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„Mit zwei Betrieben und vier Kindern hat man nie Feierabend“

Mathias Morgenthaler am Samstag den 31. Juli 2010

Sabine ReichenbachIhr Arbeitstag beginnt im Sommer nicht selten um 5 Uhr und endet nicht vor 23 Uhr und ihr Stundenlohn liegt deutlich unter 20 Franken: Sabine Reichenbach und ihr Mann Beat arbeiten als Bergbauern in Lauenen bei Gstaad so hart, dass sie weder Zeit noch Energie für Hobbys haben. Unzufrieden sind sie dennoch nicht – ausser wenn das Wetter wieder einmal verrückt spielt.
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Frau Reichenbach, wann beginnt Ihr Arbeitstag in den Sommermonaten?
SABINE REICHENBACH: Das hängt vom Wetter ab. Wenn es längere Zeit geregnet hat und dann schön wird, dann beginnt der Tag um 5 Uhr und endet nicht vor 23 Uhr. Für die Heuernte müssen wir jeden schönen Tag voll nutzen, sonst kommen wir nicht durch. Insgesamt bewirtschaften wir 25 Hektaren Land hier oberhalb von Lauenen, ein Teil davon ist Weidland. Im steilen Gelände können wir an vielen Orten keine Maschinen einsetzen, und Handarbeit braucht Zeit.

Und wenns zu feucht ist zum Heuen haben Sie mehr freie Zeit?
Nicht unbedingt, es gibt immer etwas zu tun, zum Beispiel die Weidepflege; wenn man das vernachlässigt, wuchert das Unkraut – man kann gar nie alle Placken ausreissen. Dazu kommt die Waldpflege und der Gemüsegarten, auch das braucht Zeit, Holz fällen, Jäten, Ernten. Und im Haushalt sollte ich auch regelmässig was machen, Putzen, Waschen, Kochen.

Bleibt da überhaupt noch Zeit für die Betreuung Ihrer vier Kinde im Alter zwischen neun Monaten und elf Jahren?
Wir nehmen die Kinder oft mit zur Arbeit, auf die Weide, in den Stall, in den Garten, anders geht es nicht. Und meine Schwiegermutter, die bei uns wohnt, hilft uns bei der Betreuung. David, unser Ältester, ist bereits eine grosse Hilfe, er packt oft mit an.

Nebst dem Hof in Lauenen bewirtschaften Sie auch noch den elterlichen Hof in Gstaad. Wird das nie zu viel?
Die Arbeit in Gstaad ist wie Ferien, weil man dort mit Maschinen heuen und aufladen kann. Für unser Vieh, das in den Sommermonaten 10 Wochen lang auf über 2000 Metern auf der Alp ist, gibt es in Gstaad schöne Weiden.

Von welchen Einnahmen leben Sie?
Das Haupteinkommen sind die staatlichen Subventionsbeiträge, ohne die müssten wir sofort aufhören. Die Maschinen, die wir brauchen, kosten mehrere zehntausend Franken. Weiter leben wir vom Milchgeld, verkaufen ein wenig Käse und Fleisch, ab und zu eine ganze Kuh. Und ich arbeite nebenbei als Briefträgerin in der Gegend, das gibt einen kleinen Zustupf für Ferien.

Wohin fahren Sie in die Ferien?
Kürzlich waren wir vier Tage am Neuenburgersee, die Kinder konnten baden und ich musste mich nicht ums Kochen und den Haushalt kümmern, weil wir in einer Jugendherberge untergebracht waren. Manchmal fahren wir auch ein paar Tage ins Tessin oder in die Ostschweiz, um etwas von der Schweiz zu sehen und den Kopf etwas durchzulüften. Wir übernachten manchmal bei anderen Bauern, es gibt ja dieses Angebot „Schlafen im Stroh“.

Länger als ein paar Tage können Sie nicht wegfahren, zum Beispiel für Ferien am Meer?
Nein, das liegt nicht drin, da müssten wir jemanden bezahlen, der sich um den Hof und die Kühe kümmert. Ich ging ein wenig auf Reisen, als ich noch ledig war, darum fehlt mir das jetzt nicht. Und die Kinder müssen ja nicht schon in jungen Jahren alles gesehen haben, sonst wissen die später gar nicht mehr, von was sie noch träumen sollen.

