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Chelsea ist kein unverdienter Sieger

Mämä Sykora am Montag den 21. Mai 2012
Die Erlösung: Chelsea jubelt nach Drogbas entscheidendem Penalty. (Bild: EQ Images)

Die Erlösung: Chelsea jubelt nach Drogbas entscheidendem Penalty. (Bild: EQ Images)

20:1 Eckbälle, 24:6 Torschüsse, 55:45 Prozent Ballbesitz. Und am Ende jubelten doch die Blauen und versauten damit den Bayern die erhoffte grosse Feier nach dem «Finale dahoam». Nicht wenige Zuschauer und auch einige Journalisten liessen in der Folge ihrem Frust freien Lauf und klagten über die himmelschreiende Ungerechtigkeit des Resultats.

Matthias Sammer etwa ärgerte sich über den Ausgang der dramatischen Partie und meinte: «Dass dies einen Titel bringt, ist ungerecht.» Ungerecht war es bestimmt nicht, wenn überhaupt, dann war es unverdient. Und selbst da würde ich Herrn Sammer widersprechen. Es konnte niemanden überraschen, wie Chelsea am Samstagabend aufgetreten ist. Nicht erst seit der Ankunft von Di Matteo setzen die Blues ganz auf ihre defensiven Stärken und vertrauen auf den stets gefährlichen Didier Drogba. Zudem waren ihre Stammspieler Terry, Ivanovic, Ramires und Meireles gesperrt, ein Ersatz war etwa der 22-jährige Ryan Bertrand, der als erster Spieler überhaupt sein Champions-League-Debüt in einem Finale gab. Angesichts der bisherigen Erfolge in diesem Wettbewerb mit der gleichen Taktik und den zusätzlichen personellen Probleme war der Spielverlauf des Endspiels in München schon vorgezeichnet.

«Wir haben uns eingebunkert, das war nicht schön. Aber wir haben gerade die Champions League gewonnen!», kommentierte Chelsea-Captain Frank Lampard das Spiel. Wer kann es Chelsea verübeln, dass sie sich aufs Abwarten und Kontern verlegten? Warum soll ein Team seine grössten Stärken aufgeben und gegen jegliche Logik versuchen mitzuspielen, nur um dann allenfalls mit wehenden Fahnen unterzugehen? Wer von den Kritikern hätte an Stelle von Di Matteo mit diesem Spielermaterial eine andere Taktik gewählt? Es wäre ein Irrsinn gewesen.

Natürlich wollen alle am liebsten leichtfüssig und locker ohne Unterbruch nach vorne spielen und damit leichte Siege einfahren. Nur funktioniert der Fussball nicht so einfach. Will eine Mannschaft Erfolg haben, muss sie sich ihrer Stärken und Schwächen bewusst sein und diese richtig einschätzen können. Kein Chelsea-Fan wird behaupten, sein Team sei den Bayern spielerisch ebenbürtig, hingegen werden alle die sensationelle Verteidigungsarbeit loben. Und darauf bauen die Erfolge, daran hält man fest. Chelsea wird nie der FC Barcelona sein.

Wenn ein Robben unendlich oft versucht, von rechts in die Mitte zu ziehen und zum Abschluss zu kommen und jedes Mal durchschaut wird, wenn ein Kroos zum zehnten Mal seinen Distanzschussversuch geblockt sieht, wenn 20 Ecken harmlos wie Meerschweinchen in den Strafraum fliegen, dann kann man zwar konstatieren, dass die Bayern mehr fürs Spiel gemacht haben, aber wer weniger Aufwand betreibt, ist bestimmt nicht automatisch ein unverdienter Sieger. Mit Sicherheit aber deutlich effizienter. Unverdient gibt es nicht. Wer kein Mittel gegen eine Mauertaktik findet, der muss sich an der eigenen Nase nehmen.

Chelsea ist ideal besetzt für eine hochkarätige K.o.-Runde à la Champions League. Der Angstgegner aller grossen Teams, der das Spieldiktat den anderen überlässt und ihm dank des Abwehrbollwerks dennoch kaum Chancen zulässt. Und vorne, da sorgt Drogba für Panik bei den Verteidigern, selbst wenn er allein auf weiter Flur ist. So spielt Chelsea nun mal. Damit gewinnt man keinen Schönheitspreis, und in der heimischen Meisterschaft, wo man auch selber mal das Spiel machen sollte, funktioniert das nicht immer. Aber eine Champions League kann man so gewinnen. Und zwar weder ungerechtfertigt noch unverdient. Sondern einfach nach Chelsea-Art.

Und nebenbei: Abramowitschs Millionen hin oder her – ich mag’s den alten Chelsea-Recken wie Petr Čech, Didier Drogba und Frank Lampard wirklich von Herzen gönnen. Sie haben es – Ironie des Schicksals – wahrlich verdient.

Der Wahnsinn von Manchester

Mämä Sykora am Montag den 14. Mai 2012

Ein Finale, das für alle die schon frühzeitig entschiedenen Meisterschaften in Europa in dieser Spielzeit entschädigte. Ein absoluter Wahnsinn, ein Thriller. Diese dramatischen letzten Minuten der englischen Premier League werden in die Geschichte eingehen und in Zukunft in einem Atemzug genannt werden mit dem legendären Champions-League-Finale von 1999 in Barcelona zwischen Manchester United und dem FC Bayern München.

Schon die Ausgangslage war wie von einem Drehbuchschreiber ausgedacht: Die beiden Erzrivalen aus Manchester nach 37 Spielen punktgleich. Die United, Dominator der Premier-League-Ära mit 12 Titeln in 20 Jahren, musste noch gegen Sunderland antreten; City, die «noisy neighbours», deren Besitzer Scheich Mansour bin Zayed al-Nahyan in den letzten drei Jahren die unglaubliche Summe von 1,2 Milliarden Franken investiert hat, empfing zu Hause die in akuter Abstiegsgefahr schwebenden Queens Park Rangers.

44 lange Jahre waren seit dem letzten Titelgewinn der Citizens vergangen. Auch damals, 1968, kam es in der letzten Runde zum Fernduell um den Kübel, und schon damals musste die United gegen Sunderland ran – und verlor. In der Folge fiel City tief, zwischenzeitlich gar in die dritte Liga. Der Popularität – vor allem in der Stadtbevölkerung – tat dies keinen Abbruch. Mehrere Grössen des Showbiz’ gelten als grosse Anhänger von City – etwa Liam und Noel Gallagher von Oasis– und die Supporter weisen gerne darauf hin, dass bei United nur ein Viertel der Stadionbesucher auch in der Stadt wohnt, während es bei City 61 Prozent sind.

