Beiträge mit dem Schlagwort ‘Toleranz’

Wem gehört die Stadt?

Alex Flach am Montag den 4. Mai 2015
Haben Clubbesucher und die Nightlife-Industrie gleich viele Rechte wie die Anwohner?

Haben Clubbesucher und die Nachtschwärmer gleich viele Rechte wie die Anwohner?

Eine Stadt lebt nicht nur in den Wohnungen ihrer Bewohner. Sie lebt in ihren Strassen, ihren Cafés, ihren Bars und Clubs. In den meisten Grossstädten existieren «Problemviertel», wobei es meist eben diese Gegenden sind, die durch ihre Quirligkeit dafür sorgen, dass eine Grossstadt als solche wahrgenommen wird.

Oft sind es die Epizentren der Nachtgastronomie, die unter der zweifelhaften Überschrift Problemviertel eingeordnet werden. Dass der Lärmpegel in solchen Vierteln höher ist als anderswo, liegt in der Natur der Sache und dass eine Stadt ein lebendiges Nachtleben braucht, dürfte mittlerweile nicht mehr Ausgangslage der Diskussion sein: Die Lebensentwürfe der Menschen haben sich in den letzten Jahrzehnten dahingehend verändert, dass auch Eltern in der Mitte ihres Lebens ihren Nachwuchs gerne mal in Obhut von deren Grosseltern geben, um eine Nacht lang in den Clubs feiern zu können – sie sind mit der elektronischen Musik aufgewachsen, die heute die Charts bestimmt und deren kreative Quelle noch immer in den Clubs liegt.

Obwohl sie diesem Umstand Rechnung tragen müssten, stellen die Behörden zumeist auch in ihren vom Clubbing geprägten Strassenzügen die Anliegen und Befindlichkeiten der Anwohner über jene der Leute, die diese aufsuchen, um dort eine gute Zeit zu geniessen. Beispiele dafür gibt es viele, so konnte in St. Gallen ein einzelner Neuzuzüger dem traditionsreichen Club Kugl den Betrieb beinahe verunmöglichen, obschon das Kugl nicht in einer Wohnzone liegt, sondern in einer gemischten Wohn- und Gewerbezone. Auch in anderen Schweizer Städten gehen immer wieder einzelne Anwohner erfolgreich gegen Clubs vor, in denen an den Wochenenden Abend für Abend hunderte Partygänger feiern.

Trotz der Zürcher Morgenröte, initiiert durch die klaren Bekenntnisse Corine Mauchs und Richard Wolffs zur städtischen Clubszene, können auch hier ein paar wenige Anwohner mit Beschwerden und Klagen dutzenden Bars und Clubs das Leben schwer machen. Aktuell versuchen dies gerade 115 Bewohner der Langstrasse, die mit einem eingeschriebenen Brief den Stadtrat auffordern, etwas gegen den Lärm und Abfall, verursacht durch den allnächtlichen Partybetrieb, zu unternehmen und das, obschon die Nachtleben-Betriebe an der Langstrasse das Milieu erfolgreich zurückgedrängt haben, ganz so, wie von der Stadtplanung wohl vorgesehen.

Die Meinungen zu dieser Aktion der Langstrasse-Anwohner sind von einer Einseitigkeit, die ihresgleichen sucht. Folgender Kommentar unter dem entsprechenden Beitrag der Gratiszeitung 20minuten generierte 968 Likes bei gerade mal 59 Dislikes: «Wer an die Partymeile zieht, muss sich nicht wundern, wenn es laut wird. Man zieht ja auch nicht neben einen Bahnhof, Flugplatz oder eine viel befahrene Strasse und beschwert sich wegen des Lärms. Solche Menschen machen unnötig Probleme und verursachen am Ende nur Aufwand und Kosten». Natürlich: Ziemlich undifferenziert und wohl auch unfaire Worte. Aber ist die Aussage der 115 Langstrasse-Anwohner und -Beschwerdesteller, der «allnächtliche Partybetrieb an der Langstrasse ist eine stadtzerstörende Sauerei», etwa differenziert und fair? Die Langstrasse mit ihrem einzigartigen Eigenleben gehört allen Stadtbewohnern und nicht nur ihren Anwohnern.

Alex-Flach2Alex Flach ist Kolumnist beim Tages Anzeiger und Club-Promoter. Er arbeitet unter anderem für die Clubs Supermarket, Hive, Hinterhof, Nordstern Basel, Rondel Bern, Blok und Zukunft.

Politisiertes Nachtleben?

Alex Flach am Montag den 30. März 2015
Kein Sinn für Ironie: Den eigenen, selbstgekauften Technikmüll als Zeichen des Widerstandes benutzen?

Kein Sinn für Ironie: Den eigenen, selbstgekauften Technikmüll als Zeichen des Widerstandes benutzen?

Das Berner «Bündnis inexistenter Partykapitalisten» hat zu einer Demonstration gegen die Umnutzung der dortigen Markthalle aufgerufen. Vor zwei Jahren mussten die Bars und Restaurants in der Markthalle mangels Rentabilität schliessen. Die Eigentümer sanierten in der Folge das Gebäude, um es weitervermieten zu können. Am vergangenen Donnerstagabend fanden sich nun mehrere hundert Aktivisten zu einer Protestaktion vor der gleichentags dort eröffneten Media Markt-Filiale ein, um dort alten Elektroschrott zu deponieren. Die Angestellten des Discounters verriegelten die Türen, die Demonstranten begannen Gegenstände in Richtung der Schaufenster zu werfen und die Polizei damit, die Demo aufzulösen.

Die Antikapitalisten in der Hauptstadt geben ihrem Wirken ganz gerne einen Nightlife-Anstrich: Die Reclaim the Streets vom 25. Mai 2013 fand unter dem Motto «Tanz Dich frei» statt. Aber nicht nur die Berner Aktivisten machen auf Nachtleben, auch ihre Zürcher GenossInnen schmücken ihr Tun gerne mit Discokugeln, so auch die ehemaligen Binz-Besetzer, deren «Tanz durch die Stadt» Anfang März 2013 mehr mit Sachbeschädigung oder gar Plünderung zu tun hatte als mit Tanz.

