Sport


Spiele ohne Schiris – für mehr Fairness

Mämä Sykora am Donnerstag den 3. Mai 2012
Nimmt Entscheidungen ab: Schiedsrichter Massimo Busacca im Stade de Suisse. (Bild: Keystone)

Nimmt Entscheidungen ab: Schiedsrichter Massimo Busacca im Stade de Suisse. (Bild: Keystone)

Letzten Sonntag startete die Zürcher Alternativliga in ihre 35. Saison. Seit einigen Jahren wird der erste Spieltag ohne Schiedsrichter gespielt, die Mannschaften müssen es unter sich ausmachen, ob und für wen ein Einwurf, Freistoss oder Penalty fällig ist. Weil Offside-Entscheidungen deutlich schwieriger zu beurteilen sind, einigen sich viele Teams darauf, wenigstens Linienrichter aus ihren Reihen zu stellen.

Am Tag nach diesen Auftaktspielen stand in der englischen Premier League das vielleicht meisterschaftsentscheidende Manchester-Derby an. Es war ein sehr intensives Spiel, mit einigen harten Tacklings und viel Körpereinsatz, das einen verdienten Sieger fand und zu keiner Zeit unfair war. Im Anschluss daran – nachdem der fantastische Yaya Touré genug gewürdigt worden ist – schlitterten wir an der Bar irgendwie in die Diskussion, wie denn diese Partie gelaufen wäre, hätte sie wie tags zuvor bei uns ohne Unparteiische ausgetragen werden müssen.

Bei solch hypothetischen Fragen kann man sich gerne verlieren. Und tatsächlich herrschte alles andere als Einigkeit. Ich vertrat die Ansicht, dass ja eigentlich jeder Spieler selber wisse, wann er ein Foul begangen und ob er den Ball zuletzt berührt hat, bevor er ins Aus ging. Steht ein Referee auf dem Platz, versuchen die Kicker selbstverständlich, möglichst nahe an dessen Toleranzgrenze zu gehen. Wenn dieser eine klare Linie hat, werden sich die Beschwerden und Ausrufe auch in Grenzen halten. Grössere Probleme ergeben sich dann, wenn sich die Profis darauf verlegen, den Schiedsrichter zu täuschen, um daraus einen Vorteil zu gewinnen. Das betrifft in erster Linie Schwalben, aber auch Handspiele, versteckte Tätlichkeiten etc.

Fällt ein Schiri auf so etwas rein, wird dies beim Nutzniesser als Erfolg gefeiert. Wenn die Entscheidungsgewalt ganz beim Mann in Schwarz liegt, dürfen die Spieler getrost Gewissen und Sportmanship ablegen, der Ärger bei offensichtlichen Fehlentscheidungen trifft nicht sie, sondern prasselt auf den «blinden Schiri» nieder. Diesen zu täuschen, hat anscheinend kaum etwas Verwerfliches mehr an sich. Und genau hier sollte man meiner Ansicht nach den Hebel ansetzen.

Ist kein Unparteiischer anwesend, kann die Entscheidung nicht abgeschoben werden und es ist niemand da, den man reinlegen kann. Liegt ein Spieler auf dem Boden, müssten es die Spieler untereinander ausmachen, wie nun weitergespielt wird. Und in 99 Prozent der Fälle ist es jedem Beteiligten klar, wie die Entscheidung sein muss. Es ist lediglich eine Frage der Grösse und des Charakters, ob man ein Vergehen zugibt oder ob es einem nichts ausmacht, dem Gegenspieler geradewegs ins Gesicht zu lügen und vor Tausenden von Zuschauern im Stadion und am TV als Betrüger dazustehen.

In der Alternativliga, in der es zugebenermassen nicht um Millionen und Weltruhm geht, funktioniert das bestens. Und selbst im Profifussball fällt ab und dann ein Akteur mit einem ausprägten Gerechtigkeitssinn auf. Vor drei Wochen etwa gab Pauli-Stürmer Marius Ebbers ein Handspiel vor einem Torerfolg zu, der Treffer wurde annulliert. Und dies im Aufstiegsrennen. Mit Leuten wie Ebbers dürfte ein Spiel ohne Schiri problemlos möglich sein. Beim grossen Rest der kickenden Zunft äusserten meine Freunde hingegen grosse Bedenken.

Diese seien schlicht zu sehr darauf konditioniert, sich stets einen Vorteil erschleichen zu wollen, dass sie die Zeit, in der sie auf Bolzplätzen selber noch ohne Schiri spielen mussten, längst vergessen haben. Zudem, setzte einer drauf, der schon öfters mit Profifussballern zu tun hatte, seien die meisten nun wirklich keine Menschen mit Vorzeigecharakter. Für ihn war klar, dass der Match am Montag ohne Schiri schlicht unspielbar gewesen wäre.

Ein Versuch wäre allemal spannend. Wenn analog zur Alternativliga die erste Meisterschaftsrunde in Europa ohne Schiri gespielt würde, die Medienaufmerksamkeit gewiss ist und sich die Spieler darauf vorbereiten können, ja dann müsste es doch möglich sein, dass 22 erwachsene Männer eine Einigung in der Frage finden könnten, wer denn nun wen getreten hat. Es würde hoffentlich etwas dazu beitragen, dass die Fairness und die Sportmanship nicht ganz verkümmern. Oder etwa nicht?

Trainer vom Typus Gross sind nicht mehr zeitgemäss

Alexander Kühn am Dienstag den 1. Mai 2012


Die sportliche Ehe zwischen den Berner Young Boys und Christian Gross ist grandios gescheitert. Am Ende waren die Darbietungen auf dem Rasen so dürftig, dass selbst CEO Ilja Kaenzig die Weiterbeschäftigung des bärbeissigen Zürchers nicht mehr länger verantworten wollte. Mit seiner autoritären Art und dem wenig feinsinnigen Fussball, den Spötter als Stratosphären-Pingpong bezeichnen, kam Gross beim Berner Publikum nicht an – und bei den Spielern trotz gegenteiliger Beteuerungen offenbar auch nicht. Was soll ein Fussballer schon über seinen Chef sagen, wenn ihn ein Reporter fragt, ob er sich unter dessen Kommando wohl fühle?

Gross, der nach den Engagements beim FC Basel und dem VfB Stuttgart die dritte Entlassung innerhalb von zweieinhalb Jahren hinnehmen musste, hat enorme Verdienste um den Schweizer Fussball. Er sorgte mit GC und dem FCB in der Champions League für Furore und trug so massgeblich zur Steigerung des Ansehens der hiesigen Kicker bei. Der Glatzkopf war ein grosser Trainer – unbestritten. Das Problem ist aber, dass die Betonung hierbei auf dem Wort «war» liegt. Die Zeit der autoritären Fussball-Lehrer ist abgelaufen. Nur ganz wenige Ausnahmefiguren wie Sir Alex Ferguson von Manchester United oder der begnadete Selbstdarsteller José Mourinho von Real Madrid halten sich noch. Gross aber zählt nicht zu diesen Ausnahmefiguren.

