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GC sucht den Superstar!

Thomas Renggli am Montag den 30. Mai 2011

Mitteilung in eigener Sache: Thomas Renggli verlässt zu unserem grossen Bedauern den Steilpass-Blog. Wir möchten ihm für seine ausgezeichneten, pointierten und mit viel Herzblut geschriebenen Beiträge bedanken. Die immer wieder sehr leidenschaftlich geführten Diskussionen an dieser Stelle haben gezeigt, dass Fussball kaum jemanden kalt lässt. Also: Danke Thomas und alles Gute!

Der Steilpass wird selbstverständlich weitergeführt, mit Annette Fetscherin und einem weiteren Blogger, der in Kürze hier vorgestellt wird. - Die Redaktion.

Trotz späten Frühlingsgefühlen schlossen die Grasshoppers die Super-League-Saison im sportlichen Niemandsland ab – ohne Abstiegssorgen, aber fern jeglicher europäischer Perspektiven. So fehlt dem Klub kurzfristig die wichtigste Einnahmequelle.

Damit dies künftig wieder anders wird, greift der Rekordmeister zu unüblichen Methoden. In Kooperation mit dem Schweizer Sportfernsehen will er sein Kader via TV-Casting auf Vordermann bringen: «GC sucht den Superstar».

Der Klub, der sich der Talentförderung verschrieben und jährlich mehrere Millionen in den Campus in Niederhasli investiert, setzt künftig in der Mannschaftszusammensetzung also auf die öffentliche Meinung. Die Vorselektion übernimmt eine Fachjury – beispielsweise Gilbert Gress, Baschi und Christa Rigozzi -, das definitive Verdikt wird per Telefonabstimmung gefällt. Auch Fans des FCZ und aus Basel dürfen mitentscheiden, wer einen Profivertrag beim früheren Nobelklub erhält. Ob Ciriaco Sforza oder doch Dieter Bohlen das Vetorecht erhält, ist derzeit Gegenstand von Verhandlungen.

Der Anforderungskatalog an die Kandidaten ist nicht bis ins letzte Detail bestimmt, dürfte aber umfangreich sein. Neben fussballerischen Tests müssen die Berufssportler in spe unter anderem ihre Mediengewandtheit (ein Interview auf Walliser-Tiitsch mit Rainer-Maria Salzgeber), ihre Fachkompetenz (Wie heisst der aktuelle Trainer des FC Sion?) und ihre Geographie-Kenntnisse (Wie kommt man ohne Navigationssystem in weniger als 60 Minuten von Niederhasli in den Letzigrund?) beweisen. Secondos haben ausserdem einen freundeidgenössischen Treuschwur zu leisten und die Nationalhymne vor jeder Folge vorzusingen.

Die entscheidende Frage aber bleibt vorderhand unbeantwortet. Wer wird sich melden? Die Messis und Ronaldos von der Rentenwiese beim Bürkliplatz? Der Torschützenkönig am Grümpelturnier des FC Schwerzenbach? Undercover-Journalisten, die endlich in die Kabine wollen? Oder gar ein von Sforza einst verkanntes Talent, das sich auf dem zweiten Bildungsweg einen Platz auf der Payroll sichern will?

Ob sich der neue Niederhasli-Maradona tatsächlich via Tele-Voting finden lässt, bleibt abzuwarten. Nimmt man die Halbwertszeit eines durchschnittlichen Musicstars und setzt sie in Verbindung mit dem Niveau der letzten Show auf SSF («Einer wie Beni»), gibt es für den Sieger des Fussball-Castings nur einen Stammplatz – auf der Ersatzbank der zweiten GC-Mannschaft.

Mit diesem Beitrag verabschiedet sich der Autor in die ewigen Jagdgründe für Blogger. Er bedankt sich bei allen Lesern für die angeregten und emotionalen Diskussionen, wünscht Ottmar Hitzfeld das Wunder von London, Joseph Blatter eine korruptionsfreie Fussball-Welt, Andrea Guatelli mehr Glück bei der Wahl seiner nächsten Stammbeiz und – last but not least – Alex Frei noch viele Tore in Basel und um Basel herum. Hasta la Vista!


Verdient Blatter die Wiederwahl? Gelingt der Nati der Befreiungsschlag?

Thomas Renggli am Samstag den 28. Mai 2011

Nach der Entscheidung ist vor der Entscheidung. Basel schwebt noch in Meistertrance. Zürich trauert den verpassten Chancen nach und fragt sich, wo ging der Titel bachab? Bei der derben Derbyschlappe? Beim geklauten Sieg zum Vorrundenschluss gegen Luzern? Oder doch (wie naheliegend zu vermuten wäre) in einem der vier Direktduelle mit Basel?

Wie auch immer. Die Blicke gehen vorwärts – auf die «Super 8 Days» schlechthin im internationalen und nationalen Fussball – mit den Brennpunkten Wembley, Basel und Zürichberg. Das Steilpass-Orakel sagt, für wen die Würfel in den nächsten Tagen fallen:

Samstag, 28. Mai. Champions-League-Final in London: Manchester United – Barcelona.

Wer wird triumphieren, Messi oder Rooney?

Wer wird triumphieren, Messi oder Rooney?

Schon wer es als Zuschauer ins Stadion schafft, gehört zu den Siegern. Das Interesse an den rund 90'000 Tickets war riesig. Auf dem Rasen stehen sich die zwei besten Mannschaften gegenüber – und zwei der überragenden Individualisten: Wayne Rooney und Lionel Messi. Unser Tipp: Barcelona verfügt zwar über das beste Kollektiv der Welt, doch in heimischer Umgebung macht der englische Punch den Unterschied aus. Die Trophäe geht nach Manchester.

