Einsam in Stockholm

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Ein Mann wartet in Stockholm an der Station Universitetet auf die nächste U-Bahn. Foto Anders Lejczak/flickr.com

Unter dem Stockholmer Hauptbahnhof verbindet ein Tunnel die blaue U-Bahn-Linie mit der roten und der grünen. Es ist ein düsterer Schlauch mit je einem Laufband links und rechts, damit man schneller durchkommt. Daneben hängen grossformatige Fotos. Sie zeigen die Geschichte der U-Bahn, angefangen in den Fünfzigerjahren, Schwarzweissbilder von feiernden Stockholmern bei der Eröffnung, der König ist auch da. «25 Öre» steht am Ticketautomaten, gute alte Zeit. Unwahrscheinlich, dass die Bilder heute jemand anschaut. Über das Band läuft man im Einheitstempo und kann im Gehen das Handy checken, ohne an den Vordermann zu stossen. Ohne Handy ist man verloren in der Stockholmer U-Bahn. Dort gehört es fast zum guten Ton, nicht davon aufzusehen.

Der triste Tunnel mit den Laufbändern ist auch ein Schauplatz in dem Dokumentarfilm «The Swedish Theory of Love». Wahrscheinlich kann man in keiner Stadt so gut alleine ins Kino gehen wie in der Single-Stadt Stockholm (in 43 Prozent der Haushalte lebt nur eine Person). Bei diesem Film sollte man es vermeiden. Er hat das Alleinsein zum Thema, und das kann man doch besser in Gesellschaft ertragen. Es beginnt ganz harmlos und ebenfalls in Schwarzweiss, zu sehen sind glückliche Familien mit vielen blonden Kindern. Dann beschliesst die Regierung in den Siebzigerjahren, dass Unabhängigkeit zu einer zentralen schwedischen Eigenschaft werden müsse. Der Staat betreut die Alten und die Kinder, macht Frauen unabhängiger von Männern, alternde Eltern unabhängiger vom Nachwuchs. Beziehungen soll man nicht haben, weil man sie braucht, sondern weil man sie will. Offenbar wollen die Schweden nicht.


«The Swedish Theory of Love», der Trailer. Quelle: Nordic/YouTube

Die Bilder, die der italienisch-schwedische Dokumentarfilmer Erik Gandini oft unkommentiert aneinanderschneidet, sind gruselig zutreffend: Joggerin allein im Wald, Mann allein beim Rasenmähen, allein in der Pizza-Bude, allein im Büro, allein im Fitnessstudio. Trostlose Einstellungen von Vorgartenhecken, Wohnblocks, Parkplätzen, Fensterfronten. Die Leitsätze der Dokumentation echoen hinter den Bildern her: «A Society of individuals», «Independence between people». Der Film zeigt einen Trend in Wohlstandsgesellschaften, den die Schweden perfektioniert haben. Ein Toter wird erst nach zwei Jahren in seinem Apartment gefunden, der Film zeigt das Ungeziefer auf dem Teppich.

Neun Zuschauer sitzen im Saal, keiner ist allein gekommen und die meiste Zeit lachen sie sich kaputt, trotz allem. Sie lachen über die Männer, die sich beim Spenden in der Samenbank filmen lassen und nach getaner Arbeit Sätze sagen wie: «Ich muss so wenig machen, um so viel für andere zu tun.» Sie lachen, als eine Syrerin Flüchtlingen im Sprachkurs erklärt, dass die Schweden auf die Fragen «Wie gehts?» nur ein knappes «Gut» erwarten, keinesfalls mehr. Die Zuschauer schmunzeln auch über die U-Bahn-Bilder. Das alles ist komisch und traurig zugleich, weil es nicht übertrieben ist. In Stockholm kommt man locker durch den Tag, ohne ein Wort mit jemandem zu wechseln. Selbst im Supermarkt zahlt man am Automaten.

Auf dem Heimweg geht es wieder durch den Tunnel am Hauptbahnhof. Auf dem Laufband steht ein Pärchen, eng umschlungen lässt es sich davontragen. Die beiden schauen sich in die Augen. Sie reden, über irgendwas. Jedenfalls sprechen sie kein Schwedisch.

Bigalke* Silke Bigalke arbeitet als Auslandskorrespondentin in Stockholm