Die riesige Erwartungshaltung nach Jahrzehnten der Enttäuschung war in jedem Gesicht im Etihad Stadium zu sehen. Sowohl beim schwerreichen Eigentümer wie bei jenen Familienvätern, die noch den letzten Meistertitel erlebt haben. Und nach dem Führungstreffer durch Zabaleta brachen alle Dämme. Diese Freude, diese Erleichterung, Hüpfen und Schreien, das Ziel so nah vor Augen. Da vergisst man, dass ein zusammengekauftes Starensemble für diese Emotionen verantwortlich ist und freut sich einfach nur mit diesen Leuten mit, denen der Verein so viel bedeutet.

Deren Wechselbad der Gefühle begann indes erst danach. Erst musste der überragende Assistgeber Yaya Touré verletzt ausgewechselt werden, dann unterlief Lescott ein folgenschwerer Schnitzer, der zum Ausgleich führte. Wenig später wieder überbordende Freude, weil sich der QPR-Bösewicht Joey Barton eine doppelte Tätlichkeit leistete und vom Platz musste. Gefolgt von einem weiteren Schock, denn in Unterzahl gelang QPR tatsächlich mit dem zweiten Torschuss die Führung.

Die Verzweiflung war greifbar, sowohl auf dem Rasen wie auf den Rängen. 19:0 Ecken, 35:3 Torschüsse, ungezählte weggeköpfte Flanken. Das 1:2 war ein absurdes Resultat. Während die United-Spieler nach der Pflichterfüllung in Sunderland auf die Vollzugsmeldung warteten, belagerten die Citizens weiter den QPR-Strafraum. Und das Unmögliche wurde tatsächlich erzwungen. Die dramatischste Meisterschaftsentscheidung seit Ewigkeiten. In der 92. Minute traf Dzeko per Kopf, in der 94. Minute Agüero. 3:2. Meister. Und im Etihad Stadium wurden die Glückshormone gleich kiloweise ausgeschüttet. Ich kann mich nicht erinnern, jemals derart starke Emotionen in einem Stadion mitverfolgt zu haben. 44 Jahre Frust, weggesprengt innerhalb weniger Sekunden. Und ich fühlte mich in dem Moment auch ein bisschen als City-Supporter, als würde ich auch seit Jahren auf so einen Triumph warten.

Trotz so vielen Spielen und so vielen Entscheidungen, die Fussballfans schon verfolgt haben, ist es immer wieder einfach nur erstaunlich, was es auslösen kann, wenn man 22 Männern beim Ballspiel zuschaut. Himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt. Eine Aktion kann alles auf den Kopf stellen. Für solche Achterbahnen der Gefühle wie gestern muss man den Fussball einfach lieben.

Niedere Gefühle im Fussball

Mämä Sykora am Donnerstag den 10. Mai 2012


Schadenfreude, Rachegefühle, Genugtuung: Zokora kickt Emre zwischen die Beine. (Quelle: Youtube)

Es ging um viel am vergangenen Sonntag in der Partie Trabzonspor gegen Fenerbahçe Istanbul. Fener liefert sich mit Galatasaray einen Zweikampf um den Titel, Trabzonspor will sich direkt für die Europa League qualifizieren. Und für zwei Akteure ging es um noch mehr: Nach der letzten Begegnung dieser beiden Mannschaft beschuldigte der Ivorer Didier Zokora Fener-Star Emre Belözoglu an der Pressekonferenz des Rassimus. Der Türke habe ihn während des Spiels mehrfach als «pis zenci» (auf deutsch: «dreckiger Neger») bezeichnet. Emre gab vor, sich nicht mehr genau erinnern zu können, räumte aber ein, dass solche Worte im Eifer des Gefechts durchaus gefallen sein könnten.

Für ein solches Vergehen sieht der türkische Fussballverband vier bis acht Spielsperren vor, für Emre gab’s dennoch nur zwei. Und dies, obwohl der türkische Internationale schon mehrfach ausfällig geworden war. Alleine in seiner Zeit bei Newcastle meldeten seine Gegenspieler Tim Howard, Joleon Lescott, Joseph Yobo, El-Hadji Diouf und Al Bangoura rassistische Beleidigungen des kleinen Mittelfeldspielers. Dennoch wurde er nie länger aus dem Verkehr gezogen.

Vielleicht war es die Enttäuschung darüber, gewiss lag aber auch eine Portion Wut in jenem Tritt, den Didier Zokora – der schon mit Tottenham mehrmals gegen Emre gespielt hatte – seinem Kontrahenten kurz vor dem Halbzeitpfiff verpasste. Mit Anlauf, mitten in die Weichteile. Eine dieser Aktionen, die Männer mit schmerzverzerrtem Gesicht verfolgen, begleitet von einem «Aaaaaiii», also ob sie selber getroffen worden wären.

Ich dieses Mal nicht, ich muss es zugeben. Es war mehr ein Gefühl der Befriedigung. Vergleichbar mit dem Gefühl, das sich einstellt, wenn etwa der Bösewicht eines dreistündigen Films zum Schluss seiner gerechten Strafe zugeführt wird. Und Didier Zokora in der Rolle des unerschrockenen Rächers. Einer, der den Slogan «Let’s kick racism out of football» etwas gar wörtlich nimmt. Einer, der es selber in die Hand nimmt, sich jenen Spieler vorzuknöpfen, über den ich mich seit Jahren aufrege wie über keinen zweiten.

Unvergessen ist jenes unwürdige Spiel der Schweizer Nati im Sükrü-Saracoglu-Stadion in Istanbul im November 2005. Von der ersten Minute an führte sich Emre schlicht unmöglich auf. Er foulte, provozierte, schauspielerte, rief ständig aus, bedrängte bei jeder Gelegenheit den Schiedsrichter, trat auf auf dem Boden liegende Schweizer Spieler, und kam dennoch mit einer einzigen gelben Karte davon. Seinen Ruf festigte der «Giftzwerg» in den folgenden Spielzeiten, seither steht er in meiner persönlichen Rangliste der unsympathischsten Spieler unangefochten auf dem ersten Platz. Noch vor Treter Pepe, Daniele De Rossi oder Schwalbenkönigen wie Pedro oder Didier Drogba.