Sonntag, 29. Mai. Schweizer Cup-Final in Basel. FC Sion – Xamax.

Die Fans sind bereit: Tickets für das Cup-Final.

Die Fans sind bereit: Tickets für das Cup-Final.

Elf Finalteilnahmen, elf Siege. Die Cup-Final-Bilanz von Sion ist makellos. Am vergangenen Mittwoch gewährten die Walliser in der Super League den Neuenburgern den überlebenswichtigen Punktgewinn. Wer jetzt denkt, Xamax überlässt dem FC Constantin das Terrain kampflos, sieht sich getäuscht. Mit tschetschenischem Rückenwind führt Bernard Challandes Xamax zum ersten Cup-Sieg der Klubgeschichte.

Mittwoch, 1. Juni. Sportpolitischer Showdown in Downtown Switzerland.

Ein Bild aus der Zeit, als sie noch Kollegen waren: Bin Hammam und Blatter, 2009.

Ein Bild aus der Zeit, als sie noch Kollegen waren: Bin Hammam und Blatter, 2009.

In der Kampfwahl ums Fifa-Präsidium fordert der Katarer Mohamed bin Hammam den Schweizer Amtsinhaber Joseph S. Blatter. Nachdem es noch vor kurzem um die Wahlchancen des Wallisers nicht sonderlich gut ausgesehen hat, scheint der vierten Amtszeit des höchsten Fussballers nichts mehr im Weg zu stehen. Blatter beherrscht das Spiel auf der sportpolitischen Klaviatur wie kein zweiter – und liess seinen Gegenspieler gekonnt in die Korruptionsfalle tappen. Dass er am Sonntag selber vor der Ethik-Kommission aussagen muss, wird er mit einem diplomatischen Dribbling zur Erhöhung seines Vorsprungs nutzen.

Samstag, 4. Juni. EM-Qualifikation: England – Schweiz in London.

Die Nati-Neulinge: Mehmedi, Xhaka und Emeghara.

Die Nati-Neulinge: Mehmedi, Xhaka und Emeghara.

Spiel 1 nach der Ära Frei. Was ist von der neuen Nati zu erwarten? Hilft uns Derdiyok mit einer Oneman-Show im Sturm aus der produktiven Impotenz? Gewährt Hitzfeld den Neulingen Mehmedi, Xhaka und/oder Emeghara einen Teileinsatz, um sie endgültig an den Schweizer Verband zu binden? Vergolden die Schweizer ihre Maurer-Qualitäten zum Wunder von London? Letzteres wird kaum eintreffen. Die Schweizer Mannschaft wird zwar leidenschaftlich kämpfen, muss sich aber mit einer Ehrenmeldung begnügen. Der Steilpass-Tipp fürs Wettbüro: England – Schweiz 3:1.

Sehr geehrte Leser. Mit welchen Gefühlen blicken Sie den kommenden Entscheidungen entgegen? Verdient Blatter die Wiederwahl? Oder soll der Fussball auch politisch in die Wüste dislozieren? Hat die Schweizer Nationalmannschaft im Wembley eine realistische Chance? Gelingt ihr ohne Alex Frei der spektakuläre Befreiungsschlag?


Frei & Fischer: Die ungleichen Sieger der Saison

Thomas Renggli am Mittwoch den 25. Mai 2011
Seine Tore für Basel haben den Unterschied ausgemacht: Alex Frei.

Seine Tore für Basel haben den Unterschied ausgemacht: Alex Frei.

Basel bleibt die Schweizer Fussball-Hauptstadt. Mit dem 14. Titel der Klubgeschichte – dem dritten innerhalb von vier Jahren – setzte die Mannschaft von Thorsten Fink den meisterlichen Schlusspunkt hinter das aufregendste Finale der Super-League-Geschichte. Der Mann, der den Unterschied ausmachte, war Liga-Topscorer Alex Frei. Seine beiden Tore im Direktduell gegen den FCZ entschieden rückblickend die Meisterschaft. In Zürich wird man sich noch lange über die verpassten Chancen ärgern. Trotzdem darf sich auch der Meisterschaftszweite als Sieger fühlen. Vor allem Trainer Urs Fischer gehört zu den Entdeckungen der Saison. Eine Schlussbilanz mit den zwei wichtigsten Protagonisten der beiden Topklubs.

Ausserhalb der Basler Kantonsgrenzen stürzt sein Popularitätsgrad in den Keller. In einem gesamtschweizerischen Tele-Voting würde er wohl höchstens einen Trostpreis gewinnen. Als Model für eine Zahnpastawerbung wäre er die grösstmögliche Fehlbesetzung. Das alles ist irrelevant. Denn Alex Frei hat für den FC Basel die Schweizer Meisterschaft entschieden. Seine phänomenale Kaltblütigkeit machte den finalen Unterschied. Noch mehr: Hätte Frei in dieser Saison nicht das FCB-Trikot getragen, der FCZ wäre vermutlich schon im April als Meister festgestanden. Seine 27 Tore sind der beste Wert eines Schweizers seit Peter Risi 1976 den FCZ mit 33 Treffern zum Titel schoss. Die Basler Investition in die Rückkehr des Goalgetters vor zwei Jahren ist das nachhaltigste Geschäft der Schweizer Fussball-Geschichte. Frei sicherte seinem Arbeitgeber die direkte Champions-League-Qualifikation und garantierte Einnahmen von 25 Millionen Franken. Was das für die Konkurrenz längerfristig zu bedeuten hat, lässt sich momentan schwer abschätzen. Kurzfristig können aber nur die Young Boys sowie die Tschetschenien-Filiale Xamax wirtschaftlich mit dem Schweizer Meister mithalten. Der FCZ dagegen muss zur finanziellen Entschlackungskur. So gesehen hat Alex Frei zwei Fliegen auf eine Klappe geschlagen – die eigene Mannschaft zum Titel geschossen – und den härtesten Konkurrenten empfindlich geschwächt.

