Jericho und Bahnhofsklo

Andreas Fink aus Sucre am Donnerstag den 11. Februar 2016
Kleine Geschichte 
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Mit fortschreitender Stunde entgleiten Schritte und Noten: Karnevalszug in Sucre. Fotos und Video: Andreas Fink

Eigentlich war das gar nicht geplant. Eigentlich wollte ich hier in Bolivien ja was über zehn Jahre Evo Morales erfahren, über die Wirtschaftsaussichten am Ende des Rohstoffbooms und die Prognosen vor dem Verfassungsreferendum, in dem am 21. Februar geklärt werden soll, ob der Präsident noch mal kandidieren darf. Aber dann fand ich keinen, der mir nüchtern Auskunft geben konnte. Warum? Es war einfach keiner nüchtern.

Wanderer, kommst du nach Sucre, dann bitte nicht zwischen Altweiberfasnacht und Fastnachtsdienstag. Sechs Tage lang mutiert Boliviens Hauptstadt – an sich berühmt für ihre barocken Kirchen, ihren exzellent erhaltenen Kern aus Kolonialarchitektur und für ihr permanentes Frühlingsklima – zu einer Vorhölle, die tönt wie Jericho und riecht wie Bahnhofsklo.

Ich wusste von all dem nichts, bis mich der Taxifahrer oben in Potosí warnte. «Sie wollen wirklich nach Sucre, jetzt im Karneval?» Nun, ich musste nach Sucre, gelegen auf 2800 Meter Seehöhe, mich erholen von der Höhenkrankheit, die mich in der Minenstadt Potosí anfiel, das liegt auf 3900 Metern in erbärmlich dünner Luft. Also ab nach Sucre, Ankunft Rosenmontag, zur Mittagszeit. Hotelzimmer in einer alten Villa, ein breites Doppelbett und endlich kein Kopfweh mehr. Friedlich entschlummerte ich in eine Siesta.

Aus der riss mich ein Getöse, das ungefähr so dröhnte wie die Elefantenherde im Dschungelbuch. Pauken, Trompeten, Posaunen und Tuben, ergänzt durch Autohupen und gelegentliche Knallfrösche. Aha, das war also der Karnevalszug, dachte ich. Bis der nächste kam. Und der nächste. Und der nächste.

Irgendwann mischten sich Neugier und der wiedererwachte Appetit (die Höhenkrankheit hatte diesen völlig ausgeknipst), und ich beschloss, auf die Gasse zu gehen. Drei Strassenblocks liegen zwischen meinem Hotel und der Plaza 25 de Mayo, dem Hauptplatz mit der Kathedrale und den wichtigsten Regierungsgebäuden. Während ich die Strasse bergab gehe, fallen mir drei Dinge auf: Alle Geschäfte sind geschlossen, alle Türen verrammelt. Auf vielen Balkons stehen ganze Familien vor Wasserkübeln, und es riecht wie, na, siehe oben.

Diese chicas werden mit allen Wassern gewaschen.

Diese Chicas werden bald mit allen Wassern gewaschen.

Aus einer Querstrasse kreuzen vier Mädchen, Teenager. Alle haben Regencapes an, und warum, erfahre ich gleich. Es fliegen Wasserbomben, gross wie Tennisbälle. Kreischend suchen die Chicas das Weite, um doch wieder Opfer zu werden, diesmal lauern ihnen zwei Knirpse auf, mit Wasser-Pumpguns, die mächtiger wirken als die Schützen selbst.

Als knapp neben mir eine Bombe an der Hauswand zerplatzt, lerne ich, dass ich mein Blickfeld in diesem Nahkampfszenario ins erste Obergeschoss ausweiten muss, die Gefahr kommt von oben. Und von den Seiten, wo aus Türspalten Fontänen schiessen. Und aus der Strassenmitte, wenn Pick-ups vorbeifahren, die Ladefläche voller Wassertanks und abwurfbereiter Artillerie.

Während ich hysterisch die Strassenseiten wechsele, kreischenden US-Touristinnen und klitschnassen Schotten ausweiche, knurrt mein Magen. Aber ich finde keinen Imbiss, keine Bar, nichts. Auf meinem Irrweg kreuze ich mehrere Comparsas, so heissen die Karnevalszüge aus vorantanzender Jugend und nachfolgenden Krachmachern.

Wer findet die Flasche mit Tigermilch?

Wer findet die Flasche mit Tigermilch?

Mit fortschreitender Stunde entgleiten die Schritte ebenso wie die Noten. Der Grund dafür steckt in Flaschen, die rumgereicht werden: eine trübe Suppe, angeblich gepanscht aus Milch und Hochprozentigem, erklärt mir später die Concierge des Hotels. Genaue Ingredienzien kenne sie nicht, nur den Namen: Leche de Tigre. Tigermilch.

«Dios mío», sagt eine ältere Dame, die einer torkelnden Kapelle hinterherblickt, deren Tubaspieler sich gerade an der Wand des Konvents von Santa Clara erleichtert. Von innen höre ich den Klang einer Orgel, die gegen die Höllentrompeten vor den Türen ankämpft.

Schliesslich finde ich eine offene Bäckerei und einen Supermarkt. Anstelle der erhofften bolivianischen Quinoa-Suppe oder dem Lama-Steak muss ich mit einer Brotzeit vorliebnehmen. Es gibt Emmentaler (aus der Quesería Suiza, Santa Cruz), Cornichons und echtes bayerisches Hefeweizen. In Bolivien, in Sucre, im Karneval.

Andreas Fink
Andreas Fink, Sucre Andreas Fink wuchs auf im Voralpenland und studierte in Wien. Seit 2007 lebt er, fern aller Berge, in Buenos Aires und berichtet über Südamerika. Fast alle Länder des Subkontinents (noch fehlen die Guayanas) hat er bereist und dabei erkannt: Der beste Türöffner – ob am Amazonas oder in den Anden – ist ein solides Fussballwissen.

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