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Kokain & die Alt-Szenis

Réda El Arbi am Sonntag den 8. Mai 2016
Selbstwert in kristalliner Form.

Selbstwert in kristalliner Form.


Zürich ist bekannt für seinen Kokainkonsum. Das hat wohl damit zu tun, dass Kokain noch immer mit Erfolg gleichgesetzt wird. Dabei ist Kokain eine Verliererdroge. Und nicht nur das. Wie wir diese Woche erfahren haben, besteht Koks inzwischen meist mehr aus Tiermedikamenten, Psychopharmaka, Mehl und dünn geriebenem, übersteigertem Geltungsdrang.

Damals, in den 80ern und 90ern, wurde Kokain von Bankern, Werbern und Künstlern als Macher-Droge, als Statussymbol für die Erfolgreichen gehyped. Natürlich war das damals schon Bullshit, da die Glitzerlinie auf dem Weg in die Nase eigentlich nur aussagte, dass man den Druck seines Yuppie- oder Szeni-Lebens ohne Substanz nicht aushielt und seine Fantasiepersönlichkeit nicht ohne aufrechterhalten konnte. So gesehen ist Koks eine Droge für Möchtegern-Narzissten, deren Ego nicht ohne pharmazeutische Flügel über die Menge abheben kann.

In meinem Alter begegnet man heute dem Koks in Zürich meist bei Alt-Szenis, die das Pulver aus Angst rupfen, von den jungen Clubhipstern vom Coolness-Thron gestossen zu werden. Koks hilft noch immer, um bei jungen Partyhühnern zu punkten, oder um sich auch mit Ü35 noch sexy zu fühlen. Koks ist kein Statusstatement mehr, es ist eher eine Art Viagra für das Ego, der pulverisierte Porsche für die Midlife Crisis von Berufsjugendlichen.

Männer, die nur noch einmal im Monat abfeiern können, weil sie an den anderen Wochenenden die in den 00ern gezeugten Kinder aus den drei an Koks gescheiterten Beziehungen bei sich haben, schalten mit neidischem Blick auf die Energie der 25-Jährigen den Pulverturbo rein. Frauen, die sich früher nur mit abweisender Arroganz vor der Aufmerksamkeit der Männer retten konnten, frieren sich heute mit Schnee die Herablassung ins Gesicht, mit der sie die 20 Jahre jüngere Konkurrenz für ihre Frische strafen. Pärchen, bereits lange in der selbst erzeugten Eigenheimhölle mit Leasingverträgen, halten auf dem Schneeberg Hof, um sich von anderen Pulvernasen huldigen zu lassen. Ex-Kreative spinnen nochmals eine Nacht lang geile Projekte, die sie aus ihren realen Buchhaltungsaufgaben der eigenen Agenturen entführen.

Mit Kokain ist der Bruch zwischen den einstigen Hollywood-Träumen und dem unspektakulären, aber eigentlich guten Mittelstandsleben der jetzigen Realität besser auszuhalten. Wenigstens für ein paar Stunden. Spass macht Kokain nicht, es beschleunigt, bläst auf, zentriert auf den eigenen Bauchnabel. So sieht die Welt im Vergleich nicht mehr ganz so gross aus. Kokain wirkt wie eine Intimrasur, lässt das eigene Ding grösser, die eigene Sexyness jünger erscheinen.

Jüngere Clubbesucher ziehen meist chemische Stimulanzien vor, um – ach, schöner alter Euphemismus – ihr Bewusstsein zu erweitern. Nicht, dass dies gesünder oder vernünftiger wär, aber Jugend entschuldigt so manches. Die Wahl der Droge sagt aber auch etwas über das Selbstbild aus. Während die jungen MDMA-Hippies und die Acid-Freaks nach einer emotionalen, mit spirituellem Brunz verbrämten Erfahrung (So tiefe Liebe! oder So tiefes Verständnis von allem!) suchen, sind Kokser eigentlich nur auf ihren Selbstwert fixiert. Sie müssen einfach geile Siechen sein, auch wenn sie dafür wegen der tiefen Halbwertszeit des Kokains alle halbe Stunde nachladen müssen. Natürlich gibts auch Jüngere, die sich mit Koks aufblasen. Sie versuchen die Persönlichkeit vorzutäuschen, die sie in zehn Jahren gerne wären.

Also, meine lieben, alten Freunde, bitte ruft mich nicht mehr montags an und jammert mir vor, dass ihr nie mehr Drogen nehmen wollt. Quält euch gefälligst gemeinsam mit den Ecstasy-Kids durch eure drogeninduzierte Wochenanfangsdepression. Lasst mich damit in Ruhe. Vielleicht habt ihr ja Glück, und euer Pulver war mit Antidepressiva für Elefanten gestreckt.

PS: Ja, die Koksnasen dürfen mir jetzt gerne Intoleranz, fehlendes Verständnis und Lustfeindlichkeit vorwerfen. Mein Ego hält das aus. Auch ohne Koks.

Hier ein Lied, in dem es um Kokain geht:

Zürcher Nachtlebenpreis

Alex Flach am Montag den 26. Januar 2015
Bester Club 2015 in unserer eigenen Jury: Kauz

Bester Club 2015 in unserer eigenen Jury: Kauz

In 2 Wochen werden im Komplex 457 die Swiss Nightlife Awards 2014 vergeben. Nun wurde eigens für diese Kolumne eine repräsentative Jury zusammengestellt, um ein Zürcher Pendant zu verleihen. Die Nominationen mussten begründet und es durften nur Leistungen gewürdigt werden, die klar dem vergangenen Jahr zuordbar sind. Auf ein verwässerndes Publikumsvoting wurde gänzlich verzichtet.