Obwohl ich dem schönen Fussball zugeneigt bin, technische Feinheiten lieber sehe als Dauergrätscher mit eisernem Willen, obwohl mir die Fairness über alles geht und ich nicht einmal einen echten Herzensverein habe, können solche Momente wie jener mit Zokora und Emre in den Hauptrollen so richtig niedere Gefühle erwecken. Schadenfreude, Rachegefühle, Genugtuung. Alles dabei. Dank Leuten wie Emre merkt man beim Fussballschauen immer wieder, wie weit man doch davon entfernt ist, ein grundguter Mensch zu sein. Ist vielleicht auch ganz gut so, so hat man immerhin noch Verbesserungspotenzial. Andrerseits: Auf dieses befriedigende Gefühl, wenn ein «Erzfeind» so richtig was abbekommt, will ich eigentlich nicht verzichten. Es dürften sogar noch mehr Emres sein. Vorschläge?

Spiele ohne Schiris – für mehr Fairness

Mämä Sykora am Donnerstag den 3. Mai 2012
Nimmt Entscheidungen ab: Schiedsrichter Massimo Busacca im Stade de Suisse. (Bild: Keystone)

Nimmt Entscheidungen ab: Schiedsrichter Massimo Busacca im Stade de Suisse. (Bild: Keystone)

Letzten Sonntag startete die Zürcher Alternativliga in ihre 35. Saison. Seit einigen Jahren wird der erste Spieltag ohne Schiedsrichter gespielt, die Mannschaften müssen es unter sich ausmachen, ob und für wen ein Einwurf, Freistoss oder Penalty fällig ist. Weil Offside-Entscheidungen deutlich schwieriger zu beurteilen sind, einigen sich viele Teams darauf, wenigstens Linienrichter aus ihren Reihen zu stellen.

Am Tag nach diesen Auftaktspielen stand in der englischen Premier League das vielleicht meisterschaftsentscheidende Manchester-Derby an. Es war ein sehr intensives Spiel, mit einigen harten Tacklings und viel Körpereinsatz, das einen verdienten Sieger fand und zu keiner Zeit unfair war. Im Anschluss daran – nachdem der fantastische Yaya Touré genug gewürdigt worden ist – schlitterten wir an der Bar irgendwie in die Diskussion, wie denn diese Partie gelaufen wäre, hätte sie wie tags zuvor bei uns ohne Unparteiische ausgetragen werden müssen.

Bei solch hypothetischen Fragen kann man sich gerne verlieren. Und tatsächlich herrschte alles andere als Einigkeit. Ich vertrat die Ansicht, dass ja eigentlich jeder Spieler selber wisse, wann er ein Foul begangen und ob er den Ball zuletzt berührt hat, bevor er ins Aus ging. Steht ein Referee auf dem Platz, versuchen die Kicker selbstverständlich, möglichst nahe an dessen Toleranzgrenze zu gehen. Wenn dieser eine klare Linie hat, werden sich die Beschwerden und Ausrufe auch in Grenzen halten. Grössere Probleme ergeben sich dann, wenn sich die Profis darauf verlegen, den Schiedsrichter zu täuschen, um daraus einen Vorteil zu gewinnen. Das betrifft in erster Linie Schwalben, aber auch Handspiele, versteckte Tätlichkeiten etc.

Fällt ein Schiri auf so etwas rein, wird dies beim Nutzniesser als Erfolg gefeiert. Wenn die Entscheidungsgewalt ganz beim Mann in Schwarz liegt, dürfen die Spieler getrost Gewissen und Sportmanship ablegen, der Ärger bei offensichtlichen Fehlentscheidungen trifft nicht sie, sondern prasselt auf den «blinden Schiri» nieder. Diesen zu täuschen, hat anscheinend kaum etwas Verwerfliches mehr an sich. Und genau hier sollte man meiner Ansicht nach den Hebel ansetzen.

Ist kein Unparteiischer anwesend, kann die Entscheidung nicht abgeschoben werden und es ist niemand da, den man reinlegen kann. Liegt ein Spieler auf dem Boden, müssten es die Spieler untereinander ausmachen, wie nun weitergespielt wird. Und in 99 Prozent der Fälle ist es jedem Beteiligten klar, wie die Entscheidung sein muss. Es ist lediglich eine Frage der Grösse und des Charakters, ob man ein Vergehen zugibt oder ob es einem nichts ausmacht, dem Gegenspieler geradewegs ins Gesicht zu lügen und vor Tausenden von Zuschauern im Stadion und am TV als Betrüger dazustehen.

In der Alternativliga, in der es zugebenermassen nicht um Millionen und Weltruhm geht, funktioniert das bestens. Und selbst im Profifussball fällt ab und dann ein Akteur mit einem ausprägten Gerechtigkeitssinn auf. Vor drei Wochen etwa gab Pauli-Stürmer Marius Ebbers ein Handspiel vor einem Torerfolg zu, der Treffer wurde annulliert. Und dies im Aufstiegsrennen. Mit Leuten wie Ebbers dürfte ein Spiel ohne Schiri problemlos möglich sein. Beim grossen Rest der kickenden Zunft äusserten meine Freunde hingegen grosse Bedenken.

Diese seien schlicht zu sehr darauf konditioniert, sich stets einen Vorteil erschleichen zu wollen, dass sie die Zeit, in der sie auf Bolzplätzen selber noch ohne Schiri spielen mussten, längst vergessen haben. Zudem, setzte einer drauf, der schon öfters mit Profifussballern zu tun hatte, seien die meisten nun wirklich keine Menschen mit Vorzeigecharakter. Für ihn war klar, dass der Match am Montag ohne Schiri schlicht unspielbar gewesen wäre.

Ein Versuch wäre allemal spannend. Wenn analog zur Alternativliga die erste Meisterschaftsrunde in Europa ohne Schiri gespielt würde, die Medienaufmerksamkeit gewiss ist und sich die Spieler darauf vorbereiten können, ja dann müsste es doch möglich sein, dass 22 erwachsene Männer eine Einigung in der Frage finden könnten, wer denn nun wen getreten hat. Es würde hoffentlich etwas dazu beitragen, dass die Fairness und die Sportmanship nicht ganz verkümmern. Oder etwa nicht?

YB in der Sackgasse

Mämä Sykora am Montag den 30. April 2012
Enttäuschte YB-Spieler nach dem Aus gegen Winterthur im Cup, 27. November 2011.

Enttäuschte YB-Spieler nach dem Aus gegen Winterthur im Cup, 27. November 2011.

