben einen grossen Einfluss auf die Umwelt und die Arbeits- respektive Lebensbedingungen in den Ländern, in denen sie tätig sind. Wenn man die grossen Unternehmen darin unterstützt, ihre soziale Verantwortung noch besser wahrzunehmen, kann man wesentlich mehr bewegen, als wenn man von aussen mit dem Finger auf die Konzerne zeigt. Der Uno-Generalsekretär hat vor einiger Zeit John Ruggie zum Sonderbeauftragten für Wirtschaft und Menschenrechte bestimmt. Daraus ist erstmals ein internationaler Konsens darüber entstanden, wie weit die Verantwortung von Unternehmen im Bereich Menschenrechte geht.

Sie klingen, als wären Sie seit 20 Jahren in diesem Gebiet tätig.
Nein, aber ich habe als Praktikantin beim Uno Hochkommissariat für Menschrechte das Mandat von John Ruggie unterstützt. Und ich war Feuer und Flamme, weil mir rasch bewusst wurde, dass das Zukunft hat, dass man auf dieser Ebene viel verändern kann. Deswegen ist es mein Ziel, künftig bei einer grossen Firma im Bereich „Corporate Social Responsibility“ tätig zu sein.

Um was zu erreichen?
Wenn ein Unternehmen irgendwo auf der Welt eine Fabrik baut, dann sollte sie darauf achten, dass sie weder in Sachen Umweltverschmutzung sündigt noch indirekt zur Kinderausbeutung oder Folter beiträgt. Das ist nicht eine Frage der Philanthropie, sondern eine ganz rationale Form des Risikomanagements: man bindet Mitarbeiter ans Unternehmen, verhindert Produktionsausfälle, beugt Klagen und Schadenersatzforderungen vor und vermeidet einen Imageschaden.

Bei manchen Unternehmen hat man das Gefühl, die Abteilung „Corporate Social Responsibility“ diene als Feigenblatt, um die ungezügelte Profitmaximierung zu verdecken. Wie gut kennen Sie die betriebliche Realität?
Im Moment noch kaum, aber ich glaube, es gibt in der Schweiz Unternehmen, die sehr gut unterwegs sind. Vor zehn Jahren hatte noch praktisch kein Unternehmen Angaben zur sozialen Verantwortung auf seiner Homepage, heute gibt es ganze Abteilungen dafür. Ab September werde ich einen vertieften Einblick erhalten. Als Stipendiatin des Mercator Kollegs für internationale Aufgaben kann ich ein Projekt zur „Wahrnehmung der unternehmerischen Sorgfaltspflicht in Bezug auf Menschenrechte“ umsetzen.

Wie wollen Sie vorgehen?
Ich will eng mit mindestens einem international tätigen Schweizer Unternehmen zusammenarbeiten, das in dieser Hinsicht schon ein hohes Level erreicht hat. Hauptsächlich geht es darum, den Status Quo zu erfassen, Entwicklungspotenzial aufzuzeigen und Werkzeuge für weitere Verbesserungen zu erarbeiten. Dabei kann ich unter anderem auf das Wissen und die Evaluationsinstrumente des Instituts für Menschenrechte und Wirtschaft in Holland und des dänischen Instituts für Menschenrechte zurückgreifen.

Sind die Konzernmanager erfreut, wenn eine 26-Jährige ihnen erläutern will, wie sie ihrer sozialen Verantwortung besser nachkommen sollten?
Ich gehe ja nicht mit dem Zeigefinger auf die Unternehmen zu, sondern ich möchte zuerst die Innensicht kennenlernen und verstehen, wie die Prozesse funktionieren. Ich habe bei Unternehmen angeklopft, die schon viel unternommen haben. Die Rückmeldungen waren durchwegs positiv.

Wie profitieren Sie konkret vom im Herbst beginnenden Stipendium?
Die Stiftung Mercator Schweiz und die Schweizerische Studienstiftung geben mit die Chance, einen weiteren Schritt vorwärts zu machen auf dem Weg zu einer internationalen Karriere. Nebst dem Lohn werden mir auch alle Reisespesen von und zu den Einsatzorten bezahlt. Und ich profitiere von einem Sprachstipendium. Entweder möchte ich etwas Neues lernen wie Chinesisch, Hindi oder Arabisch oder dann mein Französisch oder Spanisch perfektionieren.

Ganz nebenbei sind Sie auch noch eine sehr gute Saxophonistin mit Konzert- und CD-Aufnahme-Erfahrung. Hatten Sie daran gedacht, die Musik zum Beruf zu machen?
Ja, das war eine Option, ich habe ein Jahr an der Swiss Jazz School studiert. Aber Musik ist für mich etwas Emotionales – das verträgt sich schlecht mit Zielgerichtetheit und Karriereplanung.
Deswegen ist es gut, wenn ich das in der Freizeit mache. So kann ich spielen, was ich mag.

Kontakt via:
www.studienstiftung.ch

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