Warum so schamhaft?

Für die Entwicklung sexueller Selbstbestimmung müssen zuerst einige Hürden genommen werden. Foto: Raisa Durandi

Kürzlich las ich (48) im «Tages-Anzeiger» ein langes Interview über Sex mit sechs rund 30-jährigen Frauen. Erstaunlich und traurig: Scheinbar ist die eigene Lust in diesem Alter bei Frauen noch schambesetzt. Warum ist das so? Ich selber bin seit ein paar Jahren sehr viel freier und offener geworden.

Vielen fällt es gerade in der Sexualität nicht leicht, Schamgefühle zu überwinden. Besonders Frauen scheinen davon betroffen. Sie tun sich oft schwer, ihre geheimen sexuellen Wünsche zu offenbaren und ihre Sexualität offen auszuleben. Doch Hemmungen und Verklemmtheit gelten in der heutigen Zeit als «langweilig» und unerwünscht. Diese Ansicht führt bei den Betroffenen zu Leidensdruck und wirkt sich oft auch negativ auf die Partnerschaft aus.

Manche vermuten die Gründe für die Scham in der Erziehung, den gesellschaftlichen Normen und Rollenerwartungen. Eine frühkindliche Erziehung, in der kein positives Körpergefühl zugelassen wird und welche auf einer restriktiven Sexualmoral gründet, kann ein Nährboden für sexuelle Scham darstellen.

Nur: Frauen, welche zu ihrer Sexualität stehen und sich auch das rausnehmen, was sie wollen, werden schnell mal als überemanzipiert und Schlampe tituliert. Zudem kann für einige der Spagat zwischen begehrenswerter Frau und tugendhafter Mutter schwerfallen.

Scham als Notwendigkeit der Evolution

Männer wiederum kämpfen mit dem Vorurteil des egoistischen Machos. Einige Verhaltensforscher vermuten in der sexuellen Scham weniger kulturelle Einflüsse als eine Notwendigkeit der Evolution. Laut dem Österreicher Irenäus Eibl-Eibesfeldt ermöglicht das Verbergen des Geschlechtsverkehrs und der Genitalien ein ungestörtes Zusammenleben. Wenn der Mensch stets entblösste Geschlechtsorgane sähe, würde dies kontinuierlich Begierden wecken, so der Evolutionsbiologe. Zudem könne Sex im Verborgenen vor Gefahren bewahrt haben, da man während es Aktes in der Regel abgelenkt sei und so die Umwelt und deren Gefahren nicht mehr klar wahrnehme.

Schamgefühle und Hemmungen sind also völlig «normal» – auch in der Sexualität und vor allem während bestimmter Lebensabschnitte, wie der Pubertät. Manche Menschen allerdings haben ihr Leben lang mit starken Sexualhemmungen zu kämpfen. Wenn die ein gewisses Mass überschreiten, münden sie nicht selten in sexuellen Störungen, wie zum Beispiel einer Sexualphobie.

Wünsche und Ängste gemeinsam ansprechen

Dass nicht jeder Mensch mit den Jahren seine Scham ablegen kann, liegt unter anderem an der individuellen Sexualentwicklung und den Erfahrungen. Für die Entwicklung sexueller Selbstbestimmung müssen zuerst einige Hürden genommen werden. Sich Hemmungen einzugestehen ist der erste Schritt. Der zweite Schritt ist die Überlegung, ob man an diesen Hemmungen arbeiten will. Denn nicht jede Grenze muss überschritten werden und nicht jeder muss vermeintlich «perfekt» sein.

Machen Sie sich wiederholt klar, dass es keinen Grund gibt, sich für Ihre Wünsche und Bedürfnisse zu schämen. Ein verständnisvoller Partner, mit dem man offen und ehrlich über die Wünsche sprechen kann, hilft dabei. Die eigene Sexualität zu erkunden, hilft ebenfalls. Dies setzt jedoch eine solide Vertrauensbasis voraus. Falls es in Eigenregie nicht reicht, kann eine Paartherapie hilfreich sein. Dort können beide Partner ihre Wünsche und Ängste ansprechen und gemeinsam daran arbeiten.

