Wehe, du übernimmst die Rechnung!

Beim Bezahlen werden Chinesen todernst: Kung-Fu-Kämpfer aus «Fighter» 2007. (Bild: Screenshot)

Chinesische Essensetikette. Eigentlich ist alles erlaubt, gerade dem Ausländer, gilt er doch praktisch als Ausserirdischer. Die Trinketikette ist traditionell rigoroser und wird dem Gast in Schnellkursen gemeinsam mit dem Baijiu, dem chinesischen Schnaps, direkt in die Blutbahn injiziert. Wirklich ernst, also todernst, wird es gegen Ende des Essens. Dann, wenn der uneingeweihte Ausserirdische für gewöhnlich ermattet in seinen Stuhl zurücksinkt. Hat er sich einen Funken Nüchternheit bewahrt, wird er durch den Baijiunebel noch registrieren, dass die Chinesen um ihn herum nun nervös auf ihren Sitzen umherrutschen, einander belauernd.

Mit Schlangenfaust und Ellbogengehacke

Für ein paar Momente scheint die Szenerie auf Zeitlupe abgebremst. Bis einer eine Schwäche des Gegenübers wittert. Dann schlägt er zu. Blitzschnell. Mit der Fertigkeit eines Kungfujüngers, dessen Schlangenfaust (shequan) nach vorne schnellt. Manche katapultieren sich ganz aus ihren Sitzen, werfen sich mit einem Schrei dem Kellner entgegen – um dann meist in der Luft mit ihren Konkurrenten zu kollidieren und verdattert am Boden zu landen. Runde eins: unentschieden. Mit dem Zücken der Rechnung läutet der Kellner Runde zwei ein. Wildes Ellbogengehacke, bei dem es darum geht, die Arme der anderen abzuwehren, während man selbst den grossen Preis erhascht: die Rechnung. Begleitet werden die Kantenschläge von erregtem Geschnatter: «Weg da. Ich mach das!» – «Nichts da, heute zahl ich!» – «Ich!» – «Nein, ich!» – «ICH!» – «Nie im Leben!» – «Willst du mir etwa kein Gesicht geben?» – «Du, du, duuu …!» usw.

Ein wenig ist es wie die Verfilmung einer von Uderzo gezeichneten Gallier-und Römerschlägerei, einschliesslich der mit Blitz und Donner gefüllten Sprechblasen. Der Kenner unterscheidet dabei die gewöhnliche Rechnungsrauferei, die Rechnungsrauferei mit Gebrüll und die Rechnungsrauferei unter Betrunkenen. Bei letzterer empfiehlt sich gebührender Abstand.

Einige Meldungen aus den Zeitungen der letzten drei Jahre:

  • «Huaihai. Weil Zhang Chen das Essen nicht bezahlen lassen wollte, zog Chen ihm eine Bierflasche über den Kopf. Nach Chen wird gefahndet.»
  • «Liaoyang. Bei einem Klassentreffen verglichen zwei alte Schulfreunde, Zhou und Chou, wer heute reicher war. Weil Chou am Ende Zhou nicht bezahlen lassen wollte, eskalierte der Konflikt. Zhou trat Chou zu Boden, Chous Eingeweide wurden verletzt.»
  • «Chongqing. Herr He konnte nicht ertragen, dass sein Freund Herr Wang die Rechnung bezahlen wollte. Er zog ein Messer und stach Wang in die Niere. Wang schwebt in Lebensgefahr.»
  • «Peking. Beim Kampf um die Rechnung stiess Zhang einen Feuertopf um, wobei sein Freund Cui schwere Verbrennungen erlitt und einen Monat später verstarb.»