Einen grossen Sieger gibt es allerdings auch auf dem Letzigrund – Trainer Urs Fischer. Der frühere Defensiv-Spezialist, der vor Jahresfrist nach einer 0:4-Pleite gegen die Grasshoppers von Präsident Ancillo Canepa mit einem Dreijahresvertrag belohnt worden war, hat alle Vorurteile entkräftet – und die Skeptiker zum Verstummen gebracht. «Üse» aus Affoltern führte den FCZ aus dem Niemandsland der Tabelle (7. Platz in der vergangenen Saison) zurück an die Spitze. Dass ihm am Schluss die meisterliche Krönung verwehrt geblieben ist, reduziert seine Leistung in keiner Weise. Fischer hat das geschafft, was in Zürich letztmals Lucien Favre vor fünf Jahren erreicht hat. Er fand die perfekte Mischung zwischen Spielkunst und Erfolgsfussball. Vor allem hielt er unerschütterlich an der eigenen Strategie fest und schenkte den Jungen mit beindruckender Konsequenz das Vertrauen. Spieler wie Schönbächler, Mehmedi oder Nikci, die zuvor während Jahren in der zweiten Reihe gestanden hatten, avancierten plötzlich zu Leistungsträgern. Mit einem Budget von rund 20 Millionen Franken kann der FCZ den Status des Arbeiterklubs nicht mehr mit gutem Gewissen in Anspruch nehmen. Aber Urs Fischer – der Ur-Zürcher mit seiner direkten, hemdsärmeligen Art – ist ein echter Fussball-Arbeiter. Und Handwerk kann auch in dieser Branche goldenen Boden haben. Vielleicht schon im nächsten Jahr.

Sehr geehrte Leser. Was ist Ihre Meinung? Wer sind für Sie die Sieger der Saison – und wer die Verlierer? Wer gewinnt Ihre Goldmedaille? Und wer die goldene Ananas?


FCB oder FCZ? Auf wen würden Sie Ihr Geld setzen?

Thomas Renggli am Montag den 23. Mai 2011

«Ich war nie der Meinung, dass meine Entlassung ein guter Entscheid war», sagte Rolf Fringer in einer Mischung aus Selbstironie und Zynismus, als er am Sonntag die desaströse Leistung seines ehemaligen Arbeitgebers Luzern anlässlich der Gersag-Dernière gegen den FCZ (0:5) kommentierte. Der Leistungszerfall beim Wintermeister ist eines der auffälligsten Merkmale des dramatischen Saisonfinales.

Vor diesem Hintergrund mutet es grotesk an, dass die Innerschweizer eine entscheidende Rolle in der Titelvergabe spielen. «Dank» ihrer sonntäglichen Nullleistung trennt Basel und Zürich vor der Schlussrunde ein Punkt – bei exakt dem gleichen Torverhältnis (73:44). Und am Mittwoch gastieren die Luzerner im St. Jakob-Park. Zentrale Frage: Stehen sie bei der Basler Meistergala ähnlich Spalier wie gegen den FCZ – oder erwachen sie im letzten Moment zu neuem Leben und tragen zum Umsturz im Meisterrennen bei? So oder so steht dem Schweizer Fussball ein aufregender Mittwoch bevor. Noch hält der FCB die besten Karten in der Hand. Doch auch der FCZ hat den einen oder anderen Trumpf im Ärmel. Eine Bestandesaufnahme zwischen Rhein und Limmat vor dem Super Wednesday in der Super League.

Das Spricht für Basel:

Die Frei-Garantie. Der Basler Topscorer Alex Frei ist das Gegenteil von FCZ-Stürmer Alphonse. Im entscheidenden Moment trifft er ins Tor statt den Pfosten – garantiert.

Die Ausgangslage. Die Mannschaft von Thorsten Fink kann im Gegensatz zum FCZ den Titel aus eigener Kraft gewinnen.

Der Gegner in der Schlussrunde. Luzern gewann im Dezember den virtuellen Titel des Wintermeisters. In einer Mischung aus Grössenwahn, Blauäugigkeit und Selbstherrlichkeit hat Präsident Stierli dieses Fundament zerstört. Nun blickt er auf die Trümmer seines Chaos-Managements. Wer gegen den FCZ den Eindruck eines Scheintoten hinterlässt, kommt innert dreier Tage nicht mehr auf die Füsse.

Die Siegermentalität. FCB-Trainer Thorsten Fink ist ein Meisterstratege. In St. Gallen zog er zehn Minuten vor Schluss die Handbremse und liess das 0:0 verwalten. Der Punktgewinn hält den Titelverteidiger im Fahrplan.

Die Qualität. 1. Basel. 2. Zürich. Die Tabelle spiegelt die Kräfteverhältnisse exakt – selbst wenn der Unterschied nur einen Punkt beträgt. Der FCB ist cleverer, routinierte, stabiler, effizienter – und vor allem breiter besetzt. Das macht über die gesamte Saison die Differenz aus.

Das spricht für Zürich:

Die Fussballkunst. Flanke Nikci – Direktabnahme Mehmedi. Das 3:0 gegen Luzern war das Tor des Jahres. Wer das Spiel so zelebriert, darf im entscheidenden Moment auf die Gunst der Fussballgötter zählen.

Der Yakin-Effekt. Gegen Zürich machte sich der FCL-Regisseur der Arbeitsverweigerung strafbar. In Basel wird er sich rehabilitieren – nur schon um seinem Bruder (und künftigem Chef) die Sommerferien nicht zu verderben.

