Sport


Warum der «Blick» Murat Yakin verteufelt

Alexander Kühn am Samstag den 11. Februar 2012
Murat Yakin während eines Spiels gegen Lausanne, 3. August 2011. (Bild: Keystone)

Plötzlich spielt sich der «Blick» als oberster Sittenrichter auf: Murat Yakin während eines Spiels gegen Lausanne, 3. August 2011. (Bild: Keystone)

Weil sich Murat Yakin vor dem Spiel gegen den FC Zürich über die negative Berichterstattung der «Neuen Luzerner Zeitung» ärgerte und an einer Medienkonferenz zu deren Reporter sagte, er solle weniger Medikamente konsumieren, steht der Trainer des FC Luzern am Pranger. Der «Blick», dessen Journalisten markigen Sprüchen sonst durchaus nicht abgeneigt sind, spielt in der Komödie um die sarkastische Bemerkung die Rolle des obersten Sittenrichters. Der Sportchef der Zeitung schrieb von einer «verletzenden Entgleisung» und konstatierte gleich noch, die sportliche Tendenz beim FCL sei negativ. «Blick»-Kolumnist Kubilay Türkyilmaz, jahrelang ein grosser Fürsprecher Yakins, wirft seinem früheren GC-Teamkollegen derweil vor, er halte sich für unantastbar und beleidige jene Menschen, die wirklich auf Medikamente angewiesen sind.

Yakin, der Selbstherrliche? Yakin, der Erfolglose? Beide Male ist die Antwort ein deutliches Nein. Murat Yakin ist ein Mann mit Stil und Manieren, Journalisten und Spielern begegnet er gleichermassen respektvoll. Ob das Gegenüber nun ein Star seiner Zunft ist oder nicht, spielt keine Rolle. Für ihn zählen der Mensch und die Leistung auf dem Platz. Und genau hier liegt in der Affäre zwischen dem «Blick» und dem FCL-Coach wohl der Hund begraben. Yakin hat in Luzern nämlich den inzwischen zum FC Sion transferierten Stürmer Cristian Ianu kaltgestellt, weil der Rumäne nicht in sein System passte. Und Ianu ist der Schwager von «Blick»-Kolumnist Türkyilmaz…

Man darf sich also durchaus die Frage stellen, ob der wahre Grund für die Kampagne gegen Yakin nicht viel eher diese familiäre Verstrickung ist als der Spruch gegen den Luzerner Journalisten, mit dem sich der Coach inzwischen längst versöhnt hat. Zumal der «Blick» Yakin wegen seines offen bekundeten Interesses am Trainerjob beim FC Basel gleich auch noch mangelnde Loyalität gegenüber dem FCL vorwirft, was mit der Medikamenten-Bemerkung nun wirklich nichts zu tun hat und auch sonst eine gewagte These ist. Im Oktober schrieb Türkyilmaz übrigens noch eine Kolumne mit dem Titel «Muri muss zum FCB!», in welcher er Yakin eine «perfekte Trainerkarriere» sowie einen hervorragenden Umgang mit jungen Spielern attestierte und ihm riet, die erste Gelegenheit zum Wechsel nach Basel zu ergreifen.

Das war allerdings bevor Türkyilmaz’ Schwager beim FC Luzern endgültig aus den Traktanden fiel – und bevor Murats Bruder Hakan in Bellinzona einen mit zwei Millionen Franken dotierten Sechsjahresvertrag als Spieler und Botschafter für den Tessiner Fussball unterzeichnete. Der Botschafter des Tessiner Fussballs war bis dahin Türkyilmaz selbst. Nun sieht der 62-fache Internationale auch seinen Status als bedeutendster Fussballer in der Geschichte der AC Bellinzona gefährdet.

Dass Geschichten aus dem Leben der Yakin-Brüder medial breitgetreten werden, selbst wenn es sich um Nichtigkeiten wie den Spruch gegen den Reporter der «Neuen Luzerner Zeitung» handelt, liegt daran, dass die beiden zu den wenigen Charakterköpfen im Schweizer Fussball zählen. Eine Schlagzeile zieht bedeutend mehr Leser an, wenn man sie mit dem Namen Yakin anreichern kann. Und wer würde sich ernstlich darüber aufregen wollen, wenn der Trainer eines anderen Klubs sich eine ähnliche Bemerkung wie Murat Yakin erlauben würde? Dem sympathischen FCB-Coach Heiko Vogel hätte man sie in der allgemeinen Euphorie um die Basler Erfolge in der Champions League wohl noch als humoristisches Verdienst angerechnet.

Abschliessend noch eine Bemerkung zur eingangs angeführten Behauptung, der FC Luzern zeige unter Yakin negative Tendenzen. Die Zentralschweizer stehen in der Super League trotz des Remis gegen den neu formierten FCZ noch immer auf Platz 2. Besser ist nur der FC Basel, von dessen Strukturen Yakin in Luzern nur träumen kann. Und wenn im Fussball-Business noch so viele Protagonisten lügen mögen, die Tabelle tut es nicht.

Schildbürgertum vor dem Zürcher Derby

Mämä Sykora am Donnerstag den 9. Februar 2012
Wird während des nächsten Derbys leer sein: Die Zürcher Südkurve.

Wird während des nächsten Derbys leer sein: Die Zürcher Südkurve, 2. Oktober 2011. (Bild: Keystone)

Am Sonntag ist es soweit, dann steht das von vielen gefürchtete nächste Zürcher Derby an. Es ist das erste Aufeinandertreffen der beiden Mannschaften seit dem unrühmlichen Fackelwurf, der «Schande von Zürich», im Oktober letzten Jahres. Dieses Mal wird die Südkurve gesperrt sein, die Saisonkarten-Inhaber konnten sich aber gegen einen Aufpreis ein Ticket für die Haupttribüne kaufen.

