Royaler Tabubruch

Offenes Gespräch über psychische Krankheiten: Prinz William und Lady Gaga im Videochat. (Bild: Screenshot Youtube)

Als Lady Diana im August 1997 bei einem Autounfall in Paris starb, brannte sich bei vielen Menschen ein Bild ein: wie ihre beiden Söhne, William und Harry, bei ihrer Beerdigung hinter ihrem Sarg hergingen. Vor allem beim damals 12-jährigen Harry hatte man das Gefühl, er habe überhaupt nicht realisiert, was passiert ist. Vor wenigen Tagen erzählte er nun auch öffentlich, dass er jeden Gedanken an seine Mutter verdrängt habe. «Ich dachte, es macht dich nur traurig. Sie wird davon nicht wieder lebendig», sagte der 32-Jährige in einem Interview mit dem «Telegraph». Erst vor vier Jahren entschloss sich Harry, professionelle Hilfe zu suchen und den Tod Dianas aufzuarbeiten. Bis zu diesem Zeitpunkt habe er schon mehrmals vor dem Zusammenbruch gestanden und sein Leben als «chaotisch» empfunden.

Bisher kaum royale Emotionen

Prinz Harrys offenes Geständnis war nur der Anfang einer Kampagne. Zusammen mit seinem Bruder William (34) und dessen Ehefrau Kate (35) setzten sich die jungen Royals mit der Aktion «Heads Together» für mehr Offenheit im Umgang mit psychischen Krankheiten ein. Und auch Kate erzählte im TV, dass sie nach der Geburt von Prinz George eine gewisse Überforderung gefühlt habe. Natürlich wurde das Wort «Wochenbettdepression» nicht ausgesprochen, aber so manche Mutter konnte sich mit Kates Aussage identifizieren.

Dass sich gerade die junge Generation am englischen Hof so geschlossen für ein Tabuthema einsetzt, mag auf den ersten Blick erstaunen, denn sowohl die inzwischen 91-jährige Queen Elizabeth II wie auch ihr Sohn Charles (68) gelten nicht als besonders emotional. Pflichterfüllung gilt als erste Priorität bei den Royals, und offen über (eigene) Emotionen zu sprechen als undenkbar. Als intimster Einblick in ihre Gefühlswelt bezeichnete die Queen im November 1992 das Jahr als Annus horribilis. Damals erschütterten Skandale rund um Trennungen und Scheidungen die königliche Familie.

Kensington-Palast veröffentlicht das Video auf Facebook

Doch der Wind scheint sich diesbezüglich gedreht zu haben. In einem gemeinsamen Interview der beiden Prinzen für die Aktion «Calm» («Campaign Against Living Miserably») zur Verhinderung von Suiziden bei Männern hatte Harry das Bild vom starken Mann kritisiert: «Besonders Männer haben das Bedürfnis, so zu tun, als sei alles in Ordnung.» Mit Freunden darüber zu reden, sei kein Offenbaren von Schwäche. Mit seinem Bruder William habe er über seine Gefühle gesprochen. Vater Charles wird mit keinem Wort erwähnt.

Noch mehr Aufmerksamkeit bekam das Thema, als der älteste Sohn von Prinz Charles und Lady Gaga in einem Videotelefonat öffentlich darüber sprachen, wie der Umgang mit psychischen Krankheiten offener werden könnte. Der Kensington-Palast veröffentlichte das vier Minuten lange Gespräch auf Facebook. Der Prinz ist darin am Schreibtisch im Kensington-Palast zu sehen, während Lady Gaga in der Küche ihres Hauses in Los Angeles steht. Vor allem Lady Gaga erzählte von ihrer posttraumatischen Störung, von Depressionen und Angstzuständen. Themen, die auch der Mutter von William und Harry nicht fremd waren, und mit denen sie zeit ihres Lebens offen umging. In diesem Sinne hätte Diana diese Aktion ihrer Söhne sicher gutgeheissen.


