Wer hat wen misshandelt?

Andreas Fink aus Buenos Aires am Donnerstag den 28. Januar 2016
Kleine Geschichte 
Lilian Tintori, wife of jailed opposition leader Leopoldo Lopez, speaks during a news conference in Caracas November 26, 2015. South America's regional bloc UNASUR and Venezuela's opposition called on Thursday for a probe into the murder of an activist days before a legislative election that has sparked fears of renewed political violence. Luis Diaz, a leader of the opposition Democratic Action party in Guarico state in Venezuela's central plains, was shot during a public meeting on Wednesday night, his movement said. REUTERS/Carlos Garcia Rawlins TPX IMAGES OF THE DAY - RTX1VZY6

Unerhört und abgehört: Lilian Tintori, im Bild an einer Medienkonferenz in Caracas 2015. Foto: Carlos Garcia Rawlins (Reuters)

Es war eine massive Anschuldigung: Lilian Tintori, die Ehefrau des zu fast 14 Jahren Haft verurteilten venezolanischen Oppositionspolitikers Leopoldo López, erstattete bei der Staatsanwaltschaft in Caracas Anzeige gegen den Direktor der Haftanstalt Ramo Verde, José Viloria. Der Oberst der Nationalgarde solle sie misshandelt und diskriminiert haben, sagte die einstige TV-Moderatorin. Der Gefängnisdirektor habe sie vor anderen Militärs grob angefahren und insinuiert, sie pflege ihre Ehe nicht gebührend.

Ausserdem musste sich Tintori im Rahmen einer Leibesvisitation angeblich völlig entkleiden. «Man liess mich mehrmals meine Beine spreizen. Die Wachen untersuchten gar den Tampon, den sie mir rauszogen.» Ihre Schwiegermutter musste dieselbe Prozedur durchmachen, noch dazu vor den Augen ihrer Enkelkinder.


Ein Interview mit den Anschuldigungen. Video: Maduradas (Youtube)

Diese Vorwürfe kursierten schnell in den sozialen Netzen. Tintori ist eine Art Covergirl der venezolanischen Opposition, in ständigem Kontakt mit Medien und Regierungen. Schnell twitterte Luis Almagro, der Generalsekretär der Organisation Amerikanischer Staaten: «Wir verurteilen diesen Anschlag auf die Menschenwürde, der ein Fehlen öffentlicher Ethik verdeutlicht.» Tags drauf standen die Vorwürfe in der Weltpresse.

Frau und Mutter des inhaftierten Oppositionsführers: Tintori mit Antonieta Mendoza, 19. Januar 2016. Foto: Marco Bello (Reuters)

Frau und Mutter des inhaftierten Oppositionsführers: Tintori mit Antonieta Mendoza am 19. Januar 2016. Foto: Marco Bello (Reuters)

Das war der erste Teil der Geschichte. Den zweiten lieferte Diosdado Cabello, Abgeordneter und einstiger Putschgefährte von Hugo Chávez, ein bolivarisches Schwergewicht. Cabello moderiert die TV-Show «Con el mazo dando», zu Deutsch etwa: «Mit dem Prügel draufhauen». Dort denunziert er gerne – unter Aussendung illegal abgehörter Telefonate oder mitgelesener E-Mails – vermeintliche Verschwörungen gegen die Bolivarische Revolution.

Nun führte er Ton- und Videodokumente aus dem Gefängnis Ramo Verde vor. Unter anderem den Mitschnitt der Diskussion zwischen Gefängnisdirektor Viloria und Lilian Tintori. Dabei ist zu hören, wie der Offizier die Ehefrau darauf aufmerksam macht, dass die Besuchszeit von 8 bis 12 Uhr morgens sei, worauf Tintori antwortet, sie komme, wann sie wolle. Dann entspinnt sich ein Wortwechsel, in dem sich Tintori über verschlechterte Haftbedingungen beklagt und Viloria versucht, den Sachverhalt zu erklären. Tatsächlich geht einer der zwei Gesprächspartner hoch, aber es ist nicht der Direktor. Zum Abschied droht Tintori dem Offizier eine öffentliche Anklage an.