Wenig Freude an dieser Idee des FCZ hatte man bei GC. Boris Smiljanic, Alain Sutter und Ricardo Cabanas liessen im «Blick» verlauten, dass sie alle ihre Familien zu Hause lassen werden. Smiljanic, der eigentliche GC-Captain, liess sogar offen, ob er überhaupt anwesend sein werde. Das sagt einiges darüber aus, wie weit sich gewisse Profis von den Fussballfans entfernt haben. Dass sich nur die allerwenigsten getrauen, in heiklen Momenten beschwichtigend einzugreifen, und auch sonst die Kommunikation mit den Fans darauf beschränken, nach dem Spiel halbherzig in Richtung Kurve zu klatschen, ist schon nicht eben heldenhaft. Dass sich nun aber sogar ein gestandener Mann wie Smiljanic nicht ins Stadion getraut, weil im gleichen Sektor Fans der gegnerischen Mannschaft sitzen könnten, schlägt dem Fass dem Boden aus.

Fast ausnahmslos alle, die mehr oder weniger regelmässig ein Stadion besuchen, halten die mediale Darstellung der dortigen Zustände für masslos übertrieben. Lediglich jene, die nur dann etwas vom Fussball sehen, lesen oder hören, wenn über Scharmützel berichtet wird, haben die Vorstellung, dass solches bei Fussballspielen an der Tagesordnung sei und für jeden Besucher Lebensgefahr bestehe. Und nun stellen sich Fussballer hin, die es wahrlich besser wissen müssten, und bestärken die Ahnungslosen auch noch in ihrem Glauben, anstatt klarzustellen, dass solche Szenen wie am 2. Oktober keinesfalls an der Tagesordnung seien. Damit erweisen sie dem Schweizer Fussball einen Bärendienst.

Zum Glück gibt es in Zürich ja auch noch das Polizeidepartement, dass eine Lösung zur Gefahrenpotenzialminderung vorgeschlagen hat, die selbst für Zürcher Verhältnisse absurd anmutet. Schon vorletzten Sommer wollte die Stadt ernsthaft den Gartenbeizen verbieten, die abendlichen WM-Partien mit Ton zu übertragen. Dieses Mal will sie die Brisanz aus dem Derby nehmen, indem sie ein Alkoholverbot in und ums Stadion erlassen hat. Keine neue Idee. Sinnigerweise setzt aber dieses Verbot exakt um 16 Uhr ein, also just in dem Moment, in dem das Spiel angepfiffen wird, womit die Fussballfans überhaupt nicht tangiert werden. Sie könnten sich – sofern gewünscht – gleichwohl vor dem Match volllaufen lassen. (Was im Übrigen auch passieren würde, wenn das Verbot früher einsetzen würde, dann einfach am Rand der Verbotszone.)

Diese Schildbürger-Aktion ist das jüngste Beispiel dafür, mit welchem Aktionismus allerorts Massnahmen gegen Fussballfans durchgeführt werden. Politiker sind sich bewusst, dass die Öffentlichkeit jegliche Repressalien begrüsst, gleichwohl wollen sie keinem Gewerbe schaden und wissen selber, dass sie keine patente Lösung zur endgültigen Verbannung der Gewalt aus den Stadien bereit haben. So wird denn halt einfach ein bisschen was verboten, ein bisschen was vorgeschrieben. Sachunkundige lesen vom diesem Alkoholverbot und sind zufrieden, «dass endlich etwas gemacht wird». Andere schütteln nur den Kopf und fragen sich, wer zur Hölle sich diesen Unsinn ausgedacht hat.

Nun muss man für das Après-Match-Bier halt ein paar Meter weiter gehen. Wer weiss, vielleicht trifft man da ja Boris Smiljanic an.

Vom Bösewicht zum Charmeur

Alexander Kühn am Mittwoch den 8. Februar 2012


«Stillos bis zum bitteren Ende: Vogel drohte Köbi Kuhn sogar mit Prügel!» Mit diesen Worten erklärte der «Blick» den langjährigen Captain Johann Vogel nach seinem Rauswurf aus der SFV-Equipe im Frühling 2007 zum Bösewicht Nummer 1 im Schweizer Fussball. Ein Ruf, der Vogel lange nachhing. Das Comeback bei den Grasshoppers hat aus dem einstigen Sündenbock nun aber eine Art Liebling der Presse gemacht. Selbst im «Blick» durfte Vogel grossformatig strahlen und bemerken, er fühle sich wie ein junges Reh.

Im sonntäglichen «Sportpanorama» des Schweizer Fernsehens kriegte sich Moderator Matthias Hüppi derweil vor lauter Wohlwollen kaum mehr ein, als er den 94-fachen Internationalen nach dem mit 0:1 verlorenen Heimspiel gegen den FC Thun zum Studiogespräch empfing. Johann Vogel selbst, der früher eher mit dem Etikett «Stinkstiefel» als mit dem Gütesiegel «Sympathieträger» versehen worden war, zeigte sich – wie so oft in den letzten Woche – von seiner besten Seite.

Er lächelte, gab witzige Antworten, bestach mit treffenden Analysen. Und er überraschte mit einer grossen Portion Ehrlichkeit, als er zugab, wie sehr ihm die Zeit bei den Blackburn Rovers zugesetzt hatte. Damals musste er zweimal täglich trainieren, kam wegen Mobbings aber nur in der Reservemannschaft zum Einsatz. Es scheint, als sei aus Johann Vogel in den zweieinhalb Jahren Wettkampf-Abstinenz ein neuer Mensch geworden. Als hätten sich die Verbissenheit und das Gefühl, dass ihm jeder Böses wolle, in einen lausbubenhaften Charme verwandelt. Vogel, der am 8. März 35 Jahre alt wird, wirkt jünger und gelöster als zu seinen sportlichen Glanzzeiten, in denen er noch für den PSV Eindhoven oder die AC Milan und nicht für die GC-Juniorenntruppe, Ausgabe 2012 spielte. Kurz und gut: Er ist irgendwie richtig sympathisch geworden.

Allein dem Rotwein, von dem er während seines Timeouts als Fussballprofi gerne einmal ein Gläschen getrunken habe, kann Johann Vogels neues Gesicht nicht zuzuschreiben sein. Der Wein wäre dann ein echter Zaubertrank und Vogel kein Genfer, sondern ein Gallier. Dass der aus dem Ruhestand Zurückgekehrte heute so positiv wahrgenommen wird, hat wohl mehr damit zu tun, dass er niemandem mehr etwas beweisen muss, sondern einfach aus Freude am Fussball auf dem Platz steht. Und diese Freude strahlt er eben auch aus.