«Ich konnte der Mannschaft nicht die gewünschte Winner-Mentalität einpflanzen», bekannte er nach seiner Entlassung vor der Presse, um anzufügen: «Ich bedaure, dass die Clubführung nach relativ kurzer Zeit das Vertrauen verloren hat.» Mit Verlaub, Herr Gross: Ein Trainer mit einem weniger klangvollen Namen wäre bei diesen Ergebnissen schon viel früher entlassen worden. Und anders als dem ebenfalls geschassten FCZ-Coach Urs Fischer hat man Ihnen im Winter auch nicht die halbe Mannschaft verkauft, sondern einen teuren Mann wie Raul Bobadilla geholt.

Benjamin Huggel, in Basel einst Schützling von Christian Gross, hat an der Meisterfeier des FCB einen klugen Satz gesagt, als er gefragt wurde, ob Heiko Vogel ein autoritärer Trainer sei: «Ein autoritärer Trainer wird keinen Erfolg haben.» Tatsächlich scheint im modernen Fussball der kumpelhafte Typ gefragt zu sein, der charmante, witzige Kommunikationsprofi, der Seelenmasseur und Gute-Laune-Bär. Basels Meistermacher Vogel fällt ebenso in diese Kategorie wie Jürgen Klopp vom Bundesliga-Primus Borussia Dortmund oder Roberto Di Matteo, der den FC Chelsea sensationell in den Final der Champions League führte und selbst das ewige Sorgenkind Fernando Torres wieder zu neuem sportlichem Leben erweckte.

Vogel, Klopp, Di Matteo – sie alle sprechen eine Sprache, die bei den naturgemäss jüngeren Spielern ankommt. Will Gross an alte Erfolge anknüpfen, muss er sich kommunikativ neu erfinden – an Kompetenz mangelt es ihm nicht. Gute Vorbilder gibt es genug. In der Schweiz sticht neben Vogel auch Murat Yakin heraus, der beim FC Luzern mit Kompetenz und Intellekt das Maximum aus der Mannschaft kitzelt, in Deutschland Lucien Favre. Favre, der mit Borussia Mönchengladbach an der Qualifikation zur Champions League teilnehmen darf, ist mit Jahrgang 1957 biologisch zwar nur drei Jahre jünger als Gross, wirkt aber mit seinen funkelnden Augen und dem jungenhaften Charme, als gehöre er einer ganz anderen Generation an. Dass sich Gross nach dem dritten Scheitern in Folge den Traum vom Job als Schweizer Nationaltrainer noch erfüllen kann, darf man nach dem aktuellen Stande der Dinge nebenbei bemerkt bezweifeln.

YB in der Sackgasse

Mämä Sykora am Montag den 30. April 2012
Enttäuschte YB-Spieler nach dem Aus gegen Winterthur im Cup, 27. November 2011.

Enttäuschte YB-Spieler nach dem Aus gegen Winterthur im Cup, 27. November 2011.

Was ist eigentlich mit YB los? Der selbsternannte erste Herausforderer des FC Basel durchlebt eine desaströse Saison: Das Aus im Cup gegen Winterthur, in der Europa-League-Qualifikation gescheitert, zudem 25 Punkte Rückstand auf jenen Verein, dem man im Kampf um die Meisterschaft fordern wollte. Wäre das diesjährige Championat nicht derart verzerrt, sähe es noch viel bitterer aus für die Berner: Mit den bescheidenen 1,379 Punkten pro Partie steht man hierzulande zwar immerhin auf Platz 3, in England würde es Platz 9 bedeuten, in Deutschland und Spanien Platz 7, und in Österreich wäre man damit schon in der hinteren Tabellenhälfte.

Dass sich derzeit eine Welle des Spotts über den BSC ergiesst, mag nicht verwundern. Das Image des Verlierers wollte man ein für allemal loswerden und präsentierte selbstbewusst das 3-Phasen-Modell, dessen Schlusspunkt der Meistertitel bilden sollte. Dafür wurde viel finanzieller Aufwand betrieben, dank der Unterstützung der Brüder Rihs konnte Verwaltungsratspräsident Benno Oertig stolz den Trainer mit dem grossen Namen vorstellen. Es kam einer Art Verzweiflungstat gleich, nachdem frühere Konzepte nicht zum gewünschten Erfolg geführt hatten.

Da war etwa die seltsam anmutende Geschichte mit der Fussballakademie in der Côte d’Ivoire, dank der YB Spieler wie Doumbia oder die Doubaï-Brüder verpflichten konnte, und die dem Verein Einnahmen von ca. 20 Millionen Franken bescherten. Dennoch wurde die Zusammenarbeit gekippt, weil es sich finanziell nicht lohne, so CEO Ilja Kaenzig. Angesichts dieser Zahlen klingt das etwas wunderlich, einige sahen in dieser Aktion eher eine Abrechnung mit dem geschassten Stefan Niedermaier, der diese Kooperation aufgegleist hatte.

Auch anderes Bewährtes wurde kurzerhand über Bord geworfen. Der bei den Fans beliebten Vladimir Petkovic – immerhin der Trainer mit dem höchsten Punktschnitt seit dem letzten Meistertitel – musste ebenso gehen wie eine Reihe talentierter Eigengewächse wie etwa François Affolter oder die Schneuwlys, andere verdiente Akteure wie Raimondi fanden sich plötzlich auf der Bank wieder. Die vielen Neuverpflichtungen vermochten derweil längst nicht alle zu überzeugen. Nuzzolo konnte nie an seine Leistungen bei Xamax anknüpfen, bei Josh Simpson wurde der Grund für seine Verpflichtung nie offensichtlich, und selbst die Leistungsträger der Vorsaison konnten ihr Potenzial nicht mehr abrufen. Namentlich Farnerud trat längst nicht mehr so dominant auf wie in den Monaten zuvor.

