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Bürger und Uniform – wenns uns gerade passt

Stadtblog-Redaktion am Dienstag den 16. Dezember 2014
Freund und Helfer oder  Feindbild: Die Stadtpolizei.

Freund und Helfer oder Feindbild: Die Stadtpolizei.

Von Thomas Meyer

Die Ausschreitungen in der Stadt Zürich, am Abend des 12. Dezember von einer Horde Vandalen verübt, rufen zurecht grosse Empörung hervor. Die mutwillige Zerstörung von fremdem Eigentum ist durch nichts zu rechtfertigen, und die pseudopolitische, pseudolinke Verbrämung durch Anliegen, die eindeutig ihre Berechtigung haben, wie beispielsweise Kritik an der Gentrifizierung, mutet an wie ein schlechter und zynischer Witz.

All die eingeschlagenen Scheiben, angezündeten Autos und verletzten Polizisten muten dabei jedoch an wie das Werk einiger weniger Wahnsinniger, mit denen die übrige Gesellschaft nichts zu tun hat. Hat sie aber. Denn diese Demolierungsorgie war kein gesondertes Phänomen, sondern ist vielmehr die masslose Übertreibung einer populären Geisteshaltung.

Wie oft hört man von den «Scheissbullen», die angeblich «nichts Besseres zu tun haben, als Parkbussen zu verteilen», und häufig genug bekommen es die Betroffenen gleich selbst zu hören. Wie oft werden Postbeamte am Schalter angepöbelt, bloss weil sie Preise verlangen, die sie nicht selbst bestimmt haben. Wie oft werden SBB-Kontrolleure beleidigt, bloss weil sie jemanden bitten, die Füsse vom Polster zu nehmen, oder ihn beim Schwarzfahren erwischt haben. Wie oft trifft man Sperrmüll an, den jemand auf die Strasse gestellt und mit der Mitteilung «Gratis zum Mitnehmen» versehen hat, im offenkundigen Glauben, sich damit von der Pflicht der sachgemässen Entsorgung befreit zu haben, und wie übersät ist der öffentliche Raum von weiterem Abfall, für den sich die Verursacher in keiner Weise verantwortlich fühlen.

Die Liste der politisch, sozial und charakterlich unreifen Verhaltensweisen liesse sich beliebig fortsetzen und ist alles andere als originell. Originell ist dafür die Idee, schlechtes Benehmen sei erst ab einem bestimmten Grad schlechtes Benehmen und bis zu diesem Punkt völlig unproblematisch, wenn nicht sogar Ausdruck urbaner Coolness.

Wer die Chaoten verurteilen möchte, die am 12. Dezember 2014 ihre Wut über «das System» dadurch kundgetan haben, indem sie die Ladengeschäfte von Kleingewerblern verwüstet haben, sollte sich zuerst ein paar interessante Fragen stellen:

1. Wie ist denn mein Verhältnis zum Staat? Zu Gesetzen, Steuern, Politik?

2. Wie ist denn mein Verhältnis zur Polizei? Zu Bussen, Regeln, Autorität?

3. Wie ist denn mein Verhältnis zur Bürgerpflicht? Zu Eigenverantwortung, Respekt, Abfallentsorgung?

Die Idioten, die letzten Freitagabend alles kaputtgemacht haben, sind unglaubwürdig. Ihre Gesellschaftskritik ist unglaubwürdig, denn das Geld für die Smartphones, mit denen sie sich gegenseitig auf diesen heiteren Anlass aufmerksam gemacht haben, stammt, wie die Smartphones selbst, irgendwo aus dem «System», wie auch die Petarden, Hoodies und Gasmasken. Zudem ist ein brennender Mercedes kein politisches Argument, sondern Ausdruck von Hass, Neid und generell schlechtem Charakter.

Unglaubwürdig ist es aber eben auch, das zerstörerische Treiben einiger Extremisten zu kritisieren, wenn man selbst in einem abgemilderten Masse nichts anderes tut. Und das gilt für weite Kreise einer Gesellschaft, deren grösstes Problem nicht die sogenannt linksautonome Szene ist, sondern die ganz allgemein an einer postpubertären Frechheits- und Undankbarkeitsstörung erkrankt ist. Und dies nicht nur an einem bestimmten Freitagabend, sondern eigentlich immer.

Wer es nicht glaubt, möge einmal das Gespräch mit Polizisten, Sanitätern und anderen Angestellten staatlicher Betriebe suchen und sich anhören, was diese Menschen sich in ihrem Berufsalltag alles so gefallen lassen dürfen vom Durchschnittsbürger, der nie eine Scheibe einschlagen würde.

Thomas-Meyer Thomas Meyer, 40, ist Schriftsteller und lebt in Zürich.