Schein oder Nichtschein

Andreas Fink aus Buenos Aires am Donnerstag den 21. Januar 2016
Kleine Geschichte 

Federico Sturzenegger hat eine Vision: Am liebsten würde er das Bargeld abschaffen, wie Schweden das unlängst getan hat. Das hat der argentinische Ökonom mit Schweizer Ursprung vor nicht allzu langer Zeit verlautbart und dafür ordentlich Ohrfeigen eingefangen. Wie solle ein Land ohne Bargeld auskommen, das zur Hälfte informell wirtschaftet? Genau darum müsste man elektronische Zahlungssysteme forcieren, argumentierte der vormalige Harvard-Professor, denn Bargeld nutze nur der Mafia. Aber weil gerade Wahlkampf war, musste er zurückrudern und kleinlaut verkünden, sein Vorschlag habe einem «idealen Land» gegolten.

Seit Dezember ist Federico Sturzenegger Chef der argentinischen Zentralbank und hätte damit die Möglichkeit, alles Bargeld einzuziehen. Doch jetzt praktiziert er genau das Gegenteil: Er gibt Geldscheine aus, die höher notiert sind als die bisherigen. Zusätzlich zu den bisherigen Noten für 2, 5, 10, 20, 50 und 100 Peso wird es bald 200- und 500-Peso-Scheine geben, kommendes Jahr soll ein 1000-Peso-Schein folgen. Damit wird ein bizarrer Zustand vorläufig beendet. Denn nach einem Jahrzehnt mit zweistelligen Inflationswerten ist die grösste Banknote nur noch gut 7 Franken wert.

Noch ehe die neuen Scheine in Umlauf kommen, hagelte es bereits Protest. Denn die Regierung von Mauricio Macri beschloss, die altmodisch frisierten nationalen Gründerväter auf den nationalen Noten durch Vertreter der südlichen Fauna zu ersetzen. So soll die neue 200-Peso-Note ein farblich passender Blauwal zieren, während der 500er-Schein ähnlich schwarz-gelb gefleckt daherkommen wird wie das Fell des Jaguars, das er abbildet.

Federico Sturzenegger speaks during a Reuters Forum in Buenos Aires, in this November 13, 2014 file picture. Former Buenos Aires city bank chief Federico Sturzenegger was appointed chairman of the Central Bank by Argentine President-elect Mauricio Macri on November 25, 2015, but will only assume the position if current head Alejandro Vanoli steps down. REUTERS/Enrique Marcarian/Files - RTX1VV5L

Federico Sturzenegger. Foto: Enrique Marcarian (Reuters)

Sturzeneggers Vorgänger Alejandro Vanoli hatte, trotz der Weigerung von Präsidentin Kirchner, höhere Nennwerte zu genehmigen, auch 200er und 500er gestalten lassen. Natürlich war der grösste Schein für Juan Domingo Perón reserviert. Doch nun, nach der Wahlniederlage des Peronisten Daniel Scioli im November, soll ein niedliches Vögelchen auf den Tausender. Ein Tiefschlag für alle Anhänger des Volksgenerals. Zusätzlichen Schmerz werden diese Menschen verspüren, wenn auch noch Peróns Gattin Eva Duarte aus dem Zahlungsverkehr genommen wird. Noch bebildert sie die Hunderter, also etwa 85 Prozent aller Scheine. Doch bald soll ein Andenhirsch an Evitas Stelle röhren.

«Mit dieser neuen Notenfamilie möchte die Zentralbank auf die Grosszügigkeit der Natur hinweisen und zum Schutz der Artenvielfalt ermuntern», verlautbarte die Zentralbank. «Die Ausgabe grösserer Scheine ist eine Notwendigkeit. Gleichwohl wird die Zentralbank künftig den Gebrauch von elektronischen Zahlungsmitteln fördern und bald entsprechende Schritte einleiten.»

Heute ist Federico Sturzenegger übrigens in der Heimat seiner Vorfahren. Beim Wirtschaftsforum in Davos will er mit den Chefs jener Firmen sprechen, die Handyzahlsysteme in Kenia etablierten. Argentinien mag noch weit entfernt sein von einem «idealen Land» wie Schweden. Aber vielleicht erreicht es ja bald afrikanisches Niveau.

