Olympische Fehlstarts in Tokio

Christoph Neidhart aus Tokio am Donnerstag den 24. März 2016
Kleine Geschichte 


Als Armin Hary kurz vor den Olympischen Spielen 1960 auf dem Letzigrund als erster Mensch die 100 Meter offiziell in 10,0 Sekunden lief, kam er in Wirklichkeit erst 10,25 Sekunden nach dem Startschuss ins Ziel, so seine inoffizielle elektronische Zeit. Hary war, wie man damals sagte, in den Schuss gefallen. Also Sekundenbruchteile zu früh gestartet. Von den 100-Meter-Rekorden, die parallel von Hand und elektronisch gemessen wurden, war die Differenz bei seinen 10,0 eine der grössten. Die Zürcher Funktionäre hatten es gut gemeint mit dem Deutschen.

Seit die Leichtathletik druckempfindliche Startblöcke eingeführt hat, ist das Pokern auf einen Frühstart nicht mehr möglich. Auch andere Sportarten haben ihre Fehlstartregeln verschärft. Nicht nur für die Fairness, sondern mehr noch, um fürs Fernsehen den Zeitplan einzuhalten. Eisschnellläufer durften einst zwei Fehlstarts machen, sie wurden erst beim dritten disqualifiziert. Heute nur noch einen. Im Schwimmen herrscht Nulltoleranz.

Würde für Veranstalter die gleiche Strenge gelten wie für Athleten, dann wäre Tokio als Austragungsort für die Olympischen Sommerspiele 2020 bereits disqualifiziert. Die Japaner haben sich schon mehr als zwei Fehlstarts geleistet. Zudem haben sie beim Budget geschummelt. In Tokio wusste man, dass die in der Bewerbung genannten Kosten von 301 Milliarden Yen (2,6 Milliarden Franken) nicht reichen würden. Ihre Bewerbung sollte billig und vernünftig aussehen. Mehr als vier Jahre vor der Eröffnung haben sich deren Kosten bereits auf 15,6 Milliarden Franken versechsfacht. 1964 führte Tokio die bis dahin teuersten Spiele durch. Hätte Putin mit Sotschi nicht jeden Rahmen gesprengt, Tokio hätte 2020 gute Chancen, den Kostenrekord nach Japan zurückzuholen.

Das Olympische Feuer in Sotschi 2014. Foto: Laurent Gilliéron (Keystone)

Ging nicht vergessen: Das olympische Feuer in Sotschi 2014. Foto: Laurent Gilliéron (Keystone)

Tokios erster Fehlstart war das Nationalstadion. Vorigen Sommer stoppte Premier Shinzo Abe das Projekt von Zaha Hadid, das aussah wie ein riesiger Fahrradhelm. Der Entwurf der Irakerin hatte kaum jemandem gefallen, aber im Organisationskomitee wagte das keiner zu sagen. Auch nicht, als die Bürger dagegen auf die Strasse gingen und Japans Architekten Sturm liefen. Abe gab dem Druck schliesslich mit dem Argument nach, Hadids Stadion sei zu teuer. Als Ersatz wurde vor zwei Monaten, mit grosser Verspätung hinsichtlich des Zeitplans, ein gefälliger Entwurf des Japaners Kengo Kuma vorgestellt. Für das halbe Geld. Männiglich war zufrieden. Bis jemandem auffiel: Kuma hatte das olympische Feuer vergessen, der Flammentrichter kann nirgends angebracht werden. Zudem erlaubt Tokios Feuerpolizei keine offene Flamme auf Holzbauten. Kuma sagt, er suche eine Lösung. Die Organisatoren dagegen reagierten verärgert über die Medien, die das Versäumnis publik gemacht hatten. Kuma habe die Flamme nicht vergessen, ihr Ort sollte eine Überraschung werden.

Auch beim Logo für Olympia 2020 gab es einen Fehlstart. Das erste Logo, das die Organisatoren vorigen Sommer mit viel Tamtam vorstellten, mussten sie wegen Plagiatsvorwürfen zurückziehen. Vorerst verwenden sie deshalb das Logo der Bewerbung. Das hindert sie freilich nicht, Foul zu pfeifen, wenn Firmen und Institutionen die fünf Ringe, die Worte «Tokyo 2020», «olympische Fackel» und weitere Olympiasymbole benützen. Derweil hinken sie mit der Vorstellung eines neuen Logos ihrem revidierten Zeitplan hinterher.

Christoph Neidhart
Christoph Neidhart, Tokio Tokio-Korrespondent des «Tages-Anzeigers», berichtet über Japan und Korea; und am liebsten über die Kulturen und Küchen Ostasiens. Christoph Neidhart ist der Autor des Buches «Die Nudel: eine Kulturgeschichte mit Biss» (Deuticke).

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