Heads Together: Lady Gaga und Prinz William im Gespräch. (Video: Youtube)

14 Kommentare zu «Royaler Tabubruch»

  • Michael sagt:

    „in einem Videotelefonat öffentlich darüber sprachen“

    Ich dachte zuerst, ich würde ein mehr oder weniger spontanes, „rohes“ Gespräch erleben, keine gestellten Szene.

  • Ralf Schrader sagt:

    ‚Vor allem Lady Gaga erzählte von ihrer posttraumatischen Störung, von Depressionen und Angstzuständen.‘

    Vermutlich weiss die Dame nicht einmal, was das alles ist. Mit Sicherheit hat sie es nie erlebt. Solcher Klatsch ist eine Demütigung aller, die wirklich psychisch krank sind. Warum wohl findet man den Begriff ‚Wochenbettdepression‘ in keinem Diagnosenkatalog, in keinem Lehrbuch der Psychiatrie?

    • Carolina sagt:

      ML: Ich gehe mit Ihnen einig, dass die Pathologisierung jeder noch so banalen psychischen Befindlichkeit ein Zeichen der Zeit ist. Mittlerweile ist ja auch da eine Trendwende im Gange und Careteams werden nicht zu jeder potentiellen Krise geschickt. Man kann mit Fug und Recht anmahnen, dass die Coaching-Industrie (zu der ich selber gehöre) unter Umständen der Bildung von Resilienz für Alltagsprobleme im Weg steht.
      Aber, und das ist ein grosses Aber: wenn Personen in der Oeffentlichkeit (und gerade solche, von denen man das eher nicht erwartet hätte wie Prince Harry) Stellung nehmen zu ihren eigenen Problemen, kann es eben auch einen positiven Effekt für Leser und Beobachter haben – mal ganz abgesehen davon, dass man diesem Menschen vielleicht ein wenig mehr Respekt

      • Carolina sagt:

        /2 entgegenbringt, führt es eben auch manchmal dazu, sich und seine eigenen Befindlichkeiten und Probleme ein wenig zu relativieren und zu normalisieren, denn man nimmt wahr, dass sogar Promis Dinge mit sich herumtragen, die leidvoll sind.

        Einfach – wie Sie es ja bei diesen Themen immer tun, wenn Sie jedem psychischen Leid, und gerade die von Ihnen angesproche Wochenbettdepression kann riesiges Leid bedeuten – jeglichen Krankheitswert immer (!) absprechen, lässt Menschen einfach im Regen stehen. Von einem Arzt erwarte ich auch, dass er die Befindlichkeiten von echten psychischem Leid unterscheiden kann, ungeachtet des von Ihnen verachteten DSM.

      • Ralf Schrader sagt:

        Den Metaeffekt stelle ich nicht in Frage. Nur sind Frau Gaga und der Prinz und der Trump definitiv nicht psychisch krank. Mit dieser Mengenausweitung schadet man den wirklich Kranken, weil man denen unterstellt, sich ebenfalls wie Münchhausen aus ihren Sumpf ziehen zu können.

        Der soziale Standard in diesem Kontext ist die Ansprache an einem psychisch Kranken: Du bist zwar krank, aber Du könntest doch … bla bla.

        Die können aber nicht ohne professionelle Hilfe und die richtigen Kranken werden es auch mit jeder möglichen Hilfe nicht können.

        Wir richten artgerechte Haltung für Tiere ein, verweigern aber mit dem therapeutischen Denken die ‚artgerechte Haltung‘ von chronisch unheilbaren Depressiven. Nur versteht das kein Laie, der Gaga eine Depression abkauft.

      • Ralf Schrader sagt:

        Carolina, ich verachte den DSM 5 nicht, im Gegenteil. Woher stammt dieses Missverständnis?

      • Ralf Schrader sagt:

        Das Überzeugendste am DSM ist die Begrifflichkeit ‚mental disorder‘, die Vermeidung von ‚disease‘, ’sickness‘, ‚illness‘, den drei Ebenen des klassischen Krankheitsbegriffes.