18 Kommentare zu «Warum so schamhaft?»

  • Speech sagt:

    Um hier mal eine andere Seite aufzuzeigen: ich bin eine leidenschaftliche Frau, die sich selbst und ihre Sexualität kennt und liebt. Wenn ich meine Selbstsicherheit zeige und bei einer sexuellen Begegnung meine Wünsche äussere und lebe, ruft das meisst Begeisterung hervor. Nur leider kommt es dabei nie zu einer festen Beziehung und zwar, vermute ich, deshalb nicht, weil der typische Schweizer schlussendlich doch lieber ein „pflegeleichtes Häscheli“ möchte, zumindest zu Hause am Herd (ich nennen dies den Madonna-Komplex). Sexuell freie Frauen eignen sich ausschliesslich für’s „Bettabenteuer“. Ich vermute, dass eine gewisse Unsicherheit dazu führt, dass Mann sich mit einer lustvollen Frau auf die Länge gefährdet fühlt, sie könnte ja fremdgehen.

  • Martin sagt:

    Frauen und Sex? Als Mann kann man froh sein, hat man sie nicht schon vergewaltigt, nur weil man sie angeschaut hat! Ich jedenfalls hab’s aufgegeben mit den Frauen. Es ist mir zu mühsam geworden. Allen anderen: Viel Glück! Wer sich gerne beschimpfen und für dumm verkaufen lassen möchte, der kann sich das gerne antun. Mir ist’s zu blöd geworden! Frauen kommen bloss, wenn sie schon alles wissen, danach machen sie alles kaputt und verschwinden wieder. Der Mann ist natürlich an allem schuld. Sexuell läuft nur das 40° Standard Programm. Ich denke, Frauen machen für alles die Männer verantwortlich, anstatt sich mal einem Mann zu öffnen. Ich kann nicht Gedanken lesen. Wie wär’s mal mit wichtigen Informationen von weiblicher Seite her?

  • Lia sagt:

    Newsflash: man muss nicht immer alles offen und sofort ausleben, und Scham hat noch keinem geschadet. Sonst enden wir als Gesellschaft, in der jeder mit allem auf der Strasse kopuliert, weil er halt grad Lust drauf hat. Dass Sexualpsychologen Scham immer mit etwas Negativem konnotieren, habe ich noch nie verstanden.

    • Daniel sagt:

      Ich galube, sie haben das etwas falsch verstanden. Es geht um die Schamhaftigkeit und daraus resultierende Sprachlosigkeit in der eigenen Beziehung. Was dann oft in einer unbefriedigenden Sexualität auf dem kleinsten gemeinsamen Nenner endet. Scham ist ein Hindernis dabei, neue Grenzen auszuloten, sich Fantasien einzugestehen und auszuleben. Noch schlimmer wird es, wenn die Scham in Schuldgefühle mündet, weil man das Gefühl hat „sowas tut man nicht“ (siehe oben im Text, Frauen wird mit dem Wort „Schlampe“ genau dieses Schuldgefühl vermittelt.)

      Kein Mensch erwartet deswegen von Ihnen, dass sie mit jedem auf der Strasse Sex haben müssen.

  • Samuel Müller sagt:

    Herr (Frau?) Kosmopoli, Sie scheinen zwar weit gereist zu sein, mit der Hobbysoziologie hapert es aber noch. Schweizerinnen sind nicht verklemmt, weil es „die Schweizerin“ erstens gar nicht gibt (Romandie, Tessin etc.) und zweitens unsere Mentalität über alle Landesteile hinweg nun mal generell wenig extravertiert ist.

    Ich rate Ihnen: Seien Sie nett zu den Schweizerinnen, seien Sie charmant, zuvorkommend und aufmerksam, ohne schleimig zu sein. Dann werden Sie schnell merken, dass Sie nicht in alle Herren (und Damen) Länder reisen müssen, um Spass zu haben (wobei auch immer).