Andreas Fink
Andreas Fink, Buenos Aires Andreas Fink wuchs auf im Voralpenland und studierte in Wien. Seit 2007 lebt er, fern aller Berge, in Buenos Aires und berichtet über Südamerika. Fast alle Länder des Subkontinents (noch fehlen die Guayanas) hat er bereist und dabei erkannt: Der beste Türöffner – ob am Amazonas oder in den Anden – ist ein solides Fussballwissen.

14 Kommentare zu “Schein oder Nichtschein”

  1. Wunderlin sagt:

    Vertrauen ist die Grundlage zur Lösung und nicht politische und finanztechnische Theorien oder gar Gesetze. Verdrängen wir das in jedem Menschen vorhandene Urvertrauen duch technokratische Hürden, bleiben die Schwachen vorerst zurück und die Starken globalisieren sich. Sie finden immer irgend wo ein Land, welches die finanziellen Aspekte höher gewichtet als die Schaffenskraft und den gegeseitigen Respekt ihrer Bewohner. Später kämpfen dann die Privilegierten mit dem Zustrom der Wirtschaftsflüchtlingen.Der Kreis schliesst sich und wiederholt sich im laufe der Zeit. Lehre daraus. Leistet gute Arbeit mit gesundem Mehrwert und verkauft diese ehrlich bar oder per Bank.

  2. Regula Nigg sagt:

    Herr Fink, Sie finden Ihren Schlusssatz vielleicht eine gelungene Pointe. Ich finde ihn überheblich. Und was sich Sie schon lange fragen wollte: In welchem Viertel von Buenos Aires wohnen Sie und in welchem halten Sie sich gerne und häufig auf? Nada más.

  3. Tobias Gruber sagt:

    Die Argentinier haben gute Gründe für ihren Glauben ans Bargeld. Mehrfach schon hat der Staat alle Bankeinlagen einfach kassiert oder jahrelang blockiert. DIE FAZ schrieb dazu: “Argentinier legen ihr Geld kaum im lokalen Finanzwesen an. Die inländische Sparquote gehört mit etwa 27 Prozent des Bruttoinlandsprodukts zu den höchsten in Lateinamerika. Aber die Gesamthöhe der Einlagen bei Banken gehört mit 17 Prozent des BIP zu den niedrigsten der Region – im Vergleich zum europäischen Durchschnitt (95 Prozent des BIP) sind sie gar verschwindend gering.” Ausserdem legen die Argentinier alles was sie können, in Dollars in Schliessfächer – und entziehen der Wirtschaft somit die Devisen.

    • Tobias Gruber sagt:

      Tatsächlich ist Argentinien das Land, das am meisten bare US-Dollars hortet, etwa 1300 USD pro Bürger. Natürlich sind es nicht alle Argentinier, die Dollars horten können, aber es sind nicht nur die Reichen, auch die gesamte Mittelklasse macht da mit. Wenn eine neue Dollar-Note aufgelegt wird, machen hier die Zeitungen eine ganze Seite aus der Meldung. der Dollar-Kurs ist die wichtigste Wirstchaftmeldung hier und ist Teil aller Aufmacherseiten und online-Portale. immerhin gibt es jetzt nur noch einen Dollar-Kurs, bis zum Ende der Währungskontrollen im Dezember waren es mindestens 10.

  4. phil clement sagt:

    Die schwedische Regierung und Banken wurden bereits beim europäischen Gerichtshof fuer den genialen Schachzug verklagt. Da nicht jeder in Schweden die Möglichkeit hat seinen gesamten Zahlungsverkehr per Karte abzuwickeln, handelt es sich de Facto um Diskriminierung.
    Schweden hat einen Anteil an schwarzer Ekonomie, ca. 40 %, fuer den normalen Kleiunternehmer – Mittelständischen Unternehmer ist es nicht möglich unter den geltenden Bedingungen ohne Scwarzgeld zu ueberleben. Mit einer Regierung die mehr in der Sovjetunion angebracht währe ist auch nichts anders zu erwarten.
    Komischerweise werden ueber 80% aller Einkäufe in Deutscland ( dem Vorreiter der EU)bar abgewickelt.

  5. Michael Thomas sagt:

    Abschaffung des Bargeldes ist die Geburt eines totalitären Systems. Da muss man massiv gegenrudern.