Das sind die Besten der Besten 2014:

Bester Zürcher Club 2014: Kauz

Gleich diverse Jurymitglieder haben das Kauz zur besten Partylocation erkoren. Rolf Saxer alias Flexmaster Dancefloor, die eine Hälfte der Rave Punk-Band Saalschutz: „Hier passt einfach alles, es ist einfach schön dort“. Etwas detaillierter wird Lukas Hess alias Luke Redford, der mit Miteinander Musik eines der erfolgreichsten Zürcher Partylabels mitgegründet hat: «Habe erst zweimal im Kauz gespielt, aber es war jedes Mal pure Magie. Das Kauz ist der Club, der Zürich bis zu seiner Eröffnung gefehlt hat». Auch Yann Cherix, Teamleiter Züritipp, hält das Kauz für den besten Zürcher Club 2014: «Endlich eine Club-Betreiberschaft die begriffen hat, dass die Peaktime vor Mitternacht liegen darf». Auch das Gonzo wurde öfter genannt, so zum Beispiel von Adrian Hofer, Redaktor bei der Zürich-Ausgabe von RonOrp: «Das Gonzo ist wohltuend unprätentiös und der Sound bietet für alle etwas».

Beste Zürcher Clubmusiker 2014: Adriatique

Auch hier herrscht grosse Einigkeit. Technopapst Arnold Meyer: «Für Adriatique scheint trotz ihres enormen Erfolges das Ende der Fahnenstange noch lange nicht erreicht zu sein. Mir fällt mit Andrea Oliva nur noch ein weiterer Schweizer Act mit ähnlich viel internationalem Potential ein». Tilllate.com-Redaktor Julian Riegel ist derselben Meinung: «2014 hat gezeigt, dass für Adriatique der Gipfel noch lange nicht erreicht ist». Zweifellos ist das Duo der aktuell wichtigste Clubmusik-Botschafter Zürichs, wenn nicht gar der ganzen Schweiz. Verdient!

Bester Zürcher Clubtrack 2014: «Pushing On», Jimi Jules (mit Oliver Dollar)

In dieser Kategorie gingen die Meinungen etwas auseinander. Rosanna Grüter, Moderatorin bei SRF Virus, hätte hier am liebsten «Sruta» von Manuelle Musik stehen sehen, Rolf Saxer «Friede Freude» von Melodiesinfonie. Schlussendlich hat sich jedoch Pushing On durchgesetzt, nicht zuletzt weil der Song der meistverkaufte Track 2014 auf der global erfolgreichen Musikplattform Beatport war – da darf man als Zürcher ruhig ein bisschen stolz sein.

Beste Zürcher Party 2014: Diverse

In dieser Kategorie konnte kein gemeinsamer Nenner gefunden werden. Für Lukas Hess war es die Street Parade-Party in der Photobastei («die Party war mitten im Pulk und doch völlig anders. Riesige Dachterrasse, auf der man ganz Zürich überblicken konnte»), für Yann Cherix die TonhalleLATE-Partys («diese Partyreihe bringt junge Leute zur klassischen Musik») und Rosanna Grüter befand kleine Events wie die Babyshake in der Nordbrücke oder die Arche im Depot für überragend.

Aufgrund der hier vorherrschenden Uneinigkeit wird das Komitee für den Zürcher Nachtlebenpreis 2015 auf diese Sparte verzichten: Es will, im Gegensatz zu anderen Verleihungen, keine Awards vergeben, die keinen Sinn ergeben.

Alex-Flach2Alex Flach ist Kolumnist beim Tages Anzeiger und Club-Promoter. Er arbeitet unter anderem für die Clubs Supermarket, Hive, Nordstern Basel, Rondel Bern, Blok und Zukunft.

«Who is Who?»

Stadtblog-Redaktion am Freitag den 14. November 2014
Wir schafften es, im Gedränge die Decke zu fotografieren.

Wir schafften es, im Gedränge die Decke zu fotografieren.

Von Reda El Arbi und David Sarasin.

Wer ist wer? Man weiss es nicht, weil so verdammt viele Leute an die «Who is Who»-Party im Taos in der Altstadt eingeladen wurden. Dichtestress also auch unter den angeblich wichtigsten 200 Zürchern. Und weil wir hier noch nicht einmal Handyempfang haben, können wir das am Nachmittag per Mail erhaltene Papier mit allen Gesalbten drauf auch nicht herunterladen um nachzusehen.

Blofeld-Chef Michel Pernet, Chefredaktor des «Who is Who», nimmt uns in Empfang und – ganz Netzwerker – stellt uns gleich zehn Personen vor, die uns eigentlich gar nicht kennenlernen wollen. Peinlich berührt schütteln wir Hände und vergessen gegenseitig gleich wieder die Namen. In der Menge kann man sowieso kaum ein Gespräch führen.

Was also tun? Erstmal in die Raucher-Lounge, wo sich El Arbi sowieso am wohlsten fühlt. Seine Begleitung an diesem Abend, Ingrid Villafane, soll diesen Anlass quasi nach wissenschaftlichen Massstäben untersuchen. Denn sie kennt sich aus, wenn es um Promis geht. Sie hat bereits in LA solche Events mitorganisiert und ist da zuhause, wo der Glamour lebt.

An einem Tisch treffen wir die Bloggerin Yonni Meyer (Pony M.) und den Zukkihund. Die beschweren sich gerade darüber, dass man im Veranstaltungsraum keinen einzigen Schritt vorwärts machen kann. Die TA-Kolumnistin und Filmemacherin Güzin Kar – auf Seite 70 im Who is Who – erklärt  später, dass Leute mit Fluchtgedanken generell hässlicher aussehen. Das leuchtet ein.