Bei YB wollte man den Erfolg erzwingen. Es ist zwar verständlich, dass man nicht ständig nur die zweite Geige spielen will, doch immerhin schaffte man es mit etwas Kontinuität, den Branchenprimus Basel einige Male bis zuletzt zu fordern. Nach den vielen tiefen Schnitten ist man nun so weit von der Spitze entfernt wie schon lange nicht mehr – und dies bei stark gestiegenen Ausgaben. Dass die Berner den Afrika-Cup-Triumph ihres Stürmer Emmanuel Mayuka mit dem Hinweis feierten, er habe nun einen Marktwert von 14 Millionen Franken, ist nur ein Beispiel dafür, wie sehr man die Realität in der Hauptstadt verkennt. Denn diese Zahl ist mehr als absurd, wenn man bedenkt, dass etwa Dortmunds Goldfüsschen Shinji Kagawa für den gleichen Betrag zu haben ist.

Eine Mannschaft wie Basel kann man nicht fordern, indem man seine Pläne regelmässig verwirft und einen Grossteil des Budgets für einzelne Personen aufwendet. Geld alleine reicht bei Weitem nicht, vor allem im Wissen, dass den FCB aus den bevorstehenden Transfers grosse Summen erwarten. Es wäre die Chance der Young Boys gewesen, in aller Ruhe ein funktionierendes Team aufzubauen, eigene Junioren einzubauen, von der Afrika-Connection zu profitieren und kleine Schritte nach vorne zu machen, denn so hätte man in der nächsten Saison, wenn der Konkurrent einige Schlüsselpositionen neu besetzen muss, bereit für den Zweikampf sein können.

Doch YB wählte den falschen Weg. Weil es einige Male knapp nicht gereicht hat, änderte man wiederholt das ganze Konzept, übrig geblieben ist ein Scherbenhaufen, ein extrem teurer noch dazu, der sich in der Meisterschaft mit Thun und Servette messen muss. Nun steckt der Verein geradezu in einer Sackgasse: Erwartet wird trotz dieser ernüchternden Saison auch nächstes Jahr wieder der Titel, nun ist man aber weiter davon entfernt als noch vor der Zündung der «Phase 3». Ein erster Weg aus der Krise wäre sicherlich, die Ansprüche auf ein vernünftiges Mass zu reduzieren und jetzt nach der Entlassung von Trainer Christian Gross nochmals da zu beginnen, wo Vladimir Petkovic vor knapp vier Jahren angefangen hat.

Der falsche Neid auf die Bayern

Alexander Kühn am Samstag den 28. April 2012
Heimvorteil genutzt: Bayern München fühlt sich in der Allianz Arena wohl. (Bilder: Keystone)

Heimvorteil genutzt: Bayern München fühlt sich in der Allianz Arena wohl. (Bilder: Keystone)

Statistisch betrachtet hat der FC Bayern die Champions League schon jetzt gewonnen – aus einem einfachen Grund. Das Endspiel der Königsklasse findet am 19. Mai in der Münchner Allianz Arena statt, und der deutsche Rekordmeister war in der laufenden Saison auf internationalem Parkett daheim dreimal erfolgreicher als sein Gegner auf fremden Plätzen. Es ist daher nicht verwunderlich, dass der Finalspielort München in England kritische Geister auf den Plan ruft, zum Beispiel Kenny Dalglish. «Man sollte nicht das Stadion einer Mannschaft auswählen, die am Wettbewerb teilnimmt. Das ist vollkommen unfair und ein riesiger Vorteil für Bayern München», schimpfte der Trainer des FC Liverpool.

«Vollkommen unfair»: Dalglish sieht Chelsea klar im Nachteil.

«Vollkommen unfair»: Dalglish sieht Chelsea klar im Nachteil.

Zur Illustration seiner These hier die Fakten. 7:0 gegen Basel, 2:0 gegen Marseille und 2:1 gegen Real Madrid lauten die Resultate der Bayern in der Knockout-Phase, in den Gruppenspielen gab es ein 2:0 gegen Manchester City, ein 3:2 gegen die SSC Napoli und ein 3:1 gegen Villarreal. Macht summa summarum sechs Siege in sechs Partien bei 19:4 Toren. Für Chelsea weist die Datenbank neben dem tapfer erkämpften 2:2 beim gescheiterten Titelverteidiger FC Barcelona nur ein wirklich gutes Auswärtsresultat aus – das 1:0 gegen Benfica Lissabon im Viertelfinal-Hinspiel. In den Achtelfinals setzte es für die Londoner ein 1:3 in Neapel, in der Vorrunde hiess es aus Sicht der Blues 1:1 gegen Valencia und Genk sowie 1:2 in Leverkusen. Unter dem Strich stehen ein Sieg, drei Remis und zwei Niederlagen – Tordifferenz 7:9.

Muss man sich also der These von Dalglish anschliessen und den Bayern das siebte Champions-League-Heimspiel der Saison missgönnen? Als reiner Zahlenmensch schon, als Freund des Fussballs aber nie und nimmer. Erstens gehört die Ungerechtigkeit nun einmal zum Sport – man denke nur an die Halbfinalduelle zwischen Barça und Chelsea – und zweitens würde Dalglishs Forderung den Grossteil der schönsten Arenen Europas zum vornherein als Finalspielorte ausschliessen: das Bernabéu in Madrid, das Camp Nou in Barcelona und eben auch die wunderbare Allianz Arena vor den Toren Münchens. Ein spontanes Umschwenken ist aus logistischer Sicht kaum machbar, die Uefa kann sich schlecht erst einen Monat vor dem grossen Endspiel auf einen Austragungsort festlegen.

Fand den Weg: Der FC Bayern ist in München angekommen.

Fand den Weg: Der FC Bayern ist in München angekommen.

Die Wahl eines festen Finalspielorts wie etwa im englischen FA Cup oder im DFB-Pokal würde die Ungerechtigkeit nur ein wenig mildern. Wäre es denn kein Heimvorteil mehr, wenn Chelsea zum Beispiel im Londoner Wembley zu einem Endspiel antreten würde? Bleibt die theoretische Möglichkeit, den Final der Königsklasse in ein Land zu vergeben, dessen Vertreter sicher nicht um die europäische Krone spielen werden. Die Schweiz könnte so zum Handkuss kommen. Doch ein finales Duell zwischen den Bayern und Real Madrid im Stade de Suisse oder im Basler St. Jakob-Park wäre bei aller Liebe zu den zwei schmucken Arenen blanker Unsinn. Die beiden Stadien sind schlicht zu klein. Schon jetzt muss man fast so viel Glück wie ein Lottokönig haben, um sich zu regulären Preisen Tickets für den Champions-League-Final zu sichern.

