
Plötzlich spielt sich der «Blick» als oberster Sittenrichter auf: Murat Yakin während eines Spiels gegen Lausanne, 3. August 2011. (Bild: Keystone)
Weil sich Murat Yakin vor dem Spiel gegen den FC Zürich über die negative Berichterstattung der «Neuen Luzerner Zeitung» ärgerte und an einer Medienkonferenz zu deren Reporter sagte, er solle weniger Medikamente konsumieren, steht der Trainer des FC Luzern am Pranger. Der «Blick», dessen Journalisten markigen Sprüchen sonst durchaus nicht abgeneigt sind, spielt in der Komödie um die sarkastische Bemerkung die Rolle des obersten Sittenrichters. Der Sportchef der Zeitung schrieb von einer «verletzenden Entgleisung» und konstatierte gleich noch, die sportliche Tendenz beim FCL sei negativ. «Blick»-Kolumnist Kubilay Türkyilmaz, jahrelang ein grosser Fürsprecher Yakins, wirft seinem früheren GC-Teamkollegen derweil vor, er halte sich für unantastbar und beleidige jene Menschen, die wirklich auf Medikamente angewiesen sind.
Yakin, der Selbstherrliche? Yakin, der Erfolglose? Beide Male ist die Antwort ein deutliches Nein. Murat Yakin ist ein Mann mit Stil und Manieren, Journalisten und Spielern begegnet er gleichermassen respektvoll. Ob das Gegenüber nun ein Star seiner Zunft ist oder nicht, spielt keine Rolle. Für ihn zählen der Mensch und die Leistung auf dem Platz. Und genau hier liegt in der Affäre zwischen dem «Blick» und dem FCL-Coach wohl der Hund begraben. Yakin hat in Luzern nämlich den inzwischen zum FC Sion transferierten Stürmer Cristian Ianu kaltgestellt, weil der Rumäne nicht in sein System passte. Und Ianu ist der Schwager von «Blick»-Kolumnist Türkyilmaz…
Man darf sich also durchaus die Frage stellen, ob der wahre Grund für die Kampagne gegen Yakin nicht viel eher diese familiäre Verstrickung ist als der Spruch gegen den Luzerner Journalisten, mit dem sich der Coach inzwischen längst versöhnt hat. Zumal der «Blick» Yakin wegen seines offen bekundeten Interesses am Trainerjob beim FC Basel gleich auch noch mangelnde Loyalität gegenüber dem FCL vorwirft, was mit der Medikamenten-Bemerkung nun wirklich nichts zu tun hat und auch sonst eine gewagte These ist. Im Oktober schrieb Türkyilmaz übrigens noch eine Kolumne mit dem Titel «Muri muss zum FCB!», in welcher er Yakin eine «perfekte Trainerkarriere» sowie einen hervorragenden Umgang mit jungen Spielern attestierte und ihm riet, die erste Gelegenheit zum Wechsel nach Basel zu ergreifen.
Das war allerdings bevor Türkyilmaz’ Schwager beim FC Luzern endgültig aus den Traktanden fiel – und bevor Murats Bruder Hakan in Bellinzona einen mit zwei Millionen Franken dotierten Sechsjahresvertrag als Spieler und Botschafter für den Tessiner Fussball unterzeichnete. Der Botschafter des Tessiner Fussballs war bis dahin Türkyilmaz selbst. Nun sieht der 62-fache Internationale auch seinen Status als bedeutendster Fussballer in der Geschichte der AC Bellinzona gefährdet.
Dass Geschichten aus dem Leben der Yakin-Brüder medial breitgetreten werden, selbst wenn es sich um Nichtigkeiten wie den Spruch gegen den Reporter der «Neuen Luzerner Zeitung» handelt, liegt daran, dass die beiden zu den wenigen Charakterköpfen im Schweizer Fussball zählen. Eine Schlagzeile zieht bedeutend mehr Leser an, wenn man sie mit dem Namen Yakin anreichern kann. Und wer würde sich ernstlich darüber aufregen wollen, wenn der Trainer eines anderen Klubs sich eine ähnliche Bemerkung wie Murat Yakin erlauben würde? Dem sympathischen FCB-Coach Heiko Vogel hätte man sie in der allgemeinen Euphorie um die Basler Erfolge in der Champions League wohl noch als humoristisches Verdienst angerechnet.
Abschliessend noch eine Bemerkung zur eingangs angeführten Behauptung, der FC Luzern zeige unter Yakin negative Tendenzen. Die Zentralschweizer stehen in der Super League trotz des Remis gegen den neu formierten FCZ noch immer auf Platz 2. Besser ist nur der FC Basel, von dessen Strukturen Yakin in Luzern nur träumen kann. Und wenn im Fussball-Business noch so viele Protagonisten lügen mögen, die Tabelle tut es nicht.










Mämä Sykora (36) ist Chefredaktor beim Fussballmagazin
Alexander Kühn (33) ist Sportredaktor bei Newsnet und leidgeprüfter Fan des deutschen Zweitligisten Dynamo Dresden. Mangels fussballerischen Talents beschränkt er sich auf kritische Einwürfe von Tribüne und Schreibtisch aus.







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