Wir wollen das nicht. Deshalb atmen wir in der Raucherlounge auf, wo die Musik so laut ist, dass man kein einziges Wiehern und kein Bellen mehr versteht. Auch unser Blogger-Kollege Alex Flach hat sich schon über den Platzmangel beschwert. Vielleicht hellt ein Blick ins neue Heft, das wir soeben ausgehändigt bekommen haben, unsere Stimmung auf.

Das tut es. Da steht zum Beispiel folgender Satz zum Topmodel Anja Leuenberger:

«Sie lebt den Modeltraum.Und schlief bis vor Kurzem noch mit vier Models in einer Model-WG im 20. Stock eines Hochhauses. Doch nun ist das erfolgreichste Schweizer Model mit ihrem Modelfreund Edison Kelmendi zusammengezogen.»

Wir verneigen uns geistig ehrfürchtig vor soviel Poesie und sind uns sicher, dass dies ein Model-Hochhaus in einem Model-Viertel in einem Model-Land gewesen ist, in dem Models in Model-Eisenbahnen zu ihren Modeljobs pendeln. Dies alles auf der ersten, nota bene zufällig ausgewählten Seite dieser neuen Ausgabe der Zürcher Model-, äh, Promo-, äh, Promi-Bibel. Das ist jetzt alles noch gar nicht repräsentativ.

Pony M. und Zukkihund sind mittlerweile zu Verbündeten geworden. Man beschwert sich ganz zürcherisch gemeinsam über diesen Anlass, dabei haben wir die Promi-Event-Expertin noch gar nicht konsultiert. El Arbi begibt sich mutig wieder in die Menge, schliesslich hat er die teure Kamera mitgenommen und will Paparazzi-mässig ein paar Bilder von den wichtigen Leuten schiessen.

Aber so einfach ist das nicht. Eingekeilt in der Menschenmenge ist er versucht, laut «Presse! Platz da!» zu schreien. Nur, wenn man sich umschaut, stellt man fest, dass dies wenig Sinn hätte. Die meisten «Promis» sind nämlich selbst Presseleute, die einfach heute Abend im feinen Zwirn und Abendkleid den Status gewechselt haben.  Man hat Körperkontakt wie in einem Darkroom, nur mit dem Unterschied, dass man mit den Leuten, an deren verschwitzte Körper man gepresst wird, höflichen Smalltalk austauscht. Bilder gibts von Hinterköpfen, Grossaufnahmen von Nasenlöchern, und wenn man es schafft, den Arm mit der Kamera aus dem Gedränge zu ziehen, kann man die Decke fotografieren.

Ingrid freut sich über die betrunkenen Zürcher.

Ingrid freut sich über die betrunkenen Zürcher.

Ingrid Villafane, unsere Fachfrau für Glamour, bemerkt, dass es im Damenklo für einmal mehr Platz hat als im Club. Was dazu führe, dass die Damen da entspannt und friedlich rumhängen, wo sonst eitle Eifersucht und Zickerei herrschen.  «Die Damen sind zum Teil so unscheinbar gekleidet, dass es skandalös ist.» Auch der soziale Aspekt ist typisch zürcherisch, Ingrid wurde nur ein einziges Mal angesprochen. Von einem Berner. Sogar wenn die 200 Zürcher unter sich sind, gibts dieses Szenegetue: man spricht nur mit Leuten, die dazugehören. Nur weiss eben niemand genau, wer dazu gehört. Darum spricht man nicht mit Fremden. Die könnten ja unwichtig sein.

Zurück in der Raucherlounge sinniert Sarasin, der andächtig das letzte Molekül Geschmack aus seinem  Drink saugt (schliesslich hat er  mehr als genug dafür bezahlt), darüber nach, selbst mal in die Promibibel zu kommen. El Arbi empfiehlt ihm, sich als «Bachelor» zu bewerben, das sei der direkteste Weg ins Nirvana der Wichtigen. Schliesslich macht Blofeld gleichzeitig zum «Who is Who» auch die Promo-Arbeit für den Sender 3+. Und wie jedes Jahr erwähnt El Arbi, mit aufgesetzter Bescheidenheit, dass er auch mal drin war, in diesem Katalog der Bedeutenden, und das ihm das damals aber sowas von überhaupt nicht beeindruckt hätte.

Inzwischen hat sich die Menge etwas gelichtet, was vielleicht damit zu tun hat, dass es nur bis 20 Uhr Gratisdrinks gab. Die Leute, die noch hier sind, scheinen es offenbar geschafft zu haben, genug von diesen Drinks zu ergattern. Jetzt gefällt es unserer Glamourfachfrau Ingrid auch besser: «Man muss die Zürcher nur abfüllen, dann kommt auch Stimmung auf», freut sie sich und rauscht ab auf die Tanzfläche.

Für uns Stadtblogger geht die Party zu Ende. Wir treten in die Nacht hinaus und stellen fest, dass es 22 Uhr ist. Wir schwören uns ein weiteres Mal, niemals mehr über diesen Anlass zu schreiben. Bis zum nächsten Jahr.

Wer sich die Bilder der Kollegin von Tilllate.com ansehen will, kann das hier tun

Strunzdummes Clubvideo

Alex Flach am Montag den 3. November 2014
Jedes Vorurteil über Albaner bedient: Screenshot aus dem Promo-Clip.

Jedes Vorurteil über Leute vom Balkan bedient: Screenshot aus dem Promo-Clip.

Die Zeiten als Veranstalter und Clubmacher ganze Wälder abholzen liessen, um genügend Papier für Flyer schöpfen zu können sind vorbei. Das Internet hat dafür gesorgt, dass sich die Bäume im Sihltal nicht mehr vor Zürcher Nachtleben-Schaffenden zu fürchten brauchen: Facebook, Twitter, Google+, Instagram und seit einiger Zeit auch Youtube, heissen nun die Marketingtools der Partymacher – und viele haben es in deren Nutzung zur Meisterschaft gebracht.