Dank der Verknüpfung solcher Demonstrationen mit Nightlife-Begriffen wirft ein beträchtlicher Teil der Bevölkerung Clubber und Links-Aktivisten in einen Topf, so auch nach der Zürcher Reclaim The Streets von Mitte Dezember.

Das ist Blödsinn, denn politischer Aktivismus und die Gastro-Szene haben nichts miteinander zu tun: Nach der Reclaim The Streets vom vergangenen Dezember zählten Lokale wie das Le Chef von Meta Hiltebrand und das Neo von Gregory Schmid und Pius Portmann zu den Hauptbetroffenen, einer von Hiltebrands Angestellten wurde gar verletzt. Das überwältigende Mehr der Schweizer Gastronomen sieht sich als leidenschaftliche Teilnehmer am freien Markt und damit keineswegs als Antikapitalisten. Sie müssen Löhne, Lieferanten und Mieten bezahlen und haben oft eine Familie zu ernähren. Sie wollen Gewinn machen und ihre Statements sind meist kreativer und keineswegs politischer Natur.

Den ehemaligen Mietern der Berner Markthalle ist es nicht gelungen, ihre Betriebe in die Gewinnzone zu führen und dass sie schliessen mussten war nichts weiter als das logische Resultat wirtschaftlichen Misserfolges. Hätten all die Leute die nun dem Media Markt die Scheiben eingeworfen haben früher regelmässig in den Lokalen der Markthalle ein Bierchen getrunken oder gegessen, dann würden diese vielleicht noch existieren.

Einsicht ist eine Frage des Alters und der aus ihr erwachsenden Weisheit, gut abzulesen am Werdegang der Roten Fabrik. Das Areal in Wollishofen wurde 1980 und nach den Opernhauskrawallen der Jugendbewegung als Autonomes Jugendzentrum zu Verfügung gestellt. Ein bisschen Politik betreibt die IG Rote Fabrik heute noch, aber primär dirigiert sie heute eine Kultur-Institution, die nach marktwirtschaftlichen Regeln funktioniert, wenn auch mit basisdemokratischen Strukturen. Die Rote Fabrik ist ein gutes Beispiel dafür, wie revolutionäre Ideen irgendwann halt doch in der marktwirtschaftlichen Realität landen. Man kann das vielleicht mit etwas politischer Schminke übertünchen, aber wer auf lange Sicht bestehen will, kommt um den freien Markt nicht herum.

Alex-Flach2Alex Flach ist Kolumnist beim Tages Anzeiger und Club-Promoter. Er arbeitet unter anderem für die Clubs Supermarket, Hive, Hinterhof, Nordstern Basel, Rondel Bern, Blok und Zukunft.

Wehret den Anfängen!

Réda El Arbi am Mittwoch den 18. März 2015
Schützt uns vor dem Untergang der Zivilisation: Sitzverbot im Bahnhof.

Schützt uns vor dem Untergang der Zivilisation: Sitzverbot im Bahnhof.

Es dauerte ein paar Sekunden, bevor ich die Botschaft des Verbotsschildes auf der Bahnhoftreppe bei Landesmuseum verstand: «Sitzen verboten». Unbedarft wie ich bin, dachte ich mir, dass es sicher einen guten Grund für das Verbot, sich auf die Treppen zu setzen, geben musste. Mir wollte nur ums Verrecken keiner einfallen. Also fragte ich bei einer Bekannten nach, die für die Bahnhofsicherheit arbeitete.

Sie meinte, es sei nicht  nur verboten, auf den Treppen zu sitzen, es gebe laut «Hausordnung» im ganzen Areal des Hauptbahnhofes ein Verbot, sich auf den Boden zu setzen oder zu legen. Damit wolle man Randständige davon abhalten, im Bahnhof herumzugammeln. Oder Jugendliche daran hindern, am Wochenende alkoholisiert im Bahnhof zu nächtigen, zu randalieren und Leute anzupöbeln. Die Hausordnung umfasst nebst «Sitzen und Liegen auf Boden und Treppen» das «Mitführen frei laufender Hunde» oder das «Füttern von Vögeln», und vor allem verbietet die Bahnhofordnung «ungebührliches Verhalten» gegenüber Reisenden oder gegenüber dem SBB-Personal.

Das scheint mir einleuchtend. Schliesslich ist das Sitzen auf Treppen der erste Schritt zu Sodom und Gomorrha. Darum auch kein Schild «Leute anpöbeln verboten», sondern eben ein «Sitzen verboten»-Schild, auf dem die «Null-Tolleranz»-Politik der SBB vollständig zum Tragen kommt. Ist ja nur konsequent. Schliesslich hatte man damals auch die Sitzbänke im ganzen Bahnhof mit Einzelsitzschalen umgebaut, damit sich Randständige nicht hinlegen können.

Wie sähe dass denn aus, wenn sich diese komischen Leute, nachdem sie ihren Fusel im Schnapsladen im Bahnhof gekauft haben, betrunken in Sichtweite der gutzahlenden SBB-Kunden herumliegen würden? Kaum würde man das zulassen, würden die wohl gleich ganze Camps aufbauen. Diesen Randständigen ist alles zuzutrauen.

Und auch die Jugendlichen, die sich im «Drinks of the World» mit Wodka und Shots in kleinen Flaschen eindecken, sollen ihren Spass woanders haben. Sie könnten ja laut werden.

Umhimmelsgottsswillen.

Es lägen auch feuerpolizeiliche Gründe vor, um die Treppen freizuhalten. Das ist gut nachzuvollziehen, sehe ich doch schon diese renitenten jungen Menschen vor mir, die bei Massenpanik und Grossbrand auf der Treppe sitzen bleiben und erst ihr (im Bahnhof gekauftes) Sandwich fertigessen, bevor sie die Leute fliehen lassen.

Aber wie siehts denn mit den Reisenden aus? Die Security sei kulant, meinte meine Bekannte, die auf keinen Fall namentlich in dieser Geschichte über Recht und Ordnung erscheinen will. Wenn jemand sich mal auf den Boden setze, um auf den nächsten Zug zu warten, werde er wohl nicht weggeschickt. Nur Gruppen von Sitzenden würden weggewiesen. Also auch die fünfköpfige Familie, die drei Stunden auf den Anschlusszug nach Mailand warten muss? Ja, auch die.

