Beiträge mit dem Schlagwort ‘Szenis’

Der lokale Lauschangriff

Thomas Wyss am Samstag den 20. Mai 2017

Wir kennen das ja alle: Hocken am Samstagnachmittag mit den Eltern im Honold, mampfen Butterbretzeli, Lachscanapés, Mohrenköpfe (ist es nicht seltsam, dass man diverse Kinderbuch-Klassiker wegen Rassismus umgeschrieben hat, diesen Patisserie-Klassiker-Rassismus aber locker ignoriert, so à la «Isch doch wurscht, Hauptsach, d Vanillefüllig isch fein!») und anderes Köstliches, das der Hausarzt nicht eben wärmstens empfiehlt, und klagt dabei laut über Gott und die Welt, im Stile von «Ich sage euch, unsere Firma wird immer knausriger, jetzt machen die sogar auf ‹Ich bin auch ein Tram›, sprich, die haben uns die Abfallkübel weggespart – und glaubt man dem jüngsten Gericht, ääääh, Gerücht, wirds bald noch vernichtender» (Anmerkung: Das Zitat ist frei erfunden, etwaige Ähnlichkeit mit tatsächlichen Begebenheiten wären rein zufällig), und während die Eltern bedächtig nicken – sie haben solchen Quatsch schon oft genug gehört –, werden die Ohren an den Nebenplätzen im selben Verhältnis grösser, wie der Monolog an Brisanz zulegt.

Yep, wir sind beim Thema Lauschangriff – was einerseits eine üble Zürcher Saumode beschreibt und andrerseits eine faszinierende Zürcher Band war. Die vor zehn Jahren am Taktlos-Festival in der Roten Fabrik spielte. In der Vorschau war zu lesen: «Trickreiche und abgefahrene Psychedelik kann in eine Persiflage von Björk münden.» Oder: «Sie fräsen durch ungerade Metren, lassen die Musikgeschichte ungehobelt vorbeiziehen und zerdehnen die Beats wie einst Captain Beefheart und seine Magic Band.» Was zeigt, dass man a) diese Band unbedingt mal hätte live erleben müssen, und dass man b) hierzulande einst ganz ordentlichen Journalismus fabrizierte.

Damit zum Lauschangriff als Unsitte. Die nicht allein im Honold zu beobachten ist, nein: Davon betroffen sind alle In-Bars, Plaudertaschen-Cafés, Gartenbeizen, Szene-Badis, Nobelrestaurants etc. auf Stadtgebiet mit tendenziell leiser Grundgeräuschkulisse, tendenziell interessantem Publikum und tendenziell enger Tischordnung (im Kanton, dies als Randbemerkung, sind Lauschangriffe kaum bekannt; da sorgen Buschtelefone und Stammtische dafür, dass heisses Zeugs die richtigen Empfänger findet). Bene, kommen wir zu vier zentralen Aspekten im Kontext des Zürcher Lauschangriffs.

1. Je teurer und/oder trendiger das Lokal, desto besser die Infos. Konkret: In der Kronenhalle ergattern Lausch­angreifer meist qualitativ guten Gossip; lohnenswerte Lokale sind derzeit auch das Co Chin Chin im Kreis 5 und das Binz & Kunz an der Räffelstrasse.

2. Nicht mehr neu, aber noch immer in 93 von 100 Fällen erfolgreich: Wenn man beim Fremdhören so tut, als sei man grad mit einem guten Kumpel mitten in einem Handygespräch.

3. Früher fragte man enttarnte Lauscher: «Und, alles verstanden? Oder soll ich Ihnen eine Zusammenfassung schicken? Falls ja, bräuchte ich einfach die Adresse.» Heute ists leider gang und gäbe, dem in flagranti ertappten «Sünder» die halbe Zuckerdose übers Cordon bleu zu kippen (souveräner wäre es, sofort nach dem Bemerken Hugo Balls Lautgedicht «Gadji beri bimba» oder Ähnliches zu rezitieren).

4. Menschen, die sichtbar angestrengt in der Gegend rumhorchen, sind im Normalfall keine Lauschangreifer, sie haben wahrscheinlich bloss das Hörgerät zu Hause vergessen.

Kokain & die Alt-Szenis

Réda El Arbi am Sonntag den 8. Mai 2016
Selbstwert in kristalliner Form.

Selbstwert in kristalliner Form.


Zürich ist bekannt für seinen Kokainkonsum. Das hat wohl damit zu tun, dass Kokain noch immer mit Erfolg gleichgesetzt wird. Dabei ist Kokain eine Verliererdroge. Und nicht nur das. Wie wir diese Woche erfahren haben, besteht Koks inzwischen meist mehr aus Tiermedikamenten, Psychopharmaka, Mehl und dünn geriebenem, übersteigertem Geltungsdrang.

Damals, in den 80ern und 90ern, wurde Kokain von Bankern, Werbern und Künstlern als Macher-Droge, als Statussymbol für die Erfolgreichen gehyped. Natürlich war das damals schon Bullshit, da die Glitzerlinie auf dem Weg in die Nase eigentlich nur aussagte, dass man den Druck seines Yuppie- oder Szeni-Lebens ohne Substanz nicht aushielt und seine Fantasiepersönlichkeit nicht ohne aufrechterhalten konnte. So gesehen ist Koks eine Droge für Möchtegern-Narzissten, deren Ego nicht ohne pharmazeutische Flügel über die Menge abheben kann.