Davon sind die neuen Veranstalter im Club Enge (ehemals Station) weit entfernt: Wie in dieser Kolumne vor einiger Zeit vermutet, wird sich das Lokal künftig (auch) an ein Publikum vom Balkan wenden. Nachdem aus der Location erst die Notstation und dann der Club Enge wurde, kehrt sie nun für einen Abend zu ihrem angestammten Namen Station zurück, und zwar im Rahmen einer Party am kommenden Samstag.

Aus diesem Anlass haben die besagten Veranstalter einen Youtube-Clip produziert, der ihnen und ihrem Publikum wohl einen Bärendienst erweist. Die Story: Ein durchtrainierter Beau macht sich im heimischen Bad ausgehfertig und wird dabei von drei aufgetakelten Damen unterbrochen, die bei ihm durchklingeln.

Irgendwann ist er mit seiner Abendtoilette dennoch durch, hopst in seinen neuen Bentley und rast Richtung Club Enge, nicht ohne sich unterwegs in einem Tunnel ein Rennen mit einem Sportwagenfahrer zu liefern, der offenbar ebenfalls an genannter Stätte feiern will. Endlich dort angekommen werden dann die Gläser geschwungen. Das ganze wird durch Dubstep-versetzte Stampf-EDM begleitet.

Protzwagen, Raserei, Tunnelrennen und Alkoholkonsum obschon mit dem Auto angereist: Man muss sich fragen, auf welchem Planeten der Regisseur dieses Clips lebt. Jedenfalls auf keinem von rechtspopulistischen Politikern bevölkerten, denn sonst hätte er wohl mitgekriegt, wie sehr diese sich über sein Video freuen und es wäre ihm aufgegangen, dass sein Meisterwerk so ziemlich jedes Vorurteil bedient, das gegen Menschen vom Balkan ins Feld geführt wird.

Er hätte wohl irgendwann während des Drehs gemerkt, dass er all jenen in den Rücken fällt, die unablässig daran arbeiten, das hässliche Bild von ihren Landsleuten zu verbessern, das durch die Köpfe so vieler Schweizer geistert. Aber vielleicht war es ihm auch einfach egal. Eventuell ist es ihm in der Zeit zwischen Geistesblitz und Veröffentlichung auf Youtube eingefallen und er hat es einfach ausgeblendet, da er davon ausgeht, dass die Meinungen hierzulande sowieso in Stein gemeisselt sind.

Und wie schon Werner Kroll wusste: Ist der Ruf erst ruiniert, lebt es sich ganz ungeniert. Man kann den Werbeclip für die Party vom 8. November also als gesellschaftskritisches Stück Resignation oder gar als ironische Anklage gegen nicht totzukriegende Vorurteile sehen. Aber leider, leider ist er wohl einfach nur strunzdumm. Dem Club Enge und seinem neuen Veranstalter wird er dennoch nicht schaden, denn auch im Nachtleben gilt der Grundsatz, dass nur aussergewöhnliche Leistungen und extraordinäre Dummheiten zu flächendeckender Aufmerksamkeit führen. So gesehen: Alles richtig gemacht, liebe Partymacher.

Alex-Flach1Alex Flach ist Kolumnist beim Tages Anzeiger und Club-Promoter. Er arbeitet unter Anderem für die Clubs Supermarket, Hive, Nordstern Basel, Rondel Bern, Blok und Zukunft.

Raubbau am Nachtleben

Alex Flach am Montag den 20. Oktober 2014
Nicht einmal New York ist vor der Entwicklung sicher: Der Finanzdistrikt ist erneuert und nach 18 Uhr tot.

Nicht einmal New York ist vor der Entwicklung sicher: Der Finanzdistrikt ist erneuert und nach 18 Uhr tot.

Am 1. November werden die Juso Berner Oberland in Thun das dortige Nachtleben zu Grabe tragen, samt Sarg, letztem Geleit und Rede eines (ungeweihten) Pfarrers. Die jungen Thuner Sozialisten wollen mit der symbolischen Bestattung einen Appell an die Stadtverwaltung Thuns richten, sich doch endlich um den Erhalt der dortigen Clubkultur zu kümmern.

Mit dem Selve Areal verfügte das Tor zum Berner Oberland bis circa 2006 über eine stattliche und quicklebendige Partymeile mit alt-industriellem Flair, die chicen Neubauten zum Opfer gefallen ist. Wie überall sonst in der Schweiz haben auch die Thuner Beamten damals viel zu wenig getan, um für Ersatz zu sorgen: «Das Nachtleben auf dem Selve verschwindet, na und?».

Jedoch muten die heutigen Thuner Nächte an, als ob in der mittelalterlichen Stadt erst kürzlich die Pest gewütet hätte: Es ist totenstill. Die Exponenten der Stadtverwaltung, die damals untätig zugeschaut haben wie das Selve-Areal untergeht, denken nun darüber nach, eine neue städtische Partymeile entstehen zu lassen.

Aber was interessiert es schon den Zürcher, was den Thuner umtreibt? Viel, denn auch hier verschwindet seit Jahren alte Industrie-Infrastruktur, der Boden auf dem innovatives Nachtleben erst gedeihen kann. Clubbetreiber wie beispielsweise Sandro Bohnenblust und Jean-Pierre Grätzer vom Supermarket, deren Lokal nächstes Jahr einer Ladenpassage weichen muss, haben unzählige Stunden und Tage mit der erfolglosen Suche nach geeigneten Nachfolgeräumlichkeiten verbracht, ohne effiziente Unterstützung seitens Stadtverwaltung.