    • Zufferey Marcel sagt:

      Ich muss kosmopoli recht geben: Ja, ich machte früher einmal dieselben Erfahrungen wie er. Und ohne weit zu reisen- Sie wollen da aber nicht etwa etwas antönen, oder?- habe ich dann hierzulande genau das gefunden, wonach ich schon immer gesucht habe. Nur waren’s keine Schweizerinnen. Wobei ich den Schweizerinnen nicht alleine den schwarzen Peter in die Schuhe schieben möchte, keinenfalls: <i<Schliesslich braucht es für schlechte / enttäuschende Erfahrungen immer auch ein männliches Pendant! Wir Schweizer sind halt nun einmal kein allzu leidenschaftliches Völklein- ausser wenn es ums Arbeiten geht. Ich denke, das schlägt sich auch in der Sexualität nieder.

    • Christoph Bögli sagt:

      Alle Frauen (oder Männer) anhand ihrer Nationalität über einen Kamm scheren zu wollen, ist effektiv immer lächerlich, erst recht bei einem solch traditionell (!) multikulturellen Land wie der Schweiz.

      Der Rat weisst aber evtl. etwas in einen tendenziell problematischen Bereich, die mir bei Schweizerinnen eher ausgeprägter scheint als anderswo: Grosse Erwartungshaltung gepaart mit Passivität. Gerade wenn man sich in den Norden begibt wird man durchaus eher auch mal von einer Frau angesprochen. In der Schweiz hätte ich das eigentlich nie erlebt. Ist natürlich nur eine subjektive Wahrnehmung, aber zumindest korrespondiert es recht gut mit dem generellen Verhalten von Schweizern, möglichst jeden Kontakt mit Unbekannten zu vermeiden..

      • Reincarnation of XY sagt:

        Nun, es ist wohl so, dass wir eine Wechselwirkung aufeinander haben.

        Deshalb schwärmen vielleicht sowohl Männer, wie auch Frauen von dem fremdländischen Charme, den sie hier vergeblich gesucht haben. (Und selbst vielleicht auch nicht optimal versprühen konnten…)

      • Marcel Zufferey sagt:

        @Bögli: Nein, ich finde es eigentlich nicht unbedingt lächerlich, Menschen u. a. auch über ihre Nationalität (= Werte, Normen, Sitten, Gebräuche und Kultur, etc.) zu definieren. ‚Den Schweizer‘ gibt es meines Ermessens nach tatsächlich. Einfach nicht unisono.

        Die faktische Inexistenz der weiblichen Sexualität über Jahrhunderte in der Wissenschaft (aber auch sonst, im Alltag der meisten Menschen zum Beispiel) zeitigt in der Schweiz vielleicht ganz besonders Folgen, wenn man dabei noch Zwingli berücksicht.

  • Daniel sagt:

    Ich darf hier zwingend hinzufügen, dass auch viele Männer sexuell extrem verklemmt oder für Neues überhaupt nicht offen sind. Es sind aus meiner Sicht nicht nur Frauen, die mit der Erziehung, Religion und Gesellschaftszwang zu kämpfen haben.

  • Reincarnation of XY sagt:

    Die Schamhaftigkeit drückt sich auch darin aus, dass Frauen sich kaum in diesem Blog äussern…

    Meyer sagt es richtig: es ist sowohl evolutionsbiologisch, wie auch religiös bedingt. Eigentlich logisch, denn die Religion als menschliches Machwerk, muss ja ebenfalls evolutionsbiologisch begründbar sein. Etwas Schamhaftes muss sich zuerst im Menschen entwickelt haben, bevor er darum eine Theorie entwickelte, die das Schamhafte legitimierte bzw. zum Gebot erhob.

    Aber, ich dachte mir das auch, als ich diesen ü30 Frauen zuhörte: Traurig, wie unfrei sie sind und wie wenig sie zu ihrer wahren, selbstbestimmten (und befriedigenden) Sexualität gefunden haben.

    • Eduardo sagt:

      „Die Schamhaftigkeit drückt sich auch darin aus, dass Frauen sich kaum in diesem Blog äussern…“ – Vermutlich ist es eher Ausdruck der landestypischen weiblichen Lustlosigkeit.