In meinem Alter begegnet man heute dem Koks in Zürich meist bei Alt-Szenis, die das Pulver aus Angst rupfen, von den jungen Clubhipstern vom Coolness-Thron gestossen zu werden. Koks hilft noch immer, um bei jungen Partyhühnern zu punkten, oder um sich auch mit Ü35 noch sexy zu fühlen. Koks ist kein Statusstatement mehr, es ist eher eine Art Viagra für das Ego, der pulverisierte Porsche für die Midlife Crisis von Berufsjugendlichen.

Männer, die nur noch einmal im Monat abfeiern können, weil sie an den anderen Wochenenden die in den 00ern gezeugten Kinder aus den drei an Koks gescheiterten Beziehungen bei sich haben, schalten mit neidischem Blick auf die Energie der 25-Jährigen den Pulverturbo rein. Frauen, die sich früher nur mit abweisender Arroganz vor der Aufmerksamkeit der Männer retten konnten, frieren sich heute mit Schnee die Herablassung ins Gesicht, mit der sie die 20 Jahre jüngere Konkurrenz für ihre Frische strafen. Pärchen, bereits lange in der selbst erzeugten Eigenheimhölle mit Leasingverträgen, halten auf dem Schneeberg Hof, um sich von anderen Pulvernasen huldigen zu lassen. Ex-Kreative spinnen nochmals eine Nacht lang geile Projekte, die sie aus ihren realen Buchhaltungsaufgaben der eigenen Agenturen entführen.

Mit Kokain ist der Bruch zwischen den einstigen Hollywood-Träumen und dem unspektakulären, aber eigentlich guten Mittelstandsleben der jetzigen Realität besser auszuhalten. Wenigstens für ein paar Stunden. Spass macht Kokain nicht, es beschleunigt, bläst auf, zentriert auf den eigenen Bauchnabel. So sieht die Welt im Vergleich nicht mehr ganz so gross aus. Kokain wirkt wie eine Intimrasur, lässt das eigene Ding grösser, die eigene Sexyness jünger erscheinen.

Jüngere Clubbesucher ziehen meist chemische Stimulanzien vor, um – ach, schöner alter Euphemismus – ihr Bewusstsein zu erweitern. Nicht, dass dies gesünder oder vernünftiger wär, aber Jugend entschuldigt so manches. Die Wahl der Droge sagt aber auch etwas über das Selbstbild aus. Während die jungen MDMA-Hippies und die Acid-Freaks nach einer emotionalen, mit spirituellem Brunz verbrämten Erfahrung (So tiefe Liebe! oder So tiefes Verständnis von allem!) suchen, sind Kokser eigentlich nur auf ihren Selbstwert fixiert. Sie müssen einfach geile Siechen sein, auch wenn sie dafür wegen der tiefen Halbwertszeit des Kokains alle halbe Stunde nachladen müssen. Natürlich gibts auch Jüngere, die sich mit Koks aufblasen. Sie versuchen die Persönlichkeit vorzutäuschen, die sie in zehn Jahren gerne wären.

Also, meine lieben, alten Freunde, bitte ruft mich nicht mehr montags an und jammert mir vor, dass ihr nie mehr Drogen nehmen wollt. Quält euch gefälligst gemeinsam mit den Ecstasy-Kids durch eure drogeninduzierte Wochenanfangsdepression. Lasst mich damit in Ruhe. Vielleicht habt ihr ja Glück, und euer Pulver war mit Antidepressiva für Elefanten gestreckt.

PS: Ja, die Koksnasen dürfen mir jetzt gerne Intoleranz, fehlendes Verständnis und Lustfeindlichkeit vorwerfen. Mein Ego hält das aus. Auch ohne Koks.

Hier ein Lied, in dem es um Kokain geht:

Emotions-Pornografie in Nahaufnahme

Réda El Arbi am Mittwoch den 10. Dezember 2014
Harter Kampf um die beste Beischlaftauglichkeit.

Harter Kampf um die beste Beischlaftauglichkeit.

Tränen und Leid in Grossaufnahme, unterlegt mit unerträglich schwülstiger Musik – nein, wir sind in keiner emotionalen Hintergrundreportage aus einem Krisengebiet. Wir sind mitten in  der 3+-Emotionspornografie «Der Bachelor». Ich dachte eigentlich, man müsse nichts mehr dazu schreiben, aber ich hab mich wohl getäuscht.

Am Montag lief die Staffel aus, gestern füllte sie die Boulevardblätter hoffentlich ein letztes Mal für dieses Jahr. Aber warum denke ich, dass man noch ein paar weitere Worte über diesen Brunz verlieren muss? Ganz einfach, weil ich denke, der Medienkonsum ist ein Spiegel der Gesellschaft.

Versteht mich nicht falsch, ich bin kein Feind von Boulevard oder People-Paparazzi-Unterhaltung, weiss ich doch aus Erfahrung, wie viel Arbeit hinter einer knackigen Boulevardgeschichte steht. Aber alles hat seine Grenzen. Eine Castingshow, in der junge oder nicht mehr so junge Frauen einen Wettbewerb um ihre Beischlaftauglichkeit veranstalten und so ihren Körper und ihre Seele für 15 Minuten Ruhm verkaufen, hat nichts mehr mit Boulevard zu tun. Ein Wettbewerb, um von einem dümmlichen Beau bettbereit gemacht zu werden.

Es ist eine sauber geölte Medienmaschine zur Befriedigung der niedersten Instinkte. Eine Art «Hunger Games» für emotional Darbende. Das mediale Perpetuum Mobile funktioniert so: Der Sender nimmt einige Frauen aus dem «Volk» und gibt ihnen die Chance, in einer TV-Show aufzutreten. Dafür schenken sie dem Sender ihren Ruf, ihre Tränen und ab und zu einen Busenblitzer. Die Boulevardmedien übernehmen den Content (schön vom Sender vorbearbeitet und frei Haus geliefert) und blasen so die Bedeutung der Show auf. Die Show bekommt dadurch mehr Gewicht, was wiederum die Berichterstattung scheinbar rechtfertigt. Eine handbetriebene Reihumbefriedigung.