Die kulturellen Freiräume verschwinden, die bezahlbaren Flächen ebenfalls und gleichzeitig bauen Firmen wie Mobimo in Zürich West einen Wohnturm nach dem anderen, gedacht für Mieter, denen Zürcher Verwurzelung und Kulturgeschichte im Quartier schnurz sind. Clubmacher werden nicht gefragt, sie werden vor vollendete Tatsachen gestellt, siehe beispielsweise Härterei: Neben dem Club ist ein Wohnsilo entstanden, das der Trabantenstadt im gleichnamigen Asterix-Band alle Unehre machen würde.

Anstatt dass sich nun die neuen Mieter an die länger dort ansässige Härterei hätten anpassen müssen, wurden dem Club lärmdämmende Massnahmen auferlegt, die ihm den Garaus gemacht hätten, wäre auf dem Maag Areal nicht glücklicherweise ein weiterer Raum verfügbar gewesen. Die Stadt stellt (nicht nur) in ihrem Westen das exzessive Hochziehen glitzernden Büro- und Wohn-Paläste für Betuchte weit über den Erhalt der Nachtkultur. Die Stadt bietet den Nachtbelebenden keine Alternativen an und auf der anderen Seite fliessen jährlich sagenhafte 75 Millionen ins Opernhaus.

Das ist kompletter Verhältnisblödsinn, ein trauriger Witz und solange dieser erzählt wird, winken auch hier am Horizont Thuner Zustände. Es fragt sich, wieso die Verantwortlichen nicht endlich zur Einsicht gelangen, dass Vorbeugen besser als Heilen ist – und warum alle halbpatzigen Gegenmassnahmen so mut-, kraft- und saftlos erscheinen. Aber vielleicht tun sie es ja angesichts der Tatsache, dass nicht sie sich mit den Folgen der Vernichtung von Nachtkultur-Optionen herumschlagen müssen, sondern ihre Nachfolger.

Alex FlachAlex Flach ist Kolumnist beim Tages Anzeiger und Club-Promoter. Er arbeitet unter Anderem für die Clubs Supermarket, Hive, Nordstern Basel, Rondel Bern, Blok und Zukunft.

Der Fluch der Promi-DJs

Alex Flach am Montag den 15. September 2014
DJane Schäfer: Es war schwierig, ein Bild zu finden, auf dem sie Kleider trägt. Foto: tilllate.com

DJane Schäfer: Es war schwierig, ein Bild zu finden, auf dem sie Kleider trägt. Foto: tilllate.com

Oliver Pocher war am Samstag im Club Escherwyss beim gleichnamigen Platz. Nicht als Gast, sondern als DJ. Sonst waren nicht allzu viele da: Auf den Fotos der Tilllate-Strecke bemühen sich zwar alle Abgelichteten darum, euphorisch auszusehen, da man aber auf den Bildern viel Boden sieht, war es wohl eine dieser Partys, die man mit verdattertem Gesichtsausdruck betritt, nur um sie kurz darauf mit einem enttäuschten wieder zu verlassen.

Heute Montagabend spielt Pocher im Bierkönig am Ballermann auf Mallorca, also in einem Lokal, das seiner Attitüde eher entspricht als das Escherwyss, auch wenn der Zürcher Club nicht eben als Humus für hörenswerte DJ-Sets gilt. Vielleicht beschwert sich Pocher heute Abend im Bierkönig wegen des lauen Publikumszuspruchs über das langweilige Schweizer Ausgehvolk, das nicht wisse wie man richtig feiert.

Auch Micaela Schäfer, gemäss Homepage Model, «DJane, Celebrity» aber allem anderen voran doch eher Exhibitionistin, dürfte keine allzu hohe Meinung vom Schweizer Club-Publikum haben: Auch ihre Sets wurden meist nur mässig besucht und ihre verstörend miesen DJ-Skillz haben jeweils der Stimmung den Rest gegeben. Pocher und Schäfer sind nur zwei Exemplare aus einer wachsenden Reihe Promis, die sich den Beruf des DJs als zweites Karriere-Standbein erwählt haben. Paris Hilton (Tochter und Geschäftsfrau), Noah Becker (Sohn und Modedesigner) und Georgina Fleur (Dschungelcamperin) zählen ebenfalls dazu.

Auch Giulia Siegel, die Tochter von Ralph Siegel, terrorisiert das Volk seit vielen Jahren mit ihren Turntable-Versuchen und in dieser ganzen Zeit hat sie nicht gelernt, dass der Berufsstand des Discjockeys auf musikalisch anspruchsvolle Weise interpretiert werden kann. Ob Hilton, Pocher oder Schäfer: Sie alle sehen die Plattenlegerei als willkommenen Zusatzverdienst. Dass sie mit ihrem Tun dafür sorgen, dass dem DJing der Status einer allgemein anerkannten Berufs- oder gar Kunstform noch immer verwehrt bleibt, dürfte ihnen egal sein.

Selbstverständlich gibt es auch unendlich viele angestammte DJs, die ihren Job mehr der angenehmen Begleiterscheinungen wie Gratisdrinks wegen ausüben als um der Musik willen. Jedoch sind es Pocher, Schäfer und Konsorten, die auflegenderweise in den Peoplemagazinen landen und die dem Beruf DJ die Reputation nachhaltig sabotieren. Zwar regt sich in den sozialen Medien sporadisch Widerstand gegen die Turntable-Sternchen. Ein hoffnungsloses Aufmüpfen, solange Veranstalter wie die Macher der «Welcome To The Late Night Show»-Party im Escherwyss existieren, die ihrem Publikum lieber einen (leidlich) prominenten Namen servieren als einen guten DJ zu recherchieren, dessen Sound perfekt zur Party passt.