Was ist eigentlich mit YB los? Der selbsternannte erste Herausforderer des FC Basel durchlebt eine desaströse Saison: Das Aus im Cup gegen Winterthur, in der Europa-League-Qualifikation gescheitert, zudem 25 Punkte Rückstand auf jenen Verein, dem man im Kampf um die Meisterschaft fordern wollte. Wäre das diesjährige Championat nicht derart verzerrt, sähe es noch viel bitterer aus für die Berner: Mit den bescheidenen 1,379 Punkten pro Partie steht man hierzulande zwar immerhin auf Platz 3, in England würde es Platz 9 bedeuten, in Deutschland und Spanien Platz 7, und in Österreich wäre man damit schon in der hinteren Tabellenhälfte.

Dass sich derzeit eine Welle des Spotts über den BSC ergiesst, mag nicht verwundern. Das Image des Verlierers wollte man ein für allemal loswerden und präsentierte selbstbewusst das 3-Phasen-Modell, dessen Schlusspunkt der Meistertitel bilden sollte. Dafür wurde viel finanzieller Aufwand betrieben, dank der Unterstützung der Brüder Rihs konnte Verwaltungsratspräsident Benno Oertig stolz den Trainer mit dem grossen Namen vorstellen. Es kam einer Art Verzweiflungstat gleich, nachdem frühere Konzepte nicht zum gewünschten Erfolg geführt hatten.

Da war etwa die seltsam anmutende Geschichte mit der Fussballakademie in der Côte d’Ivoire, dank der YB Spieler wie Doumbia oder die Doubaï-Brüder verpflichten konnte, und die dem Verein Einnahmen von ca. 20 Millionen Franken bescherten. Dennoch wurde die Zusammenarbeit gekippt, weil es sich finanziell nicht lohne, so CEO Ilja Kaenzig. Angesichts dieser Zahlen klingt das etwas wunderlich, einige sahen in dieser Aktion eher eine Abrechnung mit dem geschassten Stefan Niedermaier, der diese Kooperation aufgegleist hatte.

Auch anderes Bewährtes wurde kurzerhand über Bord geworfen. Der bei den Fans beliebten Vladimir Petkovic – immerhin der Trainer mit dem höchsten Punktschnitt seit dem letzten Meistertitel – musste ebenso gehen wie eine Reihe talentierter Eigengewächse wie etwa François Affolter oder die Schneuwlys, andere verdiente Akteure wie Raimondi fanden sich plötzlich auf der Bank wieder. Die vielen Neuverpflichtungen vermochten derweil längst nicht alle zu überzeugen. Nuzzolo konnte nie an seine Leistungen bei Xamax anknüpfen, bei Josh Simpson wurde der Grund für seine Verpflichtung nie offensichtlich, und selbst die Leistungsträger der Vorsaison konnten ihr Potenzial nicht mehr abrufen. Namentlich Farnerud trat längst nicht mehr so dominant auf wie in den Monaten zuvor.

Bei YB wollte man den Erfolg erzwingen. Es ist zwar verständlich, dass man nicht ständig nur die zweite Geige spielen will, doch immerhin schaffte man es mit etwas Kontinuität, den Branchenprimus Basel einige Male bis zuletzt zu fordern. Nach den vielen tiefen Schnitten ist man nun so weit von der Spitze entfernt wie schon lange nicht mehr – und dies bei stark gestiegenen Ausgaben. Dass die Berner den Afrika-Cup-Triumph ihres Stürmer Emmanuel Mayuka mit dem Hinweis feierten, er habe nun einen Marktwert von 14 Millionen Franken, ist nur ein Beispiel dafür, wie sehr man die Realität in der Hauptstadt verkennt. Denn diese Zahl ist mehr als absurd, wenn man bedenkt, dass etwa Dortmunds Goldfüsschen Shinji Kagawa für den gleichen Betrag zu haben ist.

Eine Mannschaft wie Basel kann man nicht fordern, indem man seine Pläne regelmässig verwirft und einen Grossteil des Budgets für einzelne Personen aufwendet. Geld alleine reicht bei Weitem nicht, vor allem im Wissen, dass den FCB aus den bevorstehenden Transfers grosse Summen erwarten. Es wäre die Chance der Young Boys gewesen, in aller Ruhe ein funktionierendes Team aufzubauen, eigene Junioren einzubauen, von der Afrika-Connection zu profitieren und kleine Schritte nach vorne zu machen, denn so hätte man in der nächsten Saison, wenn der Konkurrent einige Schlüsselpositionen neu besetzen muss, bereit für den Zweikampf sein können.

Doch YB wählte den falschen Weg. Weil es einige Male knapp nicht gereicht hat, änderte man wiederholt das ganze Konzept, übrig geblieben ist ein Scherbenhaufen, ein extrem teurer noch dazu, der sich in der Meisterschaft mit Thun und Servette messen muss. Nun steckt der Verein geradezu in einer Sackgasse: Erwartet wird trotz dieser ernüchternden Saison auch nächstes Jahr wieder der Titel, nun ist man aber weiter davon entfernt als noch vor der Zündung der «Phase 3». Ein erster Weg aus der Krise wäre sicherlich, die Ansprüche auf ein vernünftiges Mass zu reduzieren und jetzt nach der Entlassung von Trainer Christian Gross nochmals da zu beginnen, wo Vladimir Petkovic vor knapp vier Jahren angefangen hat.

Plädoyer gegen Penaltys

Mämä Sykora am Donnerstag den 26. April 2012
Der Anfang vom Ende für Real: Cristiano Ronaldo schiesst, Neuer hält. (Bilder: Keystone)

Der Anfang vom Ende für Real: Cristiano Ronaldo schiesst, Neuer hält. (Bilder: Keystone)

Zwei wahrlich tolle Halbfinals sahen wir in der diesjährigen Champions League. Es gab es zwar bestimmt schon fussballerisch höherklassige Begegnungen, aber an Spannung waren die Partien kaum zu überbieten. Gestern fielen bei Real gegen Bayern schon in der ersten Halbzeit drei Tore, wodurch das Hinspiel-Ergebnis egalisiert wurde, zwei davon auf Penaltys. Und ich mag schlicht und einfach keine Penaltys.

1891 wurde der Elfmeter eingeführt, eine Erfindung des irischen Leinenfabrikants und Torwarts William McCrum. Seine Idee wurde umgesetzt, nachdem ein Spieler von Notts County auf der Torlinie ein absichtliches Handspiel begangen hatte, worauf man sich nach Möglichkeiten für eine gerechte Bestrafung umgeschaut hatte. Damit wird auch klar, was die ursprüngliche Absicht gewesen ist: Wem eine klare Torchance regelwidrig vereitelt wird, der soll durch den Strafstoss mit einer ähnlich erfolgsversprechenden Situation entschädigt werden.