      Mir tun alle heterosexuellen männlichen Schweizer zutiefst leid, die hier im alemannischen Frigidistan leben müssen. So gut wie alle sinnlichen Frauen, die ich in der Schweiz kennenlernte (um jeglicher feministischer Hysterie vorzubeugen: Das ist nicht gleichbedeutend mit ins Bett gehen!), waren Ausländerinnen (aus Deutschland, Italien, Spanien, Slowenien, Ungarn) oder stammten aus dem Tessin und dem Welschland (aber dann nicht aus dem Kanton Jura; das sind im Grunde Deutschschweizer, die Französisch sprechen).

      Was für ein trauriges, unerotisches Leben hier, auf das man auch noch stolz ist.

  • Randolf Simone sagt:

    Gerade bei jungen Frauen ist eine zunehmende Prüderie festzustellen. Für junge Männer gilt eher das Gegenteil. Die Ursachen können sehr verschieden sein. Wahrscheinlich spielen (wieder zunehmend) religiöse Einflüsse eine Rolle, oder der Druck der vorangegangenen, offenen und freieren Generationen können auch einen Einfluss auf dieses Verhaltensmuster nehmen. Oder aber auch die neue Emanzipationwelle, die wegen immer weniger werdenden Daseinsberechtigungen, die neue Strategie entwickelt hat und sich so die Sexulisierung der Frau probagiert und so die jungen Frauen in der Entwicklung schwer beeinflusst.

  • Ralph sagt:

    „Wenn der Mensch stets entblösste Geschlechtsorgane sähe, würde dies kontinuierlich Begierden wecken, so der Evolutionsbiologe.“
    Da scheint wohl eher eine Verklemmung (Begierde?) des Evolutionsbiologen vorzuliegen. Die Nudisten, Naturisten, FKKler, Naturvölker etc. dieser Welt haben damit jedenfalls kein Problem.

    • Christoph Bögli sagt:

      Die Behauptung von Frau Burri ist in der Tat seltsam und so sicher nicht haltbar. Richtig ist vielmehr das direkte Gegenteil davon: je weniger Nacktheit öffentlich vorhanden ist, desto stärker die Reaktion auf solche. Weshalb ja in sehr konservativen Gesellschaften bereits ein entblösster Knöchel oder etwas Kopfhaar für Aufruhr und völlige Enthemmung sorgen kann, während hier mittlerweile selbst totale Entblössung kaum noch ein Schulterzucken auslöst. Das sind schlichte Gewöhnungseffekte, weshalb gilt: je mehr Nacktheit, desto banaler wird diese. Auch weil längst nicht jeder nackte Mensch anziehend oder gar erregend wirkt, im Gegenteil, wer mal an einem FKK-Strand war weiss, dass es kaum etwas unerotischeres gibt..

      • Eduardo sagt:

        „Auch weil längst nicht jeder nackte Mensch anziehend oder gar erregend wirkt, im Gegenteil, wer mal an einem FKK-Strand war, weiss, dass es kaum etwas Unerotischeres gibt.“

        Nun ja, wenn ich mir im Internet die Zehntausenden von Frauen ansehe, die sich bisher bei den Fotoperformances des dreisten US-amerikanischen Scharlatans Spencer Tunick splitternackt auszogen und dabei in allerlei sinnlichen Posen agierten, komme ich eher zu anderen Ergebnissen.

        Wie die dabei anwesenden ebenfalls unbekleideten Männer alle stundenlang ihre „Selbstkontrolle“ behielten, wie man sehr leicht erkennen kann, ist mir dabei ehrlich gesagt ein vollkommenes Rätsel. Vielleicht ist es ein nichtreligiöses Wunder, wer weiss 😉

  • Meyer sagt:

    Doch beides. Evolutionsbiologische Prägungen. Aber auch diese interpretierende Normen. Die dann zerstörerisch werden, wenn sie mit dem Begriff Sünde gekoppelt werden. Wie das in allen absolutistischen Systemen den politischen und vor allem religiösen der Fall war und ist. Siehe Islam. Siehe katholische Kirche.

  • Kosmopoli sagt:

    Als liberaler, offener Mann kann ich nur bestätigen, was hier geschrieben wird! Viele Schweizerinnen sind verklemmt! Wieso weiss ich nicht! Daher habe ich viel mehr Spass mit Frauen aus anderen Ländern!

Kommentar

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