Beiträge mit dem Schlagwort ‘Vorurteil’

Der letzte Eindruck

Thomas Wyss am Samstag den 3. Juni 2017

Im Geschäftsleben, heisst es, habe man keine zweite Chance, um einen ersten Eindruck zu machen. Stimmt wohl. Selbe Regel sollte aber auch am anderen Ende der Skala gelten – also beim letzten Eindruck, dem Adieu beim Stellenwechsel oder Erreichen des Rentenalters. Dieser Abgang sollte stilvoll und adäquat, sprich den kulturellen und sozialen Umständen angepasst sein.

Wir nehmen an, dass jetzt vielerorts zustimmend genickt wird (wir können das nicht überprüfen, wir sind drum im Piemont, wo wir heute Abend beim Genuss eines fantastischen Achtgängers zusehen werden, wie in Cardiff eine elegante «Alte Dame» einer Gang von Lackaffen die Gelfrisuren zerzausen wird… o ja, bitte-bitte-bitte, grosser Fussball-Manitu, lass es so sein, lass uns gewinnen! Ich werde zum Dank die nächste Saison nichts Herablassendes über Basel und die Bayern schreiben, heiliges Ehrenwort! Oder wenigstens in der Vorrunde, das schaff ich!); da und dort wird nach diesem Intro aber bestimmt auch einer maulen: «Also echt jetzt, das versteht sich doch von selbst, diese Züricher Gebrauchsdingens hier ist auch nicht mehr, was sie mal war, und dafür bezahlt man teures Abogeld! Damit könnten wir uns auch Gescheites leisten, vielleicht Sylt, oder einen Jahresvorrat Spreewald-Gurken, es gäbe da zweifellos gute Optionen.»

Wir erwidern darauf: Diese Züricher Gebrauchsdingens hier war noch nie richtig gut (und darum früher auch kaum je besser), doch wahrscheinlich war sie noch nie so wichtig wie heute! Weil sie heute – siehe PS – wirklich Wichtiges zu verkünden hat. Weiter erwidern wir, dass sich das tatsächlich von selbst verstehen müsste, dass die Realität (die folgenden drei Beispiele sind nämlich wahrhaftig passiert!) jedoch dramatisch anders aussieht.

Wenn eine kleine Angestellte über die Hälfte des Essens, das sie für ihren Abschiedsapéro kaufte, zur Heilsarmee tragen muss, weil über die Hälfte der angekündigten Kolleginnen und Kollegen unentschuldigt fernbleibt, ist das – sorry – beschissen. Wenn sich ein KMU-Manager etwa zwei Monate nach der freiwilligen Kündigung von Mitarbeiter XY beim Personalchef erkundigt, wies eigentlich um Mitarbeiter XY bestellt sei, er habe den länger nicht mehr gesehen, ist das – nochmals sorry – nochmals beschissen. Und wenn man einer treuen Seele, die 42 (!) Jahre im Unternehmen tätig war, das Dienstaltersgeschenk in Form des doppelten Lohnes verweigert, bloss weil der Verwaltungsrat knapp zwei Wochen vor der Pensionierung der treuen Seele die Abschaffung solcher Geschenke beschlossen hat, ist das… ach, echt.

Auch unsere Zeitung hat was abgeschafft, nämlich die Erwähnung «Mit diesem Artikel verabschiedet sich…». Die ultimative Würdigung passte wohl einfach nicht mehr so zu unserem hektisch fluktuierenden Zeitgeist, schade ist es allemal. Tja.

PS: Mit diesem Artikel möchten wir unsere liebe Kollegin Denise Marquard verabschieden, sie geht in den sehr verdienten Ruhestand, und wir werden sie sehr vermissen.

PPS: Ich hatte das schon mal publik gemacht, aber ein Reminder schadet nie: Möchte man mir dann bei meinem Abschied einen guten letzten Eindruck machen, schenke man mir am besten einen Chariot de Fromage. Mässi.

«Zürcher sind Sextouristen»

Réda El Arbi am Dienstag den 19. Januar 2016
Europäische Männer gelten grundsätzlich als Sextouristen.

Europäische Männer gelten grundsätzlich als Sextouristen. (Bild Guardian)

«Wenn Sie einheimische Damen (Prostituierte) aufs Zimmer nehmen, müssen Sie die Frauen anmelden», meinte die Dame an der Reception. Ich bin nicht etwa in einer billigen Absteige in Bangkok, sondern in einem 4-Sterne-Ressort auf Koh Samui. Da ich aber als europäischer Mann alleine in Thailand unterwegs bin, schliessen die Menschen hier von meiner Herkunft auf mein zu erwartendes Verhalten.

Sie ist vielleicht Zwanzig, sieht aber aus wie Vierzehn (oder umgekehrt) und sitzt auf Stefans* Schoss. Stefan trägt ein FCZ-T-Shirt und ich sitze mit ihm und zwei seiner Freunde in einer der übleren Bars auf Koh Samui. Die Getränkekarte ist in Deutsch verfasst, Kundennähe. Stefan ist ein paar Jahre älter als ich, Mitte Fünfzig, und macht regelmässig in Thailand Ferien. Sein Freund Peter ist aus Baden und lebt hier. Er ist sozusagen der Reiseführer. Er weiss, wo die Schnitten (O-Ton) billig sind und wo man sich nichts holt (ebenfalls O-Ton).

Beide können nicht verstehen, dass ich mich hier nicht «austobe», soll heissen, mit wenig Geld so viele Prostituierte kaufe, wie ich kann. «Die mögen das. Die asiatischen Männer sind eben nicht so grosszügig und nicht so gut ausgestattet», klärt mich Thomas auf. Thomas ist Deutscher und lebt das halbe Jahr hier. Auch für ihn ist es unverständlich, dass ich mich hier nicht «wie ein richtiger Mann» benehme. Weil zuhause (er meint Europa, nicht seine Stadt) seien die Frauen ja bereits kalt und frigide vor lauter Emanzipation. Sie hätten keine Freude mehr am Sex (nicht so, wie die Frauen hier, die er dafür bezahlt). Es gibt sogar T-Shirts, mit denen die Sextouristen ihre Natur offen zeigen können: «No Money, No Honey» steht drauf. Der Sextourist, das lebende Klischee.

