«Die Angst hält mich wach»

Der Schweizer Fotograf Dominic Nahr macht preisgekrönte Reportagen, vor allem in Afrika. Das Härteste an seinem Job sei, aus Krisengebieten in den Wohlstand zurückzukehren.

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** Fotoforum Photo 16 - Dominic Nahr ** Dominic Nahr ist seit 2008 in Afrika unterwegs, wo er den arabischen Frühling, die terroristischen Attacken in Kenia oder den Krieg im Kongo fotografisch festgehalten hat. Nahr wurde 2012 und 2013 mit dem World Press Photo Award ausgezeichnet und im letzten Jahr zum Schweizer Fotografen des Jahres gewählt. Gegenwärtig arbeitet er an dem Projekt «Fallout» – einer Arbeit über die Langzeitfolgen des Tsunami und der nuklearen Katastrophe in Fukushima.

Mogadiscio 2012: Ein Soldat der Friedenstruppen der Afrikanischen Union verdeckt einen Schlachtplan.

Einige Ihrer bekanntesten Bilder zeigen tote Menschen. Wann haben Sie Ihre erste Leiche fotografiert?

2006, glaube ich, bei einer Reportage auf Osttimor, es war ein erschossener Polizist. Ich habe lange mit der Familie gesprochen. Sie haben mich in die Leichenhalle gelassen, wo die Verwandten seinen Körper wuschen und ihm eine frische Uniform anzogen.

Hatten Sie keine Hemmungen?

Nein. Damals merkte ich, was ich will und gut kann: Den Menschen nahekommen, sie dazu bringen, dass sie mich in ihr Leben lassen. Dazu musst du dich selber offen geben, erzählen, Fragen stellen, sonst vertraut dir niemand. Einen Monat später durfte ich bei der Gedenkfeier eine Blume an den Ort legen, wo man den Polizisten erschossen hatte.

Fotografieren Sie auch tote Verwandte oder Bekannte?

Natürlich. Wenn ich Fremde tot abbilde, muss ich das auch in meinem Umfeld tun. Die Fotos meiner verstorbenen Grossmutter gehören bis heute zu meinen liebsten.

** Fotoforum Photo 16 - Dominic Nahr ** Dominic Nahr ist seit 2008 in Afrika unterwegs, wo er den arabischen Frühling, die terroristischen Attacken in Kenia oder den Krieg im Kongo fotografisch festgehalten hat. Nahr wurde 2012 und 2013 mit dem World Press Photo Award ausgezeichnet und im letzten Jahr zum Schweizer Fotografen des Jahres gewählt. Gegenwärtig arbeitet er an dem Projekt «Fallout» – einer Arbeit über die Langzeitfolgen des Tsunami und der nuklearen Katastrophe in Fukushima.

Auf einem Ihrer Fotos sieht man eine Leiche. Sie liegt kopfvoran in einer Flüssigkeit, in der sich der Himmel spiegelt. Was ist passiert?

Das war im Sudan, im Jahr 2012, ein Kollege und ich begleiteten einen Vorstoss der Armee. Es war ein Schlachtfeld, crazy. Soldaten brauchten unser Fahrzeug, um ihre erplünderte Beute aufzuladen. An diesem Tag fotografierte ich Dutzende Tote, teilweise waren sie halb verbrannt. Gegen Abend kamen wir an dieser Ölanlage vorbei, wo die Gegner Deckung gesucht hatten. Öl spritzte herum, in einer Lache schwamm ein toter Soldat. Ich wusste sofort: Dieses Bild bringt den Konflikt auf den Punkt. Drei Tage später erschien es im «Time»-Magazine. Die restlichen Fotos habe ich nicht verschickt, die waren zu brutal.

Wie kann man sich in solch prekären Situationen darauf konzentrieren, ein gutes Bild zu machen?