Und überhaupt: Wenn man bei der Wahl des Finalspielorts schon so päpstlich tut, was ist dann mit den teils absurden Schulden, welche die Spitzenvereine aus Spanien und England haben? Könnten die Bayern dann nicht auch sagen, dass sie nicht gegen Real Madrid spielen wollen, weil die Königlichen derart königlich in der Kreide stehen, dass die Sittenwächter des DFB ihnen erst gar keine Lizenz erteilen würden? Die Ungerechtigkeit gehört einfach zum Fussball, und das ist gut so. Um wie viel ärmer wäre die Geschichte dieses Sports, wenn es das Wembley-Tor im WM-Final 1966 zwischen England und Deutschland oder Diego Maradonas Treffer mit der Hand Gottes gegen die Engländer an der WM 1986 nicht gegeben hätte? Eben. Beim letzten wirklich bedeutenden Duell zwischen einer deutschen und einer englischen Mannschaft auf Münchner Boden siegten übrigens die Gäste von der Insel. Deutschlands Nationalteam unterlag England in der Qualifikation zur WM 2002 im alten Olympiastadion am 1. September 2001 mit 1:5.

Plädoyer gegen Penaltys

Mämä Sykora am Donnerstag den 26. April 2012
Der Anfang vom Ende für Real: Cristiano Ronaldo schiesst, Neuer hält. (Bilder: Keystone)

Der Anfang vom Ende für Real: Cristiano Ronaldo schiesst, Neuer hält. (Bilder: Keystone)

Zwei wahrlich tolle Halbfinals sahen wir in der diesjährigen Champions League. Es gab es zwar bestimmt schon fussballerisch höherklassige Begegnungen, aber an Spannung waren die Partien kaum zu überbieten. Gestern fielen bei Real gegen Bayern schon in der ersten Halbzeit drei Tore, wodurch das Hinspiel-Ergebnis egalisiert wurde, zwei davon auf Penaltys. Und ich mag schlicht und einfach keine Penaltys.

1891 wurde der Elfmeter eingeführt, eine Erfindung des irischen Leinenfabrikants und Torwarts William McCrum. Seine Idee wurde umgesetzt, nachdem ein Spieler von Notts County auf der Torlinie ein absichtliches Handspiel begangen hatte, worauf man sich nach Möglichkeiten für eine gerechte Bestrafung umgeschaut hatte. Damit wird auch klar, was die ursprüngliche Absicht gewesen ist: Wem eine klare Torchance regelwidrig vereitelt wird, der soll durch den Strafstoss mit einer ähnlich erfolgsversprechenden Situation entschädigt werden.

Die Neuerung wurde nicht nur positiv aufgenommen. C. B. Fry von Southampton liess verlauten: «Es ist eine Beleidigung des Ansehens von Sportleuten, wenn sie unter einer Regel spielen müssen, die unterstellt, dass die Spieler ihrem Gegner absichtlich ein Bein stellen, treten und schlagen und sich benehmen wie üble Kerle der gewissenlosesten Sorte.» Und der Corinthian FC aus London setzte Elfmeter jeweils absichtlich daneben. Gab es Strafstoss gegen sie, stellten sie keinen Torwart ins Tor. Würden diese Spieler heutige Fussballpartien schauen, sie würden sich angeekelt abwenden.

Genial daneben: Der dreifache Weltfussballer Lionel Messi verschiesst einen Penalty gegen Chelsea, Barcelona verpasst den Finaleinzug.

Genial daneben: Der dreifache Weltfussballer Lionel Messi verschiesst einen Penalty gegen Chelsea, Barcelona verpasst den Finaleinzug.

Bei praktisch jedem Körperkontakt im Strafraum, bei jeder Ballberührung eines Verteidigers mit etwas anderem als dem Fuss schreien Fussballer nach einem Elfmeter. Und viel zu oft haben sie damit Erfolg. Was vor über 100 Jahren als ultimative Bestrafung für eine sich in höchster Not mit unfairen Mitteln wehrende Defensive eingeführt wurde, entscheidet heute regelmässig wichtige Spiele, ohne dass überhaupt eine gute Tormöglichkeit verhindert wurde. So weit hat William McCrum damals nicht gedacht, und das machen sich die cleveren Stürmer von heute zunutze.

Dass die modernen Profis deutlich häufiger ein Foul vortäuschen als früher, ist hinlänglich bekannt. Und laut Reglement zieht jedes Vergehen im Strafraum einen Elfmeter nach sich. Hier kann man also den Schiedsrichtern keinen Vorwurf machen, denn es gibt keinen Grund, warum eine von den Unparteiischen als Foul taxierte Aktion im Strafraum anders beurteilt werden soll, als wenn sie im Mittelfeld passiert wäre. Die Stürmer sind geschickt und wissen, wie sie fallen müssen, um einen Pfiff zu provozieren. Zu lange wurde hier tatenlos zugeschaut, zu wenig abschreckend sind die Strafen für Schwalbenkönige, als dass sich hier in absehbarer Zeit etwas ändern würde.

Der Effekt davon ist, dass der Strafraum wohl der Bereich des Spielfeld ist mit den meisten «Fouls» pro Quadratmeter. Ob Schubser im Gewühl an der Sechzehner-Grenze oder ungestümes Herauslaufen des Torwarts und Stürmerkontakt an einer Stelle, von der ein Torschuss schon gar nicht mehr möglich ist – das Verdikt heisst stets Elfmeter, ganz egal, ob es eine Torchance gewesen wäre oder nicht. Und dann kommt auch noch dieses vermaledeite Hands dazu, das in meinen Augen viel zu oft zur Höchststrafe führt.

Wir nehmen nochmals das Regelbuch hervor: «Ein Handspiel liegt vor, wenn ein Spieler den Ball absichtlich berührt. Dabei achtet der Schiedsrichter auf die Bewegung der Hand zum Ball (nicht des Balls zur Hand).» Gestern bekam Alaba einen Di Maria-Volley aus zwei Metern an den Arm geschossen, wie das Video unten zeigt. Hat jemand eine Absicht bemerkt? Ging etwa die Hand zum Ball? Wohin soll Alaba seinen Arm versorgen, wenn er grätscht? Darf man bald nur noch die Arme hinter dem Rücken verschränkt haben in der Verteidigung, wie es heute tatsächlich bereits viele Spieler machen in solchen Situationen? Ist das dann etwa die viel zitierte «natürliche Handhaltung»?