Wenn das nicht ausreicht, nimmt man sich ein paar Opinion Leader aus der örtlichen Szene und organisiert ein Public Viewing im Club Bellevue. Die paar Narzissten verkaufen dann ihren Ruf und ihr Netzwerk, um mit einigen Hundert anderen gemeinsam die Grossaufnahmen von Tränen und Küssen anzusehen, gekrönt von einem Besuch der Protagonisten. Dieses Jahr war es sogar noch aufregender als sonst. Ich könnte schwören, die Verantwortlichen beim Sender 3+ haben eine Flasche Champagner geöffnet, als das eine Castingopfer dem anderen Castingopfer nach einem dieser Public Viewings in der Öffentlichkeit die Nase brach.

Aber zurück zur eigentlichen Kritik. Es ist nicht so schlimm, dass ein Sender eine solche Show produziert. Es ist schlimmer, dass eine solche Show Teilnehmer und Publikum findet. Wie emotional verarmt müssen wir sein, dass wir uns von gestellten Tränen und verkauften Emotionen nähren? Wie leer müssen unsere Beziehungen sein, wenn wir uns anschauen, wie sich junge Frauen und ein Mann wie auf dem Viehmarkt zur Begattung führen lassen? Und wie dumm müssen wir sein, um uns ein Produkt andrehen zu lassen, dessen einzig ehrliche Absicht der Impact auf dem Werbemarkt ist? Ich kann mir vorstellen, dass viele Zuschauer nach der Sendung das Bedürfnis haben, sich lange zu duschen.

Der «gute» Gast

Alex Flach am Montag den 24. November 2014
Der beste Gast ist einer, der konsumiert.

Der beste Gast ist einer, der konsumiert.

Clubs werden nach ihrem Publikum bewertet. Steht ein Lokal im Ruf, gute Gäste zu haben, stimmt auch die Kasse. Wird ihm jedoch nachgesagt, ein Idiotenmagnet zu sein, grämt sich der Clubchef, weil er sich sicher sein darf, dieses negative Bild seines Betriebs kaum mehr übertünchen zu können; ist der Ruf erst ruiniert, sich der Gast von nun an ziert. Wer aber ist ein guter Gast? Was unterscheidet ihn von den Geächteten?

Jeder hält sich selbst für den optimalen Gast, ganz besonders die Szene-Ultras, die überall gratis reinkommen und sich dann vom Nachtchef Drinks spendieren lassen. Das ist natürlich Blödsinn: Clubbesitzer müssen Löhne, Mieten und Wartungskosten bezahlen, also ist der, der nichts bezahlt, der schlechteste Gast. Das Argument, dass Szenis weitere lässige Rädelsführer anziehen, ist ein dummes, weil auch diese mit Memberkarten und Gratisdrinks gefüttert werden müssen, will man sich ihre Loyalität sichern. In letzter Konsequenz hat man die Tanzfläche voller tätowierter Hipster und den Schreibtisch voller offener Rechnungen.

Sind also Investmentbanker und Rich Kids die idealen Gäste, die zwar die Wände mit traubenbasiertem Sprudel vollspritzen, die aber mit Hunderternoten um sich schmeissen, als wäre es Konfetti? Die Opinion Leaders dieser Zielgruppen protzen nicht nur damit, dass sie lieber in London oder New York clubben, sie tun es offenbar auch. Ihre Loyalität zu den lokalen Clubs hält sich also in Grenzen. Aufgrund dieser Absenz von den Luxus liebenden Meinungsführern fällt es den Clubmachern schwer, die Gruppe der monetären Füllhörner an sich zu binden. Der letzte Club dem dies, zumindest für eine gewisse Zeit, gelungen ist, war das St. Germain.

Vielleicht ist der Musiknerd der ideale Gast, der Auskenner, der sich seine Clubs nach deren Line-ups erwählt. Wir leben jedoch in einer Zeit, in der oftmals nicht einmal DJs Genregrenzen ziehen können, geschweige denn das Publikum – die Welt der elektronischen Musik ist eine diffuse, in der nur noch einige wenige Eingeweihte durchblicken. Aus diesem Nebel ragende DJs, die genügend Interessierte anziehen, verlangen mittlerweile astronomisch hohe Gagen, sodass es sich für die Clubs kaum noch lohnt, sie zu buchen. Für 4000 Franken bekommt man keine Plattenprofis mehr, die eine Tanzfläche zu füllen vermögen. Schweizer Clubs mit internationalem Renommee, die deshalb eigentlich teurere DJs zu Vorzugsgagen kriegen, lassen sich an einer Hand abzählen. Das üppige Club-Angebot in Zürich sorgt zudem dafür, dass es beinahe unmöglich geworden ist, sich eine eigene musikalische Nische zu schaffen, da sich in jeder Ecke bereits die Mitstreiter rangeln.

Clubchefs kommen nicht mehr umhin, Kompromisse einzugehen und ihren Türstehern eine grosszügige Einlasspolitik einzubläuen, ausser natürlich, in ihren Club passen nicht mehr als 200 Menschen und sie könnten es sich leisten, auf dem persönlichen Traumgast zu bestehen. Eigentlich eine gute Zeit, ein Idealbild aus den 90ern auferstehen zu lassen: Damals galt ein Club als gut, wenn sich an dessen Bar der Punk und der Banker angeregt über Gott und die Welt unterhalten haben.