Schliesslich hat die SBB den neuen schönen Bahnhof in auszeichnungswürdiger Steriloptik nicht mit unserem Geld gebaut, damit da Menschen mit ihrer Anwesenheit die atmosphärische Wirkung kaputtmachen. Auf dem Modell der Planer sassen ja auch keine Leute auf den Treppen.

Es sei ja nicht so, dass die Bahnpolizei oder die Kapo, die für den Bahnhof verantwortlich sei, den ganzen Tag herumgehe und Leute wegweise. Es sei einfach so, dass man mit Hausordnung und den Verbotsschildern eine Handhabe gegen unerwünschte Anwesende habe. Hm, klever. So kann man also dann selbst entscheiden, wem das Sitzen auf Treppen gestattet wird, und wer damit die «öffentliche Ordnung» stört. Selektiv-präventive Verbote. Das ist ungemein praktisch.

Aber grundsätzlich geht mir das einfach nicht weit genug. Denn Ansammlungen können auch entstehen, wenn Leute auf der Treppe rumstehen. Um die allgemeine Ordnung zu stören muss man ja nicht sitzen oder liegen. Viel effektiver wärs, wenn da gar nicht erst Menschen hinkämen, die sich setzen oder hinlegen könnten. Man müsste also den Bahnhof grundsätzlich von störenden Menschen abriegeln. Aus den Neunzigern ist ja noch die Bahnhofsverriegelung übrig, eine im Boden versenkte Stahlwand, die den Bahnhof bis auf wenige Ein- und Ausgänge hermetisch abriegelt. So könnte man an den Durchgängen checken, ob der Bahnhofbesucher eine Gefahr für die öffentliche Ordnung oder das ästhetische Empfinden darstellt und ihn im Zweifelsfalle schon gar nicht erst in den Bahnhof lassen.

Und ganz im Sinne einer «Null Toleranz»-Gesellschaft fordere ich: «Wehret den Anfängen! Sonst seht ihr dann schon, wo das alles enden wird! Ehrewort!»

Eine Gefahr für Sitte und Ordnung! (Bild aus dem Internet geklaut).

Eine Gefahr für Sitte und Ordnung! (Bild aus dem Internet geklaut).

 

Fasnacht für die Männlichkeit

Réda El Arbi am Samstag den 22. November 2014
Jeder darf sich verkleiden, wie er will. Aber bei der Axt endet der Spass.

Jeder darf sich verkleiden, wie er will. Aber bei der Axt endet der Spass.

Inzwischen sieht man sie auch in Zürich öfters: Lumbersexuelle. Nein, das ist kein neuer Zugang zur LGTB-Regenbogengemeinde, keine Typen die Bäume lieben,  sondern junge Männer, die sich mit wildfusselndem Bart und ungebügelten Karohemden einen Holzfällerlook geben.

Es ist ein Zeugnis dafür, wie stark die wegfallenden Geschlechterrollen die Männer unserer Zeit verunsichern. Wieso sonst müsste man seine Männlichkeit wie eine Halloweenmaske tragen, sorgfältig inszeniert, als ob Mann eine Mittelklasse-Limousine mit einem mächtigen Frontschutzbügel und einem Camouflage-Anstrich zu einem Offroader aufmotzen möchte?

Da sitzen sie dann in den Cafés und Bars îm Kreis 4 und lassen nach einem harten, schweisstreibenden Tag als Grafikdesigner oder Medienfuzzi hinter einem Airbook ihre urchige Wildheit auf die Umgebung wirken. Sie setzen den Hugh-Jackman-Blick auf und versuchen, ihre Naturburschenschaft mit stoischer Attitüde zu unterstreichen.

Man(n) könnte das als weiteren debilen Modetrend abtun, der sich mit der nächsten Brise aus London oder Berlin wieder verzieht. Aber wenn man genauer hinschaut, kann man darin jedoch die Befindlichkeit der heutigen Männer ablesen. Als Metrosexuelle versuchten sie um die Jahrtausendwende ihre weibliche Seite auszuleben. Offenbar kam das aber bei den Frauen nur begrenzt gut an. Dann versuchten sie als Hipster ihre kreative, avantgardistische Ader herauszukehren. Aber nachdem jeder 16-Jährige inzwischen ein Hipsteroutfit aus dem H&M im Kleiderschrank hat, ist auch das nicht mehr sexy genug.

Den vor drei Wochen gehypten «Normcore»-Trend haben die meisten wegen fehlender Selbstironie ausgelassen. Was bleibt, ist, sich an einem romantischen, alten Rollenvorbild zu orientieren, einem reaktionären, echten Mannsbild. Man will wieder  urchig sein, ein Fels, an dem sich das schwache Geschlecht anlehnen kann. Natürlich will man nicht wirklich etwas mit dem Leben als Naturbursche zu tun haben, höchstens mal eine Wanderung auf die Rigi, damit man umgeben von Bäumen ein Lumberjack-Seflie schiessen kann. Man will nicht wirklich mit den Händen schweisstreibende Arbeiten machen und Werkzeug kennt man nur vom Zusammenbauen der Ikea-Möbel.

Viele Frauen finden nach ihrer Emanzipation heraus, dass sie nach wie vor auf das Animalische im Mann stehen, auf das Biest. Natürlich nicht auf echte, unzivilisierte Hinterwäldler, aber auf Männer, die sich den Anschein geben, sie hätten ihren Tag im Büro mit dem Erwürgen von Bären verbracht und müssten sich jetzt den salzigen Schweiss mit Bier von den Lippen spülen.

Es ist irgendwie ein Rollenspiel. Genau wie wenn Frauen versuchen ihren Partner in Dienstmädchen- oder Krankenschwesternkostümen – kurz: in billiger Reizwäsche – scharf zu machen. Das Hemd ist sozusagen der Netzstrumpf des Mannes, der Bart das Silikon, mit dem er den eigenen sexuellen Wert aufpimpt. Ein Aphrodisiaka fürs Selbstbild, das dann auch aufs weibliche Gegenüber wirken soll.