    • Mario Monaro sagt:

      Davon ist doch hier noch keine Rede. Elektronische Zahlungsmittel zu fördern ist nichts anderes, als das, was wir schon längstens tun. Ich habe in meinem ganzen Berufsleben noch nie Lohn in bar ausbezahlt erhalten. Genauso wenig, wie ich je Miete oder Steuern bar bezahlt habe. Halten Sie das anders?

  6. Roger Gruber sagt:

    Lasst euch da ja nicht einlullen. Bargeld bedeutet Freiheit. Man stelle sich vor, es gäbe kein Bargeld mehr, nur noch virtuelles Geld. Was wäre, wenn die Regierung beschliesst, auf die Vermögen den Bürger zurückzugreifen, wie z.B. in Italien oder Zypern geschehen? Was wäre, wenn die Bank geschlossen bleibt und die Server ausgeschaltet? Was wäre, wenn die Regierung oppositionelle Kreise ausschalten möchte (wie medial gerade im WDR geschehen, AfD, Linke und FDP werden aus Diskussionsrunden ausgeschlossen) und deren Konten sperrt? Ohne Bargeld kann man dann nicht mal mehr ein Sandwich kaufen. Ohne Bargeld können Menschen und Organisationen einfach “ausgeschaltet” werden.

    • Anh Toàn sagt:

      Was wäre, wenn die Regierung verkündet, dass ab morgen neue Banknoten gegen die alten getauscht werden können, für 100 CHF gibt es morgen 90 neue CHF? Oder für 10 alte Hunderter gibt’s neun Neue? Aber nur, wenn man nachweist, woher man das Bargeld hat (Bezug von der Bank, Deklaration in letzter Steuererklärung, Privatverkauf des Autos, Modelleisenbahn)

      Konnte die AfD dann bar bezahlen um in den WDR zu kommen, obwohl von der Regierung ausgeschlossen?

      Warum ist die russische oder chinesische Presse nicht frei, es gibt Rubel und Yuan in bar?¨Da müsste doch Freiheit sein?

      Bargeld dient einzig illegalen Machenschaften. Je Cash desto Mafia.

      • Roger Gruber sagt:

        Tut mir sehr leid, Anh Toan, aber ich kann Ihren wirren Gedankensprüngen nicht folgen. Sie selber wahrscheinlich auch nicht, aber was solls. Hauptsache ein bisschen rumtrollen, gell…

    • Anh Toàn sagt:

      “..wenn die Regierung beschliesst, auf die Vermögen den Bürger zurückzugreifen, …”

      ist es legitim, sein Bargeld im Keller zu verstecken: Die Idioten, die es auf der Bank oder PK’s zahlen zu Recht: Dummheit muss bestraft werden.

      und wenn einem der Steuersatz zu hoch dünkt, den die pöhse Regierung verlangt, ist es auch legitim sein Geld zu verstecken, sollen doch andere zahlen, die die mehr haben oder sonst wer, die Raucher, Hundebesitzer oder Schrebergärtner oder die, welche nichts haben, verrecken.

      “Bargeld bedeutet Freiheit” ja, für den, der viel davon hat, ganze Tresore voll, wie Dagobert Duck: Wieviel Bargeld haben Sie? Wie lange reicht es?

    • Olaf Plex sagt:

      Mag sein dass elektronsiches Geld einfacher zu kontrollieren ist, aber:
      1. Wenn eine Bank schliesst (oder den Server ausschaltet wie sie schreiben), kriegen sie auch kein Bargeld mehr.
      2. Wenn die Regierung ihre Konten und Kreditkarten sperrt, kriegen sie kein Bargeld mehr.
      3. Wenn die Regierung schlicht und einfach das Bargeld für ungültig erklärt und neues vergibt (nach deren Regeln), nutzt ihnen ihr altes Bargeld nichts mehr

      Fazit: Wenn sie nicht über einen riesigen Vorrat an Bargled verfügen, nütz ihnen das Bargeld relativ wenig (und im dritten Fall gar nichts).

      • Roger Gruber sagt:

        Olaf Plex
        1. Wenn ich Bargeld zu hause habe, ist es mir egal, wenn die Bank nicht öffnet.
        2. siehe 1.
        3. Die Regierung soll Bargeld eben nicht für ungülig erklären, darum geht es mir ja.
        4. in Ihrer Argumentation fehlt nur noch das ebenso absurde Argument der Bargel-Abschaffer-Fraktion, dass Bargeld unhygienisch sei.

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