Alex-Flach1Alex Flach ist Kolumnist beim Tages Anzeiger und Club-Promoter. Er arbeitet unter anderem für die Clubs Supermarket, Hive, Nordstern Basel, Rondel Bern, Blok und Zukunft.

Fasnacht für die Männlichkeit

Réda El Arbi am Samstag den 22. November 2014
Jeder darf sich verkleiden, wie er will. Aber bei der Axt endet der Spass.

Jeder darf sich verkleiden, wie er will. Aber bei der Axt endet der Spass.

Inzwischen sieht man sie auch in Zürich öfters: Lumbersexuelle. Nein, das ist kein neuer Zugang zur LGTB-Regenbogengemeinde, keine Typen die Bäume lieben,  sondern junge Männer, die sich mit wildfusselndem Bart und ungebügelten Karohemden einen Holzfällerlook geben.

Es ist ein Zeugnis dafür, wie stark die wegfallenden Geschlechterrollen die Männer unserer Zeit verunsichern. Wieso sonst müsste man seine Männlichkeit wie eine Halloweenmaske tragen, sorgfältig inszeniert, als ob Mann eine Mittelklasse-Limousine mit einem mächtigen Frontschutzbügel und einem Camouflage-Anstrich zu einem Offroader aufmotzen möchte?

Da sitzen sie dann in den Cafés und Bars îm Kreis 4 und lassen nach einem harten, schweisstreibenden Tag als Grafikdesigner oder Medienfuzzi hinter einem Airbook ihre urchige Wildheit auf die Umgebung wirken. Sie setzen den Hugh-Jackman-Blick auf und versuchen, ihre Naturburschenschaft mit stoischer Attitüde zu unterstreichen.

Man(n) könnte das als weiteren debilen Modetrend abtun, der sich mit der nächsten Brise aus London oder Berlin wieder verzieht. Aber wenn man genauer hinschaut, kann man darin jedoch die Befindlichkeit der heutigen Männer ablesen. Als Metrosexuelle versuchten sie um die Jahrtausendwende ihre weibliche Seite auszuleben. Offenbar kam das aber bei den Frauen nur begrenzt gut an. Dann versuchten sie als Hipster ihre kreative, avantgardistische Ader herauszukehren. Aber nachdem jeder 16-Jährige inzwischen ein Hipsteroutfit aus dem H&M im Kleiderschrank hat, ist auch das nicht mehr sexy genug.

Den vor drei Wochen gehypten «Normcore»-Trend haben die meisten wegen fehlender Selbstironie ausgelassen. Was bleibt, ist, sich an einem romantischen, alten Rollenvorbild zu orientieren, einem reaktionären, echten Mannsbild. Man will wieder  urchig sein, ein Fels, an dem sich das schwache Geschlecht anlehnen kann. Natürlich will man nicht wirklich etwas mit dem Leben als Naturbursche zu tun haben, höchstens mal eine Wanderung auf die Rigi, damit man umgeben von Bäumen ein Lumberjack-Seflie schiessen kann. Man will nicht wirklich mit den Händen schweisstreibende Arbeiten machen und Werkzeug kennt man nur vom Zusammenbauen der Ikea-Möbel.

Viele Frauen finden nach ihrer Emanzipation heraus, dass sie nach wie vor auf das Animalische im Mann stehen, auf das Biest. Natürlich nicht auf echte, unzivilisierte Hinterwäldler, aber auf Männer, die sich den Anschein geben, sie hätten ihren Tag im Büro mit dem Erwürgen von Bären verbracht und müssten sich jetzt den salzigen Schweiss mit Bier von den Lippen spülen.

Es ist irgendwie ein Rollenspiel. Genau wie wenn Frauen versuchen ihren Partner in Dienstmädchen- oder Krankenschwesternkostümen – kurz: in billiger Reizwäsche – scharf zu machen. Das Hemd ist sozusagen der Netzstrumpf des Mannes, der Bart das Silikon, mit dem er den eigenen sexuellen Wert aufpimpt. Ein Aphrodisiaka fürs Selbstbild, das dann auch aufs weibliche Gegenüber wirken soll.

Naja, solange es funktioniert, sollen die Kinder sich doch verkleiden. Aber wenn einer dieser urchigen Mittelland-Ex-Hipster sein Samsung-Smartphone gegen eine Axt eintauscht, ist eine Grenze erreicht. Dann wirds gefährlich.

Inzwischen sind wir normalen Männer mit den Partnerinnen zufrieden, die weder an einem Vaterkomplex noch an einem Naturburschen-Fetisch leiden. Wir sind gespannt auf den nächsten Trend, der Männer, die keine eigene Identität haben, mit einem Image versieht.

 

Belangloses Eierschaukeln

Alex Flach am Montag den 17. November 2014
Alle Jahre wieder dasselbe: Swiss Nightlife Awards. (Bild: usgang.ch)

Alle Jahre wieder dasselbe: Swiss Nightlife Awards. (Bild: usgang.ch)

Der nächste Swiss Nightlife Award findet am 7. Februar 2015 im Komplex 457 statt. Die veranstaltende Amiado Group, zu der unter anderem die Ausgehplattformen usgang.ch und partyguide.ch gehören, geht auf Nummer sicher und hat gegenüber der letztjährigen Ausgabe nur wenig geändert.