Sie können auch anders. In Nanchang zum Beispiel. Herr Huang und Herr Xu sind gute Freunde, die sich zehn Jahre nicht mehr gesehen hatten. Essen. Rechnung. Streit. Hier das Protokoll aus «Chinanews»: «Herr Xu schlug Herr Huang einen Stuhl über den Kopf und würgte ihn am Hals. Der Arzt stellte bei Huang hernach einen gebrochenen Arm fest, auch fehlte ihm ein Schneidezahn. Als Herr Xu sah, wie Herr Huang blutete, war er jedoch sofort wieder klar im Kopf und bereute sein Tun. Er entschuldigte sich und bezahlte die Arztrechnung. Herr Huang verzieh ihm, heute sind sie so gute Freunde wie eh und je.» Happy End.

13 Kommentare zu «Wehe, du übernimmst die Rechnung!»

  • Beaud sagt:

    Herr Strittmacher hat einen Sachverhalt sehr gut beschrieben.
    Als mit einer Chinesin verheirateter Schweizer stelle ich das beschriebene Geschehen in einen weiteren Zusammenhang: Zusammenkuenfte, Parties, Feiern – da geht es immer ums Geld. Und zwar so: Ihr Kind feiert Geburtstag? Ihr Kleinkind hat gerade die ersten 100 Tage ueberlebt? Sie heiraten? Sie haben einen Todesfall in der Familie? Laden Sie moeglichst viele Leute ein! Sie bezahlen fuer die Verpflegung, das muessen Sie, weil Sie die Leute eingeladen haben. Ihre Gaeste stehen allerdings unter der Pflicht, Sie dafuer yu belohnen. Jeder muss Ihnen einen roten Umschlag mit Bargeld ueberreichen. Sie werden einen Gewinn machen! Garantiert!

  • Michael sagt:

    Um seltsame Gebräuche der Eingeborenen kennenzulernen muss man doch die Schweiz garnicht verlassen. Bestellen Sie mal – Ich krich mal ein Bier – in einer Beiz und sie werden sehen, China ist eine Lachnummer dagegen.

    • Roman Isenring sagt:

      Ziemlich aufgeblasen, der Deutsche Michael…
      Bei den meisten Schweizern ist das Wort BITTE
      angeboren.
      Was Anstand betrifft, müssen wir keine Lektionen aus
      dem Norden annehmen, und Eingeborene na ja, lieber
      Eingeborene, als arrogante Schnösel.

    • Bea sagt:

      Roman Isenring, dieser deutsche Michel ist mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nördlich des Mains zu Hause.
      Bei uns in Bayern „kricht man kein Bier“, hier stellt man höflich die Frage: „bringst ma no a Masserl?“
      Das „bitte“ fehlt auch hier, aber die weiche Intonierung
      gleicht das spielend aus.

      Mögliche Antworten einer Servicekraft auf die Ansprache: „Ich krich mal ein Bier“ könnten sein:

      Sind Sie sich da sicher?
      Mal schon, aber heute nicht.

      Wir in Bayern sehen die Norddeutschen auch am liebsten von hinten, d. h. wenn sie wieder verschwinden. Auf Arroganz ernten die Preissn hier nur ein müdes Lächeln.

      • Roman Isenring sagt:

        Danke Bea, voll akzeptiert. Unsere Dialekte, also
        die Ost- CH Dialekte, das alemannische in BW, im Vorarlberg, vor allem auch der in Bayern sind
        einfach symphtisch, weit weg von Ruck Zuck Zak Zak.
        Uebrigens, von bayrischen Kollegen habe ich gelernt.

        Its nice to be a preiss, but its higher to be a bayer.

        Viele Grüsse

  • Fritz Brandt sagt:

    Pah, das wäre mir doch egal! Wenn die Chinesen zahlen wollen, sollen sie doch! Also die Sorgen müsste ich mal haben.

  • Ping Upsala sagt:

    so erging es mir als ich das erste mal in die schweiz kam in die 80er, da wollte die einheimschen auch immer kosten was es wollen bezahlen, später, tätig im schweizer gastgewebe, habe ich dieses theater den des öffteren mitterleben dürfen….nur keine öffentliche schlachten, aber heimlich zugesteckten kreditkarten ect waren keine ausnahme, chinesen und schweizer haben ja mehr gemeinsam als erwartet……..