Vogel kommt bei seinem Comeback zudem entgegen, dass der Sportfan seine Feindbilder irgendwann einmal doch liebgewinnt und sie vermisst, wenn sie nicht mehr da sind. Dies ist im Fussball genauso wie im Tennis. Viele, die den Rackets zertrümmernden und Schiedsrichter beleidigenden John McEnroe einst für seine schlechten Manieren verurteilt haben, sehen sich heute genau wegen dieser Extravaganzen seine Spiele auf der Seniorentour an und entdecken nebenbei positive Seiten, die ihnen vorher gar nicht aufgefallen sind. Selbst den verbissenen Ivan Lendl mochten die Leute, als sich dessen Karriere dem Ende zuneigte.

Sinnlose Freistösse

Mämä Sykora am Montag den 6. Februar 2012


Für die Aussage, dass Standardsituationen im modernen Fussball immer wichtiger werden, wären in der Sport1-Sendung «Doppelpass» bestimmt 3 Euro fürs Phrasenschwein fällig. Angesichts der Penetranz, mit der Übungsleiter dies aber immer wieder betonen, ist es doch erschreckend, mit welcher Einfallslosigkeit und Ineffizienz ihre Spieler eine Freistossgelegenheit nach der anderen verschenken.

Am vergangenen Samstag, im Viertelfinale des Afrika-Cups zwischen der Elfenbeinküste und Gastgeber Äquatorialguinea, gab es wieder einmal eines der seltenen Highlights zu bewundern. Yaya Touré, Afrikas Fussballer des Jahres, zimmerte einen Freistoss aus 30 Metern genau ins Lattenkreuz, wobei der Ball zuvor in einem wunderbaren Bogen die 4-Mann-Mauer passiert hatte. Traumhaft! Dieser Treffer wird mit Sicherheit noch eine ganze Weile in Eurosport-Trailern zu sehen sein, und jeder Profi träumt beim Zuschauen davon, dass ihm demnächst auch sowas gelingt.

Leider. Denn die Realität sieht anders aus, die Zahlen sind geradezu erschreckend. In der Premier League, der stärksten Liga der Welt, resultierten letzte Saison pro Team und Match gerade mal 0,8 Schüsse aufs Tor aus Freistössen, selbst die besten Mannschaften erreichten dabei keinen besseren Schnitt als 0,1 Tore pro Spiel. Und der grosse FC Barcelona erzielte aus den ihm zugesprochen 537 direkten Freistössen in der Meisterschaft ein mickriges Törchen.

Diese Statistik scheint kein Hindernis zu sein. In jedem Match werden reihenweise Freistösse auf die oberen Ränge oder in die Weichteile der wackeren Männer in der Mauer geschossen, die Balljungen sind weit öfter gefordert als die Torhüter. Jeder, der selbst mal gekickt hat, weiss, dass es wahrlich nicht ganz einfach ist, einen Ball hart, dabei aber auch sehr genau zu treten. Und gerade deswegen ist es völlig unsinnig, dass sich bei jedem Foulpfiff in der gegnerischen Hälfte der Freistossspezialist den Ball zurecht legen darf, während seine Mitspieler gelangweilt herumstehen, die Hände in die Hüften gestemmt. Was dann folgt, ist null überraschend, und ebenso wenig erfolgversprechend.

Dabei bräuchte es so wenig, um mehr aus Freistössen zu machen. Man erinnere sich an die WM 1994 zurück: Im Viertelfinale Schweden gegen Rumänien gibt es Freistoss für die Skandinavier aus 22 Metern, sechs Rumänen erwarten den Direktschuss. Doch Schwarz steigt über den Ball, Ingesson spielt flach rechts an der Mauer vorbei und Brolin steht alleine vor dem Tor und trifft. So simpel und so erfolgreich, dass die Argentinier diese Variante vier Jahre später erfolgreich kopierten.

Es muss ja nicht immer eine so komplexe Version sein. Doch die meisten Trainer befinden es nicht einmal für notwendig, bei einem Freistoss aus zentraler Position einen Rechts- und einen Linksfuss hinzustellen, geschweige denn die restlichen Mitspieler dazu aufzufordern, sich ebenfalls anzubieten. Ausser dem Schützen sind alles nur unbeteiligte Zuschauer, die einen hoffnungslosen Versuch beobachten. Die verteidigende Mannschaft braucht sich nie zu fragen, wer wohl schiessen wird, oder ob gar erst ein Pass gespielt wird.

Unihockeyaner verbringen im Training einen beachtlichen Teil der Zeit mit dem Einüben von Freistossvarianten und dementsprechend oft fallen daraus Tore. Fussballer hingegen wollen alle – wie wir früher auf dem Pausenplatz – so gerne kleine Beckhams, Mihajlovics oder Juninhos sein, und für die gibt es nur den Direktschuss. Zumindest so lange ihnen niemand beibringt, dass für den Erfolg der Mannschaft deutlich besser wäre, endlich einige Varianten einzustudieren. Also bitte, liebe Trainer, unternehmt etwas! Etwas mehr Brolin und dafür weniger Ronaldo würde den meisten Mannschaften gut tun.

Der FCB muss in die Bundesliga

Alexander Kühn am Samstag den 4. Februar 2012
Es darf ein bisschen weniger als die Champions League sein: Basel gegen Bayern mit Yapi, Schweinsteiger und Huggel (v.l.) im September 2010. (Bild: Keystone)

Es darf ein bisschen weniger als die Champions League sein: Basel gegen Bayern mit Yapi, Schweinsteiger und Huggel (v.l.) im September 2010. (Bild: Keystone)

Mein Blog-Kollege Mämä Sykora hat in seinem letzten Beitrag völlig zurecht festgehalten, dass der FC Basel in der zweiten Phase der Fussball-Meisterschaft und wohl auch in Zukunft hierzulande unantastbar sein wird, ihm Ende Saison aber die Stars wie Xherdan Shaqiri oder Granit Xhaka davonlaufen werden, weil sich diese nicht länger in der Super League langweilen wollen. Der FCB hat im Gegensatz zu vielen Vereinen, die im Europacup mitspielen, weder strukturelle noch finanzielle Schwierigkeiten, dafür aber ein gewaltiges Standortproblem: Der St.-Jakob-Park steht schlicht und einfach ein paar Kilometer zu weit südlich.