Arm dran: Alaba konnte nicht anders, als einen Penalty zu verursachen. (Quelle: Youtube)

Meiner Ansicht nach sind die vielen ausgesprochenen Elfer Gift für das Spiel. Nicht wenige Angreifer suchen zuerst den Penaltypfiff und erst in zweiter Linie den Torerfolg. Dem entgegenwirken könnte man gleich doppelt: Einerseits die Handsregel wieder so anwenden, wie sie ursprünglich geplant war, nämlich indem nur offensichtlich absichtliche Handspiele gepfiffen würden, andererseits auch die Elfmeter wieder nur bei «Notbremsen» verhängen. Die ganzen restlichen Vergehen im Strafraum – und die machen den Grossteil aus – sollten lediglich einen Freistoss zur Folge haben. Das ergäbe noch immer eine gute Gelegenheit für ein Tor, aber es wäre bei Weitem nicht mehr so fatal wie diese unsäglichen Penaltys. Ich denke, das wäre durchaus im Sinne von Mister McCrum.

Rache an Real

Alexander Kühn am Mittwoch den 25. April 2012


Jupp Heynckes ist kein Mann der lauten Töne. Im gesegneten Traineralter von fast 67 Jahren erst recht nicht mehr. So verwundert es nicht, dass der Stratege auf der Bank des FC Bayern vor dem heutigen Halbfinal-Rückspiel in der Champions League bei Real Madrid jede Polemik vermeidet. Wie es in seinem Inneren aussieht kann man aber nur erahnen. Heynckes hat mit Real noch eine Rechnung offen – und zwar eine von historischem Format. 14 Jahre ist es her, dass der Deutsche mit den Madrilenen die Krone des europäischen Clubfussballs gewann und dann statt eines neuen Vertrags doch nur einen Tritt in den Hintern bekam.

In den Augen der Real-Führung war Heynckes stets ein Notnagel. Den Job im Bernabéu bekam er nur, weil der heutige Schweizer Nationaltrainer Ottmar Hitzfeld dem spanischen Rekordmeister zuvor eine Absage erteilt hatte. Entsprechend respektlos war die Kommunikation bei seiner Entlassung. Der damalige Real-Präsident Lorenzo Sanz unterrichtete zunächst einen Radiosender von seinem Entschluss, erst dann telefonierte er mit dem geschassten Coach. Noch wichtiger als der Erfolg sei bei Real der Draht zu den Mächtigen, lautet Heynckes’ Lehre aus dem bewegten Jahr in Madrid. Man müsse nicht nur ein begnadeter Trainer sein, sondern auch ein Verkäufer der Extraklasse.

José Mourinho ist so ein Verkäufer. Einer der sich seinen Vorgesetzten gegenüber wie ein Gott gebärden kann, obwohl er seit seiner Ankunft im Jahr Sommer 2010 noch keinen bedeutenden Titel gewinnen konnte und seinen ersten Clásico gegen den Erzrivalen FC Barcelona am 29. November 2010 im Camp Nou mit 0:5 verlor. Mourinho steht für den Glamour, der bei Real Madrid ganz oben im Pflichtenheft figuriert. Ob er auch der bessere Taktiker als Heynckes ist, hat der Portugiese heute Abend aber erst noch zu beweisen. Er muss mit der Erwartungshaltung klarkommen, die er selbst geschaffen hat.

Trainer Heynckes ist im Bayern-Kader nicht der Einzige, für den das Motto «Rache an Real» gilt. Auch sein Flügel Arjen Robben weiss, wie es ist, wenn man bei den Königlichen nicht mehr erwünscht ist. Nach den Transfers von Cristiano Ronaldo und Kaká legte ihm die Chefetage im Sommer 2009 den Abschied nahe – knapp zwei Jahre zuvor war er für 36 Millionen Euro von Chelsea nach Spanien gelotst worden. Robben machte anders als Heynckes kein Geheimnis daraus, wie sehr ihn die Vertreibung aus Madrid traf: «Von aussen betrachtet sieht bei Real immer alles so schön aus, aber wenn man drin ist, kommt es einem ganz anders vor als aus der Entfernung», sagte er der holländischen Zeitung «Sportwereld». «Ich finde nicht, dass ich in Madrid sehr gut behandelt wurde. In diesem Verein ist alles so politisch.»

Man kann sich denken, welche Befriedigung es für den Holländer wäre, seinem Ex-Club einen grossen Strich durch die Rechnung zu machen. Trifft Robben im Bernabéu für die Bayern, muss Real schon drei Tore schiessen, um den Champions-League-Final zu erreichen. Das Erreichen des Endspiels würde den Flügelspieler auch ein wenig für den mit 0:1 verlorenen WM-Final 2010 gegen Spanien entschädigen. Dort hätte er in der 83. Minute nach einem Zuspiel von Robin van Persie zum Helden werden können, scheiterte aber am herausstürzenden Real-Goalie Iker Casillas.

Raubbau an Fussballerkörpern

Mämä Sykora am Montag den 23. April 2012
Lionel Messi während des Spiels gegen Real, 21. April 2012.

Die Fussballprofis spielen bis zum Umfallen: Lionel Messi während des Spiels gegen Real, 21. April 2012.

Fussballprofis in Top-Vereinen verdienen viel Geld. Verdammt viel Geld. Dafür – so die weit verbreitete Meinung – darf man auch einiges von ihnen erwarten. Noch vor nicht allzu langer Zeit, bestand das Pflichtprogramm für die Profis aus den Meisterschaftspartien, einigen Cup-Fights sowie bei den wenigen Vereinen, die europäisch spielten, aus einer Handvoll internationalen Partien. Der Rest der Zeit diente dem Training und der Regeneration, die besten aus den Top-Nationen spielten zudem alle zwei Jahre noch ein paar EM- oder WM-Spiele.

Die Anzahl der in einer Saison zu absolvierenden Spiele ist seither massiv gestiegen. Bei einem erfolgreichen Champions-League-Teilnehmer kommen noch circa 10 Partien (und damit ebenso viele englische Wochen) hinzu, wenn’s ganz dumm (bzw. erfolgreich) läuft, stehen als Bonus noch Dinge wie der UEFA-Supercup oder die FIFA Klub-WM an. Und wenn andere Fussballer in die Ferien fahren, dürfen die Besten der Besten im Sommer direkt im Anschluss an die Meisterfeier ins EM- oder WM-Trainingslager einrücken, im Winter sind sie zudem verpflichtet, mit ihren Vereinen sportlich höchst fragwürdige, aber finanziell sehr einträgliche Freundschaftsspiel-Serien in Asien zu spielen. Den überspielten Stars eine Pause zu gönnen liegt nicht drin, Sponsoren und Zuschauer erwarten deren Einsatz.