«Schweizer sind in Ordnung, die bezahlen gut und machen kaum Probleme», klärt mich eine junge Frau in der Bar auf. Mit «Probleme» meint sie Gewalt. Da schneiden «wir» offenbar besser ab als andere Europäer. Nicht so viel Gewalt. Immerhin.

Es ist nicht so, dass die Einschätzung europäischer Männer nur in den einschlägigen Bars auf «Freier» oder «Säufer» hinausläuft. Auch beim Mieten meines Motorbikes werde ich vor den Gefahren des Fahrens unter Alkoholeinfluss gewarnt. Als ob man das einem erwachsenen Mann nochmals erklären müsste. Über 70 Prozent der Unfälle auf der Insel seien irgendwie mit Touristen und Alkohol in Verbindung.

Ganz spontan kommen mir die Reaktionen auf Köln in den Sinn. Die Übertragung des Verhaltens einzelner  Exemplare auf eine ganze Kultur. Und hier schäme ich mich für einmal wirklich meiner Abstammung, nicht der nordafrikanischen, sondern der europäischen. Nicht, weil diese Männer zu Prostituierten gehen, sondern weil ihnen der geringste Respekt für Frauen fehlt.

Natürlich ist das nicht die Mehrheit der Schweizer Touristen in Thailand. Aber es sind eben die auffälligsten. Die lautesten, die unangenehmsten. Von ihnen schliesst man auf den Rest.

Muss ich mich jetzt von diesen Männern distanzieren? Also Leute, wenn ihr wieder mal jemanden auf Grund seiner Kultur einschätzt, seid etwas vorsichtig. Das könnte euch nämlich auch passieren.

PS: Das FCZ-Shirt konnte ich ihm leider nicht abnehmen.

* alle Namen geändert

Die zufriedene Jugend

Réda El Arbi am Mittwoch den 22. Oktober 2014
kann die heutige Jugend nur noch zufrieden in de Asche spielen? Ist alles schon erreicht?

Kann die heutige Jugend nur noch zufrieden in der Asche spielen? Ist alles schon erreicht?

Früher war wohl doch nicht alles besser. Die Jugendlichen und die jungen Erwachsenen im Land sind heute laut des CS-Jugendbarometer sehr zufrieden. Sie wünschen sich eigentlich nur noch gute Karrieren und weniger Ausländer. Nun ja, meine Generation war nicht zufrieden. Wir wollten Dinge erreichen. Wir wollten Veränderung.

Ich bin also mal ins Tram gestiegen und hab mir unsere Jugend angesehen. Und als Erstes fiel mir die Einheitlichkeit des Äusseren auf. Vielleicht erinnert ihr euch selbst noch: Wir hatten Jugendsubkulturen. Man bekannte sich zu einem Lebenstil, einem Wertesystem, einem Musikstil, einer Gruppe von Nonkonformisten.

Da gabs zum Beispiel Popper, die Stunden für ihre Frisuren und ihre Klamotten aufwandten. Sie hörten natürlich das, was damals unter Pop verkauft wurde (ergänzt durch Italo-Schnulzen), trugen Blazer, schmale Krawatten und asymetrische Haarschnitte, die sie nötigten, dauernd ihre Haare aus dem Gesicht zu werfen. Sie hatten keine politischen Werte, dafür aber ungeheures Gemeinschaftsgefühl und ein ausgeprägtes individuelles Selbstbewusstsein.

Weiter waren da die Freaks, eine Art politisierte Hippies. Sie zeichneten sich durch Röhrchenjeans, Wildlederjacken oder Militärparkas und «Adidas Rom»-Turnschuhe aus. Sie trugen violette Windeln als Halstücher und lasen Hesses «Siddharta» (Hesse war unser Coelho, einfach mit Sprachgefühl und mehr Schwermut), diskutierten über Politik, engagierten sich oft in der Anti-AKW-Bewegung, hörten Velvet Underground, Rolling Stones, David Bowie, Pink Floyd, Bob Marley und erste Indie-Rockbands.

Waver-Sound

Oder die Waver, quasi die Urgrossväter der Emos, hervorgegangen aus den Punks, brachten sie das «No Future»-Lebensgefühl auf eine persönliche Ebene. Depression war das Lebensgefühl und an besonders fröhlichen Tagen vielleicht eine geschwächte Melancholie. Schwarze, lange Mäntel, schwarze Haare, schwarzes Makeup und weisse Haut. Begleitet wurden sie von The Cure, The Jesus And The Marie Chain und vielen anderen Bands, die mit «The» begannen.

Ich könnte noch einige Gruppen aufzählen, die Heavy Metaller zum Beispiel, ohne jegliches politisches Bewusstsein, dafür mit ungeheuer eindrücklichen Plattensammlungen und sehr schweren Lederjacken, die mit Nieten nochmals um zwei Kilo bereichert wurden. Oder die Teddies, die sich an den 50ern orientierten und grosse Tollen kombiniert mit spitzen Stiefeln und steinzeitlichem Gedankengut trugen.

Metaller

Allen Gruppierungen und Subkulturen war Eines gemeinsam: Man wollte sich von den anderen abgrenzen. Man wollte sein eigenes Lebensgefühl schaffen. Man wollte der Welt den eigenen Lebenstil verkünden und natürlich wollte man sich von den anderen Gruppen unterscheiden. Soweit, dass man sich auch schon mal prügelte, sich gegenseitig die Töffli sabotierte (Popper fuhren Ciao, Metaller und Freaks Puch, bzw. alte Zweigang-Schleudern). Man stand für eine eigene Identität ein, bei der man auch das Riskio einging, gehasst zu werden. Ja, manchmal war das einzige Ziel, gehasst oder belächelt zu werden.

Die meisten der Kids damals lernten also, für ihre (wenn auch noch so lächerlichen) Werte einzustehen, anzuecken, Selbstwertgefühl zu entwickeln und Dinge einzufordern.

