Schwitzen im Dunkeln

Andreas Fink aus Buenos Aires am Donnerstag den 25. Februar 2016
Hinter den Kulissen 
Residents of the Almagro neighborhood block a road, where they placed a sign that reads in Spanish: "We want light and water," as they protest the fourth day in a row without electricity in Buenos Aires, Argentina, Thursday, Feb. 18, 2016. The city's energy system has not been able to cope with the summer heat wave, prompting some residents to block streets in protest. Furthermore, the government began rationing electricity on Thursday, affecting thousands of homes and businesses in the capital and surrounding towns. (AP Photo/Natacha Pisarenko)

«Wir wollen Licht und Wasser»: Die Menschen in Almagro, einem Quartier in Buenos Aires, protestieren gegen die Mangelwirtschaft in Argentiniens Hauptstadt. Foto: Keystone

Jetzt, zum Beispiel. Gerade wollte ich eine Website öffnen, da wurde der Bildschirm dunkel, der Ventilator blieb stehen und die Klimaanlage hörte zu rattern auf. Stromausfall am Dienstagnachmittag. Bei 36 Grad.

Für mich heisst das: Laptop auf Batterie, kein Internet und kein Kühlschrank. Für meine Nachbarn in dem Achtstöcker gegenüber heisst das auch: kein Lift, keine Wasserpumpe, keine Dusche, kein Klo. Bei 36 Grad.

Es ist erbärmlich. Immer wenn es sehr warm wird oder sehr kalt, dann fliegen in Buenos Aires die Sicherungen raus, glühen Kabel, rauschen Transformatoren ab. Das Stromnetz ist heillos überlastet, weil heute doppelt so viel Elektrizität verbraucht wird wie zur Jahrtausendwende. Aber die Leitungen sind dieselben, ja, die von damals, nur 16 Jahre älter. Investiert wurde nichts, denn verdient wurde nichts.

Das war hier Politik. Unter den praktizierenden Populisten Néstor und Cristina Kirchner blieben während zwölf Jahren die Strompreise eingefroren, ich zahlte für zwei Monate Strom weniger als für eine Pizza. Gas und Wasser waren ähnlich billig. Der Staat subventionierte die Versorger aus Steuermitteln, damit die Bürger Geld übrig hatten für Autos, Klamotten, Kurzurlaube. Und Gefrierschränke, Tischgrills und vor allem Klimaanlagen. Millionen dieser Stromfresser sind inzwischen installiert. Weil der Strom so billig war, wurden in vielen Neubauten gar keine Gasleitungen mehr gelegt, dafür gibt es Klimageräte in jedem Raum, zum Kühlen und zum Heizen. Und weil der Strom so billig war, haben viele die Apparate morgens auf 18 Grad gestellt, damit die Wohnung schön frisch sei, wenn sie abends heimkämen.

Das Ergebnis: Seit zwei Jahren brechen die Leitungen zusammen, täglich sind Zigtausende Kleinkinder und alte Leute der Bruthitze ausgeliefert, täglich müssen Fleischer und Supermärkte ihre Lebensmittel vernichten, und täglich gehen Tausende Elektrogeräte kaputt, wenn der Strom mit Überspannung zurückkommt. Manche Strassenblocks sind jeden zweiten Tag ohne Strom, einzelne Hochhäuser, vor allem im ärmeren Süden der Stadt, haben seit Dezember keinen Strom mehr. Zwei Monate Treppensteigen, Wasserschleppen, Schwitzen. Menschenwürde zerrinnt in Schweissperlen.

Nun ist eine neue Regierung an der Macht, aber der Strom fällt immer noch aus. Der neue Energieminister, Ex-Shell-CEO und praktizierender Kapitalist, hat die Strompreise erhöht. Manche Haushalte dürfen jetzt das Zehnfache einkalkulieren für den Strom, der nicht fliesst. Ebenfalls neu: Die Stromausfälle bekommen System. Abends veröffentlicht die Elektrizitätsbehörde auf ihrer Website jene Strassenzüge, die tags drauf drei Stunden abgeschaltet werden. Nur: Am Montagabend checkte ich die Seite im Internet und las, dass für Dienstag keine Abschaltungen vorgesehen seien. Ich wartete drei Stunden auf die Erleuchtung. Und draussen wurde es dunkel.

Was dann geschah, passiert immer wieder. Man packt den Laptop ein und sucht ein Café, in dem Licht brennt. Und die Hoffnung lebt, dass sogar das Internet funktioniert. Und, bitte, bitte, die Klimaanlage.

Andreas Fink
Andreas Fink, Buenos Aires Andreas Fink wuchs auf im Voralpenland und studierte in Wien. Seit 2007 lebt er, fern aller Berge, in Buenos Aires und berichtet über Südamerika. Fast alle Länder des Subkontinents (noch fehlen die Guayanas) hat er bereist und dabei erkannt: Der beste Türöffner – ob am Amazonas oder in den Anden – ist ein solides Fussballwissen.

Ein Kommentar zu “Schwitzen im Dunkeln”

  1. Toni Müller sagt:

    Wasser predigen & Wein trinken

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