Die Folgen dieses Raubbaus an den Körpern der Stars werden jedes Jahr spätestens im Frühling offensichtlich. Dieses Wochenende blieb Lionel Messi gegen Real Madrid derart ohne Einfluss, dass schon wenige Stunden nach dem Schlusspfiff folgender Witz die Runde machte: «Was haben ich und Lionel Messi gemeinsam? – Wir haben beide am Samstag beim ‹Clásico› zugeschaut.» Sicher, das lag nicht nur daran, dass der kleine Argentinier am Ende seiner Kräfte ist, denn immerhin verteidigte Real hervorragend, aber dass es bereits sein 54. Pflichtspieleinsatz in dieser Saison war, ist bestimmt auch ein Grund dafür. Und die grossen Entscheidungen stehen erst noch an…

Die Engländer leisten sich sogar weiterhin zwei Pokalwettbewerbe, je nach Runde sogar mit Hin- und Rückspiel bzw. mit einem Wiederholungsspiel im Falle eines Remis. Auch wenn einige Vereine zumindest im Carling Cup mehrheitlich Ergänzungsspieler auflaufen lassen, kommen die grossen Stars wie ihre Kollegen in Spanien auf über 60 Spiele pro Jahr – und das nahezu ohne Pause. Und just wenn mit dem Schlusspfiff des letzten Meisterschaftsspiel die letzten Kraftreserven aufgebraucht sind, beginnt die EM. Es kann nicht erstaunen, dass die Affichen zwischen den besten Mannschaften des Kontinents unter diesen Umständen nur selten halten können, was sie versprechen.

Das Rotationsprinzip, das Ottmar Hitzfeld bei den Bayern einst eisern angewandt hatte, findet bei Europas führenden Vereinen kaum Anwendung. Gerade in Spanien und England, wo die Meisterschaften meistens zu Zweikämpfen verkommen, will kein Trainer Gefahr laufen, sich im Falle eines Ausrutschers unangenehme Fragen zur Aufstellung gefallen lassen zu müssen. Die Superstars und Leistungsträger laufen somit immer auf, egal ob Auswärtspartie beim Tabellenvorletzten, Champions-League-Halbfinale oder Freundschaftsspiel gegen die thailändische Nationalmannschaft.

Über einige Saisons hält ein gut trainierter Körper diese irre Belastung aus, mit der Zeit lässt das Leistungsvermögen indes nach. Für uns Zuschauer bedeutet das, dass wir an den grossen Endrunden Akteure sehen, die schon auf dem Zahnfleisch gehen, und damit ist die Gesundheit der Spieler in Gefahr. Nach dem tragischen Tod des Livorno-Profis Piermario Morosini vor einer Woche meldete sich Ex-Nationalspieler Antonio Di Natale zu Wort: «Wir müssen weniger und nicht so schnell hintereinander spielen. Fussball ist schön und wichtig, aber wir müssen auch auf unsere Gesundheit achten.» Und selbst Sepp Blatter sieht die Bedrohung für seine einträgliche WM und liess die Engländer wissen, dass bei ihnen zu viel Fussball gespielt werde.

Nur: Die heimischen Championnats waren schon immer da, während die zusätzlichen Termine immer mehr wurden. Die EM und die WM wurden massiv vergrössert, die Anzahl Qualifikationsspiele nahm laufend zu, die Europacup-Wettbewerbe aufgeblasen, neue Turniere geschaffen und zudem gibt’s nun auch noch statt Ferien Sponsorentours. Ob das lange gut geht? Wie es scheint, versuchen die Vereine derzeit, die Schmerzgrenze auszuloten. Denn mehr Partien ergeben auch mehr Einnahmen, und solange die Spieler es irgendwie aushalten, wird daran nichts geändert. Für die Klubs liegt die Schuld ohnehin beim dichten Kalender der Nationalmannschaften. Erst kürzlich wurden höhere Entschädigungszahlungen für Nationalspieler erstritten, damit bleibt der Terminkalender weiterhin randvoll.

Ein weiterer Ausbau der Anzahl Spiele pro Jahr ist kaum mehr möglich, eine Reduktion hingegen ebenso undenkbar. Die aktuelle Generation Superstars wird so lange am körperlichen Limit spielen müssen, bis ihren Vereinen – ihren «Besitzern» – daraus ein Nachteil entsteht. Und das ist erst der Fall, wenn diese Kicker ihre Leistung nicht mehr bringen können oder gar von ständigen Verletzungen geplagt sind.

Red Bull und die Albtraumliga

Alexander Kühn am Samstag den 21. April 2012
Stierisch ernst: So präsentiert sich die 1. Mannschaft von RB Leipzig auf der Vereinswebsite.

Stierisch ernst: So präsentiert sich die 1. Mannschaft von RB Leipzig auf der Vereinswebsite.

Dietrich Mateschitz, der Chef des Energydrink-Herstellers Red Bull, ist es gewohnt, dass alles zu Gold wird, was er anfasst. Erst recht nach dem zweiten Weltmeistertitel für sein Formel-1-Team um Sebastian Vettel im vergangenen November. Der Red-Bull-Masterplan zur Eroberung des deutschen Fussballs funktioniert aber auch rund drei Jahre nach der Gründung des Retortenvereins Rasenballsport Leipzig hinten und vorne nicht. Zwar begann die Saison für RB mit dem Sieg über das VW-Spielzeug VfL Wolfsburg in der 1. Runde des DFB-Pokals glänzend, in der viertklassigen Regionalliga Nord liegen die Leipziger aber fünf Runden vor Schluss vier Punkte hinter dem einzigen Aufstiegsplatz zurück. Trotz des renommierten Trainers Peter Pacult und erfahrenen Profis wie dem österreichischen Nationalstürmer Roman Wallner oder Pekka Lagerblom, der zwölfmal das Trikot der finnischen Auswahl trug und in Deutschland auf 25 Einsätze in der 1. Bundesliga kam.

Die Verantwortlichen in Leipzig machen kein Geheimnis daraus, dass ihr Ziel mittelfristig 1. Bundesliga und langfristig Champions League heisst. Wenn der starke Regionalliga-Tabellenführer Hallescher FC um den früheren Nürnberger Bundesliga-Profi Maik Wagefeld nicht noch empfindlich einbricht, werden die Gegner von RB in der kommenden Saison aber weiter Germania Halberstadt, TSV Havelse oder ZFC Meuselwitz heissen. Gegen die Mannschaft aus dem thüringischen 11’000-Einwohner-Örtchen Meuselwitz kassierten die Leipziger vor zwei Wochen zu Hause eine wohl verhängnisvolle 0:1-Niederlage. Krasser als an diesem Tag kann die Differenz zwischen Anspruch und Wirklichkeit bei den steinreichen fussballerischen Sendboten des Red-Bull-Konzerns kaum zutage treten. Bayern München oder Borussia Dortmund sind sportlich Lichtjahre entfernt.