Heute ist es schwierig für Jugendliche. Die Gruppenzugehörigkeit hat sich in der Superindividualisierung aufgelöst. Und die Superindividualisierung hat sich in Beliebigkeit verwandelt. Man ist seine eigene, persönliche Aussage, die man aus dem Angebot der Mainstream-Klamottenläden zusammensetzt. Das Dazugehören ist wichtiger als das Abgrenzen. Wenn überhaupt so etwas wie politisches Engagement aufkommt, ist es meisten gegen Irgendwas, nicht für Irgendwas. Es ist auch schwer, sich für irgendwas zu engagieren, wenn bereits alles da ist.

Meine Generation war wohl die erste, die quasi bis Dreissig Berufsjugendliche sein durfte. Den heutigen Kids bleiben eigentlich nur noch die frühe Biederkeit, die Zufriedenheit und konservative Werte. Die Wildheit begrenzt sich auf Feiern was das Zeug hält. Wenn sie aufmucken oder etwas fordern, müssen sie sich anhören, dass sie ja bereits alles haben. Was stimmt, woran sie aber keine Schuld tragen.

Wollten sie rebellieren, selbst gewalttätig, müssen sie sich anhören, dass ihre Eltern und Grosseltern bereits in den 60ern und in den 80ern  viel krasser waren. Nehmen sie Drogen, müssen sie diese vor ihren Eltern verstecken, da die ihnen sonst die Pillen wegfressen und das Gras wegdampfen. Am Ende jedes extremen, rebellischen Weges treffen sie auf die vorherige Generation, die da im Schaukelstuhl sitzt, Pfeife raucht und meint: «Auch schon hier?»

Die Jugend ist zufrieden, es bleibt ihnen ja nichts anderes übrig. Eigentlich wäre das schön. Es ist, als ob man ein Ziel erreicht hat. Aber auf der anderen Seite macht es mir auch ein wenig Angst. Ich mag ihnen ihre gute Welt gönnen, aber ich befürchte auch ein wenig Stillstand. Sogar eine Regression. Wenn unsere Jugend zufrieden ist, wenn sie nichts mehr anstreben, sondern sich nur noch für Dinge einsetzen, die sie NICHT wollen (Ausländer, Veränderung, Risiken), dann bringt das unsere gesellschaftliche Entwicklung zum Stillstand.

Sie müssen nicht Molotov-Cocktails schmeissen und «Freie Sicht zum Mittelmeer» fordern. Aber es wäre doch schön, wenn sie eine eigene gesellschaftliche Utopie, eine eigene Vorstellung der Zukunft, die über das eigene Einfamilienhaus und das eigene Auto hinausgeht, anstreben würden. Nicht?

Aber vielleicht bin ich ja einfach einer dieser nostalgischen alten Säcke.

Die erweiterte Normalität

Réda El Arbi am Freitag den 19. September 2014
D. macht die Welt ein Stückchen besser.

D. macht die Welt ein Stückchen besser.

Die SVP will den Ärmsten noch mehr Geld wegnehmen, viele Menschen ängstigen sich vor Fremden, die Invalidenversicherung traut nur noch den Ärzten, die kaum Rentenempfehlungen aussprechen – man könnte meinen, unsere Welt würde immer kälter. Aber das ist nur ein Teil der Realität.

Einen anderen Teil zeigt mein Göttibub D. Der kleine Bub spielt, er lacht und er geht in den Kindergarten. Und D. ist ein Downie, das heisst, er hat einen Defekt des 21. Chromosoms, medizinisch «Trisomie 21».

Als ich Kind war, kannten wir auch Kinder mit Down-Syndrom. Aber sie gingen nicht mit uns in den Kindergarten. Sie wurden sorgfältig von uns «Normalen» abgegrenzt, waren in Gruppen unterwegs und meist in Heimen untergebracht. Erwachsene fühlten sich befremdet, wenn sie ihnen begegneten, was zur Folge hatte, dass wir Kinder auch irritiert und oft gemein auf diese Kids reagierten.

Ich kann mich noch an eine Zeit erinnern, als «Mongo» noch ein gängiges Schimpfwort war, ausgesprochen ohne Bewusstsein. Ich erinnere mich an eine Zeit, in der Downies als Belastung galten und man sich noch nicht vorstellen konnte, dass sie einen wertvollen Beitrag an unsere Gesellschaft leisten könnten.

Also, D. hatte seine ersten Tage im Kindergarten. Seine Gschpänli haben alle Chromosomen da, wo sie hingehören. D. ist vielleicht etwas unsicher, wie immer, wenn er es mit neuen Situationen und neuen Menschen zu tun hat. Seine Gschpänli winken, machen Platz auf dem Bänkli und kichern. Mit ihm, nicht über ihn. Nach ein paar Tagen verstehen sie, dass er manchmal etwas langsamer ist, und manchmal einfach etwas sturer und eigenwilliger. Das stört sie nicht. Sie behandeln ihn wie einen kleinen Bruder. Sie übernehmen Verantwortung für ihn, er gehört dazu und er bringt seine ganz eigene Persönlichkeit in die Gruppe.

Sicher  gibt es noch immer Ewiggestrige, die den Wert des Ungewöhnlichen für unsere Gesellschaft nicht erkennen können. So forderte eine Ikone der Freidenker, Richard Dawkins, noch vor ein paar Wochen auf Twitter, man müsse Downies abtreiben (bis unmittelbar vor der Geburt!), um der Gesellschaft Leiden zu ersparen. Ich schaue also meinen Göttibub und andere Downies, die ich kenne, an, und frage mich: «Welches Leiden?» Zum Glück sterben solche Denkschulen mehr und mehr aus, da sich immer mehr vernünftige Menschen als soziale Wesen verstehen und bereit sind, den Begriff «Normalität» für sich selbst neu zu definieren.

Natürlich gibts noch immer Eltern, die Angst haben, der Unterricht ihrer Kinder könnte unter dem Aspekt leiden, dass ein Downie daran teilnimmt. Es könnte ja langsamer vorangehen, die Lernleistung der Gruppe mindern. Ja, vielleicht sogar später einen Nachteil beim Aufsaugen des Stoffs, der die Lea-Sophie oder Finn-Sven-Max ins Gymi bringen soll, bedeuten.

