Am Anfang war die Wand

Die Zürcher Hip-Hop- und Graffiti-Szene hat mit «Zee City» endlich so etwas wie einen Sammelband, ein Gedächtnis. Das Buch erinnert unseren Autor an seine Anfänge in Sachen Hip-Hop.
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Graffiti in Zürich Text von Jean Marc Nia Credit: auf Buch verweisen Borsi macht einen Blog dazu

Zürich, Zollstrasse, 1986.

Ich kam in die Schule, und da war einer auf dem Pausenplatz, der auf den Händen stand. Ich fragte mich: «Was ist das?!» Das war im Jahr 1983 und Migel damals 11 Jahre alt. Ab diesem Tag gab es für ihn nur noch das: Breakdance. «Tschüss Kung-Fu, tschüss alles.»  Heute ist Migel 44 und Mitherausgeber des Buches «Zee City», das Anfang Jahr erschien. Es zeichnet die Geschichte der Zürcher Hip-Hop-Szene nach. Es ist eine Art Nachschlagewerk, das von den 80er-Jahren bis heute reicht. Blättern in diesem 360-Seiten-Werk kommt einer Zeitreise gleich.

Graffiti in Zürich Text von Jean Marc Nia Credit: auf Buch verweisen Borsi macht einen Blog dazu

The Fantastic Rockers, 1986.

Graffiti in Zürich Text von Jean Marc Nia Credit: auf Buch verweisen Borsi macht einen Blog dazu

Zürich-Wipkingen, Bahnviadukt, 1993.

Graffiti in Zürich Text von Jean Marc Nia Credit: auf Buch verweisen Borsi macht einen Blog dazu

Zürich, Seilergraben, 1992.

Die Bewegung war in den Anfängen noch sehr überschaubar. «Zu den Old-School-Zeiten ging man an eine Party und dann war der ganze Zürcher Hip-Hop gebündelt dort. Das waren dann etwa hundert Leute», erinnert sich Migel. Breakdance-Musik, solche wie sie jetzt an den Megaevents von Red Bull gespielt werden, gab es noch nicht. Man tanzte zu Funk, etwa jenem von James Brown oder von The Jimmy Custer Bunch. Die Hymne für alle Breaker aber war und blieb wohl bis heute „Apache“ von The Incredible Bongo Band. «Immer noch das Beste», findet Migel.
Auf der Strasse erkannten sich Gleichgesinnte in den Anfängen schnell. An den Füssen trugen sie vorzugsweise das Modell Superstar von Adidas. Wenn sie denn jemanden kannten, der ihnen den Turnschuh aus New York oder sonst einer grösseren Metropole mitbringen konnte. Zur Not taten es auch Stan Smith. Mögen die Schuhe heute richtig populär sein, in den Achtzigern führten sie im Vergleich zu den Converse-Imitaten von Marcel Scheiner ein Outsiderdasein.

Graffiti in Zürich Text von Jean Marc Nia Credit: auf Buch verweisen Borsi macht einen Blog dazu

Zürich, Bauschänzli, 1986.

Graffiti in Zürich Letten Text von Jean Marc Nia Credit: auf Buch verweisen Borsi macht einen Blog dazu

Zürich, Letten, 1986.

Ein weiterer nicht unbedeutender Unterschied zu heute: Die Schuhe wurden gepimpt. Die Schuhbändel wurden durch breite Saumbänder ersetzt, zum Beispiel solche von Vorhängen. Die Fat Laces, die breiten Schnürsenkel, die mittlerweile in allen Farben an jeder H&M-Kasse zu finden sind, gab es nicht.
Dank zwischen Rist und Schuhzunge gestopfter Spülschwämme sahen die Schuhe bulliger aus, und die Fat Laces kamen besser zur Geltung. Und weil die Schuhe so locker gebunden waren, hielten sie dank den Schwämmen besser am Fuss.

Graffiti in Zürich Text von Jean Marc Nia Credit: auf Buch verweisen Borsi macht einen Blog dazu

Zürich, 1989.

Was jeder mitbekam, ob er nun zur Szene gehörte oder nicht, ob er sie mochte oder nicht: die Graffiti. Darauf liegt der Schwerpunkt in «Zee City»: Bilder auf Zügen und Wänden. Unter der Brücke des Polybähnli beim Central, beim Bellevue, im Steinfels-Areal. Manche Graffiti waren in Silber gehalten, dafür riesig. Andere «Pieces» zeichneten sich durch komplizierte Farbverläufe, Schatten, 3-D-Effekte und Figuren aus. Auch das Material änderte sich. Früher benutzten die Sprayer günstige Dosen, zum Beispiel aus der ABM. Diese trieben die Writer, wie sich die Sprayer nennen, gelegentlich in den Wahnsinn. Einige Farben stiessen einander ab. Oder sie liefen ineinander. Besonders Silber schien einen äusserst asozialen Charakter zu haben…

Graffiti in Zürich Text von Jean Marc Nia Credit: auf Buch verweisen Borsi macht einen Blog dazu

Zürich, Letten.

Graffiti in Zürich Text von Jean Marc Nia Credit: auf Buch verweisen Borsi macht einen Blog dazu

Zürich, Auzelg, 1989.

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SAP, Central, 1990

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„L“ von Lord, Letten, 1989

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Zim

Die Aufsätze zu den Dosen suchten sich die Writer von anderen Dosen zusammen, Insektizid, Holzpflege, Bügelstärke – sie prüften sie alle. Diese Hybridversuche sowie die teils zweifelhafte Qualität der Dosen führten teils zu einem Overkill: Die Farbe schoss unaufhaltsam überall da raus, wo das Aerosol nur entweichen kann. Das Ergebnis waren farbverspritzte Jackenärmel, Schuhe und Hosen.

Lange ist es her, dass die Writer sich aus ihren Kinderzimmern stahlen, die klappernden Dosen und die Skizze für das geplante Werk in eine schwarze Tasche gepackt. Aus ihnen sind Kunstsammler geworden, Künstler. Sie sind jetzt mitte vierzig, bauen im Ausland eine Schmiede auf oder besitzen einen Coiffeur-Salon. Was bleibt aus dieser Zeit? «Die Sachen die ich gemacht habe», sagt Migel, «werden mir mein Leben lang Kraft geben. Auf diese Zeit kann ich immer wieder zurückgreifen. Das gehört mir. Alleine.» Ein Freund habe ihm einmal gesagt, er sei dankbar, dass er das erleben durfte. «Ich gebe ihm recht. Es wird nie mehr so sein. Es war so frisch. Es war das Konzentrat.»

 

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Zehn Jahre dauerte die Geburt von «Zee City». Es entstand ein dicker Bildband, ergänzt mit langen, ausführlichen Texten.

«Zee City», 60 Franken zuzüglich Versandkosten, zirka 700 Farbfotos auf rund 360 Seiten. www.zeecity.ch.