Die Neuerung wurde nicht nur positiv aufgenommen. C. B. Fry von Southampton liess verlauten: «Es ist eine Beleidigung des Ansehens von Sportleuten, wenn sie unter einer Regel spielen müssen, die unterstellt, dass die Spieler ihrem Gegner absichtlich ein Bein stellen, treten und schlagen und sich benehmen wie üble Kerle der gewissenlosesten Sorte.» Und der Corinthian FC aus London setzte Elfmeter jeweils absichtlich daneben. Gab es Strafstoss gegen sie, stellten sie keinen Torwart ins Tor. Würden diese Spieler heutige Fussballpartien schauen, sie würden sich angeekelt abwenden.

Genial daneben: Der dreifache Weltfussballer Lionel Messi verschiesst einen Penalty gegen Chelsea, Barcelona verpasst den Finaleinzug.

Genial daneben: Der dreifache Weltfussballer Lionel Messi verschiesst einen Penalty gegen Chelsea, Barcelona verpasst den Finaleinzug.

Bei praktisch jedem Körperkontakt im Strafraum, bei jeder Ballberührung eines Verteidigers mit etwas anderem als dem Fuss schreien Fussballer nach einem Elfmeter. Und viel zu oft haben sie damit Erfolg. Was vor über 100 Jahren als ultimative Bestrafung für eine sich in höchster Not mit unfairen Mitteln wehrende Defensive eingeführt wurde, entscheidet heute regelmässig wichtige Spiele, ohne dass überhaupt eine gute Tormöglichkeit verhindert wurde. So weit hat William McCrum damals nicht gedacht, und das machen sich die cleveren Stürmer von heute zunutze.

Dass die modernen Profis deutlich häufiger ein Foul vortäuschen als früher, ist hinlänglich bekannt. Und laut Reglement zieht jedes Vergehen im Strafraum einen Elfmeter nach sich. Hier kann man also den Schiedsrichtern keinen Vorwurf machen, denn es gibt keinen Grund, warum eine von den Unparteiischen als Foul taxierte Aktion im Strafraum anders beurteilt werden soll, als wenn sie im Mittelfeld passiert wäre. Die Stürmer sind geschickt und wissen, wie sie fallen müssen, um einen Pfiff zu provozieren. Zu lange wurde hier tatenlos zugeschaut, zu wenig abschreckend sind die Strafen für Schwalbenkönige, als dass sich hier in absehbarer Zeit etwas ändern würde.

Der Effekt davon ist, dass der Strafraum wohl der Bereich des Spielfeld ist mit den meisten «Fouls» pro Quadratmeter. Ob Schubser im Gewühl an der Sechzehner-Grenze oder ungestümes Herauslaufen des Torwarts und Stürmerkontakt an einer Stelle, von der ein Torschuss schon gar nicht mehr möglich ist – das Verdikt heisst stets Elfmeter, ganz egal, ob es eine Torchance gewesen wäre oder nicht. Und dann kommt auch noch dieses vermaledeite Hands dazu, das in meinen Augen viel zu oft zur Höchststrafe führt.

Wir nehmen nochmals das Regelbuch hervor: «Ein Handspiel liegt vor, wenn ein Spieler den Ball absichtlich berührt. Dabei achtet der Schiedsrichter auf die Bewegung der Hand zum Ball (nicht des Balls zur Hand).» Gestern bekam Alaba einen Di Maria-Volley aus zwei Metern an den Arm geschossen, wie das Video unten zeigt. Hat jemand eine Absicht bemerkt? Ging etwa die Hand zum Ball? Wohin soll Alaba seinen Arm versorgen, wenn er grätscht? Darf man bald nur noch die Arme hinter dem Rücken verschränkt haben in der Verteidigung, wie es heute tatsächlich bereits viele Spieler machen in solchen Situationen? Ist das dann etwa die viel zitierte «natürliche Handhaltung»?


Arm dran: Alaba konnte nicht anders, als einen Penalty zu verursachen. (Quelle: Youtube)

Meiner Ansicht nach sind die vielen ausgesprochenen Elfer Gift für das Spiel. Nicht wenige Angreifer suchen zuerst den Penaltypfiff und erst in zweiter Linie den Torerfolg. Dem entgegenwirken könnte man gleich doppelt: Einerseits die Handsregel wieder so anwenden, wie sie ursprünglich geplant war, nämlich indem nur offensichtlich absichtliche Handspiele gepfiffen würden, andererseits auch die Elfmeter wieder nur bei «Notbremsen» verhängen. Die ganzen restlichen Vergehen im Strafraum – und die machen den Grossteil aus – sollten lediglich einen Freistoss zur Folge haben. Das ergäbe noch immer eine gute Gelegenheit für ein Tor, aber es wäre bei Weitem nicht mehr so fatal wie diese unsäglichen Penaltys. Ich denke, das wäre durchaus im Sinne von Mister McCrum.

Raubbau an Fussballerkörpern

Mämä Sykora am Montag den 23. April 2012
Lionel Messi während des Spiels gegen Real, 21. April 2012.

Die Fussballprofis spielen bis zum Umfallen: Lionel Messi während des Spiels gegen Real, 21. April 2012.

Fussballprofis in Top-Vereinen verdienen viel Geld. Verdammt viel Geld. Dafür – so die weit verbreitete Meinung – darf man auch einiges von ihnen erwarten. Noch vor nicht allzu langer Zeit, bestand das Pflichtprogramm für die Profis aus den Meisterschaftspartien, einigen Cup-Fights sowie bei den wenigen Vereinen, die europäisch spielten, aus einer Handvoll internationalen Partien. Der Rest der Zeit diente dem Training und der Regeneration, die besten aus den Top-Nationen spielten zudem alle zwei Jahre noch ein paar EM- oder WM-Spiele.

Die Anzahl der in einer Saison zu absolvierenden Spiele ist seither massiv gestiegen. Bei einem erfolgreichen Champions-League-Teilnehmer kommen noch circa 10 Partien (und damit ebenso viele englische Wochen) hinzu, wenn’s ganz dumm (bzw. erfolgreich) läuft, stehen als Bonus noch Dinge wie der UEFA-Supercup oder die FIFA Klub-WM an. Und wenn andere Fussballer in die Ferien fahren, dürfen die Besten der Besten im Sommer direkt im Anschluss an die Meisterfeier ins EM- oder WM-Trainingslager einrücken, im Winter sind sie zudem verpflichtet, mit ihren Vereinen sportlich höchst fragwürdige, aber finanziell sehr einträgliche Freundschaftsspiel-Serien in Asien zu spielen. Den überspielten Stars eine Pause zu gönnen liegt nicht drin, Sponsoren und Zuschauer erwarten deren Einsatz.