Der erste Mitschnitt: Tintori und Viloria. Video: MultimedioVTV

In einem zweiten Audio konnten die Venezolaner dann ein Gespräch mithören, in dem López und Tintori am 2. Januar während eines Gefängnisbesuchs der Oppositionellen im Flüsterton vereinbaren, eine Medienkampagne zu starten, falls die Gefängnisleitung dem Häftling López nicht wieder die Möglichkeit einräume, mit seiner Familie zu kochen und Musik per iPad zu hören. Das war López vorenthalten worden, weil die Behörden von einem angeblichen Fluchtplan des Oppositionsführers erfahren haben wollen. Deutlich ist López’ Stimme zu hören, die Tintori auffordert: «Geh zu den Zeitungen, geh zu den NGOs, bring das in die sozialen Netze!»

Nun, genau das hat Tintori getan. Nur weiss jetzt niemand, ob sie sich und ihrem Mann damit einen Gefallen erwies.


Der zweite Mitschnitt: Tintori und López. Video: Noticiero Digitalcom (Youtube)

Andreas Fink
Andreas Fink, Buenos Aires Andreas Fink wuchs auf im Voralpenland und studierte in Wien. Seit 2007 lebt er, fern aller Berge, in Buenos Aires und berichtet über Südamerika. Fast alle Länder des Subkontinents (noch fehlen die Guayanas) hat er bereist und dabei erkannt: Der beste Türöffner – ob am Amazonas oder in den Anden – ist ein solides Fussballwissen.

4 Kommentare zu “Wer hat wen misshandelt?”

  1. Wolfgang sagt:

    Ich habe den ersten Teil dieser Story in Mexiko am Radio gehoert, wo man Frau Tintori herumheuel hoerte. In dieser Sendung wurde ihre Version wurde als Tatsache dargestellt 🙂
    Oli S: was Sie behaupten ist voelliger Unsinn (koennte von Frau Tintori stammen): es gibt in Venezuela diverse Zeitungen, Radio- und Fersehsender, welche Propaganda der Opposition verbreiten. (Die groesste Tageszeitung, “Ulitmas Noticias”, gehoert der Familie Capriles!) Sie tun dies oft im Stile von Anschuldigungen, die auf haltlosen Spekutlationen beruhen, gewuerzt mit grobem bis makaberem Vokabular. Selbst in der Schweiz koennte man sich niemals vorstellen, dass Medien in dieser Art ueber den Bundesrat…

  2. sepp z. sagt:

    schon krass, wie unterdessen der erfundene vorwurf der sexuellen belästigung gezielt eingesetzt wird zur vernichtung von öffentlichen und privaten personen. wäre an der zeit, dies bei klarer beweislage mit hoher strafe zu ahnden.

    • Hans Hintermeier sagt:

      Erschreckend ist auch, dass dies gezielt in sozialen Medien eingesetzt wird. Ich frage mich immer, wie würde so ein Fall aussehen, wenn keine Audioaufnahmen vorhanden wären. In gewissen Positionen ist es wohl ratsam, dass man als Mann immer ein Mikrofon/ Kamera eingeschaltet hat.

    • oli s. sagt:

      Ich wäre vorsichtig mit solchen Aussagen Herr Sepp Z. Die Regierung hat schon soviel gelogen und Daten manipuliert da kann sie auch Audio-Aufnahmen manipulieren, das ist nicht schwer. Die Sendung vom Abgeordneten Cabello “mit dem Prügel draufhauen” sagt ja schon alles. Das ist unterste Schublade, alle Gegner aufs primitivste diffamieren. Diese können das nicht mal berichtigen, da in Venezuela alle Medien staatlich kontrolliert werden, also nur die Chavisten haben einen Sendeplattform.

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