Ich gerate in eine Art Trance. Bei meinen besten Bildern war ich auf Autopilot, bemerkte kaum, dass ich abdrückte, ich kann mich nicht einmal richtig daran erinnern. Das fühlt sich irgendwie rein an, so dumm das klingt. Sobald ich nachdenke, mache ich schlechte Fotos.

Ihre Bilder wirken komponiert, alles andere als spontan. Wie schaffen Sie das automatisch?

Ich bin sehr heikel, betrachte meine Fotos wie eine Theaterbühne, eine Komposition aus verschiedenen Ebenen. Und dramatisch sollen sie aussehen, mit viel Schwarz, starkem Licht. Dank der Erfahrung gelingt mir das instinktiv, ich spüre immer genau, wo ich stehe, was sich im Bild befindet. Seit kurzem fotografiere ich mit einer kleinen Kamera. Ich halte sie nicht vors Gesicht, sondern vor den Bauch, schaue nur selten aufs Display, drücke mit dem Daumen ab. Es gibt kein Klicken, man hört nichts.

Damit sich die Fotografierten weniger abgelenkt fühlen?

Nein. Für sie macht das keinen Unterschied, Kamera bleibt Kamera, ob gross oder klein. Es geht um mich, ich fühle mich wohler, wenn mein Gesicht frei bleibt, ich mit den Leuten reden kann.

** Fotoforum Photo 16 - Dominic Nahr ** Sudan, Tess, 2012. Nuban children can be seen inside a cave where they has been hiding with little food for months from bombings by the Sudanese Armed Forces (SAF) and fighting between SAF and the SPLA-North. Dominic Nahr ist seit 2008 in Afrika unterwegs, wo er den arabischen Frühling, die terroristischen Attacken in Kenia oder den Krieg im Kongo fotografisch festgehalten hat. Nahr wurde 2012 und 2013 mit dem World Press Photo Award ausgezeichnet und im letzten Jahr zum Schweizer Fotografen des Jahres gewählt. Gegenwärtig arbeitet er an dem Projekt «Fallout» – einer Arbeit über die Langzeitfolgen des Tsunami und der nuklearen Katastrophe in Fukushima.

Nubische Kinder in einer Höhle in Tess (Sudan). Hier versteckten sie sich monatelang vor den Kampfhandlungen (2012)

Kongolesische Soldaten schützen sich in fünf Kilometer Entfernung von der Frontlinie unter Plachen vor dem Regen.

Kongolesische Soldaten schützen sich in fünf Kilometer Entfernung von der Frontlinie unter Plachen vor dem Regen. (Kibati, 2008)

Haben Sie keine Angst, wenn Sie sich in Gegenden aufhalten, wo Menschenleben wenig zählen?

Oh doch, sehr viel. Die Angst hält mich wach. Im Einsatz bin ich wie ein Sonar.  Ich höre alles, sehe alles, merke, wenn jemand hinter mir steht, lese die Gesichter und Gesten der Menschen. Trotzdem bleiben Einsätze wie jener im Südsudan gefährlich. Ich denke dann an meine Mutter. Wenn mir etwas geschieht, ist sie ganz allein. Das macht mich fertig. Obwohl es manchmal nötig ist, will ich mich seltener solchen heiklen Situationen aussetzen. Ich sehe mich ja auch nicht als Kriegsfotograf.

Sondern?

Ich suche nicht den maximalen Effekt.  Explosionen, Gewehre, Schlagzeilenbilder – das ist der falsche Weg, die Welt zu zeigen. Ich konzentriere mich auf verborgene Krisen, finde Menschen, die sonst nicht wahrgenommen werden. Zum Beispiel die verstrahlten und kranken Familien rund um Fukushima, die ich jedes Jahr wieder besuche. Gerade bin ich aus Südsudan zurückgekommen, wo sich zwei Millionen Menschen auf der Flucht befinden, unter elendesten Bedingungen, frierend und hungernd.