So muss Basel als Klub mit europäischen Ansprüchen statt im Fussball-Schlaraffenland Deutschland in einer Liga spielen, in der die meisten Vereine schon froh sind, wenn sie ihren monetären Verpflichtungen nachkommen können und das Stadion wenigstens zu einem Viertel füllen. Xamax hat die Pleite bereits ereilt, und sein Chef macht nun im Gefängnis einen Hungerstreik, Servette flatterte in dieser Woche wegen unbezahlter Rechnungen eines Putzinstituts eine Konkursandrohung ins Haus. Das klingt mehr nach Tragikomödie als nach einer super Liga, was Super League übersetzt ja heissen sollte.

Es liegt auf der Hand, dass der FC Basel unter den gegebenen Umständen nicht mehr wachsen kann. Das Haus, in dem der Schweizer Meister sitzt, ist für ihn zu klein geworden. Spätestens seit dem Einzug in die Achtelfinals der Champions League schaut der Kopf des FCB-Riesen zum eingerissenen Dach des Super-League-Pavillons heraus. Kein international begehrter Fussballer, den nicht wie Alex Frei oder Marco Streller eine spezielle Liebe mit dem FCB verbindet, wird jemals aus einer der grossen europäischen Ligen nach Basel wechseln. Trotz des Stammplatzes in der Champions League und selbst dann nicht, wenn Ex-Präsidentin Gigi Oeri dem Verein ihr gesamtes Milliarden-Vermögen zur Bezahlung der Spielerlöhne überlassen würde. Die Super League ist ein Sprungbrett, aber kein Auffangbecken für starke Fussballer. Mit den Besten Europas kann der FCB auf Dauer nur mithalten, wenn er jedes Jahr wieder neue Überflieger vom Kaliber Shaqiris produziert oder sein Glück in einer neuen und deutlich attraktiveren Meisterschaft versuchen darf.

Eine Alpenliga zusammen mit Österreich wurde immer wieder einmal angeregt und kam auch in den Kommentaren zu Mämäs letztem Blogbeitrag zur Sprache. Für den FCB wäre der Zusammenschluss aber keine Option. Die österreichischen Klubs leiden an den gleichen Gebrechen wie jene in der Schweiz. Es fehlt an TV-Geldern, Zuschauerzuspruch und fähigen Machern. Zudem gibt es zwischen der Schweiz und Österreich im Fussball keine Rivalität wie im Skisport. Und historisch gewachsene Animositäten sind schliesslich das Salz in der Suppe. Duelle zwischen Basel und Rapid Wien, das hat ein Leser ganz richtig bemerkt, würden sehr schnell ihren Reiz verlieren. Ganz anders wäre es aber, wenn sich der FC Basel um die Aufnahme in den deutschen Meisterschaftsbetrieb bewerben würde. Schon die zweite Liga, der Klubs mit einem Zuschauerschnitt über 25’000 wie Eintracht Frankfurt, Fortuna Düsseldorf, der FC St. Pauli und Dynamo Dresden angehören, wäre punkto Stadien und Attraktivität ein Quantensprung im Vergleich zur Super League.

Gäbe es nicht die hohen sportrechtlichen Hürden für einen Grenzübertritt des FCB, müsste sich Klubchef Bernhard Heusler eigentlich sofort um die Eingliederung in den Deutschen Fussball-Bund bewerben. Man kann sogar davon ausgehen, dass sich die Klubs der Bundesliga über den Zuzug aus Helvetien freuen würden. Sie hätten dann ein Team in ihren Reihen, das Manchester United im Gegensatz zu Schalke 04 und den Bayern bezwingen konnte. Den Fussball-Fans im Süden Deutschlands wäre die Adoption der Basler erst recht. Der badische Fussball ist nämlich ziemlich auf den Hund gekommen: Der SC Freiburg steht als Tabellenletzter am Abgrund zur zweiten Liga, der Karlsruher SC, der 1993 im Uefa-Cup den FC Valencia mit 7:0 vom Platz fegte, muss sogar damit rechnen, seinen Platz im Bundesliga-Unterhaus zu verlieren. Der FC Basel hätte also ein grosses Einzugsgebiet, das erst dort endet, wo die Einflusssphären des VfB Stuttgart und von Eintracht Frankfurt beginnen.

Sollten die Basler partout nicht auf den Titel des Schweizer Meisters verzichten wollen, würde sich eine Regelung anbieten, die im Tennis vor dem Beginn der sogenannten Open-Ära angewendet wurde. Der Titelverteidiger eines Grand-Slam-Turniers musste erst im Endspiel antreten. Nachdem sich die Herausforderer um den zweiten Platz im Final geprügelt hatten. So könnte der FCB in der Bundesliga spielen und jeweils nach dem Ende der regulären Saison ein Playoff gegen den Gewinner der Super League austragen. Die Spiele könnten in wechselnden Stadien stattfindet. Jenes in Neuenburg zum Beispiel wird ja sonst vorerst nicht mehr gebraucht.

Eine überflüssige Rückrunde

Mämä Sykora am Donnerstag den 2. Februar 2012


Das Transferfenster ist geschlossen, die Mannschaften haben sich weniger verstärkt, dafür umso mehr ausgemistet. Dieses Wochenende startet eine Rückrunde, die grosses Potenzial hat, als eine der langweiligsten Halbsaisons aller Zeiten in die Geschichte einzugehen. Was kann denn schon Überraschendes passieren? Der Meister steht fest, einen Absteiger gibt es ebenso wenig wie einen zweiten Champions-League-Platz. Die täglichen Gruselstorys aus Neuchâtel gehören der Vergangenheit an, und langsam ist es sogar egal, wie viele Punkte Sion schlussendlich abgezogen werden. Eine Vorschau auf eine überflüssige Rückrunde.