Das sind die Eltern, die nicht begriffen haben, dass die Anwesenheit von D., die vielleicht irgendwann mal eine Mathematikstunde verlangsamt, auch macht, dass ihre Kinder einen weiteren Horizont entwickeln können. Dass sie nicht überfordert sein werden, wenn sie später in ihrem Leben mal einem Menschen begegnen, der nicht ihren Vorstellungen entspricht. Gerade in modernen Unternehmen setzt sich immer mehr die Erkenntnis durch, dass soziale Skills in Kaderstellen oft mehr Wert haben, als ein paar Fachausweise, da sie ein gutes, produktives Arbeitsklima ermöglichen.

Also hilft D. seinen Gschpänli, ihr Verständnis von Normalität zu erweitern und soziale Skills wie Geduld, Verantwortungsgefühl und Gemeinschaftssinn zu entwickeln. Im Austausch dafür helfen sie ihm, Geduld für die Kindergärtnerin aufzubringen, die irgendwelche Kinderliedli mit ihm singen will, die er noch nicht kennt und so natürlich völlig blöd findet.

Die meisten Eltern, denen ich mit D. begegne, reagieren aber nicht mehr wie vor 25 Jahren, sondern scheinen seine spezielle Art als ganz normal zu empfinden. Seit sie in in der SRF-Doku mitbekommen haben, dass Downies ein Freibad organisieren können, seit Schauspieler von der Downie-Theatergruppe «Hora» Welttourneen bewältigen und deutsche Theaterpreise gewinnen, und vor allem, seit ihre Anne-Käthie und ihr Noa mit einem Downie aufwachsen, ist auch ihre Normalität um einen kleinen Radius grösser geworden.

D.s Geschichte zeigt, dass wir nicht bessere, sozialere Menschen sein müssen. Es reicht, wenn wir unsere Normen ab und zu überprüfen. Und wir sollten unseren Kindern die Chance geben, uns in allen Bereichen zu überholen.

Olten: Lektionen in Demut

David Sarasin am Freitag den 20. September 2013
Nicht nur eine Durchfahrt wert: Oltens Altstadt

Nicht nur eine Durchfahrt wert: Oltens Altstadt

«Ich muss nicht in der Kronenhalle sitzen und Zürigschnätzlets essen, um mich als ganzer Mensch zu fühlen» – diesen Satz sagte der in Olten lebende Schriftsteller Alex Capus vor ein paar Jahren am Radio. Und dieser Satz war es auch, der mich reizte, selbst einmal nach Olten zu fahren. Angespornt auch von Kollege El Arbi, der bereits verschiedene Schweizer Städte durch die Züri-Brille beäugt hat. Kann man in der Kleinstadt Olten als Zürcher sogar Bescheidenheit lernen?, fragte ich mich, Capus’ Statement folgend.

Zudem war ich noch nie in Olten. Bloss dieser Witz ist mir geläufig: «Kennst du Olten?» – «Ja, da bin ich glaub auch schon durchgefahren.» Tatsächlich fahren täglich 300’000 Menschen in 1100 Zügen durch Olten. Dies erklärt mir Oltens Stadtschreiber Markus Dietler, den ich bei meinem Ausflug direkt beim Bahnhof, auf der Aareterrasse, treffe.

Graue Powermäuse?

In meinem Kopf stets die Frage: Könnte ein Schickimicki-Szene-Grossstadt-Zürcher von einem Olten-Besuch profitieren? Dieser Kleinstadt im Mittelland, von der selbst ihr Stadtschreiber sagt, sie sei «ziemlich genau Schweizer Durchschnitt», und deren Eishockey-Team eine Graue Maus als Maskottchen trägt (der Übername des Teams lautet dagegen Powermäuse)? Was die Oltner am liebsten über ihre Stadt sagen, ist, dass sie die zentralste der Schweiz sei. Weil man nach Luzern, nach Basel, nach Zürich und nach Bern jeweils nur eine halbe Stunde benötigt. Dass keine Stadt im Mittelland weiter weg von allen urbanen Zentren liegt als Olten, verschweigen die Oltner natürlich gerne.

Nun gut. Der Bahnhof zeigt sich imposant. Eine immense Glas-Stahl-Konstruktion überspannt das zwölf Perrons umfassende Gleisfeld. Darunter der Nullpunktstein der SBB und das legendäre Bahnhofbuffet, worin der Schriftstellerverbund Oltner Gruppe (Franz Hohler und Freunde) tagte und der Schweizer Alpen-Club gegründet wurde. Dietler führt mich von der Terrasse aus entlang dem Aareufer zur 1803 erbauten Holzbrücke. «Die älteste Holzbrücke der Schweiz, seit die Luzerner Kappellbrücke abgebrannt ist», kommentiert er. Auf dem Fahrrad kreuzt Volkan, der Bruder des Neapel-Spielers Gökhan Inler, unseren Weg. «Er arbeitet bei uns im Werkhof», weiss Dietler. Ebenso, dass Volkan ebenso talentiert gewesen sei, nur eben etwas weniger ehrgeizig als sein Bruder.

In einer Minute durch die Altstadt

Oltens Altstadt ist in einer guten Minute durchschritten. Es gibt pittoreske Ecken, ja. Ebenso ein imposanter Kirchenturm und zahlreiche Kneipen. 70 sind es insgesamt, eine erstaunliche Zahl für eine Stadt mit 18’000 Einwohnern. Die seien übrigens mit der Grösse der Stadt sehr zufrieden, wie Dietler wiederholt. «Viele Bewohner verstehen nicht, warum Olten weiter wachsen muss, sie sind glücklich damit, wie es ist», sagt der Stadtschreiber, während wir zusammen auf der Terrasse des Stadthauses im elften Stock stehen und die wolkenbehangenen Hügel überblicken. Ein Satz, der uns Zürchern eher fremd ist.

Wir kehren im Flügelrad ein, der Beiz, die die Schriftsteller Pedro Lenz und Alex Capus, zusammen mit dem Publizisten Werner De Schepper, betreiben. «Wir sorgen uns weniger um unser Image und mehr darum, wie es unseren Einwohnern geht», sagt Dietler bei einem Café crème in der alten Bähnler-Kneipe.
Nach einer Stunde muss der Stadtschreiber zurück an die Arbeit, während es mich in den Rathskeller verschlägt, der von den Oltnern liebvoll «Chöbu» genannt wird. An den dunklen Holzwänden des Chöbu prangen Flinten und Revolver aller Art, zwei Stammtische sind abends um fünf bereits voll besetzt. «Wer zwei Abende im Rathskeller verbringt und sich nicht allzu dumm anstellt, ist danach ein Oltner», sagte Capus im Radio-Interview. Warum? Weil der ehemaligen Untertanenstadt Solothurns Standesdünkel fremd seien. Im Gegensatz zu anderen Städten der Schweiz.