Naja, solange es funktioniert, sollen die Kinder sich doch verkleiden. Aber wenn einer dieser urchigen Mittelland-Ex-Hipster sein Samsung-Smartphone gegen eine Axt eintauscht, ist eine Grenze erreicht. Dann wirds gefährlich.

Inzwischen sind wir normalen Männer mit den Partnerinnen zufrieden, die weder an einem Vaterkomplex noch an einem Naturburschen-Fetisch leiden. Wir sind gespannt auf den nächsten Trend, der Männer, die keine eigene Identität haben, mit einem Image versieht.

 

Die zufriedene Jugend

Réda El Arbi am Mittwoch den 22. Oktober 2014
kann die heutige Jugend nur noch zufrieden in de Asche spielen? Ist alles schon erreicht?

Kann die heutige Jugend nur noch zufrieden in der Asche spielen? Ist alles schon erreicht?

Früher war wohl doch nicht alles besser. Die Jugendlichen und die jungen Erwachsenen im Land sind heute laut des CS-Jugendbarometer sehr zufrieden. Sie wünschen sich eigentlich nur noch gute Karrieren und weniger Ausländer. Nun ja, meine Generation war nicht zufrieden. Wir wollten Dinge erreichen. Wir wollten Veränderung.

Ich bin also mal ins Tram gestiegen und hab mir unsere Jugend angesehen. Und als Erstes fiel mir die Einheitlichkeit des Äusseren auf. Vielleicht erinnert ihr euch selbst noch: Wir hatten Jugendsubkulturen. Man bekannte sich zu einem Lebenstil, einem Wertesystem, einem Musikstil, einer Gruppe von Nonkonformisten.

Da gabs zum Beispiel Popper, die Stunden für ihre Frisuren und ihre Klamotten aufwandten. Sie hörten natürlich das, was damals unter Pop verkauft wurde (ergänzt durch Italo-Schnulzen), trugen Blazer, schmale Krawatten und asymetrische Haarschnitte, die sie nötigten, dauernd ihre Haare aus dem Gesicht zu werfen. Sie hatten keine politischen Werte, dafür aber ungeheures Gemeinschaftsgefühl und ein ausgeprägtes individuelles Selbstbewusstsein.

Weiter waren da die Freaks, eine Art politisierte Hippies. Sie zeichneten sich durch Röhrchenjeans, Wildlederjacken oder Militärparkas und «Adidas Rom»-Turnschuhe aus. Sie trugen violette Windeln als Halstücher und lasen Hesses «Siddharta» (Hesse war unser Coelho, einfach mit Sprachgefühl und mehr Schwermut), diskutierten über Politik, engagierten sich oft in der Anti-AKW-Bewegung, hörten Velvet Underground, Rolling Stones, David Bowie, Pink Floyd, Bob Marley und erste Indie-Rockbands.

Waver-Sound

Oder die Waver, quasi die Urgrossväter der Emos, hervorgegangen aus den Punks, brachten sie das «No Future»-Lebensgefühl auf eine persönliche Ebene. Depression war das Lebensgefühl und an besonders fröhlichen Tagen vielleicht eine geschwächte Melancholie. Schwarze, lange Mäntel, schwarze Haare, schwarzes Makeup und weisse Haut. Begleitet wurden sie von The Cure, The Jesus And The Marie Chain und vielen anderen Bands, die mit «The» begannen.

Ich könnte noch einige Gruppen aufzählen, die Heavy Metaller zum Beispiel, ohne jegliches politisches Bewusstsein, dafür mit ungeheuer eindrücklichen Plattensammlungen und sehr schweren Lederjacken, die mit Nieten nochmals um zwei Kilo bereichert wurden. Oder die Teddies, die sich an den 50ern orientierten und grosse Tollen kombiniert mit spitzen Stiefeln und steinzeitlichem Gedankengut trugen.

Metaller

Allen Gruppierungen und Subkulturen war Eines gemeinsam: Man wollte sich von den anderen abgrenzen. Man wollte sein eigenes Lebensgefühl schaffen. Man wollte der Welt den eigenen Lebenstil verkünden und natürlich wollte man sich von den anderen Gruppen unterscheiden. Soweit, dass man sich auch schon mal prügelte, sich gegenseitig die Töffli sabotierte (Popper fuhren Ciao, Metaller und Freaks Puch, bzw. alte Zweigang-Schleudern). Man stand für eine eigene Identität ein, bei der man auch das Riskio einging, gehasst zu werden. Ja, manchmal war das einzige Ziel, gehasst oder belächelt zu werden.

Die meisten der Kids damals lernten also, für ihre (wenn auch noch so lächerlichen) Werte einzustehen, anzuecken, Selbstwertgefühl zu entwickeln und Dinge einzufordern.

Heute ist es schwierig für Jugendliche. Die Gruppenzugehörigkeit hat sich in der Superindividualisierung aufgelöst. Und die Superindividualisierung hat sich in Beliebigkeit verwandelt. Man ist seine eigene, persönliche Aussage, die man aus dem Angebot der Mainstream-Klamottenläden zusammensetzt. Das Dazugehören ist wichtiger als das Abgrenzen. Wenn überhaupt so etwas wie politisches Engagement aufkommt, ist es meisten gegen Irgendwas, nicht für Irgendwas. Es ist auch schwer, sich für irgendwas zu engagieren, wenn bereits alles da ist.

Meine Generation war wohl die erste, die quasi bis Dreissig Berufsjugendliche sein durfte. Den heutigen Kids bleiben eigentlich nur noch die frühe Biederkeit, die Zufriedenheit und konservative Werte. Die Wildheit begrenzt sich auf Feiern was das Zeug hält. Wenn sie aufmucken oder etwas fordern, müssen sie sich anhören, dass sie ja bereits alles haben. Was stimmt, woran sie aber keine Schuld tragen.