FC Basel: Trotz heftigen Werbens keine nennenswerte Abgänge beim Vorzeigeklub der Schweiz. Der FCB wird voraussichtlich etwa Anfang April als Meister feststehen. Der grosse Nachteil dieser Geschichte: Es dürfte nach so einer Saison, die ausser den Champions-League-Highlights nichts zu bieten hatte, sehr schwierig werden, die besten Spieler nochmals von einer weiteren Saison Super League zu überzeugen. Prognose: Meister mit Rekordvorsprung, Double, und Exodus zum Saisonende.

FC Luzern: Den jüngsten Transfertätigkeiten nach zu urteilen, strebt Trainer Yakin eine Serie von 16 torlosen Unentschieden an. Das Kreativzentrum Hakan Yakin ist weg, der Sturm besteht nach Ianus Abgang noch aus zwei Junioren. Es scheint, als wolle der einstige Defensivspieler Murat Yakin der Welt endlich beweisen, dass die Stürmer hoffnungslos überschätzt sind, man könne durchaus auch ohne sie Erfolg haben. Prognose: Absturz, kein Europacup-Platz.

Young Boys: Sie holten mit Raúl Bobadilla den einzigen grossen Namen an Land, mit ihm kamen auch zwei venezolanische Wundertüten an. Im Gegenzug schob man mit Affolter und Marco Schneuwly zwei der wenigen Identifikationsfiguren ab, sehr zum Unmut der Fans. Mit Erfolgen wären diese zwar schnell zu versöhnen, aber Titel sind auch dieses Jahr unerreichbar. Prognose: Platz 2 und lauter werdende Forderungen nach einer Rückkehr Petkovics.

Servette: Die gute Stimmung im Verein nach der tollen Hinrunde wurde in der Winterpause getrübt. Präsident Pishyar versucht derzeit vergeblich, die Genfer zu finanziellem Support zu überreden, ohne dafür etwas von seiner Macht abzugeben. Er entlässt Trainer trotz sportlichem Erfolg, behält Löhne zurück und spricht Drohungen in alle Richtungen aus. Das erinnert an seine Zeit bei Admira Wacker, die er in den Konkurs und die Regionalliga führte. Prognose: Sportlich Platz 4, trotzdem das nächste Xamax.

FC Thun: «Lustrigoal» ist zurückgetreten, Thun fehlt in der Rückrunde seine gefährlichste Waffe. Da kann Challandes auch in der Rückrunde nach jeder Schiedsrichterentscheidung gegen seinen Verein toben, wie er will, die Kurve zeigt nach unten. Prognose: Platz 7.

FC Zürich: Wenn die Tunesier-Fraktion vom Afrika-Cup zurückkehrt, wähnt sie sich wohl erst mal auf dem falschen Trainingsplatz. 5 Stammspieler sind weg, ebenso viele Neue sind da. Sie kommen aus der japanischen, serbischen und der 3. brasilianischen Liga. Mutig. Wenn diese Transfers einschlagen, gilt Fredy Bickel zu Recht wieder als der Sportchef mit dem besten Näschen. Doch erst mal gilt es, ein Team neu aufzubauen. Prognose: Platz 6, schrumpfende Südkurve, wachsender Rückstand auf die nationale Spitze.

Grasshoppers: Die ohnehin schon löchrige Abwehr muss nun auch noch den Abgang von Guillermo Vallori verkraften. Kompensiert soll das mit der Reaktivierung von Johann Vogel werden. Und er ist auch gleich Captain. Doch vertragen sich die Ansprüche des einstigen Stars mit dem Leistungsvermögen seiner Mitspieler? Kaum. Prognose: Keine Relegation, aber auch kein Aufwärtstrend.

Lausanne: Das Aufatmen am Lac Léman nach dem Lizenzentzug von Xamax war bis nach Zürich zu hören. Der zuvor designierte Absteiger kann nun in aller Ruhe die Barrage-Spiele planen, zu mehr reicht die Qualität nicht. Prognose: Klassenerhalt.

FC Sion: Wegen den 6 Neuzuzügen erlebten wir so ein Theater, nun sind 4 davon schon wieder weg. CC langte dafür bei Xamax kräftig zu, 8 Neuzuzüge in der Winterpause. Selbst wenn die absurden 36 Minuspunkte bestätigt werden sollten, dürfte Sion noch an Lausanne vorbei ziehen. Prognose: Mit der zu erwartenden drastischen Reduktion der Strafe ist Sion gar ein Kandidat für den Europacup. Und 2012/13 erster Herausforderer von Basel.

Mehr Respekt vor Ballack, bitte!

Alexander Kühn am Mittwoch den 1. Februar 2012
Auf der langen Bank: Michael Ballack in Leverkusen, 28. September 2011. (Bild: Reuters)

Auf der langen Bank: Michael Ballack in Leverkusen, 28. September 2011. (Bild: Reuters)

In Deutschland neigt sich die Karriere des einstigen Weltstars Michael Ballack einem beschämenden Ende zu. Ballack, dem Bayer Leverkusens Geschäftsführer Wolfgang Holzhäuser öffentlich Versagen vorwirft, hat eigentlich nur noch zwei Möglichkeiten. Erstens: Er sitzt seinen bis zum Sommer laufenden Vertrag in Leverkusen trotz der Schmähungen ab und flüchtet dann zu einem anderen Klub. Zweitens: Er wirft den Bettel komplett hin und darf dann wenigstens über Bayer sagen, was er will, ohne dass man ihm vorwerfen kann, er wolle seinen Abgang provozieren.