        Man kann eine Störung sehr ernst nehmen, ohne der einen Krankheitswert zuzuweisen. Das macht der DSM sehr elegant und in v.5 viel besser als in v.4. Der ICD 10 macht das leider nicht, wird dennoch hierzulande in der Psychiatrie standardmässig verwendet. Falsch aus meiner Sicht.

      • Carolina sagt:

        Ich habe nicht von Krankheit gesprochen wie Sie! Sondern von Befindlichkeiten, Problemen und vor allem von Leidensdruck – und den gibt es eben ungeachtet der Inklusion in DSM 5.
        Sie waren es, der eine psychische Krankheit als Voraussetzung dafür anzusehen scheint, dass man an die Oeffentlichkeit geht……
        Und Sie waren es, der eine Wochenbettdepression als Banalität bezeichnet – die Grenzen zwischen psychischer Erkrankung und durch eine psychische Befindlichkeit ausgelöster Leidensdruck sind in der Praxis durchaus fliessend und lassen sich relativ selten in Diagnosekataloge fassen.

      • Gabriela sagt:

        zu Ihrem Kommentar von 11:54:
        Ah ja, und wann hatten Sie die Gelegenheit, diese drei Personen (wie Trump in die Diskussion reingerutscht ist, wäre am Rand interessant), im persönlichen Gespräch zu diagnostizieren?

      • Carolina sagt:

        Noch etwas: die Laien, die sich Ihrer Ansicht nach mit gar nichts auskennen, sind genau deshalb Laien – nur ausgesprochen dumme und freche Menschen nehmen von sich an, dass sie Experte in allem sind. Ein lern- und entwicklungsfähiger Mensch lässt Zweifel zu, Fragen, er hinterfragt seinen Leidensdruck (und übrigens auch den, den er in seiner Umgebung erzeugt) – die, die darauf beharren, dass sich alles zu jeder Zeit in ein einmal definiertes Ordnungssystem pressen lässt, sind oft diejenigen, die weder Arzt noch Psychologe/Psychiater oder Therapeut werden sollten, sondern vielleicht besser Finanzbeamter.

      • Ralf Schrader sagt:

        @Gabriela

        Aus denen von Ihnen genannten Gründen kann niemand ausserhalb des privaten Umfelds der drei Personen diagnostizieren. Der Ausschluss einer Diagnose ist keine Diagnose. Die Aussage ist, es gibt keine Informationen, welche auf eine psychische Krankheit hinweisen. Man erfährt auch nichts aus privaten Aussagen.

        Tatverdächtige sind unschuldig, solange man das Gegenteil nicht beweisen kann. Menschen sind erst dann nicht psychisch gesund, wenn man das Gegenteil beweisen kann. Das dürfte bei den 3 Personen sehr schwer fallen. Die sind alle völlig sauber.

        @Carolina, ich spreche nur von Krankheit. Alles andere interessiert mich nicht. Für Befindlichkeit habe ich weder Aufmerksamkeit, noch Interesse.

      • Sofia Baffo sagt:

        @Schrader: Lady Gaga hat angeblich nach einer Vergewaltigung PTSD entwickelt. Und Sie möchte ich wirklich nicht als Arzt haben. Sie wissen gar nicht, wie viel Schaden man mit einer solchen Haltung bei Patienten anrichten kann (selber alles schon erlebt, aber ich will das jetzt nicht von A bis Z erzählen).

        @Carolina um 15:01: Das ist genau das, was ich oft denke, wenn ich seine Kommentare lese.

    • Gabriela sagt:

      Eine Diagnose lässt sich also aus persönlichen Aussagen nicht ableiten, um mal zu vereinfachen, aber Sie massen sich an, aus der Ferne und ohne die Details zu kennen, zu behaupten, diese Personen seien „sauber“ (Fachbegriff?). Keine weiteren Fragen.

  • roger.suter sagt:

    CISM. Critical Incident Stress Management.

Kommentar

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