Küssen? Küssen! Aber richtig!

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Regenküsse schmecken bekanntlich besonders gut: Amanda Seyfried und Channing Tatum in «Dear John». Foto: Screen Gems

Es ist Donnerstagabend, kurz nach 22 Uhr, und ich sehe im Fernsehen, wie ein bärtiger Mann mit verbundenen Augen einer kichernden Blondine, die ebenfalls eine Augenbinde trägt, die Zunge in den Rachen schiebt. Sie schüttelt sich wie ein nasser Hund und stösst ihn weg. Nach einigen Sekunden geht die Show weiter, allerdings in neuer Besetzung. Ein weiterer Mann, Typ «Möchtegernmacker», schlingt seinen tätowierten Arm besitzergreifend um die Schulter der gleichen Blondine, die diesmal nicht kichert, sondern seine Züngeleien leidenschaftlich erwidert.

Wo bin ich denn hier gelandet? Und warum bin ich so peinlich berührt? In Zeiten wilder Liebesszenen im Vorabendprogramm bringen mich solche harmlosen Szenen zum Fremdschämen, obwohl ich nun wirklich nicht prüde bin. Mein Mann schlendert vorbei, schaut einen Moment auf den Bildschirm und murmelt: «Igitt.» Trotzdem zappe ich nicht weg, ich will das Konzept der Prosieben-Sendung «Kiss Bang Love» verstehen. Das ist auch nicht wirklich schwierig: Eine Frau küsst nacheinander zehn Männer vor laufender Kamera. Dabei sind allen Protagonisten die Augen verbunden. Die Frau wählt im Verlauf der Sendung drei Männer aus, deren Küsse ihr am besten gefallen haben, und verbringt mit ihnen ein Weekend. Danach wählt sie ihren Favoriten. Laut den Machern soll so getestet werden, ob man sich aufgrund eines Kusses verlieben kann. In den bisherigen Folgen war dies nicht wirklich der Fall.

Was wie eine Mischung aus «Bravo-TV» und «Der Bachelor» daherkommt, weckt zunehmend mein Interesse; ich überwinde das Fremdschämen und schaue interessiert zu, welche Kusspraktiken die Teilnehmer anwenden. Da wird geschlabbert wie im Welpenspielkurs, da werden mit spitzen Mündchen Omaküsschen geteilt, und es wird leidenschaftlich geschmust wie an einer Teenie-Party. Für meinen Geschmack könnten die Protagonisten gerne etwas hübscher sein, wir sind schliesslich im Fernsehen und nicht an einem Samstagnachmittag am Hauptbahnhof.

Man mag von Sendungen wie dieser bei Prosieben denken, was man will. Tatsache ist, dass hier dem Küssen, dem wir uns im Alltag viel zu wenig widmen, ein Kränzchen gewunden wird. Wenn ich an vergangene Liaisons denke, dann ist es nicht der Sex, der in erster Linie in Erinnerung blieb, sondern es sind die Küsse, die ein Versprechen für mehr waren. Nicht umsonst sagt der Volksmund: «Sag mir, wie jemand küsst, und ich sage dir, wie er im Bett ist.» Die Forschung behauptet ja, dass Frauen beim Küssen im Unterbewusstsein den genetischen Code eines Mannes nach Hinweisen, ob sein Immunsystem ihres unterstützen kann, entschlüsseln.

Eigentlich ist es ja ein bisschen langweilig, so viel übers Küssen zu schreiben, und es nicht zu tun. Falls Sie noch nicht motiviert sind, hier noch fünf weitere Gründe, ein paar Küsse auszutauschen:

1. Küssen ist gut gegen Falten, weil die Gesichtsmuskulatur in ständiger Bewegung ist.

2. Küssen ist gesund. Bei einem Kuss werden bis zu 80 Millionen Keime ausgetauscht. Durch den Bakterienaustausch wird das Immunsystem angeregt; wir werden weniger oft krank.

3. Küssen macht glücklich und schlank: Glückshormone werden ausgeschüttet, Kalorien verbrannt.

4. Küssen baut Stress ab, weil das «Kuschelhormon» Oxytocin der natürliche Gegenspieler des Stresshormons Cortisol ist.

5. Küssen kann Leben retten. Eine Untersuchung kommt zum Ergebnis, dass Männer, die ihre Frau mit einem Kuss verabschieden, auf dem Weg zur Arbeit weniger häufig in Autounfälle geraten als jene, die kusslos das Haus verlassen.

Immer noch keine Lust aufs Küssen? Hier noch ein Amuse-Bouche: