Allergikern blüht ein schlimmes Frühjahr

ein maedchen Schnuetzt in ein Papiertuch am 30. April 2015 bei der Ruetli mitten in ein Blumenfeld. (KEYSTONE/Gaetan Bally)

Die Pollen haben nicht nur im Sommer Saison: Ein Mädchen mit einer Löwenzahnblume. Foto: Gaëtan Bally (Keystone)

Wo man in diesen Tagen auch hingeht, es ist ein Niesen und Husten ohne Ende. Und es sind nicht nur die Erkälteten und Grippeopfer, sondern auch die Allergiker, die nicht mehr ohne Taschentücher aus dem Haus gehen. Denn dieses Jahr beginnt ihre Leidenszeit besonders zeitig. Auch wenn es draussen noch kalt ist, die Natur ist fortgeschritten. Der milde Winter hat die Frühblütler so richtig befeuert. Durch die Klimaveränderung beginnt die Pollensaison immer früher und dauert auch länger. «Schon Ende Dezember hatten wir die ersten Hasel- und Erlenpollen», sagt Professor Peter Schmid-Grendelmeier, Leiter der Allergiestation am Universitätsspital Zürich. «Und wir haben gemerkt, dass wir mehr Überweisungen von Hausärzten haben als sonst in dieser Zeit.»

Die Nase läuft, die Augen brennen und röten sich, und Reizhusten stellt sich ein. 15 bis 20 Prozent der Schweizer Bevölkerung, also mehr als 1,2 Millionen Menschen, sind Pollenallergiker. Die Pollenallergie ist die häufigste allergische Erkrankung in unseren Breitengraden. Sie beginnt häufig im Schulalter und wird oft vererbt. Zwar glauben viele, dass Heuschnupfen nur bei Kindern und jungen Leuten ausbricht. Doch Ärzte stellen immer öfter fest, dass auch Erwachsene plötzlich eine Überempfindlichkeit auf Pollen entwickeln können. Sogar bei älteren Menschen werden inzwischen neu ausbrechende Allergien beobachtet.

Portrait Peter Schmid 20 Feb 2014

Professor Dr. med. Peter Schmid-Grendelmeier leitet die Allergiestation am Universitätsspital Zürich.

Dabei reagiert das Immunsystem auf die Eiweisse in den Pollen. «Durch das Einatmen oder den direkten Kontakt mit den Pollen wird bei den Betroffenen Histamin ausgeschüttet, das zu Entzündungen der Bindehaut der Augen und der Nase führt», sagt Schmid-Grendelmeier. Wichtig sei, dass der Heuschnupfen früh genug behandelt werde, damit sich kein Asthma entwickelt. In der Medizin spricht man in diesem Fall von einem Etagenwechsel. Rund 30 Prozent der Pollenallergiker entwickeln mit den Jahren Asthma.

In ihrer letzten Pollenprognose schrieb Meteoschweiz letzte Woche, dass Hasel und Erle bereits eine mittlere oder hohe Konzentration erreicht haben. Und bald beginnt die Blüte der Esche, deren Pollen eines der stärksten Allergene im Frühling sind.

Auch Birkenpollen, die ab Mitte März vermehrt zu fliegen beginnen, wird es dieses Jahr wohl mehr geben. Sie lösen bei sehr vielen Menschen starke Allergien aus und gelten als besonders aggressiv. Im Übrigen leiden Städter mehr unter Pollen als die Landbevölkerung. Gewisse Baumpollen sind in der Stadt aggressiver. «Durch die verschmutze Luft sind auch die Schleimhäute gereizter», sagt Schmid-Grendelmeier. Die erhöhte Kohlendioxidkonzentration in der Luft verstärkt die Photosynthese. Die Erhöhung dieser Konzentration in der Luft führt dazu, dass bestimmte Pflanzen besser wachsen und mehr Blüten produzieren.

Christine Rogers von der University of Massachusetts in Amherst hatte im Journal «Plos one» eine Studie veröffentlicht, bei der der Einfluss des Kohlenmonoxids auf die Pollenproduktion des Wiesenlieschgrases gemessen wurde. Der Anstieg der Produktion war so stark, dass die Forscher davon ausgehen, dass sich die Belastung durch Gräserpollen bis zum Ende dieses Jahrhunderts verdoppeln wird.

Gibt es eine neue Therapie gegen Heuschnupfen?

Wirkliche Innovationen gibt es nur wenige bei den Heuschnupfenmedikamenten. Mit Antihistaminika – als Nasensprays, Augentropfen oder Tabletten erhältlich – lassen sich die Beschwerden aber gut in den Griff bekommen. Bei starken Beschwerden helfen üblicherweise lokal verwendete Kortisonpräparate (Nasen- oder Asthmaspray). Auch Akupunktur soll bei Heuschnupfen die Beschwerden lindern. In einer Studie der Berliner Charité mit mehr als 400 Pollenallergikern verringerten sich bei bis zu 80 Prozent der Patienten die Heuschnupfenbeschwerden. «Es wurde festgestellt, dass Akupunktur juckreizstillende Eigenschaften hat», sagt Schmid-Grendelmeier. Allerdings würden Langzeitauswertungen fehlen.

Die einzige Möglichkeit, Heuschnupfen dauerhaft zu heilen, ist und bleibt die Hyposensibilisierung. Dabei wird der Patient immer wieder in Kontakt mit dem Allergieauslöser gebracht – am Anfang nur eine winzige Menge, später immer mehr. Das soll den Körper nach und nach an den Stoff gewöhnen. Früher war die Hyposensibilisierung nur per Spritze möglich. Der Nachteil: Man muss dafür zum Arzt, zuerst wöchentlich, später alle vier bis acht Wochen. «Alternativ können Tropfen und seit 2006 auch Tabletten, die unter der Zunge aufgenommen werden, bei Gräserpollenallergie eingesetzt werden», sagt Schmid-Grendelmeier. Diese Methoden sind leichter anwendbar, es fehlen bisher jedoch Erfahrungen über die langfristige Wirkung, die bei der Behandlung mit Spritzen schon klar gezeigt wurde.

Tipps: So kommt man im Alltag mit der Pollenbelastung klar

  • Am besten nach einem Regen ins Freie gehen. Dann ist die Pollenbelastung am tiefsten.
  • Nur einmal täglich ausgiebig lüften. Stadtbewohner sollten das morgens vor 8 Uhr tun. Wer auf dem Land wohnt, macht die Fenster abends ab 19 Uhr auf. Dann fliegen die wenigsten Pollen.
  • Haare waschen vor dem Schlafengehen.
  • Ein Pollenschutzgitter vor dem Fenster hält ausserdem Pollen von aussen ab.
  • Antihistaminika rund eine Stunde vor sportlichen Aktivitäten einnehmen.
  • Wäsche nicht draussen aufhängen und trocknen lassen.
  • Pollenfilter ins Auto einbauen lassen und die Fenster während der Fahrt geschlossen halten.
  • Am Meer und im Gebirge sind nur wenige Pollen unterwegs. Hier können Sie eine Auszeit von Ihrem Heuschnupfen nehmen.
  • Als Allergikerin versuche ich während der Pollensaison weniger mit meinen Hunden zu schmusen, die während des Pollenflugs wahre Pollenschleudern sind. Es fällt mir schwer, aber es hilft.

Nützliche Links:

www.pollenundallergie.ch: Auskunft über den aktuellen Pollenflug.

www.aha.ch: Allergiezentrum Schweiz mit vielfältiger Information für Patienten mit Allergien.