Wir sind alle nicht perfekt – so what?

Die wenigsten Frauen haben einen Körper wie Gisèle Bündchen. (Foto: Getty).

Die wenigsten Frauen haben einen Körper wie Gisele Bündchen. (Foto: Getty)

Sandra ist 15, hoch aufgeschossen und sehr dünn. Wäre sie ein paar Jahre älter, würden sie viele um ihre Modelfigur beneiden. Doch dieser Gedanke tröstet sie nicht darüber hinweg, dass sie in ihrer Klasse als «Giraffe» bezeichnet wird. Sie überragt das Gros ihrer Mitschülerinnen und Mitschüler um mehr als einen Kopf. Ihre Mutter Corinne, deren Gene Sandra offensichtlich geerbt hat – sie ist 1,85 Meter gross und wie ihre Tochter sehr schlank –, weiss momentan nicht mehr, wie sie den Teenager motivieren kann, zur Schule zu gehen. «Sandra schläft schlecht, ist unkonzentriert, und ich habe Angst, dass sie depressiv werden könnte», sagt Corinne.

Ingrid ist 20 Jahre älter. Sie ist ebenfalls gross, fast 1,90 Meter, wiegt aber fast doppelt so viel wie die zarte Sandra. Seit Jahren kämpft Ingrid gegen ihre Kilos. Sie arbeitet als Eventmanagerin und hat im letzten Winter mitbekommen, wie ihre Kollegen sie hinter ihrem Rücken als «Walross» bezeichneten. «Als ich gehört habe, wie in der Kaffeeküche über mich gespottet wurde, wäre ich vor Scham fast in den Boden versunken», erzählt sie. Sie sei aufs WC gegangen und habe sich ausgeheult.

Body Shaming ist ein grosses Thema in unserer Gesellschaft: Menschen, die nicht der Norm entsprechen, zu dick, zu gross oder zu dünn sind, werden nicht selten deswegen angefeindet. Solche Kränkungen haben Auswirkungen: Körperliches Unwohlsein, Selbsthass oder Depressionen können die Folge sein. Und es sind nicht immer die anderen, die einem ein schlechtes Gefühl geben: Die grössten Kritikerinnen und Kritiker sind wir meistens selber. Natürlich hat jeder Mensch eine bestimmte Vorstellung von Schönheit und einen eigenen Geschmack. Doch dass das äussere Erscheinungsbild wichtiger als alles andere wird, ist doch alles andere als normal.

Irgendetwas haben wir immer zu bemäkeln. Und längst sind es nicht nur die Frauen, die sich ständig vermessen, vergleichen, be- und verurteilen. Auch Männer unterliegen vermehrt dem galoppierenden Schönheitswahn. In Zeiten der elektronischen Medien werden wir von Bildern perfekter (und photogeshoppter) Körper von Models wie Gisele Bündchen und Co. überflutet.

Und selten wurde ein Schönheitsideal so aggressiv angepriesen wie heute: Werbung, Fernsehen und Zeitschriften feuern unsere eigenen Optimierungswünsche an, doch in der Realität hinken wir der abgebildeten «Perfektion» meilenweit hinterher. Trotzdem geben wir nicht auf und versuchen, mit manch gesunden und ungesunden Methoden, ein fernes Ideal zu erreichen.

Nun haben Wissenschaftler der Bucknell University in Lewisburg im US-Bundesstaat Pennsylvania herausgefunden, dass Body Shaming auch eine Rolle bei physischen Erkrankungen haben kann. Jean Lamont, Leiterin dieser Studie, wollte herausfinden, inwiefern Body Shaming die Gesundheit beeinflusst. In einer ersten Untersuchung konfrontierte Lamont 177 Studentinnen mit Aussagen wie «Wenn ich nicht in die Grösse passe, in die ich passen sollte, fühle ich mich beschämt» oder «Ich fühle mich oft verletzlich und krank». Die Frauen hatten anzugeben, wie stark sie mit einem Statement übereinstimmten oder nicht.

Mit den Antworten der Probandinnen erstellte Lamont eine Einschätzung des Levels der «Körperscham» und der Einstellung der Teilnehmerinnen zum eigenen Körper und zur eigenen Gesundheit. Diese Studie wiederholte Lamont noch einmal mit 181 Probanden und einem zeitlichen Abstand von drei Monaten.

Sie fand heraus, dass Frauen, die unter Body Shaming litten, im Verlauf der letzten Jahre auch unter mehr Krankheiten und Infektionen gelitten hatten als Frauen, die mit ihrem Körper zufrieden waren. Sie gaben auch an, ungesünder zu leben und unter depressiven Episoden zu leiden.

Fazit: Wenn wir uns also schlecht in unserem Körper fühlen, haben wir weniger Lust, unserer Gesundheit Sorge zu tragen. Und das macht uns wiederum anfälliger für Krankheiten. Ein Teufelskreis, den wir nur mit der Akzeptanz des eigenen Körpers und jener der anderen durchbrechen können.