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„Das spannendste in Australien war die Reise ins Innere“

Mathias Morgenthaler am Samstag den 7. August 2010

Jürg WetterWährend andere sich höchstens mal zwei Wochen Ferien am Stück gönnen, ist Jürg Wetter sechs Monate lang mit seiner Familie durch Australien gereist. Nach der Rückkehr sagt der Berater und Referent: „Es ist überwältigend zu erleben, wie viele Grenzen gesprengt werden.“ Seither arbeitet Wetter noch näher bei seiner Berufung: Menschen zu helfen, ihre Träume zu verwirklichen.

Herr Wetter, Sie sind sechs Monate durch Australien gereist und halten nun Vorträge zum Thema „Bewusste Arbeits- und Lebensgestaltung“. Machen einen lange Ferien zum Experten in dieser Sache?
JÜRG WETTER: Ich habe in den letzten 13 Jahren über 1000 Personen in Einzelberatungen und Coachings begleitet, von der Pflegefachfrau bis zum Manager. Immer wieder ging es in diesen Gesprächen um die Frage, was die Menschen davon abhält, ihre Träume zu verwirklichen. Nun habe ich einen Selbstversuch durchlaufen. Ausser einer vierwöchigen Auszeit in Spanien war ich seit Beginn meiner Selbständigkeit nie längere Zeit in den Ferien. Nun habe ich erfahren, wie viel sich durch eine sechsmonatige Auszeit verändert. Ich habe in Australien viele tolle Landschaften erkundet, noch viel spannender war aber die Reise ins Innere.

Die meisten Erwerbstätigen schaffen es mit Müh und Not, zwei oder drei Wochen Ferien am Stück zu nehmen. Hatten Sie keine Bedenken, sich so lange aus dem Verkehr zu ziehen?
Doch, natürlich. Meine Frau und ich spielten schon vor fünf Jahren zum ersten Mal mit dem Gedanken, die Vorlaufzeit war also beträchtlich. Wir haben in den letzten Jahren unsere Fixkosten reduziert, um unabhängiger zu werden. Als dann der Kindergarten-Eintritt unserer Tochter näher rückte, wussten wir: Wenn wir es jetzt nicht wagen, werden wir es nie mehr tun.

Haben Sie nie gezweifelt, ob Sie sich das Abenteuer finanziell leisten können?
Wir machten früh ein Budget für unser Abenteuer. Durch meine Arbeit habe ich so viele Menschen kennengelernt, die ein Leben lang sparten und doch nie den Mut aufbrachten, ihre Träume zu realisieren. Und ich habe gesehen, wie die Leute zurückkommen, die sich eine längere Auszeit gegönnt haben. Das ist viel mehr wert als ein paar Zehntausend Franken auf dem Konto.

Welches waren rückblickend die eindrücklichsten Erfahrungen?
Es ist überwältigend zu erleben, wie viele Grenzen gesprengt werden, welche neuen Möglichkeiten sich eröffnen, wenn man 18000 Kilometer durch die Natur reist. In der Wüste habe ich gespürt, wie sich bei mir Schleusen öffnen. Meine Träume waren viel intensiver als sonst, auch im Wachzustand tauchten plötzlich verschüttete Wünsche auf. Schönes und Unangenehmes kam an die Oberfläche. Ich nahm mehrere Kilo ab auf dieser Reise, habe einigen Ballast in der Wüste zurückgelassen.

Was machen Sie konkret anders, seit Sie im März aus Australien zurückgekehrt sind?
Ich habe nun beruflich einen viel präziseren Fokus. Mir ist klar geworden, wo ich wirklich etwas bewegen kann. Eine meiner Hauptaufgaben ist, Menschen zu unterstützen, die ihre Berufung und Zufriedenheit finden wollen. Viele Menschen stecken die eigenen Grenzen viel zu eng. Sie blockieren sich selber mit Ängsten und negativen Glaubenssätzen. Seit ich von der Reise zurück bin, kann ich solche Blockaden wesentlich besser aufzeigen und auflösen helfen. Persönlich habe ich das Fotografieren wiederentdeckt. Das hatte in meinem Alltag lange Zeit keinen Platz, nun bin ich mit 13’000 Fotos aus Australien zurückgekehrt und will dieses Hobby weiterpflegen. Ich überlege mir heute viel genauer, für was ich Zeit investiere. Einen Aspekt habe ich unterschätzt: Man kehrt nach sechs Monaten innerlich stark verändert zurück – und findet das bisherige Umfeld mehr oder weniger unverändert vor. Das kann zu Irritationen und Unverständnis seitens der Daheimgebliebenen führen.