Die Moderation übernehmen abermals Max Loong und Zoë Torinesi, auch die fünfte Verleihung findet in Zürich statt, der «presenting partner» Carlsberg sorgt wie stets dafür, dass die Page im Konzern-gerechten Grün erstrahlt und auch an den Kategorien wurde nicht gross herumgeschraubt. Natürlich: Kontinuität ist ein Merkmal der meisten Award-Verleihungen, auch die Konzepte der Oscarverleihung und der Grammy Awards werden nicht jährlich neu erfunden.

Jedoch ist bei diesen Veranstaltungen zumeist klar, wofür die Film- und Musikschaffenden nominiert werden, denn man hat ihre Filme gesehen oder ihre Songs gehört. Die Kategorien des Swiss Nighlife Awards und auch die Listen der nominierten Partylabels, Clubs, Bars und DJs wirken hingegen beliebig: Warum soll ich beispielsweise in der Sparte «Best House DJ» für Sir Colin oder Mr. Mike stimmen? Haben die beiden im vergangenen Jahr irgendwelche überragenden Hits abgeliefert? Haben sie ein extraordinäres Set gespielt? Falls nein: Warum wurden sie nominiert?

Es müsste entweder erklärt werden, für welche Jahresverdienste sie aufgestellt wurden oder die Macher des Swiss Nightlife Awards sollten die Auswahl an Nominierten eingrenzen und nur Leute aufstellen, denen man tatsächlich ausserordentliche Leistungen im abgelaufenen Jahr zuordnen kann. Wozu zwanzig DJs in einer Kategorie nominieren, wenn man die Auswahl auf fünf Plattenleger beschränken kann, die im vergangenen Jahr tatsächlich etwas Bemerkenswertes abgeliefert haben?

Was von den Verantwortlichen des Swiss Nightlife Award hingegen sträflich vernachlässigt wird, ist das Umfeld, das eine blühende Clublandschaft erst möglich macht: Weder dem Verein Pro-Nachtleben Bern, noch der Zürcher Bar und Clubkommission (BCK) und auch nicht dem Zürcher Polizeichef Richard Wolff, der Juso Thun oder allen anderen, die in diesem Jahr Anstrengungen unternommen haben, die Rahmenbedingungen für das Nachtleben zu verbessern, werden offenbar Würdigungs-Kategorien eingeräumt. Es wäre eine schöne Geste gewesen, eine, die eventuell dafür gesorgt hätte, dass sich diese Personen und Institutionen weiterhin mit Nachdruck für die Sache einsetzen.

Dafür darf sich Sacha Winkler alias Kalabrese Hoffnungen auf den Titel als «Best Electronica DJ» machen, obschon er primär Musiker ist. Das liegt vielleicht daran, dass auch die, immer wichtiger werdende, live eingespielte Clubmusik ebenfalls nicht stattfindet. Kurzum: Die Verantwortlichen des Swiss Nightlife Awards verlegen sich auf Kategorien von der Stange, nominieren einfach nur bekannte Namen, scheuen Skandale und Provokation, verzichten auf Innovation und Kreativität und tun eigentlich alles dafür, dass der Swiss Nightlife Award nicht so recht aus der Belanglosigkeit kommt. Er ist nach wie vor nicht viel mehr als ein gefälliges Eierschaukeln für Clubschaffende, die schon immer gewusst haben, dass sie besser sind als alle anderen.

Alex-Flach1Alex Flach ist Kolumnist beim Tages Anzeiger und Club-Promoter. Er arbeitet unter Anderem für die Clubs Supermarket, Hive, Nordstern Basel, Rondel Bern, Blok und Zukunft.

Quo vadis, Nightlife?

Alex Flach am Montag den 10. November 2014
Zukünftg nur noch Nightlfe für Leute mit viel Kohle? Der neue Club Alice Choo. (Bild: tilllate.com)

Zukünftg nur noch Nightlfe für Leute mit viel Kohle? Der neue Club Alice Choo. (Bild: tilllate.com)

Zürichs neuster Nightlife-Betrieb heisst Alice Choo. Ganz neu ist das Lokal, das vergangene Woche Eröffnung feierte, jedoch nicht, denn an seiner Adresse hat sich vorher jahrelang Philippe Hausseners Indochine befunden. Auch das Team der neuen Gaststätte setzt sich aus bekannten Nachtleben-Exponenten zusammen: Für die Bookings sind aktuell die DJs Valentino (Friedas Büxe) sowie der Schweizer Turntable-Pionier Gogo zuständig und beim Aufbau der Community hilft der Edel-Gastronom Dr. Wolf Wagschal (Five AG).

Hinter dem Alice Choo stehen potente Unternehmer wie Francesco Nucera (u.a. ImmoSky), die sich ihren neuen Betriebe etwas kosten haben lassen: Viele der Einrichtungsgegenstände sind Spezialanfertigungen, alles ist nur vom Feinsten. Der Hybrid aus Club, Restaurant und Bar wendet sich denn auch an ein entsprechend exklusives Publikum: Memberkarten kosten mehrere tausend Franken jährlich, ein Limousinenservice steht im Angebot und Club-Member werden den ganzen Abend über von einem Butler umsorgt.

Mit dem Booking von Sven Väth für die Party vom 15. November stellen die Betreiber des Clubs klar, dass sie es nicht wie andere Nobelclubs beim Zusammenbuchen leidlich versierter Local-DJs belassen werden, sondern versuchen, ihrem Publikum auch musikalisch etwas zu bieten. Damit wagt das Alice Choo den Spagat, der dem Club Bellevue von Louis Bisang, Marco Ammann und Marco Giuliani bereits gelungen ist: Elektronische Musik von bekannten DJs und Produzenten, kombiniert mit einem edlen Ambiente und gedacht für Gäste, die sich in Underground-Clubs mit alt-industriellem Flair nicht wohl fühlen, die aber dennoch nicht auf Qualitäts-Electronica verzichten mögen.