Die Unlogik des Fussballs. Sieben Punkte Rückstand. Zwei Punkte Vorsprung. Ein Unentschieden gegen Basel wie eine Niederlage. Derby-Absturz. In diesem Fussballfrühling verlief beim FCZ kaum etwas nach Plan. Das bleibt auch auf der Zielgerade so: Zürich schliesst die Mission Impossible mit der rauschenden Meisterparty ab.

Der Europa-Faktor. Mit einem Punktgewinn in Basel wahrt der FCL die Option auf die Europa-League-Qualifikation. Das wird beim abgestürzten Wintermeister den Kampfgeist nochmals wecken.

Der Druck. Wie Zürich muss Basel in die Champions-League, um die finanzielle Balance zu halten. Wer schon anderthalb Hände am Meisterpokal hat, steht zwangsläufig stärker unter Druck – und gerät im entscheidenden Moment auf die (sportlich) schiefe Bahn.

Sehr geehrte Leser. Ihre Meinung ist gefragt. Wer holt den wertvollsten Titel in der Schweizer Fussball-Geschichte? Behält der FCB die Nerven? Oder gelingt Zürich die spektakuläre Wende im Last-Minute-Verfahren? Was ist dem FC Luzern noch zuzutrauen?


Existiert Klubtreue eigentlich noch?

Thomas Renggli am Samstag den 21. Mai 2011


Im Schweizer Fussball geht’s drunter und drüber. Auf wie neben dem Spielfeld. In den letzten Wochen und Monaten schalten sich je länger je mehr Nebengeräusche an der Personalfront in den sportlichen Alltag ein. Paiva zu GC. Ianu flirtet mit YB. Costanzo muss den FCB verlassen. Dafür kommt Fabian Frei zurück – bevor er mit St. Gallen (gegen Basel) den Ligaerhalt schaffen will.  Shaqiri nach Deutschland? Stocker ebenfalls? Der FCZ sortiert in der wirtschaftlichen Schadensbegrenzung zuerst Rochat und Hassli aus – und macht mittlerweile die Zusammensetzung der halben Mannschaft von der Teilnahme an der Champions League abhängig.

Im Zentrum steht eine alte, aber brandaktuelle Frage: Wie sehr hat ein Spieler den Kopf noch bei der Sache, wenn er genau weiss, dass er in der nächsten Saison einem anderen Klub dient?

Am Donnerstag platzt Urs Fischer ob der largen Einstellung seiner Spieler im Training der Kragen: «Das ist eine Katastrophe. Jeder spielt nur für sich», poltert er auf der Allmend Brunau, dass sich selbst die Wanderer im Aufstieg zum Üetliberg irritiert umsehen. «Null Ordnung. Ein Sauhaufen». Drei Tage vor dem kapitalen Spiel in Luzern verhalten sich vermeintliche Leistungsträger wie Schönbächler, Philippe Koch, Beda oder Rodriguez, als sei die Meisterschaft schon vorbei. Dabei besitzt ihr Arbeitgeber noch immer Chancen auf den wichtigsten Meistertitel der Schweizer Fussball-Geschichte (verbunden mit der direkten Champions-League-Qualifikation und Einnahmen von 25 Millionen Franken).

Liegt es daran, dass Rodriguez vom Interesse aus Möchengladbach gehört hat – oder sich Beda an seine Ausstiegsklausel erinnert, die aber nur greift, wenn sich der FCZ nicht für die Gruppenphase eines internationalen Wettbewerbs qualifiziert? Treffen Fischers Worte ins Schwarze? Denkt wirklich jeder nur an sich selber? Sind Vereinstreue und Loyalität nur leere Floskeln?

Der zahlende Zuschauer, der (etwa beim FCZ) dazu gedrängt wird, die Saisonkarte zwecks Sicherstellung der Liquidität schon im April zu verlängern, muss sich geprellt vorkommen. Er kauft eine Verpackung, deren Inhalt er erst im August wirklich kennt.

Plötzlich drängen sich andere Fragen auf: Ist für Globetrotter wie Beda oder Teixeira der FCZ mehr als nur eine Durchgangsstation zurück in die grosse Fussballwelt? Schlägt das Herz von Dudar wirklich für YB? Sind Stocker und Shaqiri nur Basler für den Moment? Meint ein Spieler das Vereinsemblem, wenn er beim Torjubel auf seine Brust zeigt – oder verweist er eigentlich auf sein Bankkonto?


Gygax und der Yakin-Faktor: Weshalb es der FCZ doch noch schafft

Thomas Renggli am Mittwoch den 18. Mai 2011

Drei Punkte und fünf Tore Rückstand - bei zwei ausstehenden Spielen. Der Abwehrchef gesperrt. Die eigene Moral im Keller. Stürmer, die im entscheidenden Moment nur den Pfosten treffen – oder verletzungsbedingt durch Abwesenheit glänzen. Ein Sportchef, der dem Erzrivalen vom Rhein unterwürfig zum Titel gratuliert.

Nichts, aber rein gar nichts spricht 180 Minuten vor Ende der Meisterschaft noch für den FC Zürich. Im Gegenteil: Wer die vergebenen Chancen im Direktduell mit Basel und den sich abzeichnenden personelle Exodus in die Überlegungen einbezieht, kommt nach logischen Gesichtspunkten zum einem (aus Zürcher Sicht) ernüchternden Schluss: Der FCZ hat für Jahre die letzte Chance auf den Gewinn der Meisterschaft fahrlässig verspielt. Ähnlich wie 1981 - nach dem neunten Titel der Klubgeschichte - steht ihm eine lange, lange Dursttrecke bevor. Damals musste er ein quälendes Vierteljahrhundert auf die meisterliche Renaissance warten.

Doch der Fussball ist nicht immer logisch. Er ist ein Spiel der Unwägbarkeiten, Umwegen, Zufällen.