Während des Winter-Transferfensters hat sich kein Verein ernsthaft um den langjährigen Captain der deutschen Nationalelf bemüht, nicht einmal der VfL Wolfsburg, der sonst alles zusammenkaufte, was nicht niet- und nagelfest war. Ein weiteres Indiz dafür, wie gering das Ansehen des einstigen Fussball-Messias inzwischen ist. Das einzige Transfergerücht zu Ballack stammt von einer Regionalzeitung namens «Mannheimer Morgen». Das Blatt berichtete, der 35-Jährige stehe auf dem Wunschzettel des spanischen Erstligisten Real Mallorca. Auf der Insel zu enden, die deutschen Pensionären, nicht aber deutschen Fussballern als das Paradies schlechthin gilt, wäre eine weitere Demütigung für den Sachsen, der unter Bundestrainer Joachim Löw auf seinen 98 Länderspielen sitzenblieb und die 100 nicht mehr vollmachen darf.

Spielt Ballack inzwischen wirklich so schwach, wie die Verantwortlichen in Leverkusen monieren, oder wirken bei ihm solide Leistungen einfach schlechter, weil er die Latte im Verlauf seiner Laufbahn so hoch gelegt hat? Die Datenbank des Fachmagazins «Kicker» jedenfalls spricht für die zweite These, sie stellt Ballack ein durchaus solides Zeugnis aus. Mit einem Notenschnitt von 3,71 ist er der zweitbeste Mittelfeldakteur von Bayer Leverkusen – noch vor dem aktuellen Nationalspieler Simon Rolfes – und die Nummer 7 in der gesamten Klub-Hitliste.

Während der Komiker Matze Knop in der Rolle von Schalke-Trainer Huub Stevens schon witzelt, Ballack solle doch ins «Dschungelcamp» gehen, empört sich der frühere Bayern-Profi und Nationalspieler Mehmet Scholl über die Demontage des einstigen Fussball-Denkmals. «Was mit Ballack passiert, ist eine Frechheit», sagte Scholl gegenüber der «Bild»-Zeitung. Dabei sei er durchaus kein Vertrauter des Gescholtenen. «Ich finde es einfach unpassend, dass seine grossartige Karriere mit vielen Titeln auf den aktuellen Ist-Zustand reduziert wird», so der ARD-TV-Experte, der 1996 mit Deutschland Europameister wurde.

Scholl trifft mit seiner Kritik den Kern der Sache. Ballack hat sowohl für Bayer Leverkusen als auch für den Deutschen Fussball-Bund mehr geleistet als jeder andere Spieler der letzten 15 Jahre. Ihn schlecht zu machen, ist so, als würde man hierzulande den vierfachen Skisprung-Olympiasieger Simon Ammann nach durchschnittlichen Sprüngen in der Luft zerreissen. Ohne Ballack wäre der deutsche Fussball in der ersten Hälfte des vorigen Jahrzehnts in eine tiefe Depression verfallen, der er wohl nicht mehr so schnell entronnen wäre. Wäre der Motor des deutschen Spiels 2002 im WM-Final gegen Brasilien nicht gesperrt gewesen, hätte das DFB-Team vielleicht gar seine vierte WM-Krone gewonnen.

Als Liebhaber des deutschen Fussballs würde ich den verdienten Kämpen Ballack auch in der kommenden Saison gerne in der Bundesliga sehen – und noch zweimal im Trikot der Nationalelf. Die Marke von 100 Länderspielen wäre ein würdiger und verdienter Abschluss seiner grossen Laufbahn. Und bevor Ballack nach Mallorca geht, soll er lieber noch einmal im Osten Deutschlands seine Pässe schlagen. Dort würde man ihn sicher mit offenen Armen empfangen. Beim Zweitligisten Dynamo Dresden genauso wie bei seinem ersten Profiverein, dem heute drittklassigen Chemnitzer FC.

YB hat Bobadilla aus Angst geholt

Alexander Kühn am Samstag den 28. Januar 2012
Raul Bobadilla in Bern, 27. Januar 2012. (Bild: Keystone)

Hauptsache nicht zum FC Luzern: Raul Bobadilla in Bern, 27. Januar 2012. (Bild: Keystone)

In der Meisterschaft fast schon aussichtslos zurück und im Schweizer Cup am abstiegsgefährdeten Challenge-League-Klub FC Winterthur gescheitert: Die Halbzeit-Bilanz der ersten YB-Saison unter Trainer Christian Gross ist ernüchternd. Das Einzige, was den Bernern noch bleibt, ist die Hoffnung auf den Trostpreis Vizemeisterschaft. So würden sie wenigstens ihr Gesicht wahren. Um Platz 2 streiten sich die Young Boys mit dem FC Luzern, der in der Tabelle vier Zähler vor ihnen liegt. So ist es wohl kein Zufall, sondern ein Zeichen ganz unbernerischer Nervosität, dass der neu verpflichtete YB-Hoffnungsträger ein Spieler ist, der eigentlich schon fast beim FCL unterschrieben hatte: Raul Bobadilla.

Die Berner Führungscrew konnte den Stürmer auf keinen Fall dem direkten Konkurrenten überlassen. Als Luzerns Präsident Walter Stierli vollmundig verkündete, sein Klub habe das Geld für Bobadilla zusammen, war dies für die Young Boys die Einladung, selbst zuzuschlagen. Zuvor hatte im Stade de Suisse wohl niemand so recht daran geglaubt, dass es möglich sein würde, einen Spieler vom Kaliber des Argentiniers zu verpflichten. Luzern schaute in die Röhre. Trotz seines Trainers Murat Yakin, der Bobadillas Karriere bei Concordia Basel einst lanciert hatte und weiss, wie man mit dem eigenwilligen Torjäger umgehen muss, und ihn zu Bestleistungen treiben kann.

War bei Gladbach nicht mehr erwünscht: Bobadilla feiert sein Tor gegen Mainz, 28. August 2009.

War bei Gladbach nicht mehr erwünscht: Bobadilla feiert ein Tor gegen Mainz, 28. August 2009.

Die sportliche Partnerschaft zwischen Yakin und Bobadilla wäre wohl wieder eine fruchtbare geworden. Dass der Mann, dem die Kölner Boulevard-Zeitung «Express» wegen seiner Eskapaden den Übernamen «Rüpel Raul» verlieh, mit dem Hardliner Gross langfristig auskommen wird, darf man dagegen zumindest in Zweifel ziehen. Die Gladbacher verbannten Bobadilla im Dezember 2010 übrigens trotz Stürmermangels in die Reservemannschaft, weil er im Bundesliga-Spiel gegen Hannover 96 den am Boden liegenden Sergio Pinto getreten und danach den vierten Offiziellen als Hure bezeichnet hatte. Nach dem leihweisen Wechsel zu Aris Saloniki wurde Bobadilla vom neuen Trainer Lucien Favre zwar begnadigt, zum mehr als einer Kurzarbeiter-Rolle reichte es dem einstigen Topstürmer der Borussia aber nicht mehr.

