Der Flop der «Sexspielzeug-Banditen»

Martin Kilian aus Washington am Montag den 18. Januar 2016
Kleine Geschichte 

In einem Walmart fing alles … in einem Markt dieser Kette machte Billy Cornelius seiner Sheri Moore den Heiratsantrag. Foto: Reuters

Manche Geschichten schreibt das Leben, andere schreiben sich selber. Vor allem diejenigen, in denen sich die Ereignisse gleich einer Perlenkette aneinanderreihen. Wie etwa in der Geschichte von den Brautleuten Billy Cornelius (25) und Sheri Moore (20), wohnhaft in Bay City im Staat Michigan. Wenig ist bekannt über das Vorleben von Billy und Sheri, ausser dass sie sich in Liebe zugetan sind und den sexuellen Vollzug der angestrebten Ehe bereits vorwegnahmen. Der Beweis hierfür wird später erbracht.

Jedenfalls machte sich das Paar Anfang Januar zu einem Walmart auf, wo Billy einen Angestellten um Erlaubnis bat, den Lautsprecher des Kaufhauses benützen zu dürfen. Über diesen Lautsprecher fragte er sodann Sheri, ob sie ihn heiraten wolle. Billy fiel sogar auf die Knie, als er Sheri einen Verlobungsring überreichte, den er zuvor für 29.62 Dollar bei Walmart erstanden hatte. Es war eine anrührende Szene, weshalb andere Kunden innehielten und Beifall klatschten und sich vielleicht sogar verstohlen eine Träne aus den Augen wischten.

Frisch verlobt verlagerte sich das Duo danach in ein Einkaufszentrum und besuchte dort einen Laden namens Spencer’s. Dabei handelt es sich um eine eher frivole Bude, stahl Billy doch einen sexy Stringtanga der Marke «Künftige Braut» sowie einen weiteren, sogar essbaren Stringtanga.

Um den Diebstahl abzurunden, entwendete Billy einen Vibrator sowie eine Spezialsüssigkeit namens «BJ Blast» für die geschmackliche Auflockerung von oralem Sex. «BJ Blast» gibt es mit Erdbeer-, Kirsch und Apfelaroma, doch vermeldete der Polizeireport nicht, wofür sich der Bräutigam entschieden hatte. Insgesamt belief sich der Wert der gestohlenen Sexspielzeuge auf 80.93 Dollar.

Welttheater

Sheri Moore, Billy Cornelius. Foto: Bay City Jail

Als die Polizei eintraf, sass Billy in einem Schnellrestaurant im Einkaufszentrum schlafend an einem Tisch. Beim Versuch, sich einen Schnürsenkel zuzubinden, war er offenbar eingenickt. Was Sheri zwischenzeitlich trieb, ist nicht bekannt, doch nahm die Polizei die Brautleute fest. Nun stellte sich heraus, dass sie auch bei Walmart straffällig geworden waren: Überwachungskameras zeigten, wie Sheri gestohlene Schmuckstücke in ihrer Handtasche verstaute.

Nach der Hinterlegung einer Kaution wurde das Paar auf freien Fuss gesetzt, worauf sich Billy und Sheri bemühten, auf ehrliche Weise zu Geld zu kommen: Auf der Crowdfunding-Website Gofundme.com («Crowdfunding für alle!») stellten sie sich als «Sexspielzeug-Banditen» vor und baten um Zuwendungen im Wert von 10’000 Dollar zur Finanzierung ihrer Hochzeit. «Wir sind normale Leute mit normalen Problemen», schrieb Sheri auf Gofundme.

Sie sei «gegenwärtig» schwanger und wolle kein uneheliches Baby in die Welt bringen. «Jeder Betrag hilft, vielen Dank, dass Sie sich die Zeit genommen haben, unsere Story zu lesen.» Nicht nur verweigerten hartherzige Menschen jegliche Almosen, es meldeten sich zudem Billys Verwandte zu Wort. «Wirklich, Billy? Warum nicht einen Job wie alle anderen auch?», hetzte einer. Ein anderer schrieb: «Ist das dein Ernst?» Einer der Verwandten glitt sogar in eklige Fäkalsprache ab. Insgesamt muss die Verlobung von Billy Cornelius und Sheri Moore schon deshalb als grosse Pleite angesehen werden.

Martin Kilian
Martin Kilian, Washington Er ist Amerikaner und Reisender durchs amerikanische Hinterland. Ihn interessiert ziemlich alles zwischen Boston und Seattle, San Diego und Miami. Er lebte unter anderem in Athens, Georgia, und Washington DC und wohnt derzeit in Charlottesville, Virginia. Gelegentlich fliegt er nach Europa und bewundert die Putzigkeit des Alten Kontinents.

Ein Kommentar zu “Der Flop der «Sexspielzeug-Banditen»”

  1. Robin H. sagt:

    Manche Geschichten schreibt das Leben – manche Nationen, Konstellationen oder Personen bieten aber die STEILVORLAGE, um solche Geschichten quasi nonstop zu Generieren (im Vorwort zu “Der kleine Macchiavelli” meint der Autor sinngemäss, er habe ein satirisches Buch schreiben wollen, um zu merken, er müsse gar nichts drauflagen, es genüge, einfach zu schreiben, was er sieht.).
    Die USA mit ihren Widersprüchen, Hang zu Kitsch und sozialen “Ungereimtheiten” kommen dem sehr entgegen.
    Dank an den Autor zu seinem kritischen und humorvollen Blick.
    Leider sind die Leserbriefe etwas zurückgegangen, die immer ein bisschen das Ganze zurechtbiegen und den Autor als Nestbeschmutzer hinbiegen…

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