Sorry, liebe Basler, aber genau deshalb geht der Pokal am Schluss doch nach Zürich – deshalb wird auf dem Helvetia- und nicht auf dem Barfüsser-Platz gefeiert. Gigi Oeri kann dabei auf die schon 2006 gemachte Erfahrung zurückgreifen. Sie weiss, wie man den Korken in die Champagnerflasche zurückbringt.

Die Zürcher Rechnung ist einfach. Sechs Punkte aus den beiden Spielen in Luzern und gegen Thun. Der Rest erledigt sich von alleine.

Eine Hauptrolle in der finalen Wende spielt ein Aargauer – ein Aargauer, der beim FC Luzern unter Vertrag steht, aber auf dem Letzigrund gross geworden ist und dort sein Herz verloren hat. Daniel Gygax. Er wird seine Luzerner Kollegen davon überzeugen, dass es ein Heidenspass werden kann, dem FCB in der Schlussrunde einen Strich durch die Meisterrechnung zu machen. Dass der FCL am Sonntag gegen Zürich den Kopf nicht bei der Sache hat, ist auf den Yakin-Faktor zurückzuführen. Nach der Verpflichtung von Murat als Trainer ist der Aufruhr am Pilatus gross. Das Gerücht macht die Runde, Präsident Walter Stierli werde jetzt auch noch Mutter Emine als Sportchefin einstellen.

Möglicherweise kann der FCZ auch auf St. Galler Schützenhilfe zählen. Wenn der FC Basel am Sonntag in der AFG-Arena aufläuft, hat er die Gedanken schon bei der Meisterfeier. Dabei sieht er sich einer Mannschaft gegenüber, die mit Haut und Haar um die sportliche Existenz kämpft, keinen Zentimeter Rasen preisgibt und im wichtigsten Moment ihr Offensivpotenzial doch noch ausschöpfen kann. Oscar Scarione, der Olma-Messi, stiehlt Alex Frei die Show und hält die schöne Tradition der st. gallisch-zürcherischen Kollaboration aufrecht. Es muss ja nicht immer Muntwiler sein…


Der FCZ sieht rot – und schreibt rot

Thomas Renggli am Montag den 16. Mai 2011

Nach einem turbulenten Fussball-Nachmittag hält der FC Basel anderthalb Hände am Meisterkübel. Konstanz, Kaltblütigkeit und Frei brachten ihn auf jenen Weg zurück, den er kurzfristig verlassen hatte. Der FC Zürich dagegen muss sich den Vorwurf gefallen lassen, eine hervorragende Ausgangslage leichtfertig verspielt zu haben.

Am vergangenen Mittwoch gegen Basel bot er eine starke Leistung. Davor (in St. Gallen) und danach (im Derby) trat er mit einer Schwerfälligkeit und Umständlichkeit auf, die den Aussenstehenden ratlos zurücklassen. War das wirklich die gleiche Mannschaft? Besonders befremdend: In einem Verein, der die Nachwuchsausbildung zum Programm erklärt, versagen die vermeintlichen Führungsspieler: Aegerter, Beda und Teixeira sahen in den letzten drei Runden für (teilweise) haarsträubende Aktionen die Rote Karte. Magnin stand gegen GC zuerst (beim 0:1) im Schilf, dann intervenierte er gegen Menezes mit der Cleverness eines F-Juniors und nötigte den Schiedsrichter zum wegweisenden Penaltypfiff.

Die Zürcher Rechnung zwei Runden vor Schluss lässt wenig Spielraum für Träumereien: Der FCZ muss in Luzern und gegen Thun hoch gewinnen – und gleichzeitig auf Schützenhilfe von St. Gallen hoffen. Doch wie sollen die inferioren Ostschweizer am nächsten Wochenende dem Basler Meistersturm standhalten?

Die Entwicklung der letzten Tage stürzt FCZ-Präsident Canepa ins Dilemma. An der GV Ende Monat muss der ehemalige Wirtschaftsprüfer einen Verlust von 8,5 Millionen Franken erklären. Die Einnahmen aus der Champions League lösten sich innerhalb eines Jahres in Luft auf. Und mit dem Out im Cup-Halbfinal sowie dem (absehbaren) Verpassen der Meisterschaft verspielte der FCZ in den letzten Wochen viel Geld. Der zweite Platz in der Super League ist eine gefährliche Mogelpackung. Zwar berechtigt er zur Teilnahme an der Champions-League-Qualifikation, aber in einem Umfeld, in dem ein Schweizer Klub wohl nur eine Statistenrolle spielen kann. Gegen Qualifikanten aus den europäischen Topligen – beispielsweise Bayern München, Manchester City, Udinese, Villarreal, Lyon oder Benfica Lissabon.

Dass die personelle Redimensionierung im Letzigrund die einzige Lösung sein kann, zeigt ausgerechnet das Basler Beispiel. Der FCB wies vor einigen Tagen für das Geschäftsjahr 2010 einen Umsatz von 57,5 Millionen Franken aus. Allein die Lohnkosten betrugen 31,3 Millionen Franken. Unter dem Strich blieb ein Minigewinn von 223‘000 Franken – in einem Jahr mit Champions League notabene. Wäre der FCB nicht in die Königsklasse vorgestossen, hätte Haubankerin Gigi Oeri erneut 10 Millionen drauflegen müssen.

In der Super League leisten sich drei Klubs (Basel, Zürich, YB) einen Aufwand, der sich nur durch die Champions-League-Teilnahme refinanzieren lässt. Vor allem beim FCZ ist das existenzbedrohend. Anders als die Konkurrenz aus Basel und Bern verfügt er weder über eine gönnerhafte Mäzenin noch über gute Geschäftsmöglichkeiten im Stadion. Und auch aus Tschetschenien fliesst kein Geld.