Wollten sie rebellieren, selbst gewalttätig, müssen sie sich anhören, dass ihre Eltern und Grosseltern bereits in den 60ern und in den 80ern  viel krasser waren. Nehmen sie Drogen, müssen sie diese vor ihren Eltern verstecken, da die ihnen sonst die Pillen wegfressen und das Gras wegdampfen. Am Ende jedes extremen, rebellischen Weges treffen sie auf die vorherige Generation, die da im Schaukelstuhl sitzt, Pfeife raucht und meint: «Auch schon hier?»

Die Jugend ist zufrieden, es bleibt ihnen ja nichts anderes übrig. Eigentlich wäre das schön. Es ist, als ob man ein Ziel erreicht hat. Aber auf der anderen Seite macht es mir auch ein wenig Angst. Ich mag ihnen ihre gute Welt gönnen, aber ich befürchte auch ein wenig Stillstand. Sogar eine Regression. Wenn unsere Jugend zufrieden ist, wenn sie nichts mehr anstreben, sondern sich nur noch für Dinge einsetzen, die sie NICHT wollen (Ausländer, Veränderung, Risiken), dann bringt das unsere gesellschaftliche Entwicklung zum Stillstand.

Sie müssen nicht Molotov-Cocktails schmeissen und «Freie Sicht zum Mittelmeer» fordern. Aber es wäre doch schön, wenn sie eine eigene gesellschaftliche Utopie, eine eigene Vorstellung der Zukunft, die über das eigene Einfamilienhaus und das eigene Auto hinausgeht, anstreben würden. Nicht?

Aber vielleicht bin ich ja einfach einer dieser nostalgischen alten Säcke.

Die erweiterte Normalität

Réda El Arbi am Freitag den 19. September 2014
D. macht die Welt ein Stückchen besser.

D. macht die Welt ein Stückchen besser.

Die SVP will den Ärmsten noch mehr Geld wegnehmen, viele Menschen ängstigen sich vor Fremden, die Invalidenversicherung traut nur noch den Ärzten, die kaum Rentenempfehlungen aussprechen – man könnte meinen, unsere Welt würde immer kälter. Aber das ist nur ein Teil der Realität.

Einen anderen Teil zeigt mein Göttibub D. Der kleine Bub spielt, er lacht und er geht in den Kindergarten. Und D. ist ein Downie, das heisst, er hat einen Defekt des 21. Chromosoms, medizinisch «Trisomie 21».

Als ich Kind war, kannten wir auch Kinder mit Down-Syndrom. Aber sie gingen nicht mit uns in den Kindergarten. Sie wurden sorgfältig von uns «Normalen» abgegrenzt, waren in Gruppen unterwegs und meist in Heimen untergebracht. Erwachsene fühlten sich befremdet, wenn sie ihnen begegneten, was zur Folge hatte, dass wir Kinder auch irritiert und oft gemein auf diese Kids reagierten.

Ich kann mich noch an eine Zeit erinnern, als «Mongo» noch ein gängiges Schimpfwort war, ausgesprochen ohne Bewusstsein. Ich erinnere mich an eine Zeit, in der Downies als Belastung galten und man sich noch nicht vorstellen konnte, dass sie einen wertvollen Beitrag an unsere Gesellschaft leisten könnten.

Also, D. hatte seine ersten Tage im Kindergarten. Seine Gschpänli haben alle Chromosomen da, wo sie hingehören. D. ist vielleicht etwas unsicher, wie immer, wenn er es mit neuen Situationen und neuen Menschen zu tun hat. Seine Gschpänli winken, machen Platz auf dem Bänkli und kichern. Mit ihm, nicht über ihn. Nach ein paar Tagen verstehen sie, dass er manchmal etwas langsamer ist, und manchmal einfach etwas sturer und eigenwilliger. Das stört sie nicht. Sie behandeln ihn wie einen kleinen Bruder. Sie übernehmen Verantwortung für ihn, er gehört dazu und er bringt seine ganz eigene Persönlichkeit in die Gruppe.

Sicher  gibt es noch immer Ewiggestrige, die den Wert des Ungewöhnlichen für unsere Gesellschaft nicht erkennen können. So forderte eine Ikone der Freidenker, Richard Dawkins, noch vor ein paar Wochen auf Twitter, man müsse Downies abtreiben (bis unmittelbar vor der Geburt!), um der Gesellschaft Leiden zu ersparen. Ich schaue also meinen Göttibub und andere Downies, die ich kenne, an, und frage mich: «Welches Leiden?» Zum Glück sterben solche Denkschulen mehr und mehr aus, da sich immer mehr vernünftige Menschen als soziale Wesen verstehen und bereit sind, den Begriff «Normalität» für sich selbst neu zu definieren.

Natürlich gibts noch immer Eltern, die Angst haben, der Unterricht ihrer Kinder könnte unter dem Aspekt leiden, dass ein Downie daran teilnimmt. Es könnte ja langsamer vorangehen, die Lernleistung der Gruppe mindern. Ja, vielleicht sogar später einen Nachteil beim Aufsaugen des Stoffs, der die Lea-Sophie oder Finn-Sven-Max ins Gymi bringen soll, bedeuten.

Das sind die Eltern, die nicht begriffen haben, dass die Anwesenheit von D., die vielleicht irgendwann mal eine Mathematikstunde verlangsamt, auch macht, dass ihre Kinder einen weiteren Horizont entwickeln können. Dass sie nicht überfordert sein werden, wenn sie später in ihrem Leben mal einem Menschen begegnen, der nicht ihren Vorstellungen entspricht. Gerade in modernen Unternehmen setzt sich immer mehr die Erkenntnis durch, dass soziale Skills in Kaderstellen oft mehr Wert haben, als ein paar Fachausweise, da sie ein gutes, produktives Arbeitsklima ermöglichen.

Also hilft D. seinen Gschpänli, ihr Verständnis von Normalität zu erweitern und soziale Skills wie Geduld, Verantwortungsgefühl und Gemeinschaftssinn zu entwickeln. Im Austausch dafür helfen sie ihm, Geduld für die Kindergärtnerin aufzubringen, die irgendwelche Kinderliedli mit ihm singen will, die er noch nicht kennt und so natürlich völlig blöd findet.