Junkies stossen mit Direktoren an

Zwei Pensionäre setzen sich wortlos zu mir. «Ich bin zum ersten Mal hier», sage ich. «Wir nicht», antwortet einer lakonisch und lacht. Er habe damals beim FC Olten gespielt, sei aber schon lange Fan des FCZ. Wobei man hier in Olten grundsätzlich eher für den FCB fiebere. Zum altehrwürdigen Chöbu äussert er sich so: «Hier sitzen Junkies neben Direktoren, Pensionäre stossen mit Politikern an.» Vor dreissig Jahren sei der Chef in Amerika gewesen und habe Hamburger mitgebracht, erklären beide. «Den müssen Sie probieren.» Was ich dann auch tat, bevor ich wieder über die Aare zum Bahnhof schlenderte.

Die Züge fahren viermal pro Stunde nach Zürich. Doch zuerst mache ich noch einen Abstecher zum Bahnhoffbuffet, wo nur noch eine Tafel an die Gründung des Alpen-Clubs erinnert. Ansonsten sorgt der aktuelle Pächter Autogrill sorgfältig dafür, dass das geschichtsträchtige Bahnhoffbuffet aussieht wie ein 0815-Restaurant.

Ich bezahle meine Stange und verlasse fast etwas wehmütig diese Ortschaft, die so entspannt ist und frei von Dünkeln, dass man es als Zürcher schon fast nicht mehr glauben mag. Dabei liegt Olten gerade mal eine halbe Zugstunde von der City entfernt. Vielleicht erschrecken wir Zürcher auch einfach manchmal, dass dieses Sympathisch-Provinzielle so nahe bei uns liegt. Besonders dann, wenn wir mal wieder damit beschäftigt sind, Weltstadt zu spielen.

Das kennen die Meisten von Olten: Den Bahnhof

Das kennen die meisten von Olten: Den Bahnhof

Fundamentalistische Mogelpackung

Réda El Arbi am Sonntag den 2. Juni 2013
Eigentlich eine gute Idee, aber leider fliesst das Geld an komische Orte: er Zürcher Stilettolauf

Eigentlich eine gute Idee, aber leider fliesst das Geld an komische Orte: der Zürcher Stilettolauf

Ein Kommentar von Reda El Arbi

Eigentlich wollte ich für einen guten Zweck am Zürcher Stilettolauf teilnehmen. Da rennen Männer und Frauen 80 Meter in High Heels, um eine Zeichen gegen Menschenhandel zu setzen. Eigentlich eine ganz witzige Aktion, dachte ich. Im Vorfeld hab ich zwar mitbekommen, dass einige der Organisatoren einen christlichen Hintergrund haben, aber das ist ja bei Benefizveranstaltungen nichts Aussergewöhnliches.

Nur, als ich dann am Samstag bei strömendem Regen vor Ort war, musste ich feststellen, dass die meisten der rennenden Teams und Einzelpersonen aus dem Umfeld der Freikirche ICF und anderer fundamentalistischen evangelikalen Gemeinschaften stammten. Zur Erinnerung: Das sind die christlichen Fundis, die Homosexualität und Sex vor der Ehe für eine Todsünde halten. Die Leute, die Mitleid mit dem Rest der Menschen haben, weil nur sie (und sonst niemand) in den Himmel kommen. Leute, deren rigide Vorstellung von Sünde die Hölle schneller füllt als der Teufel an einem guten Tag.

Zwei Drittel des am Stilettolauf gesammelten Geldes gehen ans  FIZ (Fachstelle Frauenhandel und Frauenmigration Zürich), gute Sache. Und ein Drittel geht an die Organisation «Heart Wings». Die machen Milieu-Arbeit, steht auf der Homepage von «Stilettolauf.ch». Auch eine gute Sache, denkt man. Schaut man aber mal genauer hin, findet man raus, das «Heart Wings» eine evangelikale Organisation ist, geführt von dem  Ehepaar Peter und Dorothée Widmer, die sich mit Herz und Seele der Missionsarbeit verschrieben haben. Sie waren bereits in Tansania in Missionsauftrag tätig.   Jetzt sind sie zurückgekommen, um hier bei den Verzweifelten auf dem Strassenstrich Gottes Wort zu predigen.

Nun, gut, es ist ja jedermanns Privatsache, an was man glaubt. Aber mein Problem mit diesen Freikirchen hat weniger mit ihren Glaubensgrundsätzen zu tun, als mit der Art, wie sie diese zu verbreiten versuchen. Mission nennt man das. Normalerweise gehen diese Gruppen dafür in Länder, in denen die Menschen verzweifelt Not leiden und tauschen da Brot oder fundamental christlich gefärbte Schulbildung gegen Glaubensbekenntnisse. Bei den Schwächsten ist es wohl am Einfachsten, sie zu einem kulturfremden Glauben zu verführen. Dass sie damit die lokale Kultur und Spiritualität vernichten, ist angesichts der Tatsache, dass sie ja den einzig wahren Glauben verkünden, vernachlässigbar.

Nun, ich will gegen Menschenhandel und Zwangsprostitution ein Zeichen setzen. Ich will dafür auch Geld spenden, denn ich war in den Ländern, in denen bereits Kinder in die Prostitution verkauft werden. Und ich will auch das Leben und die Bedingungen der hier arbeitenden Prostituierten verbessern.

Was ich nicht will, ist, christlich-fundamentale Mission bei den Schwächsten mitfinanzieren. Und irgendwie scheinen die Organisatoren des Stilettolaufs das genau zu wissen. Ansonsten hätten sie mit offenen Karten gespielt und nicht versucht, die Leute über die Verwendung der Gelder im Dunklen zu lassen. Auf Anfrage meinten die Leute von «Glowbal Act», der Organisation, die den Lauf durchführt, übrigens, dass sie unabhängig wären. Auch wenn ein Teil der Verantwortlichen dem ICF ganz nahe stehen. So nahe, dass sie Leo Bigger, dem ICF-Chefpastor, schon auf dem Schoss sitzen.