Trennen Sie persönlich zwischen Arbeit und Freizeit?
Nein, das fliesst ineinander über. Im Winter geht mein Mann einmal pro Woche zum Jodeln, ansonsten haben wir wenig Zeit und eigentlich auch keine überschüssigen Kräfte für Hobbys. Es ist ja nicht so, dass wir am Freitag Abend sagen: „So, endlich Wochenende!“, mit zwei Betrieben und vier Kindern hat man nie ganz Feierabend. Am Sonntag machen wir manchmal einen Ausflug, weil wir dann im Normalfall nicht heuen. Das gehört zu meinen schönsten Kindheitserinnerungen: dass wir am Sonntag in den ersten Zug stiegen und erst mit dem letzten wieder zurückkamen, das kam mir immer vor wie Ferien.

Wünschten Sie sich manchmal, einen anderen, weniger anstrengenden Beruf zu haben?
Nein, ich mag meinen Beruf und ich finde es schön, dass die Kinder so nah sind, dass sie sehen, was ihre Eltern machen, dass wir „toute la famille“ im Stall oder auf der Weide sind. Das führt dazu, dass Bauernkinder früh anpacken lernen. Als ich in Bern die Aufnahmeprüfung für die Lehre auf der Post machte, sagte der Chef, er stelle gerne Bauernkinder an, die seien harte Arbeit gewohnt. Da ist wohl etwas Wahres dran. Wenn ich vier Halbtage im Monat die Post austrage, empfinde ich das als angenehme, nicht sehr anstrengende Abwechslung, die mit 27 Franken Stundenlohn recht gut bezahlt ist. Wenn ich hier meine Stunden zähle und den Lohn ausrechne, komme ich sicher nicht auf 20 Franken.

Belastet Sie die finanzielle Situation?
Nein, wir haben einen Buchhalter, der sich um das Finanzielle kümmert. Ich weiss, dass wir uns keinen Luxus leisten können, aber wir haben das Wichtigste und strecken uns nach der Decke. Es wäre schön, wenn unsere Scheune etwas grösser wäre, aber sonst brauche ich keinen Komfort. Im Winter, wenn es im Haus am frühen Morgen gerade mal 13 Grad warm ist, müssen wir als erstes Holz spalten, damit wir einheizen können – solche Dinge gehören zum Alltag, das belastet mich nicht. Was ich manchmal als Stress empfinde, ist diese Wetterabhängigkeit. Dieser Sommer war sehr human, aber sonst zittern wir oft, ob es reicht mit dem Silieren und Heuen. Die Natur ist unberechenbar, das sieht man auch beim Vieh im Stall. Letzten Winter hatten wir Pech, da haben wir mehrere Kühe verloren; jetzt hoffen wir, dass es dieses Jahr besser wird.

Sie erhalten jeden Sommer Unterstützung von der Caritas, die Freiwillige für Bergeinsätze vermittelt. Könnten Sie die Arbeit ohne diese Unterstützung überhaupt noch bewältigen?
Das wäre sehr schwierig, dann würde vieles im Haushalt auf der Strecke bleiben. Manchmal schaue ich ein wenig neidisch auf andere Bergbauernfamilien, bei denen noch Brüder und Schwager mit anpacken. Wir können nicht auf männliche Hilfe aus der Familie zählen. Meine Schwester und Mutter kommen ab und zu vorbei, aber sie haben ja auch ihr eigenes Leben. Deswegen sind wir auf die Freiwilligen angewiesen. Letzte Woche war eine junge Lehrerin bei uns. Sie half meinem Mann mit dem Rechen, so dass ich im Haushalt endlich vorwärts machen konnte. Zuvor waren zwei Frauen aus dem Emmental da, die für mich die Küchenschränke putzten, Konfitüre einkochten und Wäsche zusammenlegten. Wir haben sehr gute Erfahrungen gemacht mit den Freiwilligeneinsätzen. Ehrlich gesagt tut es auch gut zu spüren, dass diese Leute beeindruckt sind, wenn sie sehen, was ein Bergbauer alles machen muss.

Information zum Bergeinsatz:
Auf der Homepage www.bergeinsatz.ch gibt es alle Informationen zu freiwilligen Bergeinsätzen in verschiedenen Regionen. Die Mindesteinsatzdauer beträgt 5 Tage.

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