Die meisten Eltern, denen ich mit D. begegne, reagieren aber nicht mehr wie vor 25 Jahren, sondern scheinen seine spezielle Art als ganz normal zu empfinden. Seit sie in in der SRF-Doku mitbekommen haben, dass Downies ein Freibad organisieren können, seit Schauspieler von der Downie-Theatergruppe «Hora» Welttourneen bewältigen und deutsche Theaterpreise gewinnen, und vor allem, seit ihre Anne-Käthie und ihr Noa mit einem Downie aufwachsen, ist auch ihre Normalität um einen kleinen Radius grösser geworden.

D.s Geschichte zeigt, dass wir nicht bessere, sozialere Menschen sein müssen. Es reicht, wenn wir unsere Normen ab und zu überprüfen. Und wir sollten unseren Kindern die Chance geben, uns in allen Bereichen zu überholen.

Die Bünzli-Bremse

Réda El Arbi am Samstag den 13. September 2014
Manchmal sollte man auf den inneren Bünzli hören - und manchmal nicht.

Manchmal sollte man auf den inneren Bünzli hören – und manchmal nicht.

Es ist drei Uhr früh. Man liegt wach im Bett und baut Aggressionen auf. Die Gläser klirren im Takt. Der Nachbar feiert offenbar eine Party mit viel Bass. Oder macht etwas anderes, das rhythmisch rumst und eine oder mehrere Frauen zum Quietschen und Lachen bringt.

Eigentlich müsste ich schlafen, morgens früh aufstehen. Und das ist nun schon das dritte Mal in den letzten zwei Wochen. Aber ich drehe mich um, lege ein Kissen über den Kopf und gehe nicht etwa rauf und klopf an die Tür. Auch werde ich nicht Polizei rufen. Einmal Party macht doch nichts. Hab ich früher doch dauernd gemacht.

Und überhaupt! Ich will ja nicht wie der letzte Bünzli dastehen. Anstatt jetzt hoch zu gehen, um mit genageltem Wanderschuh in der Hand an die Tür zu klopfen und hueresiech endlich etwas Ruhe einzufordern, zwinkere ich dem Nachbarn am nächsten Abend, wenn ich total übermüdet nach Hause komme (er ist gerade aufgestanden), verschwörerisch zu und bemerke «Geile Party gestern?». Worauf er mich anschaut, als hätte ich ihm ein unanständiges Angebot gemacht – und  sich ohne ein Wort wieder in seine Wohnung verzieht.

Dann draussen auf dem Trottoir: Der kuule Velokurier fährt mich beinahe über den Haufen, grunzt in sein Schultermikrophon und schwingt, ohne Rücksicht oder Entschuldigung, weiter seine Waden. Ich schicke ihm ein unsicheres Lächeln hinterher und stottere ein verspätetes, in die Luft gestammeltes  «Ha – hallo, schöne Tag» hinterher. Schliesslich muss man soviel Hippness doch mit einem gewissen Respekt begegnen.

Natürlich könnte ich beim nächsten Mal Terror machen, ich könnte sogar die Polizei rufen, sowohl beim Nachbarn wie beim Kurier. Warum mache ich das nicht, wenns mich doch wirklich stört und der Nachbar ein arroganter Idiot, bzw der Velokurier ein ignoranter Vollpfosten ist?

Weil ich über eine innere Bünzli-Bremse verfüge. Das ist ein Teil, das zwischen dem Bereich, in dem Wut entsteht und dem Bereich, in dem urtümliche Empörung formuliert wird, platziert ist. Aufgabe der Bünzli-Bremse ist es, jegliche Reaktion und jede Handlung darauf abzuchecken, ob sie auch cool genug ist. Nur ja  nicht spiesserhaft oder intolerant oder gar altmodisch (nicht in der herzigen Hipsterart altmodisch, sondern in dieser nervigen «Die heutige Jugend ist …»-Art altmodisch) erscheinen.

Weltoffen und spontan zu sein erfordert harte Arbeit, konsequente Zensur und reflexartiges Reagieren auf Situationen, in denen man spiessig oder bünzlig erscheinen könnte. Als Nicht-Bünzli muss man sich dauernd darüber Gedanken machen, was die Anderen denken könnten. Denn wenn die Anderen auch nur ein Mü Bünzlitum in mir wittern, bin ich uncool. Das wäre dann der Punkt, an dem ich mein urbanes Selbstverständnis bei Exit oder Dignitas vorbeibringen könnte.

Die Hemmung, sich als Bünzli zu outen, und deshalb nicht seine wahren Gedanken auszusprechen, hat etwas ungeheuer Bünzliges. Toleranz ist notwendig, wenn man so dicht aufeinanderlebt, aber genauso ist eine gewisse Ehrlichkeit vonnöten. Ob die Ehrlichkeit oder die Kritik als spiessig aufgefasst werden, hat mehr mit meinem Gegenüber als mit meiner Intention zu tun. Wie sonst sollen die einzelnen Mitglieder einer Zivilgesellschaft sonst wissen, wann sie mit ihrer eigenen Freiheit über die Grenzen der Freiheit anderer trampeln?

Ich bin dennoch froh um meine innere Bünzli-Bremse. Sie macht es mir möglich, mir zu überlegen, obs denn wirklich so wichtig ist, zu reklamieren, bevor ich lospoltere. Und wenn ich dann trotzdem mein Maul aufreisse, weiss ich, dass es angebracht ist.

 

Ist dem Wolff zu trauen?

Alex Flach am Montag den 8. September 2014
Der Nachtleben-Wtrschaftszweig fühlt sich noch alleingelassen.

Der Nachtleben-Wirtschaftszweig fühlt sich noch alleingelassen.

Stadtrat und Polizeivorstand Richard Wolff möchte der Stadtverwaltung eine einheitliche Haltung zum Nachtleben angedeihen lassen und die Bedürfnisse der Anwohnerschaft und der Nachtschwärmer in Einklang bringen. Seit 1996 hat sich die Anzahl der Stadtzürcher Gastgewerbebetriebe mit Nachtbewilligung von 88 auf 646 versiebenfacht, was diverse städtische Behörden mit erheblichem Mehraufwand konfrontiert.