Japan, Namie, 2012. Police search for remains of missing people inside the nuclear exclusion zone near the damaged Daiichi nuclear power plant one year after the Tsunami hit the north east coast of Japan.

Polizisten suchen in der Nähe des zerstörten Kraftwerks Daiichi nach Überresten vermisster Menschen (Japan, 2012)

** Fotoforum Photo 16 - Dominic Nahr ** Japan, Misawa, 2011. Locals and fishermen clean up the area in and around the Misawa port. Dominic Nahr ist seit 2008 in Afrika unterwegs, wo er den arabischen Frühling, die terroristischen Attacken in Kenia oder den Krieg im Kongo fotografisch festgehalten hat. Nahr wurde 2012 und 2013 mit dem World Press Photo Award ausgezeichnet und im letzten Jahr zum Schweizer Fotografen des Jahres gewählt. Gegenwärtig arbeitet er an dem Projekt «Fallout» – einer Arbeit über die Langzeitfolgen des Tsunami und der nuklearen Katastrophe in Fukushima.

Fischer und andere Einwohner helfen nach der Naturkatastrophe beim Aufräumen. (Misawa, Japan, 2011)

Wollen Sie diesen Menschen mit Ihren Aufnahmen helfen?

Es ist schwierig, abzuschätzen, welche Wirkung Bilder haben. Im amerikanischen Kongress schwenkte ein Abgeordneter einmal eine Ausgabe der «New York Times». Ein Foto von mir war auf dem Cover, damit wies er auf das Elend in Somalia hin. Einen solchen direkten Impact erlebt man selten.

Warum machen Sie dann Bilder?

Um zu dokumentieren. Als Teenager stiess ich in einem Geschichtsbuch auf das Foto eines toten Menschen aus Nicaragua, im Bürgerkrieg war sein Körper halbiert worden. Dass der Fotograf diesen Moment aufbewahrt und gerettet hat, beeindruckte mich extrem. Jetzt will ich selber in die Geschichtsbüchern kommen, Leute finden, von denen sonst keine Bilder entstehen. Auf einem Trip im Kongo kamen wir direkt nach einem Massaker in ein kleines Dorf. Wir fanden 17 Leichen, Kinder, ein Ehepaar, das sich noch die Hände hielt. Wenn wir die Szene nicht aufgenommen hätten, wüsste jetzt niemand davon. Das Abschlachten wäre praktisch nicht passiert. Das ist fucked up. Daher will ich alles fotografieren, auch mein Leben, meine Familie.

Kann man notleidende Menschen fotografieren, ohne ihnen zu helfen?

Normalerweise gibt es Hilfswerke vor Ort, das Helfen ist deren Job. Ich fotografiere. Das ist nicht egoistisch. Viele Menschen freuen sich darüber, sie wollen nicht vergessen gehen. Im Südsudan funktionierte das allerdings weniger gut.

Warum?

Die Ärzte ohne Grenzen sind dort fast als einziges Hilfswerk tätig, ihre Basis wurde schon dreimal geplündert, es fehlt an allem. Bei einer Essensverteilung kam es zu Streitereien, Chaos brach aus. Ich dachte: Scheisse. Leg die Kamera weg. Versuch zu schlichten. Später ging ich mit einer Familie durch einen Sumpf, das Wasser stand hoch, die Kinder froren. Ich hörte auf zu fotografieren, nahm einen Kleinen auf meine Schultern. So habe ich viele Bilder verpasst, aber es ging nicht anders.

** Fotoforum Photo 16 - Dominic Nahr ** Sudan, Unity, 2012. An oil worker stands near where a bomb from SAF forces had hit, while SPLA and Oil workers watch from above. Dominic Nahr ist seit 2008 in Afrika unterwegs, wo er den arabischen Frühling, die terroristischen Attacken in Kenia oder den Krieg im Kongo fotografisch festgehalten hat. Nahr wurde 2012 und 2013 mit dem World Press Photo Award ausgezeichnet und im letzten Jahr zum Schweizer Fotografen des Jahres gewählt. Gegenwärtig arbeitet er an dem Projekt «Fallout» – einer Arbeit über die Langzeitfolgen des Tsunami und der nuklearen Katastrophe in Fukushima.

