Ehekrise in Las Vegas

Martin Kilian aus Washington am Samstag den 25. Juli 2015
Eine Glosse 
Welttheater

Hochzeit in der Stretch-Limo: Drive-Thru-Fenster in der «Little White Wedding»-Kapelle in Las Vegas. Foto: Julie Jacobson (Keystone)

Viel wird von der «Krise der Institutionen» geredet. Die Europäische Union kriselt. Desgleichen die UNO. Oder die Kirche. Geflissentlich vergessen wird die grösste institutionelle Krise der Gegenwart, nämlich die Krise der Eheschliessungen in Las Vegas. Sich mitten in der Wüste Nevadas im Neonschein zu verehelichen ist tief im amerikanischen Bewusstsein verankert. Denn heiraten in Vegas ist schnell und einfach. Oder wie die Website Vegas.com prahlt: «Kein Bluttest, kein Warten, kein Ärger – einfach wham bam und schon verheiratet!».

Nicht nur geht es schnell, es geht zudem auf vielfältige Art: Interessierte können den Bund fürs Leben im Hubschrauber über den Spielkasinos schliessen oder beim romantischen Flug über den nahe gelegenen Grand Canyon oder mit einem Elvis-Imitator als Pastor in einer der zahlreichen Heiratskapellen. Trotzdem nimmt die Zahl der Eheschliessungen in Vegas ab, von 128’000 anno 2004 fiel sie auf 81’000 im Vorjahr. Um 37 Prozent sackte das Geschäft ab, rund eine Milliarde Dollar entging der Hochzeitsindustrie.

Nun stemmt sich die Stadt gegen die Krise und erhöhte vor wenigen Tagen die Gebühr für eine Ehelizenz von 60 auf 77 Dollar. Mit dem zusätzlichen Zaster soll eine grosse PR-Kampagne angekurbelt werden. Kommt und heiratet kitschig und billig! Tut es Frank Sinatra und Mia Farrow nach! Elvis und Priscilla! Richard Gere und Cindy Crawford! Oder war es Julia Roberts? Wie? Nur im Film? Und bitte nicht vergessen: Was in Vegas geknotet wird, erhebt keinen Anspruch auf Bestand. Cher und Gregg Allman? Neun Tage! Den Rekord hält allerdings Britney: Ihre Vegas-Ehe mit einem gewissen Jason Alexander hielt exakt 55 Stunden.

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So stellen sich viele – aber immer weniger – Amerikaner ihre Hochzeit vor. Foto: Steve Marcus (Reuters)

Derlei Pleiten sollten indes niemanden von einer Verehelichung abhalten. Diese kann beispielsweise in der «Little White Wedding Chapel» erfolgen, wo Charolette Richards in Jahrzehnten das Konzept einer Vegas-Hochzeit emsig verfeinert hat, so etwa 2001 mit der Einführung der Drive-By-Zeremonie im Auto. Oder in der Shalimar-Kapelle («eine saubere und zeitgenössische Hochzeitskapelle»), wo mehrere Optionen Braut und Bräutigam erwarten.

Wer etwas klamm ist, wählt bei Shalimar das «süsse und einfache Paket» zum Discountpreis von 59 Dollar. Dafür darf die Kapelle benützt werden – allerdings ohne Gäste! –, es gibt Musik aus der Tonkonserve, einen Pastor sowie eine Live-Webcam. Damit Mom und Dad in Kentucky auf dem Computer miterleben können, wie ihre 16-jährige Tochter den 43-jährigen Boyfriend ehelicht! Beim «Paket A» für 129 Dollar werden der Braut sogar drei Rosen ausgehändigt, neun sind es beim «Paket C» für 269 Dollar. Ein Trauzeuge ist immer im Preis inbegriffen!

Um ein weiteres Abbröckeln der Institution der Verehelichung in Las Vegas zu verhindern, will die Stadt jetzt ein vielversprechendes Reservoir neuer Kunden anzapfen: Geschiedene! «Die Ehe hat beim ersten Mal nicht so recht geklappt für Sie? Versuchen Sie es doch nochmal!», lockt die Kommune das Heer der Gescheiterten. Nichts wie hin! Las Vegas bringt Glück!

Martin Kilian
Martin Kilian, Washington Er ist Amerikaner und Reisender durchs amerikanische Hinterland. Ihn interessiert ziemlich alles zwischen Boston und Seattle, San Diego und Miami. Er lebte unter anderem in Athens, Georgia, und Washington DC und wohnt derzeit in Charlottesville, Virginia. Gelegentlich fliegt er nach Europa und bewundert die Putzigkeit des Alten Kontinents.

2 Kommentare zu “Ehekrise in Las Vegas”

  1. Die Ehe ist ein Hafen im Sturm, öfters aber ein Sturm im Hafen.

    Jean Antoine Petit-Senn

  2. Gerd Fehlbaum sagt:

    Was liebe ich diese regelmässige süffisante Ironie Martin Killians! Erklärt mehr über unseren “grossen Bruder”, als die ganzen politischen Lageberichte. Etwas mehr “Substanzen” und er wäre der Hunter S. Thompson der Schweizer… “On the campaign trail of Donals Trump” würde gut tun!

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