Die Handhabe der einzelnen Fachstellen würde gemäss Wolff aktuell nicht immer übereinstimmen und 15 Mitarbeiter der Stadtverwaltung sind derzeit damit beschäftigt dies zu ändern. Mitverantwortlich für die rasante Zunahme bei den Betrieben mit Nachtbewilligung war ebenfalls ein Beamter: Raphael Huber, der frühere Chef des kantonalen Wirtschaftswesens, hat sich während zehn Jahren bei der Vergabe von Beizen-Patenten schmieren lassen und wurde 1998 wegen Korruption zu viereinhalb Jahren Zuchthaus verurteilt.

Nach diesem Skandal wurde die Vergabe-Politik sehr grosszügig, was das Wachstum des Zürcher Nachtlebens entscheidend befeuerte. Plötzlich konnte jeder Zuversichtliche mit Sparschwein und passendem Hammer eine Bar, ein Restaurant oder einen Club eröffnen. Zürich mutierte über Nacht von einer Schlaf- zu einer Partystadt. Wolff betont, man solle das Nachtleben nicht nur als Problem sondern auch als Bereicherung sehen und stellt in Aussicht, er werde im Rahmen seines Projektes auf eine liberale Grundhaltung seitens Stadtverwaltung und auf die Eigenverantwortung der Club-Betreiber setzen. Er fragt sich zudem, ob es tatsächlich ein Recht darauf gebe, in einer Stadt überall mit offenen Fensterläden schlafen zu können. Das ist löblich, denn wer hat sich nicht schon gefragt, was das für Leute sind, die an die Langstrasse ziehen, nur um dann wöchentlich eine Lärmklage einzureichen.

Konkrete Vorschläge wie es zwischen Anwohnern und Clubbern zur grossen Harmonie kommen soll, hat Wolff noch keine. Damit aus dem Gegen- ein Miteinander werden kann, ist es unabdingbar, Vertreter beider Seiten möglichst früh in die Planung einzubinden. Wortführer auf Nachtleben-Seite liessen sich bei der bck (Bar und Club Kommission Zürich) finden. Sollte es Wolff gelingen, ein Gremium aus repräsentativen Exponenten der Stadtverwaltung, der Anwohnerschaft und des Nachtlebens zusammenzustellen und aus diesem ein ständiges, unabhängiges und mit exekutiven Befugnissen ausgestattetes Fachorgan abzuleiten, das als Anlaufstelle für alle involvierten Parteien fungiert, könnten seine Bestrebungen von Erfolg gekrönt werden.

Sollte der Polizeivorstand jedoch ausschliesslich Beamte zu Architekten des nächtlichen Friedens küren, könnte dies zu Misstrauen und Abwehrreflexen führen. Die Anführer des Nachtlebens sehen ihr Tun als kulturelles und wirtschaftliches Schaffen, das Zürich nicht nur reichlich Mehreinnahmen beschert, sondern das der Stadt auch viel Attraktivität verleiht. Vor diesem Hintergrund fühlen sie sich nach wie vor viel öfter gegängelt und behindert als gefördert und respektiert. Sollten sie bei der Umsetzung von Wolffs nun lancierten Bestrebungen ausgeschlossen bleiben, wird sich daran nichts ändern und die wolffsche Harmonie bleibt Utopie.

Alex-Flach1Alex Flach ist Kolumnist beim Tages Anzeiger und Club-Promoter. Er arbeitet unter Anderem für die Clubs Supermarket, Hive und Zukunft

Street-Parade: «Genug ist genug!»

David Sarasin am Freitag den 1. August 2014
Mitmachen darf nur noch, wer sich klar mit Trash vom Coolness-Diktat befreit.

Mitmachen darf nur noch, wer sich klar mit Trash vom Coolness-Diktat befreit.

Das kann einem die Vorfreude vermiesen: Zum ersten Mal in der Geschichte der Street Parade laden deren Macher Gäste aus. «Genug ist genug», lässt sich Paul Benz aus dem Street-Parade-neben-OK zitieren. Er meint damit die Zürcher Clubbetreiber, die die Street Parade «seit Jahrzehnten schon» als zu Mainstream verunglimpften und «die sich selber für was Besseres halten». «Irgendwann platzt auch uns die Federboa», sagt das OK-Mitglied.

Dabei stand die Street Parade, ganz entgegen der Türpolitik der Zürcher Clubs, schon immer für Demokratisierung des Clublebens. «Veronika aus Sursee ist am Umzug ebenso willkommen wie der seit drei Tagen auf Speed feiernde Fredi aus Emmenbrücke», führt Benz weiter aus. Eine Million Gäste müssten es sein. Darunter macht man nichts mehr, so lautet das inoffizielle Credo der Streetparade. Bisher. Doch diese Zeiten sind vorbei.

Streitschrift aufgetaucht

«Entmachtet den Party-Adel, aber subito», heisst es in einem 250-seitigen Pamphlet, das die Macher via Rave-Forum “Happysmilelove” veröffentlicht haben. Der Hauptpunkt darin: Es werden jene Ausgeladen, die sich Jahr für Jahr darüber beschweren, dass das Geschmacksbewusstsein am Techno-Umzug ganz genauso wie die ganzen Bier- und Monsterdrink-Dosen in die Limmat geworfen würden. Die Fronten sind mittlerweile so hart wie die Faust eines Türstehers.

In den innerstädtischen Clubs reibt man sich derweil die geröteten Augen. «Krass», sagt ein Vertreter eines Underground-Ladens, der lieber auch nachts eine Sonnenbrille trägt und somit unerkannt bleibt. Die Macher der Streetparade halten weiter drauf: «Jetzt haben wir uns jahrelang auf der Puder-Nase herumtanzen lassen von den sogenannt Coolen!» Im Pamphlet mit dem Titel «Kopf ab, Sau!» – ein Rundumschlag sondergleichen – kritisieren die Autoren auch die Einlassregeln der angesagten Clubs, über die gerade diese Woche auch in diesem Forum diskutiert wurde. Dass man sie dort nicht haben möchte, die normalen Leute, die Verkleideten, die Übergewichtigen mit den unschicklichen Manieren.