Soldaten der Sudanesischen Volksbefreiungsarmee und Ölarbeiter stehen neben einem Bombenkrater (2012).

** Fotoforum Photo 16 - Dominic Nahr ** Somalia, Mogadishu, 2011. A malnourished sick with TB is being washed by his mother in Banadir hospital. A day after this photo was taken the child died. Dominic Nahr ist seit 2008 in Afrika unterwegs, wo er den arabischen Frühling, die terroristischen Attacken in Kenia oder den Krieg im Kongo fotografisch festgehalten hat. Nahr wurde 2012 und 2013 mit dem World Press Photo Award ausgezeichnet und im letzten Jahr zum Schweizer Fotografen des Jahres gewählt. Gegenwärtig arbeitet er an dem Projekt «Fallout» – einer Arbeit über die Langzeitfolgen des Tsunami und der nuklearen Katastrophe in Fukushima.

Eine Mutter wäscht im Banadir-Spital in Mogadiscio ihr TB-krankes Kind, das einen Tag nach dieser Aufnahme verstarb (2011).

Iraq / IDP / An elderly Yazidi IDP looks out of the window of a bus. A group of 196 internally displaced people from the Yazidi religious community wait to be escorted by UNHCR from Kirkuk to Dohuk governorate in the Kurdistan Region of Iraq (KR-I) following their release by ISIS. Most of those released were elderly aged between 50-80 years. There were also seven disabled children. The group is believed to have been held captive by ISIS for over five months in Tal Afar. They were noticeably traumatized, frail and with visible skin infections. A convoy of 11 buses was organised in coordination with local authorities in Erbil and Dohuk to transport the group to Lalesh Temple in the Shekhan area of Dohuk. The 2.1 million Iraqi citizens displaced since January 2014 are spread over more than 2,000 sites in the country. Ethnic armed conflict erupted in the Anbar Governorate in early January 2014. Massive displacement occurred during the fall of Mosul to ISIS in June 2014, and again when ISIS attacked religious minorities including Yazidi in Sinjar. A fourth wave of displacement took place in 2014 from disputed towns in Anbar. The plight of the IDPs has been dire. Many IDPs have been displaced multiple times. There are still IDPs living both in camps and outside camps who are struggling to survive in sub-standard living conditions. Many do not have access to jobs, education or other services. Those living in the open or in unfinished buildings face the harshest conditions this winter. The Kurdistan region is generously hosting some 800,000 IDPs, as well as most of the Syrian refugees.​ / UNHCR / D. NAHR / January 2015

Eine ältere Frau schaut aus einem UNHCR-Bus, der sie, zusammen mit weiteren 195 Jesiden, die ebenfalls während Monaten Gefangene des IS waren, von Kirkuk nach Dohuk bringen soll (2015).

Iraq / IDP / A Yazidi IDP watches boys play from the edge of the third floor of an 11 storey building that temporarily houses 359 people, of which 70% are under the age of 18 years old in Dohuk. Plastic sheets have been used to finish walls and close of the space to protect themselves from winter. There are an estimated 850,000 internally displaced people currently living in the Kurdistan Region of Iraq, having fled violence and persecution in other parts of the country. Hundreds of thousands have sought shelter in unfinished buildings, public spaces and informal settlements.Many of the half-built structures dotted throughout the regionÕs northern Dohuk governorate contain dozens of displaced families. They face uncomfortable and often dangerous living conditions, including a lack of adequate sanitation and insulation from the elements.ÊWith winter fast approaching, many of those living in open-sided concrete shells have only plastic sheeting, foam mattresses and blankets to protect them from the freezing rain and bitter temperatures./ UNHCR/ D. NAHR / October 2014

Ein jasidischer Mann schaut in Dohuk Kindern beim Fussballspielen zu. Geschätzte 850’000 Binnenflüchtling leben zurzeit in der kurdischen Region Iraks (Oktober 2014).

