20:1 Eckbälle, 24:6 Torschüsse, 55:45 Prozent Ballbesitz. Und am Ende jubelten doch die Blauen und versauten damit den Bayern die erhoffte grosse Feier nach dem «Finale dahoam». Nicht wenige Zuschauer und auch einige Journalisten liessen in der Folge ihrem Frust freien Lauf und klagten über die himmelschreiende Ungerechtigkeit des Resultats.
Matthias Sammer etwa ärgerte sich über den Ausgang der dramatischen Partie und meinte: «Dass dies einen Titel bringt, ist ungerecht.» Ungerecht war es bestimmt nicht, wenn überhaupt, dann war es unverdient. Und selbst da würde ich Herrn Sammer widersprechen. Es konnte niemanden überraschen, wie Chelsea am Samstagabend aufgetreten ist. Nicht erst seit der Ankunft von Di Matteo setzen die Blues ganz auf ihre defensiven Stärken und vertrauen auf den stets gefährlichen Didier Drogba. Zudem waren ihre Stammspieler Terry, Ivanovic, Ramires und Meireles gesperrt, ein Ersatz war etwa der 22-jährige Ryan Bertrand, der als erster Spieler überhaupt sein Champions-League-Debüt in einem Finale gab. Angesichts der bisherigen Erfolge in diesem Wettbewerb mit der gleichen Taktik und den zusätzlichen personellen Probleme war der Spielverlauf des Endspiels in München schon vorgezeichnet.
«Wir haben uns eingebunkert, das war nicht schön. Aber wir haben gerade die Champions League gewonnen!», kommentierte Chelsea-Captain Frank Lampard das Spiel. Wer kann es Chelsea verübeln, dass sie sich aufs Abwarten und Kontern verlegten? Warum soll ein Team seine grössten Stärken aufgeben und gegen jegliche Logik versuchen mitzuspielen, nur um dann allenfalls mit wehenden Fahnen unterzugehen? Wer von den Kritikern hätte an Stelle von Di Matteo mit diesem Spielermaterial eine andere Taktik gewählt? Es wäre ein Irrsinn gewesen.
Natürlich wollen alle am liebsten leichtfüssig und locker ohne Unterbruch nach vorne spielen und damit leichte Siege einfahren. Nur funktioniert der Fussball nicht so einfach. Will eine Mannschaft Erfolg haben, muss sie sich ihrer Stärken und Schwächen bewusst sein und diese richtig einschätzen können. Kein Chelsea-Fan wird behaupten, sein Team sei den Bayern spielerisch ebenbürtig, hingegen werden alle die sensationelle Verteidigungsarbeit loben. Und darauf bauen die Erfolge, daran hält man fest. Chelsea wird nie der FC Barcelona sein.
Wenn ein Robben unendlich oft versucht, von rechts in die Mitte zu ziehen und zum Abschluss zu kommen und jedes Mal durchschaut wird, wenn ein Kroos zum zehnten Mal seinen Distanzschussversuch geblockt sieht, wenn 20 Ecken harmlos wie Meerschweinchen in den Strafraum fliegen, dann kann man zwar konstatieren, dass die Bayern mehr fürs Spiel gemacht haben, aber wer weniger Aufwand betreibt, ist bestimmt nicht automatisch ein unverdienter Sieger. Mit Sicherheit aber deutlich effizienter. Unverdient gibt es nicht. Wer kein Mittel gegen eine Mauertaktik findet, der muss sich an der eigenen Nase nehmen.
Chelsea ist ideal besetzt für eine hochkarätige K.o.-Runde à la Champions League. Der Angstgegner aller grossen Teams, der das Spieldiktat den anderen überlässt und ihm dank des Abwehrbollwerks dennoch kaum Chancen zulässt. Und vorne, da sorgt Drogba für Panik bei den Verteidigern, selbst wenn er allein auf weiter Flur ist. So spielt Chelsea nun mal. Damit gewinnt man keinen Schönheitspreis, und in der heimischen Meisterschaft, wo man auch selber mal das Spiel machen sollte, funktioniert das nicht immer. Aber eine Champions League kann man so gewinnen. Und zwar weder ungerechtfertigt noch unverdient. Sondern einfach nach Chelsea-Art.
Und nebenbei: Abramowitschs Millionen hin oder her – ich mag’s den alten Chelsea-Recken wie Petr Čech, Didier Drogba und Frank Lampard wirklich von Herzen gönnen. Sie haben es – Ironie des Schicksals – wahrlich verdient.








Mämä Sykora (36) ist Chefredaktor beim Fussballmagazin
Alexander Kühn (33) ist Sportredaktor bei Newsnet und leidgeprüfter Fan des deutschen Zweitligisten Dynamo Dresden. Mangels fussballerischen Talents beschränkt er sich auf kritische Einwürfe von Tribüne und Schreibtisch aus.


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