Canepa muss die Notbremse ziehen – und den wirtschaftlichen Schaden mit Transfereinnahmen minimieren. Leute wie Djuric oder Teixeira dürften eher früher als später ihre Abschiedsvorstellung geben. Sonst sieht der FCZ dunkelrot. Nicht nur auf dem Platz…


Weshalb Zürich die bedeutendste Fussball-Stadt der Schweiz ist

Thomas Renggli am Samstag den 14. Mai 2011

Zürich habe keine richtige Fussball-Kultur, wird landauf landab mit herrischer Arroganz immer wieder behauptet. Diese Aussage basiert auf barer Unwissenheit – oder niederträchtigem Neid. Basel mag für sich momentan mit gewissem Recht die Hoheit beanspruchen. Im historischen Kontext sind Missverständnisse aber ausgeschlossen – nicht nur weil König Joseph I. (mindestens noch bis Anfang Juni) die Fussballwelt vom Zürichberg aus regiert.

Die beiden lokalen A-Klubs haben zusammen mehr Meistertitel gewonnen (39) als sämtliche übrige Super-League-Vereine (32) im Total. Als der Grasshopper Club die Marke setzte (den 13. Titelgewinn), die der FCB im Vorjahr erreichte, ging gerade der zweite Weltkrieg zu Ende (1945).

Vor allem existiert in der Limmatstadt eine Tradition, die eine echte Fussball-Hochburg ausmacht – ein umkämpftes Stadtderby. In Basel (FCB – Nordstern), Bern (YB – FC Bern), St. Gallen (FC SG – Brühl), Luzern (FCL – Kickers) herrschen ebenfalls innerstädtische Rivalitäten, aber im Laufe der Jahre ist derart viel Gras darüber gewachsen, dass sie schon fast musealen Charakter besitzen.

Derbys haben ihre eigenen Gesetze. So abgedroschen diese Floskel auch tönen mag, entspricht sie in ihrem Kern der Wahrheit. Das wird der FCZ am Sonntag im Letzigrund zu spüren bekommen. Die Grasshoppers liegen zwar sechs Plätze und 31 Punkte hinter dem Leader – und befinden sich als einzige Mannschaft der Liga drei Runden vor Schluss im Niemandsland der Tabelle - haben weder etwas zu gewinnen noch zu verlieren. Doch im Rennen um die städtische Vormachtstellung (wenn auch nur für einen Nachmittag) werden sie garantiert keine Geschenke machen. Das freut den FC Basel, den neutralen Beobachter – und den GC-Kassier. Zum zweiten Mal innerhalb von vier Tagen wird im Letzigrund ein Fussballspiel vor praktisch vollbesetzten Rängen über die Bühne gehen.

Im globalen Vergleich ist das Zürcher Derby gleichwohl nur eine regionale Randnotiz.

Hier die Steilpass-Top-Ten der zehn grössten Derbys weltweit:

  1. The Old Firm (Glasgow): Celtic – Rangers. Das Derby der Religionen. Katholiken gegen Protestanten. Bis in die späten 1980er-Jahre wäre es undenkbar gewesen, dass die Rangers einen katholischen Spieler verpflichten. Das änderte sich erst mit dem Engagement des ehemaligen Celtic-Stars Mo Johnson. Für ihre 53 gewonnenen Titel tragen die Rangers 5 Sterne auf dem Trikot. Celtic beschränkt sich auf einen goldenen Stern – für den Gewinn des Meistercups (1967 – als erste britische Mannschaft). Weil sich die Klubs in der Liga viermal pro Saison und daneben im Cup sowie im Liga-Cup regelmässig begegnen, eines der meistgespielten Derbys der Welt.
  2. Superclasico (Buenos Aires): Boca Juniors – River Plate. Das Derby, das in Südamerika alles überstrahlt. Zwar stammen beide Klubs aus dem Stadtteil La Boca. Doch River Plate zog schon in den 1930er-Jahren in den sozial privilegierten Norden der Stadt. Boca spielt noch immer in seinem kleinen engen Stadion La Bombonera. Zwei der besten Fussballer aller Zeiten hatten ihren Auftritt in diesem epischen Duell: Maradona (Boca) und Alfredo di Stefano (River).
  3. Das Duell der Kontinente (Istanbul): Fenerbahce – Galatasaray. Eines der intensivsten Derbys der Fussball-Welt. Galatasaray, aus dem europäischen Teil der Stadt, gilt traditionell als bürgerlicher Klub der Mittelklasse. Fener, aus dem anatolischen Quartier Kadiköy, vertritt die breite Masse. Ein Klassenkampf, der den Bosporus zum Kochen bringt.
  4. Das Derby der ewigen Stadt (Rom): Lazio – AS Roma. Die Fans der AS Roma, die Giallorossi, stammen traditionell aus dem Süden der Stadt. Die Laziali vertreten den wohlhabenden Norden und das Umland der Landeshauptstadt. Es ist auch das Duell zweier politischer Kulturen: Die Romanisti werden der linken Szene zugeordnet. Bei Lazio sorgen immer wieder rechtsradikale Ultras für Negativschlagzeilen.
  5. The North London Derby: Arsenal – Tottenham Hotspurs. Arsenal stammt eigentlich aus dem Süden Londons. Gegründet als Werksteam der Rüstungswerke Royal Arsenal, entschloss sich die Klubführung 1913 über die Themse in die unmittelbare Nähe der Tottenham Hotspurs umzuziehen. Nach dem ersten Weltkrieg stieg Tottenham aus der höchsten Liga ab. Arsenal rückte – ohne sportliche Qualifikation, aber mit viel Vitamin B – nach. Es war der Beginn einer der schönsten Feindschaften im internationalen Klubfussball.
  6. Das ewige Derby (Belgrad): Partizan – Roter Stern. Obwohl die beiden grossen Belgrader Klubs – einst von den jugoslawischen Behörden gegründet - sportlich nicht mehr mit der europäischen Elite mithalten können, ist ihr Duell noch immer ein monumentales Ereignis in der serbischen Hauptstadt – überschattet allerdings von Gewaltexzessen und Hooliganismus, die schon mehreren Menschen das Leben gekostet haben.
  7. Das Revierderby: Borussia Dortmund – Schalke 04. Nur eine halbe S-Bahn-Stunde trennt Gelsenkirchen und Dortmund. Schalke erlebte seine grösste Zeit während des Nationalsozialismus – und muss sich das von den BVB-Fans immer wieder anhören. Sportlich haben sich die Gewichte seither verschoben. Schalke wartet seit über einem halben Jahrhundert (1958) auf den Meistertitel. Dortmund feierte in dieser Zeit fünf Titel. Eines verbindet die beiden Erzrivalen: Sie mobilisieren die Massen und spielen Woche für Woche vor über 60'000 Zuschauern.
  8. Das Pharaonen-Derby (Kairo): Al-Ahly – El Zamalek. Kampf der Ideologien am Nil. Al-Ahly ist der Klub der ägyptischen Unabhängigkeitsbewegung. Zamalek vertritt die bürgerliche Gesellschaftsschicht. Das Derby lockt regelmässig 100'000 Fans ins International Stadium von Kairo. Um die Unabhängigkeit der Schiedsrichter zu gewährleisten, werden regelmässig ausländische Schiedsrichter eingeflogen.
  9. Das Wiener Derby: Austria – Rapid. Ein Klassiker im europäischen Klubfussball – und eines der meistgespielten Derbys. Ähnlich wie in Zürich repräsentieren die beiden Vereine (historisch) den urbanen Klassenunterschied. Rapid steht für die Arbeiterschicht, Austria für die Bourgeoisie. Für echte Fussballromantiker ist es aber nur eines von zwei Stadtderbys. Das kleine Wiener Derby spielen die Vienna und der Wiener Sport Club – die beiden ältesten Vereine des Landes aus.
  10. Tyne-Wear-Derby: Newcastle United – Sunderland. Das Mutterland des Fussballs ist zweimal vertreten (könnte es aber auch fünfmal sein). Newcastle upon Tyne und Sunderland liegen ganz im Norden des Landes nur zehn Meilen voneinander entfernt. Ihre Konkurrenz geht bis zum englischen Bürgerkrieg im 17. Jahrhundert zurück. Newcastle kämpfte auf der Seite der Monarchie. Sunderland feuerte im Namen des Parlaments.