In Bern dürfte Bobadilla rund eine Million Franken pro Saison verdienen. Eine schöne Stange Geld, die zudem das Gehaltsgefüge kräftig durcheinander wirbelt. Bringt der neue Star in Gelb-Schwarz keine Leistung, ist schlechte Stimmung in der Kabine programmiert. Mit der Verpflichtung Bobadillas erhöht sich auch der Erfolgsdruck, der ohnehin schon gross war, auch wenn die Verantwortlichen im Stade de Suisse gerne das Gegenteil behaupten. Spitzenverdiener wie Gross und Bobadilla holt man nicht, wenn man mit Platz 3 oder 4 zufrieden ist. Wie der FC Basel oder die Bayern in Deutschland ist auch das neue YB mit CEO Ilja Kaenzig zum Erfolg verdammt. Als Kaenzig seinen Posten antrat, gab er das auch noch freimütig zu. «Wir wollen nicht nur 95 Prozent», so seine Ankündigung in einem Interview im August 2010.

Verpasst Fussball-Afrika den Anschluss?

Mämä Sykora am Donnerstag den 26. Januar 2012


Das waren noch Zeiten: Die ganze Welt liegt Kameruns Nationalmannschaft zu Füssen.

Als Kamerun an der WM 1990 mit dem nimmermüden Roger Milla für Furore sorgte und erst in der Verlängerung des Viertelfinals gegen England nach einem Foulelfmeter ausschied, nahm die Welt erstmals Notiz von den fussballerischen Fortschritten auf dem Schwarzen Kontinent. Und nach Nigerias Auftritten vier Jahre später in den USA meinten die Experten nahezu einstimmig, es sei nicht die Frage, ob Afrika mal den Weltmeister stellen würde, sondern lediglich wann.

Heute, 20 Jahre später, ist Afrika weiter von diesem Ziel entfernt als damals. Trotz einem zusätzlichen Startplatz strichen 5 der 6 WM-Teilnehmer in Südafrika nach der Vorrunde bereits die Segel, 3 davon als Gruppenletzte, in Deutschland 2006 schieden 4 von 5 vorzeitig aus. Die einst führenden Nationen kämpfen mit allerlei Problemen. Für den momentan laufenden Afrika-Cup konnten sich Nigeria, Kamerun, Ägypten und Südafrika nicht einmal qualifizieren, im Gegensatz zu Ländern wie Libyen, Sudan und Niger.

Die fehlende Motivation der Stars

Bleibt der Elfenbeinküste am Afrika-Cup treu: Chelsea-Star Didier Drogba beim Match gegen den Sudan am 22. Januar 2012. (Keystone)

Die Probleme sind vielseitig. Zwar sind afrikanische Profis in Europa nach wie vor sehr begehrt – in den Top-5-Ligen beträgt der Anteil afrikanischer Spieler über 20 Prozent –, dennoch haben sämtliche Nationen grosse Mühe, eine schlagkräftige Nationalelf zusammenzustellen. Ein Grund dafür ist sicher die fehlende Motivation der Stars. Die meisten spielen seit Jahren in Europa und verdienen gutes Geld, nicht allen gefällt die Vorstellung, mitten in der Meisterschaft nach Gambia oder Äthiopien zu reisen und sich auf dem Platz zu zerreissen für vergleichsweise mickrige Beträge. Wer es schon nach Europa geschafft hat, braucht das Sprungbrett Afrika-Cup nicht mehr. Und wer seinem Verein zu Beginn der Rückrunde des Afrika-Cups wegen gleich einen ganzen Monat fehlt, der läuft Gefahr, seinen Platz im Team zu verlieren. Jüngstes Beispiel für diese Prioritätensetzung ist der Ghanaer Kevin-Prince Boateng von Milan, der mit gerade mal 24 Jahren den Rücktritt aus der Nationalmannschaft verkündet hat, aufgrund der körperlichen Belastung, wie er sagte. Auch sein Landsmann Essien spielt lieber für Chelsea, den Afrika-Cup lässt er sausen.

Wenn Funktionäre nicht funktionieren

Hinzu kommt der in beinahe allen Ländern herrschende Ärger mit Funktionären und Politikern, die sich gerne und oft einmischen, sowie der ewige Zank um die Prämien. Der Ghanaer Samuel Opoku Nti, in den 80ern bei Servette und Aarau aktiv, sagte mir einst: «Das Problem sind nicht die Fussballer, sondern die Funktionäre. Was der Kontinent braucht, ist eine Wende zum ‹Beckenbauer-Modell›: Alle wichtigen Positionen sollen mit ehemaligen Fussballern besetzt werden, die sich im Geschäft auskennen.»

Doch auch in fussballerischen Belangen steht es nicht zum Besten. Die Zeiten, in denen afrikanischen Teams grosse Spielfreude, aber mangelndes Taktikverständnis attestiert wurde, sind zwar längst vorbei. Doch jede Nationalelf kränkelt in irgendeiner Hinsicht. Ghana etwa, momentan Afrikas Vorzeigeteam, verfügt – zumindest in Vollbesetzung – zwar über ein beeindruckendes Mittelfeld, doch der Sturm ist ein laues Lüftchen. Der einzige Stürmer mit Format, WM-Held Asamoah Gyan, erlag dem Ruf des Geldes und spielt derzeit bei Al Ain in den Vereinigten Arabischen Emiraten. Dahinter folgt die grosse Leere, und so schaffte Ghana gestern gerade mal ein mühsames 1:0 gegen Afrika-Cup-Neuling Botswana, in der Quali erwies sich selbst die Defensive des Sudan als unüberwindbar.