Sollte jemand heute Abend im Bierkönig auf Malle weilen und dabei mitkriegen, wie Pocher über die Schweizer Clubber herzieht, der soll ihm doch bitte ausrichten, dass hier halt anlässlich seines Street Parade-Auftritts viele mitgekriegt hätten, wie schlecht er spiele. Und dass es wohl deshalb im Escherwyss einigermassen leer gewesen sei.

Alex-Flach1Alex Flach ist Kolumnist beim Tages Anzeiger und Club-Promoter. Er arbeitet unter Anderem für die Clubs Supermarket, Hive, Nordstern Basel, Rondel Bern, Blok und Zukunft

 

Frisches aus der Club-Gerüchteküche

Alex Flach am Montag den 1. September 2014
Sind die alle im Knast?

Sind die alle im Knast?

Warum sich mit Wahrheiten langweilen, wenn man sich mit Gerüchten vergnügen kann? Im Nachtleben gibt man sich gerne bedeckt: Berichte über das stets exzellente Programm mit all seinen, selbstverständlich ausnahmslos herausragenden, DJs sind herzlich willkommen, wer jedoch einen Blick hinter die Kulissen werfen möchte, dem wird meist der Vorhang vor der Schnüffelnase zugezogen. Dies ist ein idealer Nährboden für Gerüchte und Gemunkel, ein Umfeld, in dem sich urbane Märchentanten, die ihr, bisweilen haarsträubendes, Gewäsch gerne als Wahrheiten anpreisen, pudelwohl fühlen.

Die unwahre Spreu vom wahren Weizen zu trennen fällt da bisweilen schwer, so auch aktuell:

«Stimmt es, dass Rolf Hiltl von der Security des Zürich Openairs vom Gelände geworfen wurde, weil er sich ohne gültiges Ticket Einlass erschlichen hat?»

«Ist es wahr, dass die ehemaligen Betreiber des Clubs Cabaret bald einen Relaunch ihrer legendären Location vornehmen?»

«Sitzt die Geschäftsleitung des am Donnerstag von der Gewerbepolizei geschlossenen Rex Populi beim Helvetiaplatz tatsächlich noch in Untersuchungshaft?»

«Hat die Polizei überstürzt gehandelt, als sie am 22. August einer Outdoor-Party auf der Allmend kurz vor deren Start die Bewilligung entzogen hat?»

«Muss das Hive wirklich in den nächsten Monaten schliessen

«Macht das Komplex 457 tatsächlich dicht, weil in unmittelbarer Nachbarschaft eine Wohnsiedlung gebaut wird?».

Zu all diesen Fragen lassen sich unzählige Party-Weise finden, welche die unumstössliche Wahrheit kennen. Seltsamerweise unterscheiden sich diese „Wahrheiten“ voneinander nicht nur marginal wie Darwinfinken, sondern differieren auf frappante Weise wie, um in der Vogelwelt zu bleiben, beispielsweise Emus und Buntspechte.

Im Nachtleben nach Tatsachen zu suchen, heisst sich erst durch einen riesigen Haufen frei Erfundenes, vermischt mit Fehlinterpretationen und subjektiv Gewichtetem wühlen zu müssen. Selbst bei Direktbetroffenen nachfragen hilft oft nicht weiter, schon gar nicht bei für die Involvierten unangenehmen Sachverhalten. Da stiften die Auskünfte zumeist mehr Verwirrung als Aufschluss.

Das mag sich in allen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens ähnlich verhalten, für das Nachtleben gilt dies jedoch ganz besonders: Wer viel weiss gehört dazu und wer nichts weiss kriegt keine Memberkarten. Also erfinden sich viele Szenegänger und -gängerinnen einfach ein Wissen, wie beispielsweise jener Freizeit-DJ, der auf sämtliche offenen Nightlife-Fragen Antworten bereithält (ob man ihm diese Frage überhaupt gestellt hat oder nicht, interessiert ihn jeweils nur sekundär – er vertickt sein umfangreiches Insiderwissen am liebsten im Stile eines Hausierers), wobei sich viele seiner Anekdoten bereits auf den ersten Blick als frei erfunden erweisen.

Zum Schluss und um meine eigenen Memberkarten zu rechtfertigen, hier noch meine Antworten auf die sechs Fragen in der ersten Hälfte des Textes, zur freien Überprüfung und in logischer Reihenfolge: «Wahrscheinlich ja», «nein», «nein», «wohl eher nicht», «nein» und «da ist wohl noch nichts entschieden».

Alex-Flach1Alex Flach ist Kolumnist beim Tages Anzeiger und Club-Promoter. Er arbeitet unter Anderem für die Clubs Supermarket, Hive und Zukunft.

Indochine ist verkauft

Alex Flach am Montag den 19. Mai 2014
Clubwechsel: Neuer Ort, neuer Name, alte Stimmung und alte Gesichter.

Clubwechsel: Neuer Ort, neuer Name, alte Stimmung und alte Gesichter. Foto: tilllate.com

Wie in dieser Kolumne bereits verkündet, bemüht sich Philippe Haussener seit einiger Zeit um einen Verkauf seines Clubs Indochine. Diese Bemühungen haben nun zu einem erfolgreichen Abschluss gefunden: Das Indochine wird auf 30. Juni 2014 und 13 Jahre nach Eröffnung in die Hände der New Indochine SA übergehen. Gemäss Schweizerischem Handelsamtsblatt (SHAB) stehen hinter dieser neuen Aktiengesellschaft Francesco Leonardo Nucera und Frank Ebinger.