Das Problem der RB-Equipe, die im vergangenen Jahr gegen den Chemnitzer FC im Aufstiegsrennen den Kürzeren zog, liegt auf der Hand. Gegen den Krösus der Regionalliga Nord ist jedes Team motiviert, als handle es sich um einen Pokalfight mit dem FC Bayern. Den reichen Emporkömmlingen gönnt keiner den Erfolg, einem Traditionsverein wie Chemnitz oder Halle dagegen schon. Ein Team, das sich gegen Leipzig zerreisst, legt sich gegen Halle nach einem Rückstand vielleicht nicht mehr ganz so fest ins Zeug. Heute Nachmittag muss RB beim Tabellendritten Holstein Kiel antreten, dem Lieblingsclub des Comic-Helden Werner. Die Kieler haben bei zwei Punkten Rückstand auf Leipzig selbst noch eine kleine Chance auf den Aufstieg in der 3. Liga.

«Schwule Sau»: So konterte Trainer Pacult den verbalen Angriff eines St.-Pauli-Fans. (Keystone)

«Schwule Sau»: So konterte Trainer Pacult den verbalen Angriff eines St.-Pauli-Fans. (Keystone)

Zum sportlichen Krebsgang kommen bei RB in schöner Regelmässigkeit peinliche Geschichten über das Fehlverhalten des Personals. Zuletzt geriet Trainer Pacult ins Kreuzfeuer der Kritik, weil er gemäss übereinstimmenden Berichten von «Bild» und «Hamburger Morgenpost» beim Spiel gegen die Amateure des FC St. Pauli Anfang April einen Anhänger der Hansestädter als «schwule Sau» beschimpfte. Der Fan habe ihn zuvor provoziert und einen «schwulen Österreicher» genannt, rechtfertigte sich Pacult. Es habe während des Spiels weitere Beleidigungen gegen ihn und seine Spieler gegeben, selbst körperliche Angriffe seien nicht ausgeblieben.

Im Juli 2010 hatte sich die Presse in Sachsen genüsslich über verbotene Besuche von RB-Spielern in der Mensa der Leipziger Universität hergemacht. Mehrere der fürstlich entlohnten Fussballer verschafften sich mittels geliehener Chipkarten eines der vom Staat subventionierten Tagesmenüs zu Preisen zwischen 1.50 und 3.50 Euro. Von Betrug am Steuerzahler war die Rede, Werbung für Red Bull sieht anders aus.

Ist Balotelli zu dumm für den Fussball?

Mämä Sykora am Donnerstag den 19. April 2012

Er ist zweifellos einer der talentiertesten Fussballer unseres Planeten: unberechenbar, vielseitig einsetzbar, mit einem tollen Antritt und einem harten Schuss gesegnet, physisch und technisch äusserst stark. Mehr als Mario Balotelli kann man nicht mitbringen, um auch zu einem der besten Spieler der Welt zu werden. Und doch ist fraglich, ob es «Super Mario» so weit bringen wird. Nicht wegen seinen Leistungen auf dem Feld, sondern wegen der nicht abreissen wollenden Serie an Undiszipliniertheiten und Eskapaden.

Sein oft als schwierig bezeichneter Charakter fiel schon früh auf. Nachdem sein Förderer Roberto Mancini bei Inter Mailand entlassen wurde, schwelte zwischen Balotelli und dem neuen Trainer José Mourinho ein offener Konflikt, worauf der Stürmer tatsächlich in einem Trikot der AC Milan in einer italienischen TV-Sendung auftrat. Im ersten Spiel nach seiner Sperre wusste er nach dem Schlusspfiff nichts besseres, als sein Shirt auf den Boden zu schmeissen, somit war er für Fans, Mitspieler und den Verein nicht länger tragbar.

Mit einem stolzen Gewinn wurde er zu Manchester City verkauft, wo er wieder unter Mancini auflaufen konnte. Und da wurde er als jener Junge bekannt, der schlicht nicht mit dem Druck, dem Ruhm und dem Geld umgehen kann. Auf dem Feld häuften sich grobe Fouls – sein Total bei den Blues steht mittlerweile bei 4 Platzverweisen sowie einer nachträglich ausgesprochenen Sperre von 4 Partien, weil er Tottenhams Scott Parker auf den Kopf getreten war – dazu gesellten sich einige Verfehlungen neben dem Feld. Er fuhr gleich mehrere Luxuskarossen zu Schrott, spielte in seinem Haus mit Feuerwerkskörpern herum bis die Löschfahrzeuge ausrücken mussten, beleidigte die Stadt Manchester («Ich bin hier nicht glücklich, ich mag die Stadt nicht») und nach der Wahl zum «Golden Boy 2010» seinen Arsenal-Konkurrenten Jack Wilshere («Wie heisst der? Wil…? Kenn ich nicht. Aber ich werde ihm die Trophäe zeigen, wenn ich gegen ihn spiele, und ihn dran erinnern, dass ich sie gewonnen habe»), und er schoss mit Dartpfeilen auf City-Junioren. Hinzu kommt sein exzessiver Lebensstil: Der Garten seines Hauses wurde in eine Rennstrecke für Quad-Bikes umgebaut, er besuchte trotz Ausgangssperre vor einem Spiel ein Pub und schmiss für 1000 Pfund eine Lokalrunde. Und auf Italiens Ersatzbank bei einem Spiel gegen die Färöer hantierte er mit einem iPad herum. Wäre Balotelli eine Figur aus einem Fussballfilm, man würde sie für überzeichnet und übertrieben halten.

Bislang schlugen bei ihm sämtliche «Erziehungsmethoden» fehl. Weder die harte Hand von Mourinho noch die väterlichen Versuche von Mancini («In seinem Alter macht man nun mal noch Fehler. Er ist verrückt, aber ich liebe ihn, weil er ein guter Mensch ist») konnten den Sohn ghanaischer Immigranten von seinen Fehltritten abbringen. Nach dem Platzverweis beim wohl meisterschaftsentscheidenden 0:1 gegen Arsenal ist nun auch bei Mancini der Kragen geplatzt und er kündigte an, dass Balotelli in dieser Saison keine Rolle mehr spielen werde und im Sommer zum Verkauf stünde: «Ich bin mit ihm fertig!» Der in Ungnade gefallene konterte, indem er angab, die Nationalmannschaft komme ohnehin «vor allem anderen». Doch auch da stehen seine Karten schlecht. Azzurri-Trainer Cesare Prandelli stellte nach dem jüngsten Aussetzer seine EM-Teilnahme in Frage. Bereits zuvor hatte er aus disziplinarischen Gründen auf sein Stürmerjuwel verzichtet.