Zu wenig Klasse für eine Weltmeisterschaft

Zerreist keine Stricke: Malis Nationalelf beim Training mit Coach Alain Giresse. (Keystone)

Die Elfenbeinküste mit ebenso grossem Potenzial konnte dieses bislang in entscheidenden Partien nie abrufen und die Teamstützen sind bereits alle um die 30. Bei Kamerun tobt derzeit ein Streit zwischen den Stars Samuel Eto’o und Alex Song, zudem fehlt es an überdurchschnittlichen Spielern, so dass gleich mehrere Profis aus niederen Ligen im Aufgebot stehen. In Nigeria verlaufen die Karrieren der auffälligsten Spieler an Junioren-WMs regelmässig im Sand, zudem mischt sich die Politik dort besonders dreist ein. Präsident Goodluck Jonathan hat nach der enttäuschenden WM den Super Eagles gar ein zweijähriges Spielverbot auferlegt, das er nach einer Warnung der Fifa allerdings wieder zurückzog.

Sämtlichen anderen Mannschaften fehlt es schlicht an Klasse, um an einer WM auftrumpfen zu können. Dass die Kleinen mit den Favoriten mithalten können, ist leider weniger eine Verbreiterung der Spitze, sondern eher eine Nivellierung nach unten. Und so wartet man weiterhin vergebens, bis das schlummernde Potenzial geweckt wird.

Von den Asiaten ausgespielt?

Derweil hat man anderswo den Anschluss an die Spitze schneller geschafft. Als Nigeria Mitte der 90er-Jahre die Fussballwelt entzückte, waren Asiens Nationalmannschaften noch Kanonenfutter. Seither hat es Südkorea in den WM-Halbfinal geschafft, und der Rivale Japan machte in den letzten Jahren erstaunliche Fortschritte und ist die neue Macht auf dem Kontinent. Die Prognosen von einst müssen leider revidiert werden. Wenn die Dominanz der Südamerikaner und der Europäer zumindest angekratzt werden kann, dann eher von den asiatischen Vertretern. Afrika droht, den Anschluss zu verpassen.

Basel darf seine historische Chance nicht verkaufen

Alexander Kühn am Mittwoch den 25. Januar 2012

In jeder Beziehung Gold wert: Die FCB-Stars Xherdan Shaqiri (l.) und Granit Xhaka.

Gladbachs Sieg über die Bayern hat gezeigt, dass sich der FCB vor dem Champions-League-Duell mit den Münchnern nicht zu fürchten braucht. Aber nur, wenn er sein Team zusammenhält.

Lucien Favre schnappte Basel in seiner Zeit beim FCZ zweimal den Meistertitel vor der Nase weg. In der legendären Finalissima vom 13. Mai 2006 sogar auf besonders schmerzhafte Weise, als schon die vierte Minute der Nachspielzeit lief. Am Freitag erwies der Romand den Baslern aber einen grossen Dienst, indem er ihnen mit Borussia Mönchengladbach vor Augen führte, dass Bayern München in den Achtelfinals der Champions League beileibe kein übermächtiger Gegner ist.

Die Generation der leidenschaftlich Unerschrockenen

Die Bayern liessen bei der 1:3-Niederlage im Borussia Park erkennen, dass sie mit schnellem und respektlosem Spiel ihre liebe Mühe haben. Mit jener Art Fussball also, die auch der FCB aufziehen kann. Vor allem dank seines ebenso genialen wie respektlosen Kraftwürfels Xherdan Shaqiri. Der 20-jährige Shaqiri gehört wie sein Teamkollege Granit Xhaka (19) oder die beiden Gladbacher Patrick Herrmann (20) und Marco Reus (22) zur Generation der leidenschaftlich Unerschrockenen, die es nicht kümmert, ob ihr Gegenspieler ein Unbekannter oder ein Weltstar ist.

Ohne den Spielwitz und die gesunde Frechheit des Duos wäre der Schweizer FCB gegen den deutschen FCB krasser Aussenseiter. Deshalb darf Basel seine beiden Juwelen auf keinen Fall im Winter ziehen lassen. Auch dann nicht, wenn Galatasaray Istanbul sein Angebot für Shaqiri noch einmal in die Höhe schraubt und sich für Xhaka ein Interessent findet, bei dem das Geld lockerer sitzt als beim HSV, der wohl erst im Sommer zuschlagen möchte. Shaqiri und Xhaka zu verkaufen, hiesse auch eine historische Chance zu verschachern. Wer weiss, wann der FC Basel das nächste Mal ihn einem Achtelfinal der Champions League steht.

Wir sind kein Selbstbedienungsladen!

Bis jetzt widersteht FCB-Präsident Bernhard Heusler der Verlockung des schnellen Geldes vorbildlich. Es ist zu hoffen, dass er dieser Linie treu bleibt, bis sich das Transferfenster schliesst. In den grossen europäischen Ligen passiert dies am kommenden Dienstag, in der Türkei einen Tag später. Wenn der FCB stark bleibt, ist dies auch ein Signal für die Zukunft. Die Botschaft wäre die folgende: Wir sind ein finanziell kerngesunder Verein mit internationalen Ansprüchen, kein Selbstbedienungsladen. Ein überstürzter Abgang wie jener von Christian Giménez, der 2005 unmittelbar vor der Champions-League-Qualifikationspartie gegen Werder Bremen zu Olympique Marseille wechselte, scheint heute nicht mehr denkbar.

Basel befindet sich in diesem Winter auch in einer komplett anderen Situation als der ambitionslose FCZ, der gut daran tat, Admir Mehmedi und Ricardo Rodriguez abzugeben. Während der Marktwert der beiden Zürcher Nationalspieler wohl ausgereizt war, könnten die Aktien von Shaqiri und Xhaka noch einmal gehörig in die Höhe schnellen, wenn es den Baslern mit ihrer Hilfe gelingt, nach Manchester United auch den FC Bayern auf den Favoriten-Friedhof der Champions League zu verbannen. Der FCB hat beim Verhandeln noch lange keine Eile: Shaqiris Vertrag läuft bis Ende Juni 2014, Xhakas Kontrakt sogar noch ein Jahr länger.