Und nein, ich habe nichts gegen Christen, einige meiner besten Freunde sind Christen. Ich misstraue nur absoluten Glaubensgemeinschaften und der Missionierung Andersgäubiger. Und ich hasse es, wenn man versucht, mich zu täuschen.

Ich werde mein Startgeld direkt dem FIZ spenden.

Die Denunzianten-App der Stadt

Réda El Arbi am Dienstag den 23. April 2013
Als Verbesserungstool gedacht, zur Nörgler-App degradiert: «Züri wie neu»

Als Verbesserungstool gedacht, zur Nörgler-App degradiert: «Züri wie neu»

Grundsätzlich wars wohl eine gute Idee, an irgendeinem Tisch einer Ideen-Agentur: Mit «Züri wie neu» stellte die Stadt letzte Woche eine Handy-App online, mit der die Zürcher der Stadt mitteilen können, wenn irgendwo was kaputt ist – direkt und unkompliziert, mit Ortsangabe auf einer Karte.

Nun, offenbar haben die Macher aber nicht mit der menschlichen Natur gerechnet. Natürlich ist es löblich, ein Schlagloch zu melden oder eine kaputte Ampel. Doch wo man der «Obrigkeit» etwas melden kann, da werden sich sofort die kleinen Denunzianten, die selbsternannten Ordnungswächter und die Spiesser vordrängen. Am beliebtesten sind Meldungen zu Ordnung und Reinlichkeit:  «Dauer-Parker im Hardaupark », «Grafitti an einer Arbeitskiste» und «Jemand hat seinen Grill entsorgt» sind denn auch Meldungen der ersten Woche. Dazu kommen Fehlverhalten der VBZ, Übertretungen der Geschwindigkeitsbegrenzung in einer 30er-Zone. Praktisch, dass die App auch gleich einen Foto-Upload anbietet, mit dem der ehrliche Ordnungswächter auch noch die Beweise für die Übeltaten seiner Mitbürger hochladen kann.

Nun, der pflichtbewusste Bürger kann danach auf der Karte verfolgen, ob seine Meldung bearbeitet und das störende Element entfernt wurde. Ich stell mir die Unzufriedenen vor, wie sie stündlich die Karte überprüfen und immer ungehaltener werden, weil die Stadt nichts macht. Und wie sie schliesslich Mails an alle möglichen städtischen Büros schreiben, weil sie sich ignoriert und übergangen fühlen. Ein Paradies für gelangweilte Internet-Trolle.

Wie gesagt, die Grundidee zur Verbesserung der Infrastruktur der Stadt ist nicht schlecht. Nur vermute ich, dass die Stadt sich mit dieser App selbst ein Ei gelegt hat: Denn egal was gemeldet wird, wenn die Stadt nicht sofort und bei Allem Abhilfe schafft, fühlt sich der Denunziant persönlich zurückgewiesen und beleidigt. Was dann wieder die städtischen Mitarbeiter zu spüren bekommen. Wir bleiben auf jedenfall dran.

Der Club der nackten Männer

Stadtblog-Redaktion am Donnerstag den 15. November 2012

Das Stadtbad am Helvetiaplatz bietet einen neuen Service an: Jeden Donnerstag ist das Bad nur Männern vorbehalten. In unserer Redaktion führte das zu Diskussionen. Wir lassen Sie, liebe Leserinnen und Leser, an einem Pro und Contra teilnehmen. Lesen Sie genau und geben Sie uns in den Comments ein Feedback.

Pro
Von David Sarasin

«Nur für Frauen.» Das steht über Frauendecks und Frauenbädern. Dies praktizieren Saunas und städtische Hallenbäder seit jeher mit Frauentagen und Frauenstunden. Ausser in der Badi im Schanzengraben gibt es so was für Männer aber nicht. Mehr noch, es scheint eine stille Übereinkunft zu geben, dass Frauen das Recht haben sollten, dann und wann ohne die Blicke der Männer auszukommen. Zu Recht wahrscheinlich, zumindest wenn man davon augeht, dass Männer teilweise übermässig auf weibliche Reize reagieren. Doch müsste man dann konsequenterweise nicht auch den Männern ihren Raum gewähren? Rücksicht nehmen auf ihre Biologie quasi?

Zwei Beispiele dazu: Einst in der Sauna im Seebad Enge. Wie in den meisten Saunas gibt es dort Gemischten- und Frauenabteilungen. Eines schönen Wintertages ging ich früh hin, kurz nach Mittag, es waren erst ein halbes Dutzend Leute anwesend – alles Männer. Wir unterhielten uns, lasen, wandelten auf dem Deck. Die Stimmung änderte sich schlagartig, als sich die erste Frau zu uns gesellte – eine attraktive Frau notabene. Man konnte fortan beobachten, wie sich der Gang der Männer veränderte, wie ihre Blicke nervöser umherwanderten als zuvor, wie Bäuche plötzlich flacher wurden. Etwas war anders.

Man weiss, dass Frauenblicke Männer zu Höchstleistungen antreiben. Jeder kennt das von Fussballspielen damals in der Schule. Doch braucht es das auch in einer Sauna oder beim Zeitunglesen im Freibad? Sollte es nicht Zonen geben, wo man bloss Mensch sein kann, ohne ständig an die Biologie erinnert zu werden?

Was mir etwa in der Männerbadi im Schanzengraben auffiel: Selten sah man Männer so selbstvergessen agieren wie hier, selten war der kollektive Testosteronpegel in der Öffentlichkeit auf einem so angenehm tiefen Niveau.

Es ist also zeitgemäss, führt ein Bad, wie jetzt das Stadtbad beim Helvetiaplatz, den Gentlemen’s Day ein. Vielleicht gibts als irgendwann ein Männerdeck in einer Badi oder eine Männersauna – die kein Schwulentreff ist. Zuallererst müssten sich die Männer aber eingestehen, dass solche Einrichtungen dann und wann sogar zu ihrem Vorteil gereichen könnten.