Die Folgen dieses Raubbaus an den Körpern der Stars werden jedes Jahr spätestens im Frühling offensichtlich. Dieses Wochenende blieb Lionel Messi gegen Real Madrid derart ohne Einfluss, dass schon wenige Stunden nach dem Schlusspfiff folgender Witz die Runde machte: «Was haben ich und Lionel Messi gemeinsam? – Wir haben beide am Samstag beim ‹Clásico› zugeschaut.» Sicher, das lag nicht nur daran, dass der kleine Argentinier am Ende seiner Kräfte ist, denn immerhin verteidigte Real hervorragend, aber dass es bereits sein 54. Pflichtspieleinsatz in dieser Saison war, ist bestimmt auch ein Grund dafür. Und die grossen Entscheidungen stehen erst noch an…

Die Engländer leisten sich sogar weiterhin zwei Pokalwettbewerbe, je nach Runde sogar mit Hin- und Rückspiel bzw. mit einem Wiederholungsspiel im Falle eines Remis. Auch wenn einige Vereine zumindest im Carling Cup mehrheitlich Ergänzungsspieler auflaufen lassen, kommen die grossen Stars wie ihre Kollegen in Spanien auf über 60 Spiele pro Jahr – und das nahezu ohne Pause. Und just wenn mit dem Schlusspfiff des letzten Meisterschaftsspiel die letzten Kraftreserven aufgebraucht sind, beginnt die EM. Es kann nicht erstaunen, dass die Affichen zwischen den besten Mannschaften des Kontinents unter diesen Umständen nur selten halten können, was sie versprechen.

Das Rotationsprinzip, das Ottmar Hitzfeld bei den Bayern einst eisern angewandt hatte, findet bei Europas führenden Vereinen kaum Anwendung. Gerade in Spanien und England, wo die Meisterschaften meistens zu Zweikämpfen verkommen, will kein Trainer Gefahr laufen, sich im Falle eines Ausrutschers unangenehme Fragen zur Aufstellung gefallen lassen zu müssen. Die Superstars und Leistungsträger laufen somit immer auf, egal ob Auswärtspartie beim Tabellenvorletzten, Champions-League-Halbfinale oder Freundschaftsspiel gegen die thailändische Nationalmannschaft.

Über einige Saisons hält ein gut trainierter Körper diese irre Belastung aus, mit der Zeit lässt das Leistungsvermögen indes nach. Für uns Zuschauer bedeutet das, dass wir an den grossen Endrunden Akteure sehen, die schon auf dem Zahnfleisch gehen, und damit ist die Gesundheit der Spieler in Gefahr. Nach dem tragischen Tod des Livorno-Profis Piermario Morosini vor einer Woche meldete sich Ex-Nationalspieler Antonio Di Natale zu Wort: «Wir müssen weniger und nicht so schnell hintereinander spielen. Fussball ist schön und wichtig, aber wir müssen auch auf unsere Gesundheit achten.» Und selbst Sepp Blatter sieht die Bedrohung für seine einträgliche WM und liess die Engländer wissen, dass bei ihnen zu viel Fussball gespielt werde.

Nur: Die heimischen Championnats waren schon immer da, während die zusätzlichen Termine immer mehr wurden. Die EM und die WM wurden massiv vergrössert, die Anzahl Qualifikationsspiele nahm laufend zu, die Europacup-Wettbewerbe aufgeblasen, neue Turniere geschaffen und zudem gibt’s nun auch noch statt Ferien Sponsorentours. Ob das lange gut geht? Wie es scheint, versuchen die Vereine derzeit, die Schmerzgrenze auszuloten. Denn mehr Partien ergeben auch mehr Einnahmen, und solange die Spieler es irgendwie aushalten, wird daran nichts geändert. Für die Klubs liegt die Schuld ohnehin beim dichten Kalender der Nationalmannschaften. Erst kürzlich wurden höhere Entschädigungszahlungen für Nationalspieler erstritten, damit bleibt der Terminkalender weiterhin randvoll.

Ein weiterer Ausbau der Anzahl Spiele pro Jahr ist kaum mehr möglich, eine Reduktion hingegen ebenso undenkbar. Die aktuelle Generation Superstars wird so lange am körperlichen Limit spielen müssen, bis ihren Vereinen – ihren «Besitzern» – daraus ein Nachteil entsteht. Und das ist erst der Fall, wenn diese Kicker ihre Leistung nicht mehr bringen können oder gar von ständigen Verletzungen geplagt sind.

Ist Balotelli zu dumm für den Fussball?

Mämä Sykora am Donnerstag den 19. April 2012

Er ist zweifellos einer der talentiertesten Fussballer unseres Planeten: unberechenbar, vielseitig einsetzbar, mit einem tollen Antritt und einem harten Schuss gesegnet, physisch und technisch äusserst stark. Mehr als Mario Balotelli kann man nicht mitbringen, um auch zu einem der besten Spieler der Welt zu werden. Und doch ist fraglich, ob es «Super Mario» so weit bringen wird. Nicht wegen seinen Leistungen auf dem Feld, sondern wegen der nicht abreissen wollenden Serie an Undiszipliniertheiten und Eskapaden.

Sein oft als schwierig bezeichneter Charakter fiel schon früh auf. Nachdem sein Förderer Roberto Mancini bei Inter Mailand entlassen wurde, schwelte zwischen Balotelli und dem neuen Trainer José Mourinho ein offener Konflikt, worauf der Stürmer tatsächlich in einem Trikot der AC Milan in einer italienischen TV-Sendung auftrat. Im ersten Spiel nach seiner Sperre wusste er nach dem Schlusspfiff nichts besseres, als sein Shirt auf den Boden zu schmeissen, somit war er für Fans, Mitspieler und den Verein nicht länger tragbar.