Damit ist das Alice Choo ein Hinweis darauf, wohin der Weg des Zürcher Nachtlebens künftig führen könnte: Für Zürcher Clubbetreiber werden geeignete und günstig zu mietende Räumlichkeiten in alten Gewerbegebäuden immer rarer. Die Bevölkerungsdichte wächst und Immobilien ohne Anwohner in Hörweite sind selten und teuer geworden. Ein Club zu eröffnen ist mittlerweile ein Wagnis, ausser man verfügt über umfangreiche finanziellen Mittel und kann sich die hohen Miet-, Einrichtungs- und Schalldämmungskosten locker leisten, ohne von Beginn weg ums finanzielle Überleben kämpfen zu müssen – wer einen Club eröffnet braucht wegen der starken Konkurrenz einen langen Atem.

Solch gut gepolsterte Clubinhaber werden jedoch kaum Locations für Studenten mit leeren Brieftaschen lancieren, sondern solche, die ihrem eigenen Lebensstil entsprechen: Sie stehen vielleicht auf den Sound der in den elektronischen Undergroundclubs gespielt wird, umgeben sich aber auch im Ausgang gerne mit Luxus. Das Leben in Zürich ist ein teures, das gilt längst auch für das Nachtleben. Clubs für weniger Begüterte dürften in Zukunft aber noch seltener werden: Die Kombination aus luxuriösem Ambiente und dem Sound, der bis anhin Clubs vorbehalten war, in denen der Besitzer am Abend vor Eröffnung noch höchstpersönlich die letzten Glühbirnen eingeschraubt hat, dürfte  das Zürcher Nightlife immer stärker prägen.

Alex-Flach1Alex Flach ist Kolumnist beim Tages Anzeiger und Club-Promoter. Er arbeitet unter Anderem für die Clubs Supermarket, Hive, Nordstern Basel, Rondel Bern, Blok und Zukunft.

Photobastei-Closing: Koks, Kunst & Krankenschwestern

Réda El Arbi am Mittwoch den 17. September 2014
«... und überall waren Pornstars mit Drogen!»

«… und überall waren Pornstars mit Drogen!»

Um es vorwegzunehmen, wir waren nicht dabei. Das Zwischennutzungsprojekt «Photobastei» ging am letzten Wochenende zu Ende und zur Abschlussparty wurden 3500 Gäste geladen, ungefähr die Hälfte fand auch Einlass. Alle, die etwas auf sich halten, alte Szenis und junge Hipster, wollten rein. Einige durften, andere nicht. Und genau hier werden wir Zeugen, wie eine urbane Legende entsteht. Wie damals bei Woodstock, bei der Dachkantine, Berghain Berlin 2002 etc.

Anhand einer Chronik der nachträglichen Aussagen über die Party zeigen wir auf, wie aus einer überfüllten Party ein legendärer Anlass wird.

Sonntagmorgen, unmittelbar nach der der Party, ein verlässlicher Zeuge:
«Es war ganz ok, zu viele Leute und zu heiss.»

Sonntagnachmittag, verlässliche Zeugin:
«Man konnte sich kaum bewegen. Sieben Dancefloors und noch mehr DJs. Es gab irgendwo eine MDMA-Bowle, verkleidete Krankenschwestern tröpfelten die Drogenbowle denen in den Mund, die das Bedürfnis hatten.»

Montagmittag, einigermassen verlässlicher Zeuge:
«Die Leute legten sich Linien Koks direkt an der Bar, eine Frau tanzte oben ohne. Es gab gratis MDMA für alle. Viel zu heiss und zu viele Leute.»

Montagabend, vermeintlicher Zeuge:
«Es lag Koks auf der Bar bereit, einige tanzten nackt und alle waren auf MDMA. Ganz geil. Sowas hab ich in der Schweiz noch nie erlebt.»

Dienstagmittag, vermeintlicher Zeuge:
«Auf der Treppe lagen Kokshaufen wie in «Scarface», auf den Toiletten wurde gevögelt. Man musste MDMA nehmen, sonst kam man in bestimmten Dancefloors gar nicht rein. Es war wie früher im Spider, nur mit all den Promis.»

Mittwochmorgen, vermeintlicher Zeuge:
«Es gab einen gesperrten Dancefloor mit Gratis-Koks und MDMA, viele tanzten da halb nackt oder nackt, in den Ecken wurde gevögelt. Nur bestimmte Leute wurden eingelassen.»

Irgendwann nächste Woche, vermeintlicher Zeuge:
«Es war unglaublich! Sex auf der Treppe inmitten von Bergen von Koks, Badewannen voller MDMA, Porno-Krankeschwestern kümmerten sich um die Abgespaceten und alle waren da!»

Von einem der vermeintlichen Zeugen wissen wir, dass er gar nicht an der Party war. Die anderen werden das Erlebnis mit jedem Mal erzählen um einen Level aufwerten. Irgendwann wird das Closing der Photobastei ein Anlass sein, der Nightlife-Geschichte schrieb, ein Meilenstein dieses Jahrzehnts.

In zehn Jahren ist es wie mit vielen der legendären Anlässe: Alle waren dabei (in diesem Fall sicher 10 000 Personen) und die Geschichten, die darüber kursieren, werden so gewaltig sein, dass man sich wundert, wie Zürich diesen Abend überlebt hat.

So entstehen Legenden.