Miese DJs an die Macht!

«Pro Oben-Ohne-Omas und Gürteltier-Opas», heisst eines, am Humanismus eines Erasmus von Rotterdam (sie wissen schon, Rotterdamm) geschulte Kapitel der Kampfschrift. Unterstützung erhält die Street-Parade unter anderem von einer rechtsradikalen Eltern-Kinder-Vereinigung im Solothurnischen und von einem deutschen Promi. Der lässt per Tweet mitteilen: «Kein noch so beschissener DJ ist illegal!». Dass das OK vermehrt die Geistesverwandtschaft mit den Akteuren der französischen Revolution herausstreicht, erstaunt niemanden: «Guillotine pour Selekteure» oder «Licht in den Underground bringen» heissen die aufklärersichen Kampfansagen darin. Als Vorbild dienen unter anderem auch die Kommentarspalten der Online-Portale, wo schliesslich auch jeder sagen dürfe, was er wolle.

Kurz: Selbstverwirklicher und Individualisten, Extravertierte und Egozentriker, Coole und Engagierte bekommen ihr Fett weg. Man wolle endlich ein Zeichen setzen, bevor die westliche Welt ganz an seinen «Güllenfass hohen ästhetischen Ansprüchen zugrunde gehe», heisst es im Buch.

Clubbetreiber wehren sich im Zischtigsclub

«Die müssen ja gar nichts sagen», kontern wiederum die Zürcher Partymacher. Und berufen einen Ziischtigsclub ein mit dem Thema: «Wieviel nackte Omas mit grüner Perrücke darf man in Zeitungen noch zeigen?» Gästeliste gibt es für diesen Club keine, wodurch sich die Gegenseite schon wieder provoziert sieht: «Getraut euch bloss nicht an die Parade am Samstag, sonst werden wir euch in im  verschmutzten See entsorgen». Neutrale Beobachter beurteilen die Lage mit der nötigen Skepsis: «Die sind doch alle nicht ganz richtig im Kopf, diese Dummärsche». Eins ist klar, wir verziehen uns am Samstag irgendwohin in den Aargau.

«Abweisung nicht persönlich nehmen»

Alex Flach am Montag den 28. Juli 2014
Der Clubbetreiber entscheidet, wer am Türsteher vorbei darf.

Der Clubbetreiber entscheidet, wer am Türsteher vorbei darf.

Im Forum meines letzten Stadtblog-Beitrages hat sich ein Kommentarschreiber mit einem Post zu Wort gemeldet. Hier ein Auszug:

«Vor vielen Zürcher Klubs werden nach optischen Gesichtspunkten Leute reingelassen oder abgewiesen. Das tönt dann so: ‘Sorry, full house’ oder ‘sisch vollä!’. Hinterher werden dann ‘beautiful people’ reingelassen. Ein Szenario das sich jedes Wochenende vor einigen Clubs wiederholt. Diskriminierung und Rassismus pur! Aber diesen Umstand nimmt Alex Flach in seinem Beitrag nicht auf obwohl er davon weiss.»

Nun haben Rassismus und der Umstand, dass nur «beautiful people» reingelassen werden, nicht allzu viel miteinander zu tun, da auch andere Länder als die Schweiz von schönen Menschen bewohnt werden. Dass ich diese Punkte im Text nicht aufgegriffen habe, liegt daran, dass das Thema der Kolumne ein völlig anderes war (Menschen mit Behinderung im Nachtleben). Jedoch entspricht es der Wahrheit, dass die Clubs Anforderungen an ihre Klientel stellen und wenn ein einlasswilliger Gast diese nicht erfüllt, kommt er nicht am Türsteher vorbei.

Diese Anforderungen sind von Club zu Club unterschiedlich und können bisweilen gar konträr ausfallen: In einige Clubs wird man als männlicher Clubber nur eingelassen, wenn man auf Hochglanz polierte Schuhe an den Füssen und ein Jackett über den Schultern trägt. In diversen Undergroundclubs hingegen verringert dieser Aufzug die Chancen auf Einlass, da den Eindruck erweckend, man würde es an der nötigen Lockerheit missen lassen. Clubs sind private Institutionen und keine öffentlichen Räume, die von Rechts wegen jedem offenstehen müssen. Wer einen Club führt, kann also frei entscheiden, wen er durch die Kordel lässt und wen nicht.

Zumindest solange er nicht Angehörige einzelner Ethnien diskriminiert (Zuwiderhandlung ist zu beweisen), sich an die Auflagen des Jugendschutzes hält und alle anderen Gesetze achtet, die den Betrieb einer gastronomischen Einrichtung tangieren. Abseits davon sind Clubchefs die uneingeschränkten Herren ihrer Tür und berechtigt, Einlasswillige ohne weitere Begründung abzuweisen. Es liegt also am Gast, die Anforderungen des anvisierten Clubs zu erfüllen. Frauen haben weniger Hürden zu überspringen als Männer, die darauf achten sollten, nicht in allzu grossen Testosteron-Verbänden ohne weibliche Begleitung aufzukreuzen: Ein möglichst hoher Anteil an Frauen ist ein wichtiger Erfolgsfaktor im Nachtleben. Zudem sollte man sich einen Club genau anschauen, bevor man ihn besucht. Wie ist seine Homepage gestaltet und welche Musik wird da gespielt?

Aufgrund dieser zwei Punkte lässt sich ziemlich gut bestimmen, wie die Leute sind und aussehen, die dort verkehren, und ob man selbst zu ihnen passt. Zudem sollte man die Location nicht zu ihren Stosszeiten aufsuchen, sondern möglichst kurz nach Türöffnung: Bei erfolgreichen Clubs ist Überfüllung einer der häufigsten Abweisungsgründe. Eines gilt jedoch in jedem Fall: Eine Abweisung nicht persönlich nehmen und nicht nach tieferen Gründen suchen – es hat an diesem Abend und mit diesem Club einfach nicht geklappt. Das ist alles.

Alex FlachAlex Flach ist Kolumnist beim Tages Anzeiger und Club-Promoter. Er arbeitet unter Anderem für die Clubs Supermarket, Hive und Zukunft.