Mit einem stolzen Gewinn wurde er zu Manchester City verkauft, wo er wieder unter Mancini auflaufen konnte. Und da wurde er als jener Junge bekannt, der schlicht nicht mit dem Druck, dem Ruhm und dem Geld umgehen kann. Auf dem Feld häuften sich grobe Fouls – sein Total bei den Blues steht mittlerweile bei 4 Platzverweisen sowie einer nachträglich ausgesprochenen Sperre von 4 Partien, weil er Tottenhams Scott Parker auf den Kopf getreten war – dazu gesellten sich einige Verfehlungen neben dem Feld. Er fuhr gleich mehrere Luxuskarossen zu Schrott, spielte in seinem Haus mit Feuerwerkskörpern herum bis die Löschfahrzeuge ausrücken mussten, beleidigte die Stadt Manchester («Ich bin hier nicht glücklich, ich mag die Stadt nicht») und nach der Wahl zum «Golden Boy 2010» seinen Arsenal-Konkurrenten Jack Wilshere («Wie heisst der? Wil…? Kenn ich nicht. Aber ich werde ihm die Trophäe zeigen, wenn ich gegen ihn spiele, und ihn dran erinnern, dass ich sie gewonnen habe»), und er schoss mit Dartpfeilen auf City-Junioren. Hinzu kommt sein exzessiver Lebensstil: Der Garten seines Hauses wurde in eine Rennstrecke für Quad-Bikes umgebaut, er besuchte trotz Ausgangssperre vor einem Spiel ein Pub und schmiss für 1000 Pfund eine Lokalrunde. Und auf Italiens Ersatzbank bei einem Spiel gegen die Färöer hantierte er mit einem iPad herum. Wäre Balotelli eine Figur aus einem Fussballfilm, man würde sie für überzeichnet und übertrieben halten.

Bislang schlugen bei ihm sämtliche «Erziehungsmethoden» fehl. Weder die harte Hand von Mourinho noch die väterlichen Versuche von Mancini («In seinem Alter macht man nun mal noch Fehler. Er ist verrückt, aber ich liebe ihn, weil er ein guter Mensch ist») konnten den Sohn ghanaischer Immigranten von seinen Fehltritten abbringen. Nach dem Platzverweis beim wohl meisterschaftsentscheidenden 0:1 gegen Arsenal ist nun auch bei Mancini der Kragen geplatzt und er kündigte an, dass Balotelli in dieser Saison keine Rolle mehr spielen werde und im Sommer zum Verkauf stünde: «Ich bin mit ihm fertig!» Der in Ungnade gefallene konterte, indem er angab, die Nationalmannschaft komme ohnehin «vor allem anderen». Doch auch da stehen seine Karten schlecht. Azzurri-Trainer Cesare Prandelli stellte nach dem jüngsten Aussetzer seine EM-Teilnahme in Frage. Bereits zuvor hatte er aus disziplinarischen Gründen auf sein Stürmerjuwel verzichtet.

Für die britische Yellow Press ist Balotelli indes ein Glücksfall. Nicht erst seit seinem missglückten und auf Youtube verewigten Versuch, ein Überziehleibchen anzuziehen, wird er schonungslos als «Spatzenhirn» («The Sun») verhöhnt, jede noch so kleine Episode aus seinem wilden Leben wird genüsslich ausgeschlachtet und ausgeschmückt. Die Urteile über ihn könnten hingegen unterschiedlicher nicht ausfallen. Die einen halten ihn «sogar für den Profifussball zu dumm», andere bemitleiden ihn, weil er seine Jugend nicht ausleben durfte und von den Anforderungen an einen modernen Profifussballer überfordert ist, wieder andere halten ihn für «die coolste Sau der Welt» (Benjamin Kuhlhoff). Die Wahrheit liegt – wie so oft – wohl irgendwo dazwischen.

Zwischen den aalglatten und nicht selten langweilig wirkenden Kickern von heute wirkt Balotelli wie ein Fremdkörper. Mit seinen Allüren ist er mehr Rockstar denn Profisportler. Er ist ein George Best in einer Zeit, die so ein Verhalten nicht mehr toleriert. Dabei ist es genau diese Verrücktheit, die ihm seine Geistesblitze auf dem Platz erst ermöglichen. Wer ihn in ein Korsett zu zwängen versucht, der raubt ihm eine grosse Stärke. Dass er sich keine Platzverweise mehr erlauben kann, hat er hoffentlich nach Mancinis heftiger Reaktion gelernt. Wenn ihm seine sonstigen Extravaganzen toleriert werden, kann er zum besten Stürmer der Welt werden. Ich hoffe für ihn und die Fussballwelt, dass seine Lust nicht durch stetiges Disziplinieren verloren gehen wird.

Alles anders beim FC Winterthur

Mämä Sykora am Montag den 16. April 2012

Das Märchen vom Cupfinal endete gestern mit dem Besuch des FC Basel auf der Schützenwiese. Ohne Happy End. Das Märchen des FC Winterthur hingegen geht weiter. Das Spiel gestern war nur ein weiteres Kapitel in der Geschichte dieses Vereins, der so herrlich quer in der wenig bunten Landschaft des Schweizer Profifussballs steht.

Wer die Schützenwiese besucht, merkt schnell, dass hier einiges anders ist. Statt Status Quo und Hermes House Band dröhnt Punkmusik aus den Lautsprechern, neben der Bierkurve gibt es auch eine Sirupkurve für den Nachwuchs der Anhängerschaft. Und sogar eine Kunstgalerie, der legendäre «Salon Erika», öffnet während den Spielen ihre Tore. Und das «Produkt» – wenn man es überhaupt so nennen darf – findet Anklang: Die Schützenwiese gehört zu den am besten besuchten Stätten der Challenge League, obwohl der Aufstieg gar nicht erreicht werden kann. Die entsprechende Lizenz hat der Verein nämlich nicht beantragt.

Die Fans stört dies nicht. Sie stehen auf den Rängen, egal ob der Gegner Wohlen, Vaduz oder wie in dieser schönen Cup-Kampagne YB, St. Gallen und Basel heisst. Für einige der älteren Zuschauer waren dies Erinnerungen an vergangene, ruhmreichere Zeiten, mit zwei (verlorenen) Cupfinals als letzte Highlights. Seit 35 Jahren spielt der FCW nun – abgesehen von 3 Spielzeiten – in der zweithöchsten Spielklasse, vor 11 Jahren wäre er beinahe Konkurs gegangen, ehe er vom heutigen Präsidenten Hannes W. Keller gerettet wurde. Die lange Leidenszeit hat vielleicht einiges dazu beigetragen, dass die Fans erfreulicherweise die anderorts weit verbreitete Verbissenheit vermissen lassen. Auf der Tribüne jedenfalls geht es locker zu und her, man plaudert und prostet sich zu, und die Sprüche leben eher vom Humor denn vom Hass der Gastmannschaft gegenüber.