Gilt das auch für die eigene Familie? Kam es zu Spannungen und Krisen unterwegs?
Wenn sich alle innerlich stark verändern, verändern sich auch die Beziehungen. In den ersten paar Wochen durchliefen wir einige Krisen. Für mich war das komplett neu, mit dem Camper zu reisen. Normalerweise leben wir auf 120 Quadratmeter, nun waren es knapp 7 Quadratmeter – das macht alles viel intensiver. Zudem mussten wir die Aufgaben rund ums Reisen verteilen. Die neuen Rollen brachten mir neue Einsichten und Erkenntnisse – vor allem auch rund um den Haushalt sowie die Kinderbetreuung. Solange man als Manager und Berater um die Welt fliegt, versteht man ja nie ganz, warum die Frau sagt, sie sei am Limit. Nun weiss ich sehr genau, was es bedeutet, 24 Stunden um einen Wirbelwind wie unsere Tochter herum zu sein. Meine Frau und ich haben unser Leben lang nicht so viele Kindergeschichten erzählt wie in diesen sechs Monaten.

Wie sieht die berufliche Zwischenbilanz aus? Haben Sie viele Kunden verloren durch die lange Abwesenheit?
Ich habe wenige Aufträge verpasst, aber es sind schon einige neue Projekte seit unserer Rückkehr dazugekommen. Das Geschäft kracht nicht zusammen, wenn man sich eine Auszeit gönnt. Als ich damals aus Spanien zurückkehrte, schloss ich den grössten Auftrag seit Beginn meiner Selbständigkeit ab. Leider ist eine Auszeit bei vielen negativ behaftet – manche fragten mich, ob ich privat in der Krise sei oder ob das Geschäft schlecht laufe. Ich fühlte mich gesund und meine Auftragsbücher waren voll, aber die Zeit war reif. Ich wollte nicht wie andere erst gehen, wenn der Energietank leer ist. Ein paar Todesfälle von Menschen, die jünger waren als ich, haben mich aufgerüttelt. Man weiss nie, was in ein paar Jahren sein wird, also sollte man wirklich wichtige Dinge anpacken.

Waren Sie während der Auszeit gar nicht erreichbar oder haben Sie täglich von unterwegs das Geschäft gemanagt?
Mit manchen Kunden blieb ich in Kontakt, um nach der Rückkehr einigermassen nahtlos weiterarbeiten zu können. Aber den Laptop liessen wir ganz bewusst zu Hause. So war der Internetzugang automatisch sehr limitiert. Die Daheimgebliebenen konnten unsere Reise via Blog verfolgen. Durch die Reise hat sich mein Umgang mit Mail und Telefon verändert. Ich habe die Erreichbarkeit deutlich reduziert. Wenn man nicht dauernd auf irgendeinem Kanal kommunizieren muss, nimmt man plötzlich andere Signale besser wahr. Wir hatten nur eine ungefähre Route festgelegt und entschieden täglich neu je nach Wetter und Gefühl. Wenn wir um 17 Uhr am Zielort ankamen und merkten, dass wir uns da nicht wohl fühlten, fuhren wir noch 100 Kilometer weiter. Und dies hat sich jeweils gelohnt! Heute habe ich ein ganz anderes Vertrauen in meine Intuition. Ich weiss, dass ich es ernst nehmen muss, wenn sich etwas nicht gut anfühlt – und dass ich mich dabei auf mein Bauchgefühl verlassen kann.

Kontakt und Information mit Vortragsdaten:
www.juergwetter.ch oder 071 642 22 88.

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