  • Rolf Rothacher sagt:

    Dass die Chinesen ein stolzes Volk sind, ist klar. Der Stolz beruht auf der langen Kulturgeschichte und der wirtschaftichen Erstarkung des Landes. Doch auch bei uns gibt es Leute, die sich wegen Nichtigkeiten an die Gurgel gehen. Davon lesen wir regelmässig in unseren Zeitungen. Verglichen mit unseren 8,4 Millionen, müssten bei den 1,3 Milliarden Menschen in China 150x mehr passieren. Wenn also 4 Fälle in 3 Jahren von Streitereien in Restaurants aufgeführt werden, müssten in der Schweiz alle 120 Jahre ein einziger solcher Fall auftreten. Wir Schweizer schlagen also bestimmt die Chinesen.
    Ich dachte immer, Ausland-Korrespondenten seien dazu da, das Verständnis zwischen den Völkern zu erklären und so zu verbessern. Stattdessen gibt’s hier bloss denunzierende Glossen. Schade.

    • Dave Hill sagt:

      @ Rothacher: Wahrscheinlich kennt der Autor aufgrund seines jahrelangen Aufenthaltes die Chinesen einfach sehr gut und ist schon selber ein halber chinese guy. Deshalb darf er sich auch erlauben, über die übliche heuchlerische Völkerverständigung hinauszugehen. Das ist echte Berichterstattung.

      • A. Ruppli sagt:

        @Rothacher

        Das war doch nur Spass, lustig geschrieben und humoristisch gemeint. Eine Person die sich selber nicht so ernst nimmt wie unseren geschätzten Auslandkorrespondent (stammt aus dem Allgäu … das immer schöner wird wie weiter sich man von ihm entfernt), muss wohl verziehen werden, wenn der Schalk ihm vom Nacken in die schreibenden Finger fährt.

        Bin mit einer Chinesin verheiratet, habe vier Kinder und alle haben wir gelacht (ausser meinem Schwiegervater, der war gerade beim Rechnungzahlen). Nur zur Information: ich durfte auch schon mal zahlen, aber nur wenn es wirklich, wirklich teuer war.

        Ganz liebe und ernstgemeinte Grüsse

        • Johann Mueller sagt:

          @Ruppli – sehr gut geantwortet – auch ich habe mal ueber ein Jahr in China gearbeitet. Das erste mal war ich vor ca 50 Jahren in China. Wunderbare liebenswerte Menschen, die Chinesen. Wo ich Muehe bekunde ist, dass Leser sich aeussern, die weder die Chin. Kultur noch das Land ( etwas ) kennen. Schade ….!!! …….. aber z.Glueck, haben wir ja Meinungsfreiheit !!

      • Wolfgang Fischer sagt:

        Voelkerverstaendigung ist nicht heuchlerisch, und diesen Artikel als „echte Berichterstattung“ zu bezeichnen ist ein schlechter Witz.
        Es ist nobel und grosszuegig, die Rechnung uebernehmen zu wollen; das sollte man zuerst festhalten, aber der Autor „uebersieht“ das leider (passt wohl nicht in das Bild, das er sich von China machen will).
        Wenn man unbedingt will, kann man natuerlich alles in’s Negative verdrehen, und ins Laecherliche ziehen, und sei es nur mit ein paar Einzelfaellen, die statistisch bedeutungslos sind.
        Er mag schon lange in China wohnen, aber seine Sichtweise ist diejenige eines Kolonialherren, der meint, in andern Laendern alles als minderwertig darstellen zu muessen, statt von andern Kulturen zu lernen.

  • Roman Isenring sagt:

    Ja dieses Theater habe ich schon Ende der 70er Jahre in Taiwan und dann ab
    Mitte der 80er Jahre in China des Oeftern erlebt.
    Da wurde gestritten, es wurde unglaublich laut, man hat sich gegenseitig
    körperlich behindert.
    Grund war eben auch, dass eine Langnase wie ich Gast war und jeder Chinese
    seine finanzielle Potenz zeigen wollte.
    Nun, ich habe nie bezahlt……

Kommentar

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