Wie ist es, von Einsätzen aus prekären Gebieten in wohlhabende, friedliche Länder zurückzukehren?

Krisengebiete zu verlassen, ist schwierig; schwieriger, als in solchen anzukommen. Man ist dort voll fokussiert, alle Sinne arbeiten, man fühlt sich lebendig, im Flow. Im Südsudan habe ich auf dem Boden geschlafen, mit halbleerem Magen. Dann fliegst du zurück, plötzlich haben die Menschen alles. Das fühlt sich manchmal an, als ob du gegen eine Wand läufst. Ich denke dann: Das kann nicht die Realität sein.

Verfolgt Sie das Elend?

Die Bilder tauchen immer wieder auf, oft dann, wenn man sie am wenigsten erwartet. Die stärksten Auslöser sind gewisse Gerüche. Wenn ich sie in die Nase kriege, kommt das Grässliche zurück. Zum Glück – kann man sagen – bin ich sehr vergesslich; so vergesslich, dass meine Mitmenschen manchmal glauben, ich spinne. Deswegen habe ich auch mit dem Fotografieren angefangen.

Wie das?

Als Teenager nervte sich meine Mutter über mein schlechtes Gedächtnis. Ich konnte mich etwa kaum an unsere Ferien erinnern. Also schenkte sie mir ihre Kamera. Ich begann, alles zu fotografieren, ein visuelles Tagebuch zu führen. Das war eine gute Übung. Zufällig sah der holländische Fotograf Hubert Van Es diese Bilder. Er fragte mich: Bist du gut in der Schule? Ich: Nicht so. Er: Dann wirst du Fotograf. Darauf schickte er mich als Praktikant zur Hongkonger Zeitung «South China Morning Post». Mir blieb gar keine Wahl.

Und wie kamen Sie dazu, in Krisengebiete zu reisen?

Als Jugendlicher hielt ich mich oft im Foreign Correspondent’s Club auf. Dort hatten früher zahlreiche berühmte Fotografen verkehrt, ich sah ihre grossartigen Fotos aus Vietnam, Korea, der ganzen Welt. Mir wurde klar: Wenn du selber solche Bilder machen willst, dann musst du rausgehen.

Und das taten Sie einfach?

Ich arbeitete sehr gern für die «South China Morning Post», trotzdem wollte ich mehr. 2008, als ich die Ausbildung abgeschlossen hatte, zog ich nach Berlin. Zwei Wochen später rief mich ein Freund an: Da ist ein Krieg im Kongo, da solltest du hin. Ich dachte: Fuck it, fuck Berlin. Ich will ins Feld. 72 Stunden später stieg ich in Kigali aus dem Flugzeug, ohne die geringste Ahnung von Land und Krieg zu haben.

Ein Schock?

Alles fühlte sich so intensiv an, die Leute, das Wetter, sogar der Boden, weil es dort vulkanische Aktivitäten gibt. Ich wusste nicht, wie man sich durchschlägt, gab mein Geld zu schnell aus, hatte keine warmen Kleider dabei. Das Wetter war nass und kalt. Zum Glück lernte ich einen erfahrenen Fotografen kennen, konnte mit ihm mitgehen. Meine Bilder verkauften sich gut, seither bin ich im Geschäft. Manchmal bekomme ich Aufträge, oft reise ich dorthin, wo es mich persönlich hinzieht.

Wie finden Sie sich in den Ländern zurecht?

Unterschiedlich. Teils gehe ich mit Hilfswerken rein, teils mit anderen Fotografen, teils mit lokalen Journalisten und Übersetzern. Man muss sich immer neu arrangieren.

Somalia, Mogadishu, 2011.