Der Immobilienmakler (ImmoSky) Nucera hatte vor fünf Jahren als Begleiter der ehemaligen Miss Schweiz Jennifer Ann Gerber ein paar Auftritte in der Boulevardpresse und Frank Ebinger vermochte sich mit seiner Weinhandlung Casa del Vino einen Namen zu schaffen. New Indochine SA, der Name der neuen Betreibergesellschaft, lässt vermuten, dass unter den neuen Herren der Clubbetrieb nahtlos weitergeführt wird. Haussener hingegen wird seinen Partybetrieb auf Ende Juni vom Indochine in seine Eventlocation Aura beim Paradeplatz verlagern und seine Indochine-Stammgäste künftig dort bewirten.

Auch der Club Station beim Bahnhof Enge ist mittlerweile in neue Hände übergegangen. Das Lokal, das nun den Namen Not Station trägt, wird nun von Quentin Caminada geführt. Der junge Caminada ist seit Kurzem auch am Rex Populi beim Helvetiaplatz beteiligt. Die Übernahme des Station Clubs ging mehr oder weniger unter «Ausschluss der Öffentlichkeit» vonstatten: Obschon die Eröffnungsparty bereits am 3. Mai stattfand, scheint bis heute niemand das Konzept des Clubs zu kennen. Nicht wenige Szene-Insider haben von der Neueröffnung nichts mitgekriegt und reagieren daher konsterniert, wenn man ihnen offenbart, dass da bereits seit zwei Wochen wieder getanzt wird. Auch von den Umwälzungen im offenbar unsterblichen P1 Club in Dübendorf ist bis anhin nur wenig durchgesickert.

Der Club, der in diesem Jahr sein 30 jähriges Bestehen feiert, hat ein neues Führungsteam erhalten. Die neue Leitung um Pedram Khodaparast, zuvor für das Tanzlokal Lounge & Gallery in Zug tätig, möchte dem P1 eine zeitgemässes Programm verpassen und ihn von der Patina, die der Club in den vergangenen drei Jahrzehnten zweifellos angesetzt hat, befreien. Schlussendlich hat, nach einer Fehlzündung, auch das Team um Mark Röthlin seine Dinghy Bar (Brandschenkestrasse 5) an diesem Wochenende eröffnen können. Weitere Umwälzungen sind in der Warteschlaufe: Diverse Nachtleben-Macher sind seit geraumer Zeit auf der Suche nach einem geeigneten Veranstaltungslokal (beispielsweise Sandro Bohnenblust vom Supermarket), einige andere werden im nächsten Halbjahr aus unterschiedlichen Gründen das Handtuch werfen.

Dennoch, und trotz all dieser Neuerungen, befindet sich das Zürcher Nachtleben seit einiger Zeit in einer Phase der unruhigen Stagnation. Vor allem zeichnen sich keine aufregenden Neueröffnungen ab, dabei wäre jetzt wohl der goldrichtige Augenblick um einen Club mit einem kreativen Konzept zu eröffnen: Die Clubber sind das Gewohnte und Altbekannte leid und dürsten nach einem neuen und innovativen Lokal abseits der, mittlerweile doch ziemlich ausgetrampelten, Pfade. Wer jetzt über eine zündende Idee und die Räumlichkeiten verfügt diese umzusetzen, der dürfte auf grosse Begeisterung stossen.

Alex-Flach1Alex Flach ist Kolumnist beim Tages Anzeiger und Club-Promoter. Er arbeitet unter Anderem für die Clubs Supermarket, Hive und Zukunft.

(Christopher) S wie Shitstorm

Alex Flach am Montag den 28. April 2014
Werbung für Haargel? Duo Hänni Chrissi S.

Werbung für Haargel? Duo Hänni Chrissi S.

«Good Time» von Luca Hänni feat. Christoph Spörri alias Christopher S ist ein grausiges Lied, keine Frage. Fürchterliches Refraingebolze, unterlegt mit synthetischem DJing-Aphrodisiaka für Teenager-Mädchen. Die bescheidene Qualität von Hännis und Spörris Machwerk war aber nicht der Grund für den Shitstorm, der letzte Woche über die beiden hereingebrochen ist, sondern ein gemeinsamer Auftritt beim Jugendsender Joiz vom 10. April, an dem das Duo Good Time vorgestellt hat.

Haenni Chrisi S

Schau genau mit Chistopher S und Luca Hänni.

Steven Darrien Busse, DJ in Clubs wie dem Café Gold in Zürich, entdeckte ein paar Tage später, dass Christopher S‘ DJ-Equipment während dieses Joiz-Gigs völlig falsch verkabelt war (der Mixer hing nicht einmal am Strom). Er machte von dem Clip einen Screenshot, postete diesen dann mit träfen Kommentaren an sein Facebook-Profil und entlarvte damit Christopher S als Arme schwenkenden Trockenschwimmer und Schattenboxer. Der Effekt war überwältigend: Das Bild verbreitete sich wie ein Virus auf Facebook und generierte innert kürzester Zeit zigtausende Likes.

Letztendlich landete der Joiz-Clip gar auf der englischsprachigen Facebookseite DJ Fails, von wo er abermals hundertfach geteilt wurde, was dem Bashing des entlarvten Playback-Duos gar internationale Dimensionen verlieh. Es dauerte nicht lange, bis sich die ersten Luca Hänni-Fans einschalteten und Steven Darrien Busse mit, mehr niedlichen als verletztenden, Kommentaren wie «Darrien du Mainstream-Opfer! Mach es doch besser. Gewinn du mal 2 KCAs (Kids Choice Awards), dann kannst du reden. Du denkst du wärst auch «Boss»? Denkst du, die beiden nehmen deine Scheisse ernst?» bombardierten. Selbstverständlich erwiesen die Hänni-Anhänger ihrem Idol damit einen Bärendienst und befeuerten den Shitstorm nur zusätzlich.