Sehr geehrte Leser. Ich gehe davon aus, dass Sie nicht in jedem Punkt übereinstimmen. Welches Derby habe ich vergessen? Welches gehört Ihrer Meinung nach ebenfalls in die Top-Ten? Diskutieren Sie mit…

Hilft nur Repression gegen Fan-Gewalt?

Thomas Renggli am Mittwoch den 11. Mai 2011

Wenn heute Abend der FC Zürich den Erzrivalen aus Basel empfängt, werden unweigerlich die Erinnerungen an den 13. Mai 2006 wach. Damals feierte Zürich dank Filipescus Tor in der 93. Minute das spektakuläre Comeback - und den ersten Meistertitel nach 25 Jahren. Der Showdown im St.-Jakob-Park ist aber auch als «Schande von Basel» in die Geschichte eingegangen. Frustrierte FCB-Fans lösten noch auf dem Platz schwere Krawalle aus, verhinderten die geordnete Pokalübergabe – und entfachten eine grosse Debatte über Gewalt und Sicherheit in den Super-League-Stadien.

Ein Thema, das aktueller ist denn je – wie praktisch jedes Wochenende mit ernüchternder Deutlichkeit sichtbar wird. 5. März 2011: Nach dem Auswärtsspiel gegen die Grasshoppers verprügeln YB-Fans im Extrazug nach Bern fünf Transportpolizisten und nötigen diese, in Langenthal auszusteigen. 3. April: Ein Anhänger des FC St. Gallen wirft in Schlieren eine Petarde aus dem Fan-Zug und verfehlt einen Kinderwagen nur knapp. Ein Vater und sein Baby müssen ins Spital. 1. Mai: Nach der Jahrhundert-Pleite in Neuenburg randalieren St. Galler Fans in der Maladière – reissen Stühle aus der Verankerung und schleudern sie aufs Spielfeld.

Diese zufällige Aufzählung spiegelt eine bedauernswerte Tatsache. Die Gewaltexzesse im Umfeld von Super-League-Spielen haben in dieser Saison stark zugenommen. Gegenüber der SonntagsZeitung sagt Marco Cortesi, der Medienchef der Stadtpolizei Zürich: «In der ganzen Rückrunde der Saison 2009/2010 kam es zu Sachschäden bei acht Spielen. In der selben Periode dieser Saison sind es schon doppelt so viel – vier Runden vor Schluss.»

Die Erklärungsversuche der Vereinsverantwortlichen tönen immer gleich: «Bei den Randalierern handelt es sich um eine kleine Minderheit, die den Fussball als Ventil missbraucht – und ihre Gewaltbereitschaft auch an anderen Massenveranstaltungen auslebt.»