Für die britische Yellow Press ist Balotelli indes ein Glücksfall. Nicht erst seit seinem missglückten und auf Youtube verewigten Versuch, ein Überziehleibchen anzuziehen, wird er schonungslos als «Spatzenhirn» («The Sun») verhöhnt, jede noch so kleine Episode aus seinem wilden Leben wird genüsslich ausgeschlachtet und ausgeschmückt. Die Urteile über ihn könnten hingegen unterschiedlicher nicht ausfallen. Die einen halten ihn «sogar für den Profifussball zu dumm», andere bemitleiden ihn, weil er seine Jugend nicht ausleben durfte und von den Anforderungen an einen modernen Profifussballer überfordert ist, wieder andere halten ihn für «die coolste Sau der Welt» (Benjamin Kuhlhoff). Die Wahrheit liegt – wie so oft – wohl irgendwo dazwischen.

Zwischen den aalglatten und nicht selten langweilig wirkenden Kickern von heute wirkt Balotelli wie ein Fremdkörper. Mit seinen Allüren ist er mehr Rockstar denn Profisportler. Er ist ein George Best in einer Zeit, die so ein Verhalten nicht mehr toleriert. Dabei ist es genau diese Verrücktheit, die ihm seine Geistesblitze auf dem Platz erst ermöglichen. Wer ihn in ein Korsett zu zwängen versucht, der raubt ihm eine grosse Stärke. Dass er sich keine Platzverweise mehr erlauben kann, hat er hoffentlich nach Mancinis heftiger Reaktion gelernt. Wenn ihm seine sonstigen Extravaganzen toleriert werden, kann er zum besten Stürmer der Welt werden. Ich hoffe für ihn und die Fussballwelt, dass seine Lust nicht durch stetiges Disziplinieren verloren gehen wird.

Was am Bayern-Dusel wirklich dran ist

Alexander Kühn am Mittwoch den 18. April 2012


Beim Bundesliga-Gipfel in Dortmund waren die Bayern vom Glück verlassen. Arjen Robben verschoss einen Penalty und vergab in der Schlussphase eine hochkarätige Chance zum Ausgleich. Am Ende stand eine 0:1-Niederlage, die gleichbedeutend war mit der Kapitulation im Kampf um die deutsche Meisterschaft. Gestern Abend um exakt 22.32 Uhr war er scheinbar aber wieder da – der sprichwörtliche Bayern-Dusel. Mario Gomez traf in der 90. Minute des Halbfinal-Hispiels in der Champions League gegen Real Madrid zum 2:1 für die Münchner. Nicht mit einem kunstvollen Schlenzer oder einem spektakulären Fallrückzieher, nein, Gomez drückte den Ball trotz seiner spanischen Wurzeln rustikal bayerisch über die Linie. Und dann auch noch zu diesem späten Zeitpunkt. Glückhaft würden es nicht wenige nennen.

Wer während der rund 94 Minuten in der Allianz Arena Bayern-Dusel finden wollte, wird auch auf die 17. Minute verweisen, als das 1:0 für die Deutschen fiel. Beim erfolgreichen Abschluss von Franck Ribéry stand Luiz Gustavo nämlich im Abseits. Zur Erleichterung der Bayern blieb die Pfeife des englischen Schiedsrichters Howard Webb aber stumm. Zwei Tore und zweimal Dusel also, könnte man sagen – typisch Bayern eben. Letztlich ist die Beschwörung des Bayern-Dusels aber nichts als dummes Geschwafel. Ein Kondensat aus mangelnder Einsicht, selektiver Wahrnehmung und der Unfähigkeit, Kampfgeist und Willenskraft anzuerkennen. Genauso gut könnte man im Tennis von einem Djokovic-Dusel reden, weil der Serbe seit Januar 2011 die ganz wichtigen Spiele auch dann gewinnt, wenn er sich scheinbar aussichtslos im Hintertreffen befindet. Der French-Open-Halbfinal gegen Roger Federer im vergangenen Juni bestätigt als Ausnahme diese Regel nur.

Ein Tennisjournalist, an den die Leser den Anspruch der Objektivität stellen, würde sich jedoch kaum anmassen, Djokovics Erfolg auf ein Glücks-Gen zurückzuführen, zu sehr würde er sich der Lächerlichkeit presigeben. Den Bayern aber darf jeder andichten, sie seien in unerträglichem Mass vom Glück begünstigt. Im Gegensatz zum charmanten Djokovic füllen sie in den Köpfen der meisten Sportfans die Rolle des unsympathischen Grosskotzes aus und müsse als Mülleimer für den angestauten Frust der Enttäuschten hinhalten. «Für diejenigen, die die Bayern nicht mögen, ist es eine Erleichterung, nicht die Leistung der Mannschaft anerkennen zu müssen, sondern ihr Glück für ihre Erfolge verantwortlich machen zu können», schreibt Christian Schütte in seinem Buch mit dem Titel «Matchwinner und Pechvögel: Ergebniserklärung in der Fussballberichterstattung». Treffender kann man es nicht formulieren.

An einer rationalen Auseinandersetzung anhand statistischer Erhebungen besteht kein Interesse. Dabei liegt es bei nüchterner Betrachtung auf der Hand, dass die Bayern gerade auf nationaler Ebene einfach deshalb öfter in engen Situationen die Oberhand behalten, weil sie weit mehr als die meisten Gegner ein Kollektiv mit herausragender Physis und Psyche bilden. Oder etwas einfacher formuliert: Qualität setzt sich eben durch. Ob in der ersten oder der letzten Minute spielt mathematisch keine Rolle. Die Bayern besitzen in den Augen des Sportpsychologen und früheren Bundesliga-Torhüters Philipp Laux den Glauben, «jedes Spiel zu jedem Zeitpunkt noch gewinnen zu können», was unter anderem damit zu tun habe, dass der Club seine Ziele klar formuliere und sich die Spieler mit dieser positiven Art des Denkens identifizierten.

Noch besser als mittels aller theoretischen Betrachtungen lässt sich der Mythos vom Bayern-Dusel jedoch mit einem einfachen Beispiel zerpflücken – dem Champions-League-Endspiel von 1999 gegen Manchester United. Die damals noch vom heutigen Schweizer Nationalcoach Ottmar Hitzfeld trainierten Münchner führten bis in die Nachspielzeit mit 1:0, hatten den Pfosten und die Latte getroffen, ehe der grösste anzunehmende Fussballunfall geschah – zwei Gegentreffer binnen zwei Minuten durch Teddy Sheringham und Ole Gunnar Solskjaer. Die denkwürdige Partie hat längst Eingang in die Geschichtsbücher gefunden, das Gerede vom Bayern-Dusel aber ist dennoch geblieben.