 

Contra
Von Reda El Arbi 

Ich bin eigentlich nicht so der Sauna-Typ. Liegt vielleicht daran, dass ich im zwinglianischen Zürich aufgewachsen bin. Ich glaub schon, das nackt schwitzen super gesund ist, aber weshalb muss ich das in der Öffentlichkeit machen? Klar, in der arabischen Kultur gibts schon seit ewig Schwitzbäder. Das hat aber damit zu tun, dass die früher kein fliessend heisses Wasser in den Wohnungen, kein Duschgel in praktischen kleinen Flaschen und keine Wäschetrockner für flauschige Handtücher in jedem Haus hatten.

Ich geh ins Bad, um etwas zu schwimmen und für soziale Interaktion. Und dazu gehören für mich auch Frauen. Wenn Frauen aus einem Club ausgeschlossen sind oder sich in Gegenwart von Männern nicht nackt zeigen dürfen, erinnert mich das an die alten chauvinistischen, englischen Clubs (die übrigens auch für den Gentlemen’s Day Pate standen) oder noch schlimmer, an restriktive islamische Kulturen. Ich kann gut damit leben, dass gewisse Bäder Frauentage haben, an denen Männern und ihren Blicken der Zugang verwehrt bleibt. Weil ich mir eingestehe, dass ich selbst gucke und weil ich mir vorstellen kann, dass das für die Frauen nicht immer angenehm sein muss. In einer Sauna erst recht.

Trotzdem wundert es mich, dass jetzt auch die Männer im Stadtbad einen frauenfreien Tag, den Gentlemen’s Day, für sich beanspruchen können. Inklusive «Beauty Treatment» und allem Pipapo. Ich kann mir vorstellen, dass ohne anwesende Frauen die Testosteron-Ausschüttung auf null fällt und das Beauty Treatment macht dann den Rest. Wenn die Sauna draussen in der Natur wär, könnten wir Männer ja auch noch gemeinsam Blumen pflücken und vergleichen, wessen Haut weicher ist.

Männer lernen nie den entspannten Umgang mit dem eigenen und dem anderen Geschlecht, wenn sie nur unter sich sind. Entweder es bilden sich völlig schwachsinnige Machogruppen wie etwa im Militär oder einzelnen Fussballvereinen oder wir mutieren zu Supersofties, die Donnerstag mit Sven und Martin ins Männerbad gehen, um ein Cüpli zu schlürfen und uns die Fingernägel machen zu lassen. Wir Männer brauchen Frauen, um das Beste in uns herauszuarbeiten. Wem das zu schwer ist, soll daheim in der Badewanne bleiben.

Echt, wenn der Mann der Zukunft es nicht mehr fertig bringt, sich in der Gegenwart von Frauen zu entspannen, dann müssen wir uns nicht wundern, wenn jeder dahergelaufene Westentaschen-Macho unsere Angebetete verführen kann.

Sixpacks und die hysterische Hölle

Réda El Arbi am Freitag den 12. Oktober 2012
Bis in den Vorraum durfte unserUndercover- Mann vor Ort die Kamera mitnehmen. Natürlich hatte er eine zweite Minia-Kamera dabei. Bilder weiter unten.

Chippendales in Zürich: Bis in den Vorraum durfte unser Mann vor Ort die Kamera mitnehmen. Natürlich hatte er eine zweite Mini-Kamera dabei. Bilder weiter unten.

Die Chippendales sind in der Stadt. Eine Welle weiblicher Hormone schwappte gestern Richtung Volkshaus, um die renommierte Männerstrip-Truppe zu begrüssen (hier mehr zum spannenden und blutigen Hintergrund der Chippendales). Der Stadtblog schickte den unerschrockenen Reporter Reda El Arbi an das Spektakel. Hier sein Augenzeugenbericht:

«Kevin ist der Geilste» war die einhellige Meinung der meisten Damen, die ich kurz vor der Chippendales-Vorstellung im Volkshaus befragen konnte. Wer jetzt denkt, «Kevin» sei ein 23-jähriger kalifornischer Muskelprotz, irrt. «Kevin» ist ein 40-jähriger kalifornischer Muskelprotz. Er hatte letzten Mittwoch seinen runden Geburtstag. Schon etwas verstimmt klopfte ich auf mein 43 Jahre altes, nichtvorhandenes Sixpack. «Innere Werte zählen» murmelte ich vor mich hin und machte mich auf den Weg zum Eingang.

Unser Mann vor Ort. Unauffällig wie ein Elefant im Flohzirkus.

Unser Mann vor Ort: Unauffällig wie ein Elefant im Flohzirkus.

Ich drängte mich also zwischen gefühlten 10 000 Frauen in Highheels, Kleidchen und Makeup am Türsteher vorbei, der mich kritisch musterte und mein Ticket entwertete. Wie konnten wir nur auf die Idee kommen, einen Mann an eine Chippendales-Show zu schicken? Noch unauffälliger wär wohl nur ein Elefant in einem Flohzirkus. Aber eigentlich gingen wir davon aus, dass auch schwule Männer die Show besuchen würden. Aber nein, ich war der einzige Mann weit und breit. Wenigstens hatte ich die Kamera, hinter der ich mich verstecken konnte.

Naja, bis zur Eingangstür. Da musste ich sie abgeben. «Fotografieren strikt verboten». Natürlich sind wir vom Stadtblog auf solche Situationen vorbereitet. In Undercover-Techniken geschult und mit Spezialequipement ausgerüstet, konnte ich meine Mission fortführen. Drinnen auf meinem Platz machte ich meine Handy-Kamera klar.

Die Show begann. Und das hätte sogar ein Blinder mitgekiregt: Alle, wirklich alle anwesenden Damen begannen wie auf Kommando in derselben Tonhöhe zu kreischen. Nach ungefähr sechzig Sekunden waren meine Hörnerven soweit geschädigt, dass ich mich auf die Show konzentrieren konnte. Doch dann wurde ich durch einen Vorfall zwei Sitzreihen weiter unten abgelenkt. Securitys begleiteten eine sehr junge Dame aus dem Saal, die sie beim Fotografieren mit dem Handy erwischt hatten. Es schien, als ob die Veranstalter das Fotoverbot ernst meinten.