Ohne Hannes W. Keller, den Unternehmer, gäbe es dies alles nicht mehr. Über 12 Millionen Franken hat er schon in den Verein investiert, um Defizite zu decken. Als Dank dafür helfen alle fleissig mit, Geld in die Kasse zu kriegen. Der «Salon Erika» und die Stadionbeiz, betrieben von einer autonomen Genossenschaft, überweisen dem Klub jährlich ein paar Tausend Franken. Es sind kleine Brötchen, die gebacken werden. Grosseinkäufe sind ebenso wenig möglich wie Kurzschlussreaktionen. Als die Resultate unter Trainer Boro Kuzmanovic anhaltend schlecht blieben, sprach Keller ein Machtwort. Diese Ruhe bezahlte sich aus, in diesem Frühjahr schaffte es die Mannschaft aus der Abstiegszone bis an den Barrageplatz heran.

Starallüren sucht man bei den Winti-Kickern vergebens. Nach dem Spiel trifft man sie beim Schwatz in der Libero-Bar und bekommt dabei einen Eindruck, wie der Fussball hierzulande war, bevor er zum «Business» wurde. Wohl darum zieht der FCW überdurchschnittlich viele unverbesserliche Fussball-Nostalgiker an, die sich bei einem Besuch auf der «Schützi» an längst vergangene Stadionerlebnisse zurückerinnern. Ein willkommenes Kontrastprogramm zum Super-League-Alltag. Man stellt sich unweigerlich vor, wie es wäre, wenn die Form tatsächlich auch nächste Saison anhalten würde, wenn dem FC Winterthur tatsächlich dereinst die Rückkehr ins Oberhaus gelingen sollte. Und weiter fragt man sich, ob mit so einem Konzept überhaupt noch längerfristiger Super-League-Fussball möglich ist.

Was denkt die Steilpass-Gemeinde? Hat das Konzept des FC Winterthur Platz in der Super League? Oder ist es lediglich ein Relikt aus unwiederbringlich vergangenen Zeiten und allerhöchstens noch in der Challenge League anwendbar?

Danke, Jürgen Klopp!

Mämä Sykora am Donnerstag den 12. April 2012


Dortmund schlägt Bayern im wohl entscheidenden Spiel um die Meisterschaft mit 1:0. Es war – zumindest in der ersten Halbzeit – ein grossartiges Spiel, gerade weil die Borussen, obwohl sie von der Tabellensituation her auch auf Abwarten hätten spielen können, munter angriffen. Und sie kamen zu einigen Grosschancen, durch Grosskreutz, zweimal durch Lewandowski, der sogar den Pfosten traf. Es war ein Spiel, das alles mit sich brachte, was ein gutes Fussballdrama braucht. Inklusive des verschossenen Bayern-Elfmeters durch Robben und des Lattentreffers durch den eigenen Mann. Dortmund weist nun vier Runden vor Schluss stolze sechs Punkte Vorsprung auf die Bayern auf, und ist damit trotz des happigen Restprogramms auf Meisterkurs. Und gleichzeitig im Pokalfinale. Man kann die Arbeit von Jürgen Klopp schlicht nicht genug würdigen.

Ludovic Magnin sagte mir einst in einem Interview: «In Deutschland wird normalerweise immer Bayern Meister. Man muss als Herausforderer genau dann bereit sein, wenn die Bayern schwächeln.» Tatsächlich holten die Münchner 9 der letzten 15 Meisterschaften, und die «Überraschungssieger» in dieser Zeit konnten ihren Exploit nie bestätigen. Stuttgart, damals noch mit Magnin, und Wolfsburg, die vor Dortmund letzten Bayern-Besieger, kämpften in der Folgesaison gar gegen den Abstieg. Klopp hingegen steht mit Dortmund vor der Titelverteidigung. Das zeigt, was auch im modernen Fussball noch möglich ist mit einem guten Händchen bei den Transfers, einem bestens harmonierenden Team und einem hervorragenden Trainer.

Bei Borussia spielen keine Stars, deren (gefälschte) Trikots auf der ganzen Welt auf Märkten angeboten werden. Sensationelle Transfers sucht man bei den Westfalen in den letzten Jahren vergebens, dafür erkennt man, mit welcher Voraussicht und welchem Blick für Talente Verstärkungen geholt wurden. Für Shijni Kagawa etwa, den spektakulären Japaner, bezahlten die Gelb-Schwarzen läppische 350’000 Euro, die er mit seinen 30 Skorerpunkten und seinem Einfluss auf das Dortmunder Angriffsspiel längst zurückbezahlt hat. Die «Polen-Achse» mit Piszczek, Blaszczykowski und Lewandowski kostete zusammengerechnet gleich viel wie etwa der Bayern-Ersatzspieler Daniel Pranjic. Doch es muss bezweifelt werden, ob diese vier Profis – gleich wie die Eigengewächse Götze und Grosskreutz – anderorts derart über sich hinauswachsen hätten können, wie sie dies unter Jürgen Klopp tun.

Der Mann hat eine Vision von attraktivem Spiel und weiss zweifellos, wie man eine Gruppe – böse gesagt – «No-Names» zu Höchstleistungen anspornt. Bezeichnend ist, dass der langjährige Mainz-Spieler trotz Jahren im Geschäft den Humor nicht verloren hat, wie er in unzähligen Fernsehauftritten, namentlich in den Gesprächen mit Arnd Zeigler, bewiesen hat. Sieht man seine Borussia spielen, bekommt man das Gefühl, dass an dem uralten Spruch «Elf Freunde müsst ihr sein» doch was dran sein könnte. Die Mannschaft hat Spass, Klopp fördert dies geradezu, und erst dadurch kann sie auch uns Zuschauern Spass machen. Dass das Team nach dem letztjährigen Meistertitel nicht auseinandergefallen ist, ist eine weiterer Beweis dafür, wie sehr es den Akteuren bei «Kloppo» gefällt.

Für einen Underdog ist es immer leicht, die Sympathien zu gewinnen. Bei Dortmund ist es allerdings derzeit weit mehr als diese Rolle, dank der der Mannschaft die Herzen zufliegen. Sie narrt unablässig Goliath Bayern, hat gestern zum vierten Mal in Folge gegen den Branchenprimus gewonnen, zeigt herzerfrischenden Fussball, ohne dafür Millioneneinkäufe getätigt zu haben, und beweist ganz nebenbei noch wie Trainer Klopp Bodenhaftung und Humor. Zwei Dinge, die im heutigen Fussball sehr selten geworden sind. Ich jedenfalls verbeuge mich tief vor Jürgen Klopp und seiner Truppe und sage «Danke» für diesen Fussball! Ich bin tief beeindruckt und ganz einfach begeistert. Auch das kommt nicht sehr oft vor.