Und wir werden unter den Wenigen sein, die sagen können: Wir waren nicht dabei!

Zürich Openair: Das verlorene Woodstock

Réda El Arbi am Samstag den 30. August 2014
«Meh Dräck» forderte Chris von Rohr mal. Unser Autor kann ihn verstehen.

«Meh Dräck» forderte Chris von Rohr mal. Unser Autor kann ihn jetzt verstehen.

Ich will ja nicht wie einer dieser Typen erscheinen, die immer behaupten, früher sei alles besser gewesen. Aber seien wir ehrlich: Früher war alles besser.

Als Beispiel bieten sich grosse Rockkonzerte an, wie das Zürich Openair dieses Wochenende. Könnt ihr euch noch an die ultimative Parole des Wilden Lebens erinnern? Sex, Drugs & Rock’n’Roll? Dieses unbeschreibliche Lebensgefühl, das unsereins beschlich, wenn wir von Roadies von der Bühne wieder ins Publikum geworfen wurden? Bassisten, die für einen Stagedive den Bass auf die Bühne warfen? Schlägereien wegen unterschiedlichen Musik- oder Kleidergeschmacks? Zugehörigkeit?  Solches Zeugs eben.

Das Areal ist zweigeteilt: In den Campingbereich, wo die Besucher eigenes Bier und Essen konsumieren dürfen, und den Bühnenbereich, wo man kaufen muss. An der Eingangsschranke in den ganzen Bereich wird man nach Glasflaschen und Deos gefragt. Nein, sie haben keine Angst, dass man etwas gegen den authentischen Festivalgestank unternehmen will. Sie befürchten, dass die Besucher sich mit Deosprays selbst verletzen könnten. Die Fürsorge ist herzerwärmend. Ich bewahre meine Deos zuhause auch im Gefahrengut-Schrank auf.

Natürlich war früher nicht alles besser. Es gibt heute weniger Verletzte an Grossanlässen. Weniger Überdosen irgendwelcher Drogen, gute medizinische Versorgung. Manchmal ist heutzutage sogar das Toilettenproblem gelöst (meist sind  genügend Toiletten aber eher ein Anzeichen dafür, dass der Event floppt). Nur, welchen Preis fordert die bessere Organisation?

Das Festival wird von Getränkesponsoren gründlich von der Konkurrenz abgeschottet.

Das Festival wird von Getränkesponsoren gründlich von der Konkurrenz abgeschottet.

Zuerst einmal die Besucher: Besucher, die sich darüber aufregen, wenn eben nicht alles perfekt organisiert ist. Besucher, die sich über Wartezeiten nerven. Besucher, die nach der Security schreien, wenn ihnen ein Besoffener auf die Schuhe kotzt. Dabei weiss doch jeder, dass die Security dazu da ist, das Bier des Sponsoren vor Konkurrenz zu schützen. (Ein Wunder, dass Leuten, die versuchen lokales Zürcher Bier reinzuschmuggeln, nicht die Hand abgehackt wird.) Inzwischen sind Festivals ein Anlass für Leute, die Rock’n’Roll leben, indem sie ihre Handys vor der Bühne in die Luft halten. Zugegeben, viel mehr können sie nicht machen, da der Bereich um die Bühne heutzutage stärker gesichert ist, als das Podium des US-Präsidenten bei einer Rede in Afghanistan.

Die Hälfte der Zelte, die auf dem Areal stehen, sind von Sponsoren oder von Medienpartnern. Ganz wichtig sind die Bankomat-Buden und die Merchandising-Stände. Wenns regnet, schweben helfenden Engel der Gratiszeitungen herbei und offerieren gratis Regencapes, natürlich mit Werbelogo quer über dem Rücken. Hier kann kein Rock’n’Roll-Feeling aufkommen, wenn man das Gefühl vermittelt bekommt, man sei einfach nur Marketing-Zielgruppe in einem Openair-Einkaufszentrum. Selbst ein gutes Line-Up reisst da den Karren nicht mehr aus dem sauber abgedeckten Dreck.

Natürlich gibts am Festival auch eine Hippie/Hipster-Ecke, man will schliesslich woodstocken. Ihr wisst schon, lokale Trend & Homecraftshops mit mundgeblasenen Hipsterbrillen und fussgewirkten Batik-Pluderhosen zum Preis eines durchschnittlichen Monatslohns. «Wir waren schon cool, als «cool sein» noch lauwarm war.» Dort trifft sich auch die Szeneprominenz, wenn sie nicht gerade im abgesperrten VIP-Bereich Cüpli süffelt.

Hipster-Ausrüstung für Alle!

Hipster-Ausrüstung für Alle!

Dann die Acts. Ja, es gab echte Musiker, aber gefühlte 90 Prozent des Line-Ups bestand aus DJs. Man kann sich grundsätzlich fragen, was DJs an einem Openair verloren haben. Das Hauptproblem bei elektronischer Musik von DJs ab Konserve auf Live-Bühnen ist, dass sie einfach nicht abgehen. Kein Gitarrenzertrümmern, kein Zusammenbrechen vor Erschöpfung, nur lahmes «Händs up in die Är» und «I wanna sii iur Händs». Ehrlich, Rock’n’Roll ist das nicht. Es stört vielleicht nicht, wenn man sich in Clubs auf Ecstasy einen Wolf tanzt, aber Festivalstimmung kommt da keine auf. Rock’n’Roll ist hier so subversiv wie ein Che-Guevara-T-Shirt aus dem H&M.