Fotografieren strengstens verboten! Aber der Stadtblog lässt sich nichts verbieten. Wenn Sie die Augen zusammenkneifen, können Sie die Chippendales knapp erkennen!

Fotografieren strengstens verboten! Aber der Stadtblog lässt sich nichts verbieten. Wenn Sie die Augen zusammenkneifen, können Sie die Chippendales knapp erkennen!

Die Show war inzwischen in vollem Gange. Ich machte ein, zwei versteckte und grauenhaft verwackelte Aufnahmen, nur um meinem Ruf als unerschrockener Reporter gerecht zu werden. Nun konnte ich in aller Ruhe beobachten, wie die wirklich gutgebauten Männer auf der Bühne zu allerlei 80er Jahre-Musik und Hiphop-Klassikern aus den Kleidern stiegen. Die Musik war wohl für ein älteres Publikum gedacht. Selbst ich war überrascht, wie viele attraktive Frauen in ihren frühen 20ern an das Spektakel gepilgert waren. Und alle schienen sich riesig zu amüsieren. Ich bestaunte ein Sixpack nach dem anderen und lernte, wie stark man mit den Füdlimuskeln zucken kann. Die Tanzeinlagen waren eher dürftig, eine Art Backstreet Boys für Arme, was der Begeisterung der Damen aber keinerlei Abbruch tat. Die jungen Damen neben mir wechselten zwischen Kreischen, Staunen und unkontrollierten Kicheranfällen.

Einer der Hauptgründe, weswegen ich mich freiwillig für diese Recherche gemeldet hab, war, dass ich wissen wollte, wie man als Mann elegant aus einer engen Jeans steigen konnte, ohne dass die Hose an den Füssen hängenblieb. Aber nada. Nicht einmal die weltbesten Stripper haben das auf der Bühne hingekriegt. Nur wirkte es bei ihnen irgendwie nicht peinlich. Die Show schien die Frauen wirklich anzuheizen. Sie gingen mit, kreischten was das Zeug hielt und einige durften sogar auf die Bühne und sich die Männer von Nahem ansehen und auch mal eine Hand auf einen Stahlhintern legen.

Nur an kleinen Details merkte man, dass die Show ursprünglich auf ein amerikanisches Publikum zugeschnitten war: Bei einem Auftritt als Navy-Matrosen salutierten die Chippis ins Publikum und waren wohl ein wenig irritiert, als niemand zurück salutierte. Naja, bei uns funzt das nicht so mit dem Militärzeugs.

Und natürlich war, sauber und amerikanisch, trotz der ganzen Auszieherei niemals nur ein Fitzelchen eines amerikanischen Willys zu sehen. Eine der Damen, die auf die Bühne durften, verriet mir später, dass die Boys ihre Willys in kleine hautfarbene Socken gewurstet hatten, damit sie nicht herumhingen. Sehr ordentlich.

Nach fünfzig Minuten Sixpacks und kreischender Hölle hatte ich genug. Ich war zwar beeindruckt, wie schnell die Männer sich aus ihren Kleidern befreiten und sofort in einem neuen Outfit auf der Bühne standen. Das sie natürlich sofort wieder ablegten. Aber irgendwie ärgerte es mich auch, wie sie sich die teuren Zimmerli-Feinripp-Unterhemden in Fetzen vom Körper rissen, während ich sie zuhause sorgfältig nur im Schongang wasche.

Aber egal. Die gute Stimmung und die Party im Volkshaus hatten nur am Rande mit der Striptruppe zu tun. Die jungen und alten Girls waren für die ziemlich mitreissende Party verantwortlich. Ich schätze mal, wenn man 2000 Schweizer Frauen mit einem entsprechenden Vorrat an Prosecco in einen Raum sperrt, kann nur eine gute Party dabei herauskommen. Trotzdem verliess ich das Volkshaus in der Pause. Ich wollte in Sicherheit sein, bevor sie die hungrigen Löwinnen wieder auf die Strasse liessen.

PS: Ich werde mir ein Paar solcher Hosen, die man mit einem Ratsch ausziehen kann, zulegen. Unheimlich praktisch, wenn man spät nach Hause kommt und nur noch ins Bett fallen will.

 

Die Mobiliar, die Langstrasse und Vera Gloor

Réda El Arbi am Freitag den 27. Juli 2012
Nicht blutig genug: Die abschreckende Moniliar-Werbung.

Nicht blutig genug: Die abschreckende Mobiliar-Werbung.

Gentrifizierung nennt man es, wenn das Leben in einem Quartier durch überteuerte Mieten und sozialen Druck nur noch einer bestimmten Bevölkerungsgruppe möglich ist. Wie nennt man es, wenn ein Quartier als asozial und gefährlich gebrandmarkt wird?

Die Mobiliar macht Werbung mit der “gefährlichen” Langstrasse. Ich bin mir nicht sicher, ob ich denen dankbar sein soll, weil sie dazu beitragen, dass die Mieten unten bleiben und Spiesser und Grossverdiener sich nicht getrauen, da hinzuziehen.

Da haben sich Vera Gloor und der Verein Langstrasse plus so Mühe gegeben, die Kreise 4 und 5 aufzuwerten, WG-Zimmer für 1700 Stutz einzurichten und Zucht & Ordnung ins Quartier zu bringen – und dann kommt da eine milliardenschwere Versicherung und macht alles mit ein paar Strichmännchen wieder zunichte.

Was soll man sagen? Ausgleichende Gerechtigkeit? Naja, solange die Mobiliar dafür sorgt, dass aus dem Langstrassenquartier kein saubergelecktes Zürich West wird, haben sie meinen Segen. Sie hätten nur noch ein wenig Blut auf der Skizze verwenden müssen. Und solange sie Frauen nur über Brüste, Rock und Highheels definieren, dürften sie Schwierigkeiten mit der Gleichstellungsbeauftragten bekommen.

Und einen kleinen Nebeneffekt dürfte die Werbung auch noch haben: Stadtzürcher, die die Langstrasse mögen, werden sich wohl überlegen, ob sie bei der Mobiliar irgendwas versichern.