Ein somalisches Mädchen füllt in Mogadisciou einen Kanister mit Wasser (2011).

Japan, Tokyo, 2011 Sachiko Masuyama (30) now in her new home in Shinonome housing for government workers. She discovered she was pregnant, two days before the quake and now hold her new born.

Zwei Tage vor dem Erdbeben erfuhr Sachiko Masuyama (30) dass sie schwanger ist (Tokio 2011).

Sie sind in Hongkong aufgewachsen, Ihre Eltern sind Schweizer. Seit sieben Jahren wohnen Sie in Kenia. Warum?

In Ostafrika habe ich mich von Beginn weg wohlgefühlt. Ich mag die Menschen, sie sind so freundlich, empfangen einen. Ich lebte 21 Jahre lang in Hongkong, verbrachte die ganze Kindheit dort. Aber weil ich ausländisch aussehe, wurde ich nie als richtiger Hongkonger akzeptiert. In Kenia lief es umgekehrt. Nach zwei Jahren sagten die Leute: Du bist Kenianer. Das war entspannend, nachdem ich so lange vergeblich versucht hatte, ein Hongkonger zu sein. Vielleicht ziehe ich auch bald in die Schweiz. Obwohl, der Wohlstand und die hohen Preise schockieren mich jedes Mal, wenn ich hierherkomme.

Wieso dann die Schweiz?

Ich habe es satt, überall auf der Welt mein Zuhause zu suchen, in Mali, Toronto, im Irak. Hier blicke ich auf die Landschaft und spüre instinktiv eine Verbindung. In meinem Kopf sehe ich ein kleines Haus nahe den Bergen, das wäre cool. Ich kann mir sogar vorstellen, eine Familie zu gründen. Ob das alles je passiert, weiss ich nicht.

Dank Internet und Digitalkameras gibt es unendlich viele Fotos. Wie kann man sich als Berufsfotograf noch abheben?

Das ist ein Problem. Eine Zeit lang versuchte ich daher, meine Bilder stärker zu ästhetisieren, sie von allem Kontext zu befreien, mehr ins Künstlerische zu gehen. Aber das funktionierte nicht. So verlor ich die Menschen, die Geschichten. Jetzt konzentriere ich mich darauf, Menschen zu fotografieren, die sonst nicht fotografiert werden.

Wie hat die Arbeit Ihre Weltsicht verändert? Haben Sie all die Krisen pessimistischer gemacht?

Ich habe nie wirklich positiv gedacht. Die Menschheit zerstört die Welt, das ist offensichtlich. Gleichzeitig gibt es in den  brutalsten Situationen, im grössten Elend Menschen, die unglaublich stark sind und Gutes tun. Sie beeindrucken mich. Solche Leute zu erleben, bewahrt mich vor einem umfassenden Pessimismus. Es gibt selbst im Elend eine gewisse Balance.

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Dominic Nahr ist 1983 in Heiden, Appenzell Ausserrhoden, zur Welt gekommen. Seine Mutter ist eine Schweizer Reiseleiterin, der Vater Transportunternehmer. Nahr wuchs in Hongkong auf, während der Sommerferien besuchte er jeweils seine Grossmutter in Heiden. In Toronto studierte er Filmwissenschaften und Fotografie. Rasch etablierte er sich als Reportage-Fotograf, berichtete aus Krisengebieten, vor allem in Afrika. Nahr steht beim US-Nachrichtenmagazins Time unter Vertrag, seine Bilder erschienen in Le Monde, GQ, National Geographic und Wall Street Journal. Er hat mehrere internationale Preise gewonnen, 2015 wurde er zum Schweizer Fotografen des Jahres gekürt. Gegenwärtig lebt er in Nairobi. Am Montag berichtet Nahr im Rahmen der Photo 16 (11. Januar, 20 Uhr, Maag-Hallen, Hardstrasse 219) über seine Arbeit.