Sind die wöchentlichen Ausschreitungen also ein Missstand, der als gesellschaftliches Problem bezeichnet werden muss, dem die Vereine hilflos ausgeliefert sind? Kaum. Klubs und Liga kennen ihre Kundschaft – sie hätten die Möglichkeit, mit rigoroseren Kontrollmechanismen die «schwarzen Schafe» vom Stadion fernzuhalten und auch am Gang zu den Auswärtsspielen (bzw. der Fahrt im Extrazug) zu hindern. Die heiss diskutierte Einführung des «Fan-Passes» zur Registrierung der Matchbesucher wird wohl eher früher als später umgesetzt werden. Denn das von den Fans immer wieder beanspruchte Recht auf «Selbstregulierung» hat faktisch versagt. Alle Chaoten lassen sich davon nicht «befrieden».

Es fällt aber auch auf, dass nicht alle das Übel an gleicher Stelle orten: Roger Schneeberger, Generalsekretär der Polizeidirektoren-Konferenz sagt: «Klubs und Liga haben offensichtlich zu früh an eine Trendwende geglaubt und bei der Bekämpfung der Gewalt nachgelassen.» Als Beispiel führt er die Reduktion der Bussen für Pyros auf. «Es ist ein völlig falscher Ansatz, Bussen zu senken, wenn das Abbrennen von Feuerwerkskörpern noch nicht zurückgegangen ist.»

Wo Rauch ist, ist bekanntlich auch Feuer. Aber das Abbrennen von Feuerwerk – sofern es in geordneten Bahnen verläuft – ist definitiv nicht das Hauptproblem in der Schweizer Krawall-Debatte. Pyros gehören in vielen Ländern zum Fussball wie die Handschuhe zum Torhüter. Hooligans hingegen haben weder ein Interesse am Fussball noch an der Fankultur. Genau deshalb sind sie so schwer greifbar. Nur eine enge Kooperation zwischen Polizei und Klubs könnte daran etwas ändern.

So unsympathisch es für viele tönen mag – vermutlich muss man (wie in Deutschland) der Polizei die Stadiontüren öffnen, um das Problem nachhaltig in den Griff zu kriegen. Oder haben Sie eine bessere Idee?


Kaltblütigkeit entscheidet die Meisterschaft

Thomas Renggli am Montag den 9. Mai 2011

Im Meisterschaftsendspurt flattern die Nerven - vor allem auf Zürcher Seite. In St. Gallen läuft am Sonntag die 14. Minute. Schiedsrichter Hänni pfeift Freistoss für den FCZ. Der St. Galler Brice Owona nimmt den Ball in die Hand – verzögert das Spiel. FCZ-Captain Silvan Aegerter tritt dem Kameruner mit Anlauf in die Beine, sieht völlig zu Recht Rot. In der zweiten Halbzeit leisten sich zwei weitere Führungsspieler des Leaders unverständliche Aussetzer. Innenverteidiger Teixeira schlägt Owona auf den Hinterkopf. Hätte Hänni dies als Ohrfeige taxiert, wäre der zweite Platzverweis unvermeidlich gewesen. Auch Zouaghi hat Glück, dass er für sein brutales Foul gegen Nushi nicht den Marschbefehl erhält.

Nach einem dramatischen Finale und dem Last-Minute-Ausgleich durch Djuric verlassen die Zürcher die AFG-Arena trotzdem mit dem Gefühl des Sieges. Vor dem Direktduell gegen Basel am Mittwoch im Letzigrund liegen sie weiterhin an der Tabellenspitze – allerdings nur um die Winzigkeit eines Tores.

Vor dem Spiel der Spiele kommen die klaren Ansagen vom FCB: «Wir können uns nur selber schlagen», prophezeit Youngstar Xherdan Shaqiri. Sein deutscher Teamkollege Markus Steinhöfer sieht es ähnlich: «Wir sind bereit für Zürich. Wir wollen gewinnen». Die Basler schöpfen die Zuversicht unter anderem aus der Statistik. Seit dem November 2006 sind sie gegen den FCZ in 19 Spielen ungeschlagen. Zuletzt gewannen sie Anfang März im St. Jakob Park nach einem 0:1-Rückstand 3:1 und erhöhten den Vorsprung auf sieben Punkte.

Einiges spricht auch jetzt für Basel – Erfahrung, Cleverness, Kaltblütigkeit. Ausserdem verfügt Trainer Fink trotz diversen Absenzen über die breitere personelle Basis als sein Zürcher Kollege Fischer. Dieser muss aufgrund der Sperren gegen Aegerter und Zouaghi die Schaltzentrale neu besetzen. Eine heikle Personalie, da Margairaz nach seiner Verletzungspause kaum schon voll belastbar ist. Hat Aegerters Dummheit in St. Gallen die Meisterschaft entschieden? Kostet sie seinem Arbeitgeber die direkte Champions-League-Qualifikation und damit garantierte Einnahmen von 20 Millionen Franken?

Der FCZ steigt mit einer schweren Hypothek in den vorweggenommenen Meisterschafts-Final. Er hat in den letzten Wochen aber bewiesen, dass er fast alles wegstecken kann. Seit neun Spielen ist er ungeschlagen, achtmal hat er gewonnen. Es waren fast ausnahmslos Partien, die auch zu seinen Ungunsten hätten ausgehen können. Doch irgendwie fanden die Zürcher immer eine Lösung – etablierten sich als die erfolgreichsten Entfesselungskünstler der Liga, bewiesen meisterliche Qualitäten.

Sehr geehrte Leser. Wie ist Ihre Meinung? Bei wem liegen die Vorteile in diesem packenden Saisonfinale? Schafft es der FCZ, sein Basler Trauma zu überwinden? Oder scheitert er erneut? Welche Absenzen wiegen schwerer – diejenigen von Aegerter und Zouaghi auf Zürcher Seite – oder diejenigen von Stocker und Chipperfield beim FCB? Wer gewinnt das Spiel der Spiele? Oder bleibt es beim Patt und entscheidet am Schluss die Tordifferenz? Nehmen Sie an unserer Umfrage teil.


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