Ok. Das hört sich jetzt sogar für mich sehr miesepetrig an. Und es ist wirklich nicht alles nur schlecht. Wenn man sich ganz nach vorne an die Bühne bemüht, von Bass und Band angeblasen wird und los tanzt, ist es, als ob man in einem eigenen Universum schwebt. Und wenn man sich danach wieder aus der Crowd löst, kann man den Blick zu Boden richten, wenn man nicht wie eine Gans  mit Werbebotschaften gestopft werden will.

Und der Blick zu Boden zeigt auch, was unserer Festival-Kultur fehlt: Meh Dräck. Zum Glück hilft da bei allen Schweizer Festivals das Wetter immer nach: Ohne den Schlamm wärs nicht mehr als ein netter Abend in einem Openair-Einkaufszentrum mit Hintergrundberieselung.  Ein wenig wie Dreirad-Fahren mit Helm in Rock’n’Roll-Disneyland.

PS: Wieso kämpfen diese Grossanlässe eigentlich immer mit roten Zahlen? Hier geben die Leute Non-Stopp Geld aus und trotzdem schaffen es die Organisatoren nicht, einen Teil davon in die Festival-Kasse umzuleiten. Da müsste mal einer die Sponsorendeals unter die Lupe nehmen. Und vielleicht die Journalisten, die sich vor lauter Freude über einen Gratis-Eintritt nicht mehr getrauen, kritisch über den Anlass zu schreiben.

Ein Requiem für die Street Parade

Alex Flach am Montag den 4. August 2014
Die ursprüngliche GEist der Street Parade ist tot. Das Zürcher Nachtleben braucht eine neue Ausdrucksform im Sommer. Bild: motleyphotos.net

Die ursprüngliche Geist der Street Parade ist tot. Das Zürcher Nachtleben braucht eine neue Ausdrucksform im Sommer. Bild: motleyphotos.net

Die Musik war kommerzieller Mist. All die Karnevalsjecken, die denken, uniforme Gruppenverkleidungen seien lustig, hätten in den See geschubst gehört. Ebenso diese unsägliche Marketingbühne von Opel, mitsamt den arschwackelnden und mit Schmetterlingsflügeln bewehrten Hupfdohlen. Und hätte sich einer der besoffenen Idioten, die in der Menge Restposten ihres 1. August-Feuerwerksarsenals gezündet haben, nicht noch einen Chinaböller für den vorbeituckernden Ballermannjockey Oliver Pocher aufsparen können? Es war ein farbenfrohes Trauerspiel mit 950‘000 Stillosen.

Falls Sie nun der Ansicht sind, dass sei nur miesepetriges Gewäsch von einem Altszeni, der nicht damit fertig wird, dass man ihm irgendwann zwischen 1995 und 2002 ‚seine‘ Parade gestohlen hat… dann haben Sie recht. Irgendwann in dieser Zeit hat sich der letzte angesagte Undergroundclub vom Umzug verabschiedet, die Street Parade ist vom Spiegel der Zürcher Clubkultur zur Massenfasnacht mit Beschallung mutiert. Unsere Party ist nun ein Fest der anderen und die Angehörigen des Organisationskomitees fortan nicht mehr  aus den Reihen der Zürcher Clubszene, sondern egoistische Eigenbrötler ohne Bezug zu jenen, denen sie alles zu verdanken haben. Zieht man aber die Kränkung des vermeintlichen Verrats ab, bleibt die Street Parade einfach ein kommerzielles Erfolgsprodukts, das nicht mehr vom Hype des Neuen umweht wird.

Die Schuld dafür kann niemandem in die Schuhe geschoben werden, es ist bloss der Lauf der Dinge. Und es gibt keinen Weg zurück: Alle Versuche des Zürcher Nachtlebens und der Street Parade sich wieder anzunähern sind gescheitert, weil der Umzug längst nicht mehr zu den Clubs gehört, sondern einen Teil der städtischen Imageförderung darstellt. Deshalb sollte diese auch ihre Pflicht endlich wahrnehmen und die Street Parade in gebührendem Masse fördern und das Organisationskomitee nicht alljährlich unter grösstem finanziellem und organisatorischem Druck arbeiten lassen. Wann finden sich denn mehr gutgelaunte Menschen in Zürich ein als an diesem Tag im August? Wann bestaunen denn mehr Leute auf einmal die Schönheit der Stadt und fahren mit einem Lächeln wieder nach Hause? Kann es eine bessere Werbung für Zürich geben, als dieses Fest?

Die Stadtverwaltung scheint die Street Parade jedoch mit demselben abschätzigen Blick zu taxieren, wie die Anführer des Nachtlebens und tut sehr viel, um sie zu regulieren und viel zu wenig, um sie zu erhalten. Die Nightlifemacher hingegen sollten so langsam ihren Liebeskummer überwinden, sich mit dem Gedanken abfinden, dass die Street Parade längst nicht ihnen gehört und sich auf die Suche nach einer neuen Ausdrucksform machen. Das muss ja nicht gleich wieder zu einem Monstrum in den Dimensionen einer Street Parade avancieren, es darf ruhig auch ein paar Nummern kleiner sein. Hauptsache die Zürcher Clubs finden wieder eine Möglichkeit, um ihr Schaffen auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen, um gemeinsam und mit Freunden und Interessierten zu feiern, ganz so wie es an den Street Parades bis Mitte der 90er der Fall war. Es ist an der Zeit loszulassen, den einsamen Schmollwinkel zu verlassen und um sich eine neue, kollektive Liebe anzulachen.

Alex-Flach1Alex Flach ist Kolumnist beim Tages Anzeiger und Club-Promoter. Er arbeitet unter Anderem für die Clubs Supermarket, Hive und Zukunft.