Kurzum: Luca Hänni und vor allem Christopher S sahen sich vergangene Woche umbrandet von einem Facebook-Ozean aus Beleidigungen, Schmähungen und Spott. Bloss… Warum die ganze Empörung? TV Shows funktionieren nicht ohne Playback. Musiker in Schlagersendungen schwenken Gitarren, obschon in ihren Songs kein einziges Gitarrenriff zu hören ist und selbst bei den TV-Auftritten der grössten Pop- und Rockstars kommt höchstens die Stimme nicht ab Konserve. Wieso also provoziert der offensichtliche Playback-Auftritt von Christopher S einen Sturm der Entrüstung? Vielleicht weil er gerade eben so offensichtlich war: Hätte sich der Joiz-Techniker die Mühe gemacht, das DJ-Equipment korrekt zu verkabeln, wäre der Shitstorm ausgeblieben.

Eventuell liegt es aber auch an der Berufsethik von Christopher S, der die Kunst selbst für eine kleine Auffrischung seines Bankkontos jederzeit über die Planke gehen lässt. Bei allem was der Berner DJ tut, wird man das Gefühl nicht los, dass es um Zahlen und Chartsplatzierungen geht und nicht um Musik, nicht zuletzt auch bei seiner jetzigen Kooperation mit Luca Hänni. Wer als 44 jähriger dermassen auf Teenager-tauglichkeit getrimmte Songs wie Good Time oder I Can’t Get No Sleep veröffentlicht, braucht sich nicht zu wundern, wenn auf Facebook jede sich bietende Gelegenheit für einen Shitstorm genüsslich genutzt wird.

Hier noch das Video des Auftritts. Auf eigene Gefahr.

Alex FlachAlex Flach ist Kolumnist beim Tages Anzeiger und Club-Promoter. Er arbeitet unter Anderem für die Clubs Supermarket, Hive und Zukunft.

Neues aus der Club-Gerüchteküche

Stadtblog-Redaktion am Montag den 24. März 2014
Wer kaufts Kaufleuten?

Wer kaufts Kaufleuten?

Das leidige Tauziehen um die Zukunft des Kaufleutens, mit den Seniorpartnern Fredi Müller, Bruno Emele und Hanswalter Huggler am einen Ende des Seils und den Juniorpartnern Marc Brechtbühl, Patrick Gertschen und Mark Röthlin am anderen, hat nicht nur in den Medien hohe Wellen geschlagen, sondern natürlich auch im Nachtleben.

Ein Ungemach kommt selten allein und auch dieses hier hat gleich mehrere Begleiter im Schlepptau, denn aktuell schwirren mehr Gerüchte durchs Nachtleben als Fruchtfliegen durch eine unordentliche Küche an einem heissen Augusttag. Beispielsweise soll der Station Club beim Bahnhof Enge nur noch bis Ende März (oder spätestens April) geöffnet sein und sich auf Anfang April aus der Zürcher Clublandschaft verabschieden. Einige denken, die Betreiber des – auf ein kosovarisches Publikum ausgerichteten – Rümlanger Clubs Rinora 4 hätten die Räumlichkeiten übernommen. Nicht zuletzt wegen der leidigen Geschichte des auf Serben ausgerichteten Clubs Jil in Oerlikon, der vor ein paar Monaten von sich reden gemacht hat, weil dessen Geschäftsleitung sich weigerte, Kosovaren Zutritt zu gewähren.

Die Rinora 4-Macher hätten vor, an der jetzigen Station-Adresse mit einem Kosovaren-Club in die Bresche zu springen. Andere wiederum lassen verlauten, die Macher des Clubs Supermarket um Jean-Pierre Grätzer, die in Bälde ihren angestammten Platz an der Geroldstrasse verlassen werden, würden da was Neues eröffnen. Auch der, ebenfalls zur Fortuna Holding zählende, Club Amber werde im Sommer seine Pforten schliessen. Ebenso hätte das sich in unmittelbarer Nachbarschaft zum Amber befindliche Restaurant Movie die Kündigung erhalten, sich jedoch vor Gericht das vorläufige Bleiberecht erstritten. Dem Gemunkel zufolge soll das Amber jedoch nicht verschwinden, sondern in das derzeit von Candrian Catering als Restaurant betriebene Vis-a-Vis an der Talstrasse umziehen, wobei die Fortuna Holding-Exponenten, gemäss anderer Quellen, gar keine Lust hätten, ein neues Amber zu eröffnen.

Ein weiteres Gerücht betrifft das Indochine: Die Familie Haussener, die den Club seit rund einem Dutzend Jahren betreibt, soll sich in Gesprächen mit Übernahme-Interessenten befinden. Dass der Club einiges vom Glanz vergangener Tage eingebüsst hat, ist kein Geheimnis. Jedoch ist ein Ausbleiben des Hypes das Schicksal eines jeden Clubs, der in die Jahre kommt. Einzelne Szene-Angehörige behaupten nun gar steif und fest, der Indochine-Verkauf sei bereits unter Dach und Fach. Auch die Gerüchte um den Gratis-Club Wow (ehemals Club Q) reissen nicht ab: Das Buschtelefon lässt verlauten, dass die finanziellen Bedingungen für eine Übernahme durch die neuen Betreiber nicht erfüllt worden seien und dass sich das Wow demnächst wieder aus dem Zürcher Nachtleben verabschiede.

Zu guter Letzt und um den Kreis zu schliessen: Mark Röthlin, einer der Juniorpartner des Kaufleutens, hätte an diesem Wochenende seinen neuen Gastrobetrieb an der Brandschenkestrasse 105 in Betrieb nehmen sollen. Hat er aber nicht. Irgendwas mit «Abnahme», «Ämter» und «nicht geklappt».

Alex FlachAlex Flach ist Kolumnist beim Tages Anzeiger und Club-Promoter. Er arbeitet unter Anderem für die Clubs Supermarket, Hive und Zukunft